Die Enkel im Schatten der Großmutterliebe: Als Klara immer nur Dima bevorzugte – und warum Katja zum Abschied nicht mehr kam

Oma bevorzugte einen Enkel

Und was ist mit mir, Oma? fragte sie leise.

Ach, Annemarie, du bist doch sowieso tüchtig. Sieh nur deine runden Bäckchen an.

Die Walnüsse die sind für den Kopf, Sebastian muss schließlich lernen, er ist ein Mann, eine Stütze.

Und du, geh mal schnell und wisch den Staub auf den Regalen ab. Ein Mädchen muss ans Arbeiten gewöhnt sein.

Anna, meinst du das wirklich ernst? Sie geht doch. Die Ärzte sagen: ein paar Tage, wenn überhaupt. Vielleicht nur noch Stunden

Sebastian stand im Türrahmen der Küche und drehte nervös den Autoschlüssel zwischen den Fingern. Er sah richtig erledigt aus.

Ich mein das absolut ernst, Sebastian. Möchtest du Tee? Annemarie drehte sich nicht mal um und schnitt weiter ruhig einen Apfel für ihre Tochter. Setz dich, ich brühe frischen auf.

Was für ein Tee, Anna? Der Bruder trat tiefer in den Raum. Sie liegt da, diese ganzen Schläuche, dieses Röcheln

Sie hat heute Morgen nach dir gefragt. Anna, hat sie gesagt, wo ist denn die Anna? Mir ist das Herz stehen geblieben. Kommst du wirklich nicht?

Es ist doch schließlich Oma! Die letzte Gelegenheit, verstehst du?

Anna legte die Apfelscheiben behutsam auf einen Teller und erst dann sah sie ihren Bruder an.

Für dich ist sie Oma. Für sie bist du Sebastian, das Licht in ihrem Fenster, der einzige Erbe und die Hoffnung der Familie.

Und ich für sie hab ich nie existiert.

Glaubst du wirklich, ich brauche so ein Abschiednehmen?

Was sollen wir denn reden, Sebastian? Was soll ich ihr verzeihen? Oder sie mir vielleicht?

Ach, hör doch auf mit dem kindischen Groll! Sebastian schleuderte die Schlüssel auf den Tisch. Klar, sie hat dich nicht so geliebt wie mich. Na und?

Sie ist alt, hatte ihre Schrullen. Aber sie stirbt! Man kann doch nicht so herzlos sein

Ich bin nicht herzlos, Sebastian. Ich fühle einfach nichts für sie. Geh du zu ihr. Halt ihre Hand, ihr bedeutet deine Anwesenheit hundertmal mehr als meine.

Du bist doch ihr Sonnenschein. Strahle ihr also bis zum Schluss!

Sebastian schaute seine Schwester an, drehte sich um und ging still hinaus, die Tür fiel ins Schloss.

Anna seufzte, nahm den Teller mit den Äpfeln und ging ins Kinderzimmer.

***

In ihrer Familie war immer alles klar verteilt. Nein, die Eltern liebten sie beide gleich Anna und Sebastian.

Zuhause war es immer laut, fröhlich, es roch nach Streuselkuchen und nach endlosen gemeinsamen Ausflügen.

Aber Ilse Mertens, die Oma, war ein anderer Menschenschlag.

Sebastian, komm her, mein Junge wisperte Oma, wenn sie sie am Wochenende besuchten. Guck mal, was ich für dich aufbewahrt hab.

Walnüsse, eigens geknackt! Und Bärenküsse-Bonbons, ganz frisch!

Anna war damals sieben, stand daneben und schaute, wie Oma aus dem alten Buffet die Tüte zog.

Und für mich, Oma? fragte sie leise.

Ilse Mertens schenkte ihrer Enkelin nur einen kurzen, stacheligen Blick.

Ach, Annemarie, du bist doch sowieso robust. Schau nur, wie rund du bist.

Die Walnüsse die sind fürs Köpfchen. Sebastian braucht sie zum Lernen, er wird mal ein Mann, eine Stütze für uns alle.

Und du, geh und putz mal die Regale. Ein Mädchen muss das Arbeiten lernen.

