Mit Sechzig wird dir plötzlich klar: Was damals wie eine Katastrophe wirkte, war in Wahrheit pures Glück IRGENDWO ZWISCHEN 30 UND 60 Als Agathe sich auf ihren 60. Geburtstag vorbereitete, klang die Zahl bedrohlich. Früher galt das als Beginn des Alters, heute sagt man „Übergang vom mittleren zum fortgeschrittenen Alter“. Traurig. Schon zu ihrem 30. Geburtstag hatte sie das Gefühl, die Jugend sei vorbei. Nun, mit Blick auf ihre Kinder, konnte sie darüber nur schmunzeln. Als sie sich im Ankleidezimmerspiegel betrachtete, dachte sie: „Eigentlich ganz okay.“ Sie prüfte ihr Spiegelbild, nickte sich zu: „Fühlt sich an wie vierzig – nichts tut weh, alles funktioniert.“ Sie zwinkerte sich zu: „Na, da ist noch Leben drin!“ und machte sich an die Aufgabe ihres Ehemanns Michael, der von allen liebevoll „Michi“ genannt wird. Die große Feier sollte in Griechenland steigen, mit Freunden und Familie. Agathe war anfangs dagegen – so ein Anlass, da müsse man mehr nachdenken als feiern. Und teuer war es auch! Doch sie wurde überstimmt. Michi versprach die Organisation – sogar eine Diashow mit Leonard Cohen-Songs sollte es geben. Die Fotos dafür? Natürlich von ihr. Agathe durchstöberte alte Fotokisten. Vieles war nach zwei Auswanderungen und endlosen Umzügen verloren gegangen. An Kinder- und Jugendfotos mangelte es fast völlig: Als sie Anfang 20 die Sowjetunion verließ, zählte Pragmatismus mehr als Sentimentalität. Einiges konnte sie später von ihren Eltern „retten“. Danach: erste Ehe, Scheidung, neue Fotos vom neuen Abschnitt. Vieles blieb für „später“ liegen – das nie kam. Ihr neuer Mann war kein leidenschaftlicher Fotograf, aber trotzdem hatten die ersten Jahre etliches ergeben. Mit den Umbrüchen der Zeit wurden die Fotos digital, verschwanden auf alten Handys und Festplatten, die keiner mehr öffnete. Beim Durchblättern stieß sie auf ein Bild vom Abiball im Kleid der Großeltern aus Israel, eins aus dem Medizinstudium, eins von der Bar Mitzwa des Sohnes – wie nervös er war! Und dann entdeckte sie ein an ein anderes klebendes Foto. Mit Feingefühl löste sie es: Ihre Freundin Nora, daneben Agathe im blauen Abendkleid bei einer armenischen Taufe. Nora kam als schüchterne, kluge Assistentin aus Eriwan zur Facharztausbildung ins St. Josefs-Hospital in München. Die zierliche, stille Frau mit den großen Augen mochte jeder beschützen. Keiner ahnte, wie sie argumentieren konnte. Mit Mutter und Ehemann – ihrem Mentor, deutlich älter – war sie nach Deutschland gekommen. Sie bestand alle Prüfungen auf Anhieb. Die Gynäkologie wählte sie der Nähe ihres Mannes wegen, brach nach einem halben Jahr Schlafentzugs ab und stieg zur Inneren Medizin um. Mit Agathe verstand sie sich sofort. Noras Mutter hütete bald Agathes Kind. Sie wurden wie Familie. Am Ende der Ausbildung kamen die Spezialisierungsfragen: „Vielleicht Rheumatologie?“, fragte Agathe zögernd. „Quatsch!“, winkte Nora ab. „Noch mehr Jahre Ausbildung – geh in die Allgemeinmedizin! Da bist du die Königin.“ Agathe war beeindruckt – am Ende blieb sie in der Inneren, Nora ging in die Rheumatologie, nach Berlin. Noras Familie war ihr Ein und Alles: Mutter, Ehemann, Bruder – alle unterstützten sie. Doch ein Kind ließ auf sich warten: künstliche Befruchtung, Hoffen und Leiden. Dann klappte es doch. Eine Tochter, gerade rechtzeitig nach Abschluss der Ausbildung. Nora entschied sich, in Berlin unter Armeniern zu bleiben. Die Freundinnen hielten erst noch engen Kontakt, dann wurde es ruhiger – bis plötzlich eine Einladung zur Taufe kam. Nora plante eine prestigeträchtige Feier: 5.000-Euro-Kleid, französischer Friseur – alles vom Feinsten, in den späten 90ern! Agathe geriet kurz in Panik, doch ihre Friseurin beruhigte sie: „Deine Haare kriegt jeder hin. Bürste, Föhn, Haarspray – Fertig.