Oma bevorzugte einen Enkel
Und was ist mit mir, Oma? fragte sie leise.
Ach, Annemarie, du bist doch sowieso tüchtig. Sieh nur deine runden Bäckchen an.
Die Walnüsse die sind für den Kopf, Sebastian muss schließlich lernen, er ist ein Mann, eine Stütze.
Und du, geh mal schnell und wisch den Staub auf den Regalen ab. Ein Mädchen muss ans Arbeiten gewöhnt sein.
Anna, meinst du das wirklich ernst? Sie geht doch. Die Ärzte sagen: ein paar Tage, wenn überhaupt. Vielleicht nur noch Stunden
Sebastian stand im Türrahmen der Küche und drehte nervös den Autoschlüssel zwischen den Fingern. Er sah richtig erledigt aus.
Ich mein das absolut ernst, Sebastian. Möchtest du Tee? Annemarie drehte sich nicht mal um und schnitt weiter ruhig einen Apfel für ihre Tochter. Setz dich, ich brühe frischen auf.
Was für ein Tee, Anna? Der Bruder trat tiefer in den Raum. Sie liegt da, diese ganzen Schläuche, dieses Röcheln
Sie hat heute Morgen nach dir gefragt. Anna, hat sie gesagt, wo ist denn die Anna? Mir ist das Herz stehen geblieben. Kommst du wirklich nicht?
Es ist doch schließlich Oma! Die letzte Gelegenheit, verstehst du?
Anna legte die Apfelscheiben behutsam auf einen Teller und erst dann sah sie ihren Bruder an.
Für dich ist sie Oma. Für sie bist du Sebastian, das Licht in ihrem Fenster, der einzige Erbe und die Hoffnung der Familie.
Und ich für sie hab ich nie existiert.
Glaubst du wirklich, ich brauche so ein Abschiednehmen?
Was sollen wir denn reden, Sebastian? Was soll ich ihr verzeihen? Oder sie mir vielleicht?
Ach, hör doch auf mit dem kindischen Groll! Sebastian schleuderte die Schlüssel auf den Tisch. Klar, sie hat dich nicht so geliebt wie mich. Na und?
Sie ist alt, hatte ihre Schrullen. Aber sie stirbt! Man kann doch nicht so herzlos sein
Ich bin nicht herzlos, Sebastian. Ich fühle einfach nichts für sie. Geh du zu ihr. Halt ihre Hand, ihr bedeutet deine Anwesenheit hundertmal mehr als meine.
Du bist doch ihr Sonnenschein. Strahle ihr also bis zum Schluss!
Sebastian schaute seine Schwester an, drehte sich um und ging still hinaus, die Tür fiel ins Schloss.
Anna seufzte, nahm den Teller mit den Äpfeln und ging ins Kinderzimmer.
***
In ihrer Familie war immer alles klar verteilt. Nein, die Eltern liebten sie beide gleich Anna und Sebastian.
Zuhause war es immer laut, fröhlich, es roch nach Streuselkuchen und nach endlosen gemeinsamen Ausflügen.
Aber Ilse Mertens, die Oma, war ein anderer Menschenschlag.
Sebastian, komm her, mein Junge wisperte Oma, wenn sie sie am Wochenende besuchten. Guck mal, was ich für dich aufbewahrt hab.
Walnüsse, eigens geknackt! Und Bärenküsse-Bonbons, ganz frisch!
Anna war damals sieben, stand daneben und schaute, wie Oma aus dem alten Buffet die Tüte zog.
Und für mich, Oma? fragte sie leise.
Ilse Mertens schenkte ihrer Enkelin nur einen kurzen, stacheligen Blick.
Ach, Annemarie, du bist doch sowieso robust. Schau nur, wie rund du bist.
Die Walnüsse die sind fürs Köpfchen. Sebastian braucht sie zum Lernen, er wird mal ein Mann, eine Stütze für uns alle.
Und du, geh und putz mal die Regale. Ein Mädchen muss das Arbeiten lernen.
Sebastian, ganz rot im Gesicht, schnappte sich die Tüte und verschwand auf Zehenspitzen im Flur, während Anna brav den Staub wischte.
Es tat ihr nicht weh. Komisch, aber wahr kleine Anna nahm das einfach so hin, wie das Wetter.
So wie der Regen fällt, liebt Oma halt Sebastian. Das ist halt so
Im Flur wartete meist schon der Bruder.
Hier, er drückte ihr die Hälfte der Bonbons und eine Handvoll Nüsse in die Hand. Nur nicht vor ihr essen, sonst schimpft sie wieder.
Du brauchst das doch mehr, lächelte Anna. Für dein Köpfchen.
Ach, Quatsch, verzog Sebastian das Gesicht. Sie ist doch verrückt. Komm, iss schnell.