Sebastian, ganz rot im Gesicht, schnappte sich die Tüte und verschwand auf Zehenspitzen im Flur, während Anna brav den Staub wischte.

Es tat ihr nicht weh. Komisch, aber wahr kleine Anna nahm das einfach so hin, wie das Wetter.

So wie der Regen fällt, liebt Oma halt Sebastian. Das ist halt so

Im Flur wartete meist schon der Bruder.

Hier, er drückte ihr die Hälfte der Bonbons und eine Handvoll Nüsse in die Hand. Nur nicht vor ihr essen, sonst schimpft sie wieder.

Du brauchst das doch mehr, lächelte Anna. Für dein Köpfchen.

Ach, Quatsch, verzog Sebastian das Gesicht. Sie ist doch verrückt. Komm, iss schnell.

Sie saßen gemeinsam auf der Treppe zum Dachboden und knabberten das Verbotene. Sebastian teilte immer. Immer.

Sogar wenn Oma ihm heimlich ein paar Euro für Eis in die Hand drückte, kam er sofort zu Anna:

Du, davon reicht es für zwei Kugeln Vanille und noch für Kaugummi mit Bild. Gehen wir?

Der Bruder war immer ihre Stütze, seine Liebe glich Omas Kälte so sehr aus, dass Anna nie einen Mangel spürte.

Die Jahre vergingen. Ilse Mertens wurde älter. Als Sebastian achtzehn wurde, verkündete sie stolz, dass sie ihre Zweizimmerwohnung mitten in Frankfurt auf ihn überschreiben werde.

Die Stütze der Familie braucht ein eigenes Heim, deklamierte sie beim Familienrat. Damit er die Frau fürs Leben in die eigenen vier Wände holen kann und nicht herumirrt.

Die Mutter seufzte nur. Sie kannte den sturen Charakter ihrer Mutter und wollte keinen Streit. Doch abends kam sie zu Anna ins Zimmer.

Mein Schatz, sei nicht traurig Wir, Papa und ich, wir sehen alles. Wir haben entschieden: das Geld, das wir für ein Auto und für eine größere Wohnung gespart haben, geben wir dir.

Das kannst du als Anzahlung fürs eigene Wohnen nehmen. Damits gerecht zugeht.

Ach, Mama, ist schon gut, Anna umarmte sie. Sebastian braucht die Wohnung doch mehr, er will sowieso bald mit Julia heiraten. Ich kann ja noch im Wohnheim wohnen.

Nein, Anna, so machen wir das nicht. Oma hat ihre Ideen, aber wir sind deine Eltern. Wir können nicht einen bevorzugen und die andere zurücklassen. Nimm das Geld, kein Widerspruch.

Anna nahm es nicht an.

Sebastian zog gleich nach der Hochzeit in die von Oma geschenkte Wohnung und in der Elternwohnung war es plötzlich richtig geräumig.

Anna richtete sich im ehemaligen Zimmer des Bruders ein, stellte ihre Bücher und Staffelei auf, und zum ersten Mal spürte sie, wie schön es ist, wenn Liebe nicht auf richtige und falsche Kinder verteilt wird.

Die Beziehung zum Bruder litt durch die Erbsache nicht im Geringsten im Gegenteil, Sebastian spürte eher eine leise Schuld.

Anna, komm zu uns, sagte er oft, wenn er zu Besuch war. Julia hat Streuselkuchen gebacken. Und Oma na, du kennst sie. Sie hat gestern wieder angerufen und gefragt, ob ich ihr Geld etwa für deine Wünsche ausgegeben hätte.

Und was hast du gesagt?

Ich hab gesagt, ich hätte alles für Spielautomaten und teuren Wein verprasst, lachte Sebastian. Sie hat drei Minuten ins Telefon geatmet und dann gesagt: Das hat dir bestimmt Anna beigebracht!

Natürlich, Anna schmunzelte. Wer denn sonst.

***

Als Anna später Oskar heiratete und eine Tochter bekam, wurde die Wohnung wieder Thema. Die Mutter zeigte erneut unglaubliches Fingerspitzengefühl.