“ Agathe kaufte ein blaues Kleid mit schulterfreiem Schnitt im Sonderangebot, einen Anzug für Michi, einen riesigen Karo-Koffer (sie mochte auffälliges Gepäck) und Selbstbräuner. Zeit zum Sonnen fehlte – ihre bayerisch-blasse Haut hätte in Berlin noch gepasst, aber nicht nach Kalifornien. In Berlin angekommen, spazierten sie am Samstag durch die Stadt: Michi trug ein T-Shirt „München – schlimmer geht immer!“. Der Plan: Grunewald, Brandenburger Tor, Kudamm. Was klappte: Grunewald gesperrt, Kudamm Baustelle, Verkehrschaos. Aber das hippe Bio-Essen (teuer, fad, aber gesund) wurde immerhin probiert. Später liefen sie herum am Wannsee, Eis und Popcorn, Hipster auf Skateboards, der Duft von Sonnencreme, und eine Fahrt über den Ku’damm, wo alle Reklamen wie Filmkulissen wirkten. „Hier hat, glaube ich, Helene Fischer mal gegessen“, sagte Agathe launig mit Blick in den Reiseführer. „Oder jemand, der aussieht wie Helene Fischer“, scherzte Michi. Agathe probierte teure Designerbrillen in einer Nobelboutique, sprühte teure Nischenparfums auf und verließ den Laden wie Julia Roberts aus Pretty Woman. Fast. Am Sonntag, nach einem schnellen, viel zu unscheinbaren Hotelfrühstück, begann Agathe die Vorbereitung. Der Selbstbräuner trocknete ungleichmäßig: Ergebnis – Zebra. Nur eben orange. Michi wollte beim Styling helfen; Agathe lehnte das Angebot nach Sektfrühstück dankend ab. Einziger geöffneter Friseursalon: im chinesischen Viertel. Die Dame sprach kein Deutsch, rollte die Haare auf und fixierte alles mit einer halben Flasche Spray. Agathe wagte einen angsterfüllten Blick in den Spiegel: oranger Teint, Frisur wie Dauerwelle in den Achtzigern – sie drehte sich schnell wieder weg und beschloss, nie wieder solche Risiken einzugehen. Das Make-up übernahm Michi. „Du bist immer zu dezent“, meinte er. „Das muss knallen!“ Er arbeitete inspiriert: violett-blaue Lider, bräunliche Wangen, bordeauxfarbene Lippen – Agathe war fassungslos, Michi begeistert. Draußen versuchte sie, ein Taxi zu bekommen, vergeblich. „Die halten mich sicher für ein Callgirl“, sagte sie. „Versuch du’s – du siehst wenigstens aus wie ein Chef.“ Er lachte, aber stellte sich an die Straße und winkte ein Taxi heran. Die Party fand in Noras neuem Haus am Rande Berlins statt – voll mit Gästen, Musik, Kindern, Glanz und Gloria. Mittendrin: Nora, so wunderschön wie immer. Und: mit Herpes. „Alles vom Stress!“, klagte die zukünftige Immunologin dramatisch. „Du bist trotzdem die Schönste“, versicherte Agathe. Und das stimmte auch. Jetzt schaut Agathe das Foto an: das blaue Kleid, orange Haut, Achtziger-Dauerwelle, Herpes bei der Freundin – aber glückliche, junge Gesichter. Damals schien es eine Katastrophe. Heute würde sie keinen Moment davon missen wollen. Weder den Herpes, noch den Selbstbräuner, noch die schräge Frisur. Hauptsache noch einmal diese Lebenslust, die Freundin an der Seite, dieses Gefühl: Alles ist noch offen. Denn ehrlich gesagt… so zwischen dreißig und sechzig – das war eigentlich die schönste Zeit. Und was danach kommt – mal sehen. Die Bürste ist ja noch da. Und mit dem Bräunen hat sie heute auch keine Probleme mehr.