Sie saßen gemeinsam auf der Treppe zum Dachboden und knabberten das Verbotene. Sebastian teilte immer. Immer.
Sogar wenn Oma ihm heimlich ein paar Euro für Eis in die Hand drückte, kam er sofort zu Anna:
Du, davon reicht es für zwei Kugeln Vanille und noch für Kaugummi mit Bild. Gehen wir?
Der Bruder war immer ihre Stütze, seine Liebe glich Omas Kälte so sehr aus, dass Anna nie einen Mangel spürte.
Die Jahre vergingen. Ilse Mertens wurde älter. Als Sebastian achtzehn wurde, verkündete sie stolz, dass sie ihre Zweizimmerwohnung mitten in Frankfurt auf ihn überschreiben werde.
Die Stütze der Familie braucht ein eigenes Heim, deklamierte sie beim Familienrat. Damit er die Frau fürs Leben in die eigenen vier Wände holen kann und nicht herumirrt.
Die Mutter seufzte nur. Sie kannte den sturen Charakter ihrer Mutter und wollte keinen Streit. Doch abends kam sie zu Anna ins Zimmer.
Mein Schatz, sei nicht traurig Wir, Papa und ich, wir sehen alles. Wir haben entschieden: das Geld, das wir für ein Auto und für eine größere Wohnung gespart haben, geben wir dir.
Das kannst du als Anzahlung fürs eigene Wohnen nehmen. Damits gerecht zugeht.
Ach, Mama, ist schon gut, Anna umarmte sie. Sebastian braucht die Wohnung doch mehr, er will sowieso bald mit Julia heiraten. Ich kann ja noch im Wohnheim wohnen.
Nein, Anna, so machen wir das nicht. Oma hat ihre Ideen, aber wir sind deine Eltern. Wir können nicht einen bevorzugen und die andere zurücklassen. Nimm das Geld, kein Widerspruch.
Anna nahm es nicht an.
Sebastian zog gleich nach der Hochzeit in die von Oma geschenkte Wohnung und in der Elternwohnung war es plötzlich richtig geräumig.
Anna richtete sich im ehemaligen Zimmer des Bruders ein, stellte ihre Bücher und Staffelei auf, und zum ersten Mal spürte sie, wie schön es ist, wenn Liebe nicht auf richtige und falsche Kinder verteilt wird.
Die Beziehung zum Bruder litt durch die Erbsache nicht im Geringsten im Gegenteil, Sebastian spürte eher eine leise Schuld.
Anna, komm zu uns, sagte er oft, wenn er zu Besuch war. Julia hat Streuselkuchen gebacken. Und Oma na, du kennst sie. Sie hat gestern wieder angerufen und gefragt, ob ich ihr Geld etwa für deine Wünsche ausgegeben hätte.
Und was hast du gesagt?
Ich hab gesagt, ich hätte alles für Spielautomaten und teuren Wein verprasst, lachte Sebastian. Sie hat drei Minuten ins Telefon geatmet und dann gesagt: Das hat dir bestimmt Anna beigebracht!
Natürlich, Anna schmunzelte. Wer denn sonst.
***
Als Anna später Oskar heiratete und eine Tochter bekam, wurde die Wohnung wieder Thema. Die Mutter zeigte erneut unglaubliches Fingerspitzengefühl.
Hört mal, Kinder, sagte sie. Unsere Dreizimmerwohnung ist groß. Sebastian hat seine eigene Zwei-Zimmer-Wohnung. Anna, ihr wohnt mit Oskar zur Miete.
Machen wirs so: Wir tauschen unsere große Wohnung gegen eine Einzimmer- und eine Zweizimmerwohnung. In die Einzimmerwohnung ziehen Papa und ich, du und Oskar in die Zweizimmer.
Mama, warf Sebastian sofort ein. Ich verzichte auf meinen Anteil an der Familienwohnung. Ich hab dank Oma schon mein Zuhause, das reicht mir völlig.
Anna und Oskar sollen alles bekommen, die werden ja jetzt mehr. Sie brauchens.
Sebastian, meinst du das ernst? Oskar, Annas Mann, war völlig baff. Das ist doch viel Geld. Bist du sicher?
Ganz sicher. Anna und ich haben immer alles geteilt. Und sie hat wegen Oma schon zu wenig Aufmerksamkeit bekommen. Kein Widerspruch, das ist meine Entscheidung.
Anna musste damals weinen. Nicht wegen mehr Quadratmeter, sondern weil ihr Bruder einfach der beste Mensch der Welt war.
Sie tauschten wirklich die Wohnung, jeder bekam, was er brauchte.
Die Mutter kam oft, um mit der Enkelin zu spielen, Sebastian kam mit Frau und Söhnen jedes Wochenende vorbei.
Ilse Mertens lebte allein. Sebastian brachte ihr Lebensmittel, reparierte Wasserhähne, hörte sich ihre Beschwerden über Gesundheit und über die undankbare Anna an.