Hört mal, Kinder, sagte sie. Unsere Dreizimmerwohnung ist groß. Sebastian hat seine eigene Zwei-Zimmer-Wohnung. Anna, ihr wohnt mit Oskar zur Miete.

Machen wirs so: Wir tauschen unsere große Wohnung gegen eine Einzimmer- und eine Zweizimmerwohnung. In die Einzimmerwohnung ziehen Papa und ich, du und Oskar in die Zweizimmer.

Mama, warf Sebastian sofort ein. Ich verzichte auf meinen Anteil an der Familienwohnung. Ich hab dank Oma schon mein Zuhause, das reicht mir völlig.

Anna und Oskar sollen alles bekommen, die werden ja jetzt mehr. Sie brauchens.

Sebastian, meinst du das ernst? Oskar, Annas Mann, war völlig baff. Das ist doch viel Geld. Bist du sicher?

Ganz sicher. Anna und ich haben immer alles geteilt. Und sie hat wegen Oma schon zu wenig Aufmerksamkeit bekommen. Kein Widerspruch, das ist meine Entscheidung.

Anna musste damals weinen. Nicht wegen mehr Quadratmeter, sondern weil ihr Bruder einfach der beste Mensch der Welt war.

Sie tauschten wirklich die Wohnung, jeder bekam, was er brauchte.

Die Mutter kam oft, um mit der Enkelin zu spielen, Sebastian kam mit Frau und Söhnen jedes Wochenende vorbei.

Ilse Mertens lebte allein. Sebastian brachte ihr Lebensmittel, reparierte Wasserhähne, hörte sich ihre Beschwerden über Gesundheit und über die undankbare Anna an.

Hat sie überhaupt mal angerufen? fragte Oma mit schmalen Lippen. Hat sie je nach meinem Blutdruck gefragt?

Oma, du wolltest sie doch nie wirklich kennen, antwortete Sebastian sanft. Du hast in zwanzig Jahren kein gutes Wort für sie gehabt. Warum sollte sie sich melden?

Ich wollte sie erziehen! rief die alte Frau stolz. Eine Frau muss wissen, wo sie hingehört! Aber sie Hat uns die Wohnung abgenommen, die Mutter aus dem Haus gejagt.

Sebastian seufzte nur. Da noch was erklären? Sinnlos.

***
Anna saß in der Küche, die Gedanken spülten ihr wieder und wieder Bilder hoch.

Da stößt Oma ihre Hand weg, als sie nach dem Marmeladenglas greift. Da lobt sie Sebastians krakelige Zeichnung und ignoriert Annas Ehrenurkunde.

Sebastians Hochzeit feiert sie als Königin, zu Annas kommt sie nicht mal, sie sei angeblich krank.

Mama, warum fahren wir nie zu Oma Ilse? fragte ihre Tochter in die Küche. Onkel Sebastian hat gesagt, sie ist sehr krank.

Weil Oma Ilse nur Onkel Sebastian sehen will, mein Schatz, Anna streichelte ihr über den Kopf. Das ist für sie einfacher.

Ist sie böse? fragte die Tochter skeptisch.

Nein, Anna überlegte, sie konnte nur nie alle gleich lieben. In ihrem Herzen war nur Platz für einen. So etwas gibt es.

Am Abend rief wieder der Bruder an.

Es ist vorbei, Anna. Seit einer Stunde.

Mein Beileid, Sebastian. Für dich ist das schwer, ich weiß es.

Sie hat bis zum Schluss auf dich gewartet, log der Bruder, aus Gutmütigkeit, vielleicht aus dem Wunsch, wenigstens jetzt Frieden zu stiften. Sie hat gesagt: Hoffentlich gehts Anna gut.

Danke, Sebastian Komm morgen vorbei. Wir sitzen zusammen, ich backe einen Kuchen.

Komme Sag mal, bereust du es? Dass du nicht mehr hingegangen bist?

Anna log nicht.

Nein, Sebastian. Keine Reue. Was soll diese Heuchelei? Weder sie wollte mich je sehen, noch ich sie

Der Bruder schwieg einen Moment.

Wahrscheinlich hast du recht, seufzte er. Du warst immer die Vernünftigere. Gut, bis morgen.