Mit sechzig begreift man plötzlich: Was früher wie ein Unglück erschien, war in Wahrheit oft ein Glück.

IRGENDWO ZWISCHEN 30 UND 60

Hedwig bereitete sich auf ihren sechzigsten Geburtstag vor. Die Zahl klang bedrohlich, sie wollte sie gar nicht laut aussprechen. Früher galt das als der Anfang vom Alter und vom Rückzug, und selbst nach heutigen, viel liberaleren Maßstäben leitet man vom mittleren ins höhere Alter über. Schwer zu akzeptieren.

Das letzte Mal hatte sie ihr Alter so empfindlich gespürt, als sie dreißig wurde. Damals erschien es ihr, als sei die Jugend vorbei. Jetzt aber, im Rückblick auf ihre mittlerweile erwachsenen Kinder, konnte sie über diese Gefühle nur milde lächeln.

Hedwig horchte in sich hinein und betrachtete sich nachdenklich im Garderobenspiegel:
So schlimm ist es eigentlich gar nicht.

Sie drehte sich, begutachtete ihre Silhouette und schmunzelte:
Sieht vernünftig aus, fühlt sich an wie vierzig. Alles tut noch seinen Dienst, nichts schmerzt, toi toi toi.

Wir machen noch ein bisschen weiter, zwinkerte sie ihr Spiegelbild an und machte sich auf, die Einkäufe für ihren Mann zu erledigen.

Gefeitert sollte opulent werden: in einem Wellnesshotel im Allgäu, mit allen Freunden und Verwandten. Zuerst hatte sich Hedwig gesträubt so ein Datum bringe eher zur Besinnung als zum Feiern, und teuer sei es auch noch! Doch am Ende gab sie nach. Ihr Mann Friedrich, den alle nur Fritz nannten, übernahm die Organisation. Er versprach sogar eine Fotopräsentation mit Liedern von Reinhard Mey. Den Schnitt würde Fritzens jüngerer Bruder machen; die Fotos, wie immer, kamen von Hedwig selbst.

Sie platzierte sich auf dem Wohnzimmerteppich und ließ die ersten Fotoboxen kippen. Wären nicht zwei Auswanderungen und zahllose Umzüge gewesen, gäbe es noch viel mehr Bilder. Fast nichts blieb aus Kindheit und Jugend als sie Anfang Zwanzig aus der DDR nach Westdeutschland ging, war für Nostalgie kein Platz. Später fand sie bei ihren Eltern noch einige Bilder, doch auch die waren in einer ähnlichen Situation. Dann kam die erste Ehe, die Scheidung. Einige Fotos nahm sie mit: von sich selbst, von den Kindern, von Freunden. Vieles wollte sie später holen dazu kam es nie.

Friedrich, ihr zweiter Mann, fotografierte kaum im Gegensatz zur Leidenschaft des ersten Ehemannes. Doch auch mit ihm sammelten sich in den ersten Jahren einige Erinnerungen. Dann veränderte sich das Leben, keiner hatte mehr Lust auf Kameras. Die Bilder verschwanden in alten Handys, trockenen Festplatten und Ordnern, deren Namen längst vergessen waren. Alben, die man durchblättern konnte, existierten bald nicht mehr.