Hat sie überhaupt mal angerufen? fragte Oma mit schmalen Lippen. Hat sie je nach meinem Blutdruck gefragt?
Oma, du wolltest sie doch nie wirklich kennen, antwortete Sebastian sanft. Du hast in zwanzig Jahren kein gutes Wort für sie gehabt. Warum sollte sie sich melden?
Ich wollte sie erziehen! rief die alte Frau stolz. Eine Frau muss wissen, wo sie hingehört! Aber sie Hat uns die Wohnung abgenommen, die Mutter aus dem Haus gejagt.
Sebastian seufzte nur. Da noch was erklären? Sinnlos.
***
Anna saß in der Küche, die Gedanken spülten ihr wieder und wieder Bilder hoch.
Da stößt Oma ihre Hand weg, als sie nach dem Marmeladenglas greift. Da lobt sie Sebastians krakelige Zeichnung und ignoriert Annas Ehrenurkunde.
Sebastians Hochzeit feiert sie als Königin, zu Annas kommt sie nicht mal, sie sei angeblich krank.
Mama, warum fahren wir nie zu Oma Ilse? fragte ihre Tochter in die Küche. Onkel Sebastian hat gesagt, sie ist sehr krank.
Weil Oma Ilse nur Onkel Sebastian sehen will, mein Schatz, Anna streichelte ihr über den Kopf. Das ist für sie einfacher.
Ist sie böse? fragte die Tochter skeptisch.
Nein, Anna überlegte, sie konnte nur nie alle gleich lieben. In ihrem Herzen war nur Platz für einen. So etwas gibt es.
Am Abend rief wieder der Bruder an.
Es ist vorbei, Anna. Seit einer Stunde.
Mein Beileid, Sebastian. Für dich ist das schwer, ich weiß es.
Sie hat bis zum Schluss auf dich gewartet, log der Bruder, aus Gutmütigkeit, vielleicht aus dem Wunsch, wenigstens jetzt Frieden zu stiften. Sie hat gesagt: Hoffentlich gehts Anna gut.
Danke, Sebastian Komm morgen vorbei. Wir sitzen zusammen, ich backe einen Kuchen.
Komme Sag mal, bereust du es? Dass du nicht mehr hingegangen bist?
Anna log nicht.
Nein, Sebastian. Keine Reue. Was soll diese Heuchelei? Weder sie wollte mich je sehen, noch ich sie
Der Bruder schwieg einen Moment.
Wahrscheinlich hast du recht, seufzte er. Du warst immer die Vernünftigere. Gut, bis morgen.
Die Beerdigung war still. Anna war dabei für die Mutter und den Bruder. Sie stand etwas abseits im schwarzen Mantel, schaute in den grauen Himmel, der immer über Friedhöfen hängt in solchen Momenten. Als der Sarg hinabgelassen wurde, weinte sie nicht.
Der Bruder trat neben sie, legte einen Arm um ihre Schultern.
Wie gehts?
Geht schon, Sebastian. Wirklich.
Weißt du, er zögerte. Ich hab in ihrer Wohnung eine Schatulle gefunden Mit alten Fotos.
Auch von dir, viele sogar. Sorgfältig ausgeschnitten aus den Familienfotos. Sie hat sie separat aufbewahrt.
Anna zog die Augenbrauen hoch.
Wozu?
Keine Ahnung. Vielleicht hat sie doch was für dich empfunden, konnte es nur nicht zeigen. Hatte vielleicht Angst, wenn sie dich anerkennt, bleibt für mich weniger? Alte Leute ticken manchmal seltsam.
Möglich, Anna zuckte mit den Schultern. Aber das hat keine Bedeutung mehr.
Sie gingen nebeneinander unter einem Schirm zum Ausgang der große, kräftige Sebastian und die zarte Anna.
Hör mal, sagte Sebastian, als sie an den Wagen standen. Ich werde die Wohnung verkaufen.
Davon kauf ich uns eine Dreizimmerwohnung, lege für die Kinder eine Einzimmerwohnung an, und was übrig ist Lass uns einen Fonds gründen? Oder einer Kinderklinik spenden? Damit das Omageld wenigstens jemandem Freude bringt
Anna sah ihren Bruder an und lächelte ihn zum ersten Mal in diesen Tagen richtig warm an.
Weißt du, Sebastian Das wäre die beste Rache an Ilse Mertens. Die freundlichste Rache der Welt.
Also gut?
Abgemacht.
Sie fuhren in verschiedene Richtungen davon. Anna fuhr durch die Stadt, hörte Musik und spürte, wie es in ihr völlig ruhig wurde.
Vielleicht hat der Bruder recht. Soll ein Teil des Geldes einem kranken Kind helfen. So ist es gerecht.