Die Beerdigung war still. Anna war dabei für die Mutter und den Bruder. Sie stand etwas abseits im schwarzen Mantel, schaute in den grauen Himmel, der immer über Friedhöfen hängt in solchen Momenten. Als der Sarg hinabgelassen wurde, weinte sie nicht.

Der Bruder trat neben sie, legte einen Arm um ihre Schultern.

Wie gehts?

Geht schon, Sebastian. Wirklich.

Weißt du, er zögerte. Ich hab in ihrer Wohnung eine Schatulle gefunden Mit alten Fotos.

Auch von dir, viele sogar. Sorgfältig ausgeschnitten aus den Familienfotos. Sie hat sie separat aufbewahrt.

Anna zog die Augenbrauen hoch.

Wozu?

Keine Ahnung. Vielleicht hat sie doch was für dich empfunden, konnte es nur nicht zeigen. Hatte vielleicht Angst, wenn sie dich anerkennt, bleibt für mich weniger? Alte Leute ticken manchmal seltsam.

Möglich, Anna zuckte mit den Schultern. Aber das hat keine Bedeutung mehr.

Sie gingen nebeneinander unter einem Schirm zum Ausgang der große, kräftige Sebastian und die zarte Anna.

Hör mal, sagte Sebastian, als sie an den Wagen standen. Ich werde die Wohnung verkaufen.

Davon kauf ich uns eine Dreizimmerwohnung, lege für die Kinder eine Einzimmerwohnung an, und was übrig ist Lass uns einen Fonds gründen? Oder einer Kinderklinik spenden? Damit das Omageld wenigstens jemandem Freude bringt

Anna sah ihren Bruder an und lächelte ihn zum ersten Mal in diesen Tagen richtig warm an.

Weißt du, Sebastian Das wäre die beste Rache an Ilse Mertens. Die freundlichste Rache der Welt.

Also gut?

Abgemacht.

Sie fuhren in verschiedene Richtungen davon. Anna fuhr durch die Stadt, hörte Musik und spürte, wie es in ihr völlig ruhig wurde.

Vielleicht hat der Bruder recht. Soll ein Teil des Geldes einem kranken Kind helfen. So ist es gerecht.