Beim Durchsehen fand sie ein Bild vom Abiturball im Kleid der Großeltern aus Israel. Dann ein Foto aus dem Praktikum nach dem vierten Semester. Und dort die Konfirmation des ältesten Sohnes. Wie aufgeregt er damals war!

Plötzlich, ein aneinanderklebendes Doppelbild. Behutsam löste sie es. Mathilde. Neben ihr Hedwig im dunkelblauen Abendkleid bei Mathildes Tochter Lisettes erstem Geburtstag.

Mathilde war gegen Winterbeginn in Hedwigs Ärztejahrgang am Uniklinikum München gestoßen, vorher war sie in der Gynäkologie. Klein, zart, kurzgeschnittener Schopf und riesige Augen sie wirkte wie ein Teenager, ein Waldelf. Man wollte sie beschützen, bis sie den Mund aufmachte: Dann beeindruckte ihre Klugheit sofort.

Mathilde war mit Mutter und Ehemann ihrem früheren Oberarzt und viel älter aus Leipzig gekommen. Vorbereitungskurse? Nicht nötig. Sie bestand alles auf Anhieb mit Spitzennoten und hätte jede Stelle haben können. Sie entschied sich für Gynäkologie: angesehen, praktisch, und in derselben Klinik wie ihr Mann. Nach einem halben Jahr in nächtlichen Schichten wechselte sie zur Inneren Medizin.

Die Freundschaft mit Hedwig war sofort eng. Als dann Mathildes Mutter Hedwigs Kind betreute, wurden sie zur Wahlverwandtschaft. Das Studium neigte sich dem Ende, Fachrichtungen wurden diskutiert:

Vielleicht Rheumatologie?, überlegte Hedwig.

Mathilde winkte ab: Warum das? Noch mal zwei Jahre weiterlernen, dann mühsam Patienten aufbauen! Als Internistin gehts direkt los; du bist Königin im System!

Du bist vernünftig! staunte Hedwig.

Am Ende blieb Hedwig bei der Inneren Medizin, Mathilde ging in die Rheumatologie. Nach Hamburg.

Mathildes Familie war ein Traum: Mutter, Ehemann, Bruder alle schwärmten von ihr. Bloß mit Nachwuchs wollte es nicht klappen. Künstliche Befruchtungen, Hoffen, Tränen. Doch dann, Überraschung es klappte! Ihre Tochter wurde kurz vor Abschluss der Weiterbildung geboren. Mathilde wollte in Hamburg bleiben, bei der großen sächsischen Community.

Der Abschied war tränenreich. Die Freundinnen telefonierten oft. Mathildes Mutter griff gern zum Hörer, vermisste Hedwigs Sohn, den sie stets mein Junge nannte. Später schlief der Kontakt langsam ein. Und plötzlich kam die Einladung zu Lisettes erstem Geburtstag dem Lisettenfest, dem sächsischen Pendant zum Agra Harik.

Mathilde berichtete, es würde alles groß aufgefahren: Kleid für 7.000 D-Mark, Pariser Friseur, Frisuren für 300 Mark das Stück und das alles Ende der 90er! Hedwig geriet leicht in Panik, doch ihre Friseurin Gertrud beruhigte sie:

Tolle Haare hast du! Jede bekommt das leicht hin: Bürste, Föhn, Haarspray das reicht!

Hedwig kaufte im Schlussverkauf ein nachtblaues Kleid mit Schulterfrei, einen Anzug für Friedrich, einen großen Koffer im Schachbrettmuster (die fand sie immer praktisch zum Wiederfinden) und ein Fläschchen Selbstbräuner. Zum Bräunen blieb keine Zeit; ihre bayerisch-bleiche Haut passte zwar zum Kleid, war aber zu Hamburg total deplatziert.

Freitagabend kamen sie spät an. Samstags: Sightseeing in Hamburg. Hedwig schlüpfte in bequeme Sneaker, Friedrich zog ein T-Shirt an, auf dem stand: München schlimmer geht immer! Und los gings auf Erkundungstour.