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Homy
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Die Enkel im Schatten der Großmutterliebe: Als Klara immer nur Dima bevorzugte – und warum Katja zum Abschied nicht mehr kam
— Oma, Hallo! — rief Matthias. — Wer hat Ihnen erlaubt, einen Wolf im Dorf zu halten? Als Alla Stepanowna den eingestürzten Zaun sah, liefen ihr bittere Tränen übers Gesicht. Schon oft hatte sie ihn mit Brettern gestützt und morsche Pfosten repariert, immer hoffend, dass die Einfriedung hält, bis sie von ihrer kleinen Rente genug gespart hatte. Aber das Schicksal wollte es anders – der Zaun gab nach. Zehn Jahre stemmte Alla das Gehöft alleine, seit ihr geliebter Mann Peter Andreas verstorben war. Peter war ein Mann mit goldenen Händen, ein Alleskönner und Meister seines Fachs. Solange er lebte, musste Oma Alla sich um nichts sorgen. Im Dorf schätzten ihn alle für seine Güte und Arbeitseifer. Ihr gemeinsames Glück dauerte 40 erlebnisreiche Jahre, nur einen Tag fehlte zum Jubiläum. Ein gepflegtes Haus, üppige Ernte im Garten, ordentliches Vieh – all das war das Resultat gemeinsamer Mühe. Die beiden hatten nur einen Sohn – Egor, ihr Stolz und ihre Freude. Von klein auf war er fleißig und musste nie zum Helfen gedrängt werden. Kam die Mutter erschöpft vom Hof zurück, hatte Egor bereits Holz geholt, Wasser getragen, die Stube geheizt und das Vieh versorgt. Wenn Peter von der Arbeit kam, wusch er sich und rauchte auf der Veranda, während seine Frau das Abendessen kochte. Abends saß die Familie zusammen, tauschte Neuigkeiten aus – sie waren glücklich. Die Zeit verging, Erinnerungen blieben. Egor wurde groß, verließ die Eltern, zog in die große Stadt, machte Karriere, heiratete die Stadtpflanze Ludmilla. Das Paar ließ sich in Berlin nieder. Anfangs kam Egor im Urlaub zu Besuch, später überredete ihn seine Frau, die Ferien im Ausland zu verbringen – so wurde es Tradition. Peter verstand das nie und war enttäuscht: — Wo ist Egor denn so erschöpft? Ludmilla macht ihm den Kopf weich. Wozu diese Reisen? Vater war traurig, Mutter sehnte sich, aber was blieb ihnen außer Warten auf ein Lebenszeichen? Schließlich erkrankte Peter schwer. Er verweigerte das Essen, wurde zusehends schwächer. Die Ärzte verschrieben Medikamente, schickten ihn dann aber nach Hause. Im Frühjahr, als der Wald lebendig wurde und die Nachtigallen sangen, ist Peter eingeschlafen. Egor kam zur Beerdigung, weinte heftig und machte sich Vorwürfe. Er verbrachte eine Woche im Elternhaus, dann fuhr er zurück. In zehn Jahren schrieb er nur dreimal Briefe an seine Mutter. Alla blieb allein zurück und verkaufte Kuh und Schafe an die Nachbarn. Wozu noch Vieh? Die Kuh stand lange am Hof und hörte, wie die alte Bäuerin herzzerreißend weinte. Alla schloss sich in die hinterste Kammer ein, hielt sich die Ohren zu und weinte. Ohne Männerhände verfiel das Anwesen langsam. Das Dach leckte, das Holz auf der Veranda war morsch, der Keller wurde überschwemmt. Oma Alla tat ihr Bestes und sparte von der Rente für Handwerker, manchmal schaffte sie es sogar selbst – sie war auf dem Land aufgewachsen. So lebte sie, kämpfte ums Überleben, bis neues Unglück hereinbrach: Ihre Sehkraft verschlechterte sich rapide. Im Dorfladen erkannte sie die Preisschilder kaum. Nach ein paar Monaten sah sie das Geschäftsschild gar nicht mehr. Die Gemeindeschwester bestand auf einem Klinikbesuch. — Frau Alla, wollen Sie erblinden? Nach einer OP kommt Ihr Augenlicht zurück! Doch die alte Frau fürchtete einen Eingriff und lehnte ab. Nach einem Jahr war sie fast blind – sie störte sich kaum daran. — Wozu brauche ich Licht? Fernsehen kann ich eh nur noch hören. Die Nachrichten versteh ich auch so. Zuhause erledige ich alles aus dem Gedächtnis. Manchmal sorgte sie sich aber: Im Dorf waren fragwürdige Leute unterwegs, Diebe drangen in leerstehende Häuser ein, stahlen was sie fanden. Alla hätte gern einen guten Hund gehabt, der unerwünschte Gäste abschreckt. Sie fragte den Jäger Simon: — Simon, weißt du, ob der Förster Welpen hat? Nur ein kleines – ich zieh es groß! Simon, der lokale Jäger, blickte sie neugierig an: — Oma Alla, wozu einen Welpen vom Husky? Die sind für den Wald! Ich bringe Ihnen eine echte Schäferhündin aus der Stadt! — Die ist bestimmt teuer … — Nicht teurer als Ihr Geld, Oma Alla. — Na gut, bring’s mit. Alla zählte ihre Spargroschen, glaubte, es reicht für einen guten Hund. Doch Simon war unzuverlässig, schob seine Zusage immer weiter hinaus. Oma Alla schimpfte auf seine leeren Worte, aber tief drin tat er ihr leid. Er war ein armes Luder – ohne Familie, ohne Kinder. Alkohol war sein einziger Trost. Simon, im gleichen Alter wie Egor, blieb im Dorf. Er fühlte sich in der Stadt nicht wohl. Seine große Leidenschaft war die Jagd, für die er tagelang in die Wälder zog. Außerhalb der Saison übernahm Simon verschiedene Arbeiten – Gärten umgraben, Holzarbeiten, Technik reparieren. Was er bei den alten Damen verdiente, trank er sofort weg. Nach jedem Saufgelage verschwand Simon im Wald – angeschwollen, krank und reumütig. Nach ein paar Tagen kam er mit reichen Fundstücken zurück: Pilze, Beeren, Fisch, Pinienzapfen. Er verkaufte alles für ein paar Euro und versoff den Rest wieder. Der Trinker half auch Oma Alla für Lohn im Haushalt. Und jetzt, da der Zaun eingestürzt war, musste sie ihn wieder fragen. — Mit dem Hund wird es wohl noch dauern, — seufzte Alla. — Das Geld kommt erstmal für den Zaun drauf. Simon kam nicht mit leeren Händen. Neben Werkzeug bewegte sich etwas im Rucksack. Er lächelte und rief Oma Alla: — Schauen Sie mal, was ich mitgebracht habe! — Er öffnete den Rucksack. Die alte Frau tastete eine flauschige, kleine Kopf. — Simon, echt, ein Welpe? — staunte sie. — Der Beste vom Besten! Voller Schäferhund, Oma. Das Kleine quiekte und wollte aus dem Rucksack. Alla bekam Panik: — Ich habe ja gar nicht genug Geld! Nur für den Zaun! — Zurückbringen kann ich ihn nicht mehr, Oma Alla! — Simon widersprach. — Wissen Sie, wie viel Tausend ich für den Hund bezahlt habe? Was tun? Alla lief zum Laden, die Verkäuferin gab ihr fünf Flaschen Korn auf Kredit und schrieb ihren Namen ins Schuldbuch. Bis zum Abend war der Zaun fertig. Oma Alla kochte ein ordentliches Mittagessen, schenkte Simon ein Schnäpschen ein. Angeschickert sinnierte der Trinker am Küchentisch, während das Welpenbündel sich neben dem Ofen zusammenrollte. — Zweimal täglich füttern, einen starken Strick besorgen – dann wird er kräftig und gesund. Ich kenn mich aus mit Hunden. So bekam Alla einen Mitbewohner: Tasso. Die alte Frau mochte ihn und er war ihr treu. Jedes Mal, wenn Alla in den Garten ging, sprang Tasso begeistert herum, wollte ihr das Gesicht ablecken. Nur eins sorgte für Zweifel – der Hund wuchs zu einer Größe wie ein Kalb, aber lernte nicht zu bellen. Das enttäuschte Alla. — Ach, Simon! Ach, du Schlawiner! Was hast du mir da für einen Taugenichts verkauft? Aber was tun, so ein gutherziges Tier konnte man nicht wegjagen. Er musste nicht bellen. Die Nachbarshunde trauten sich nicht zu bellen bei Tasso, der in drei Monaten bis zur Taille von der Herrin reichte. Eines Tages kam Matthias, der Jäger, ins Dorf, um Vorräte einzukaufen. Bald begann wieder die Jagdsaison, wo die Männer Wochen im Wald verschwanden. Als er an Allas Haus vorbeilief, blieb er plötzlich stehen, als er Tasso sah. — Oma, Hallo! — rief Matthias. — Wer hat Ihnen erlaubt, einen Wolf im Dorf zu halten? Alla legte erschrocken die Hände an die Brust. — Herrje! Wie dumm war ich! Dieser Simon hat mich betrogen! Ein reinrassiger Schäferhund, hat er gesagt … Matthias sprach ernst: — Oma, den müssen Sie in den Wald lassen. Sonst passiert noch ein Unglück. Der Greisin traten Tränen in die Augen. Wie weh tat es, sich von Tasso zu trennen! Ein lieber, sanfter Kerl, und doch ein Wolf. In letzter Zeit war er unruhig, zerrte an der Kette, wollte in die Freiheit. Die Dorfbewohner fürchteten ihn. Es blieb keine Wahl. Matthias brachte den Wolf in die Wälder. Tasso wedelte mit dem Schwanz und verschwand zwischen den Bäumen. Niemand sah ihn je wieder. Alla trauerte um ihren Liebling und verfluchte den hinterlistigen Simon. Auch Simon bereute es, denn er hatte Gutes im Sinn. Bei einem Waldgang war er auf Bärenspuren gestoßen, hörte Winseln. Erst wollte er weiter, denn wo Bärenkinder sind, ist auch die Bärenmutter. Doch das Geräusch passte nicht zu einem Bär. Im Unterholz lag eine tote Wölfin, umher – ihre gerissene Welpen. Ein Bär hatte das Lager überfallen. Nur ein kleiner blieb, versteckt im Bau. Simon bekam Mitleid und nahm das Waisenkind mit. Dann übergab er ihn an Alla, in der Hoffnung, der Wolf würde später in den Wald zurückkehren und er fände einen richtigen Hund für sie. Doch Matthias machte alles zunichte. Mehrere Tage tigerte Simon um das Haus, traute sich nicht hinein. Es war mitten im Winter, Alla heizte den Ofen um nachts nicht zu erfrieren. Plötzlich klopfte es. Die alte Frau eilte zur Tür. Ein Mann stand draußen. — Guten Abend, Oma. Darf ich übernachten? Ich wollte ins Nachbardorf und habe mich verirrt. — Wie heißt du, Schatz? Ich sehe schlecht. — Boris. Alla runzelte die Stirn. — Bei uns gibt’s keinen Boris … — Ich bin nicht von hier, Oma. Habe erst neulich ein Haus gekauft, wollte es anschauen, aber das Auto ist steckengeblieben. Musste zu Fuß gehen, jetzt der Schneesturm! — Hast du das Haus vom verstorbenen Daniel gekauft? Der Mann nickte. — Genau. Alla ließ den Fremden herein, stellte den Wasserkocher auf. Sie bemerkte nicht, wie er gierig den alten Küchenschrank musterte, wo Dörfler Geld und Schmuck aufbewahren. Als die Oma am Herd beschäftigt war, begann der Besucher zu stöbern. Sie hörte das Knarren der Schranktür. — Was suchst du da, Boris? — Da war doch die Währungsreform! Ich helfe, alte Geldscheine zu entsorgen. Die Greisin runzelte die Stirn. — Unsinn! Es gab keine Reform! Wer bist du?! Der Mann zog ein Messer und hielt es ihr ans Kinn. — Ruhe, Oma! Her mit Geld, Gold, Essen! Alla packte das Entsetzen. Vor ihr stand ein Verbrecher, der vor der Polizei floh. Ihr Schicksal schien besiegelt… In diesem Moment sprang die Tür auf. Ein riesiger Wolf stürzte herein und fiel den Räuber an. Der schrie, doch ein dicker Schal rettete ihn vor dem Biss. Mit dem Messer verletzte er den Wolf an der Schulter. Tasso wich zur Seite, was dem Dieb die Flucht ermöglichte. Gerade ging Simon vorbei, wollte sich bei Alla entschuldigen. Am heimischen Zaun sah er, wie ein Mann mit Messer fluchend davonrannte. Simon stürmte zu Alla, fand dort den blutenden Tasso. Er begriff sofort und rannte zum Dorfpolizisten. Der Räuber wurde gefasst und kam erneut ins Gefängnis. Tasso wurde zum Dorfhelden. Die Leute brachten ihm Futter und grüßten ihn. Der Wolf war nicht mehr angebunden, durfte frei leben. Aber er kehrte immer zurück zu Oma Alla, kam mit Simon von den Jagdausflügen heim. Eines Tages sahen sie einen schwarzen SUV vorm Haus. Im Hof hackte jemand Holz – es war Allas Sohn Egor. Als er den alten Freund erblickte, breitete er die Arme aus. Abends saßen alle am Tisch, Alla strahlte vor Glück. Egor überredete sie, für die Augenoperation in die Stadt zu kommen. — Na gut, — seufzte die alte Frau, — im Sommer kommt der Enkel, den will ich sehen. Simon, kümmer dich um Haus und Tasso, ja? Simon nickte. Tasso legte sich zufrieden am Ofen nieder, sein Platz war bei den Freunden. Abonniert unsere Seite, damit ihr keine neuen spannenden Geschichten verpasst! Lasst eure Meinungen und Emotionen in den Kommentaren, unterstützt uns mit Likes.