Der Plan: Planten un Blomen, Foto mit Elbphilharmonie, Jungfernstieg, Hafenrundfahrt. In Wirklichkeit: Planten un Blomen abgesperrt wegen Dreharbeiten, Alsterpromenade eingerüstet, Gedränge, Stau. Aber sie aßen etwas Teures, Gesundes, weniger Schmackhaftes. Friedrich murrte, machte aber brav Fotos.

Dann der Hafen, ein Yogi auf dem Geländer, gebratene Maiskolben, Skateboarder und der Duft von Sonnenmilch. Dazu die Fahrt über die Reeperbahn, wo jede Leuchtreklame wie eine Filmkulisse wirkte.

Da, hier hat angeblich Udo Lindenberg mal gefeiert, flüsterte Hedwig ins Reiseführerbändchen.

Vielleicht wars auch nur jemand, der so aussieht, brummte Friedrich.

In der Mönckebergstraße probierte sie Designerbrillen für 2.000 Mark, versprühte exklusives Parfum und stolzierte hinaus, den Duft wie eine Filmdiva hinter sich herziehend. Fast wie Pretty Woman. Beinahe.

Sonntag. Das Frühstück wurde hastig verschlungen, dabei hätte es Muße verdient. Hedwig begann mit den Festvorbereitungen. Der Bräuner, peinlich nach Anleitung verteilt, trocknete plötzlich nicht gleichmäßig: Ergebnis Zebra. Nur eben orange.

Hilfe von Friedrich lehnte sie ab er war nach Sektlaune am Morgen übertrieben ausgelassen, da wollte sie kein Risiko eingehen.

Alle Friseure geschlossen. Einziger offener Salon lag im Portugiesenviertel. Die Friseurin, die kein Deutsch sprach, drehte ihr energisch Lockenwickler in die Haare und übergoss alles mit einer Dose Haarspray. Besorgt riskierte Hedwig einen Blick: das orange Gesicht von einer Frisur umrahmt, steif wie ein Bauwerk und erinnernd an die Dauerwelle der 80er Jahre. Sehr schnell wandte sie sich ab und wiederholte diesen Fehler nie mehr.

Den Make-up-Job übernahm Friedrich selbst:
Du schminkst immer zu blass! Es muss kräftiger sein!

Mit passionierter Malerei trug er auf: Violett-blaue Lidschatten, beige Wangen, weinrote Lippen. Das Ergebnis verblüffend. Hedwig erschrak Friedrich war begeistert.

Auf der Straße versuchte sie ein Taxi zu winken. Nichts.

Ich glaube, die halten mich für eine Prostituierte, sagte sie. Probiers du mal. Wenigstens wirkst du wie ein seriöser Zuhälter.

Friedrich prustete, ging auf die Straße und winkte.

Das Fest war in Mathildes neuem Haus in Blankenese sächsische Hochburg in Hamburg. Alles funkelte: Tische, Kinder, Musik, Tanten, Kellner. Und mittendrin Mathilde bezaubernd wie immer. Mit Herpes.

Alles vom Stress, klagte die angehende Immunologin tragisch. Ich hab mich so bemüht!

Du bist die Schönste hier, entgegnete Hedwig. Und das war die Wahrheit.

Jetzt, wenn Hedwig auf das alte Foto blickt: das nachtblaue Kleid, orange Haut, die 80er-Frisur, Herpes bei der Freundin und junge, lebendige Gesichter. Damals schien alles eine Katastrophe, heute würde sie nichts davon missen wollen. Nicht den Herpes, nicht den Selbstbräuner, nicht diese absurde Frisur. Nur um noch einmal, mit aller Lebenslust, die Freundin an ihrer Seite, dieses Gefühl zu spüren, dass alles noch offensteht.

Denn, wenn man ehrlich ist: Irgendwo zwischen dreißig und sechzig da war das Leben herrlich. Und was danach kommt? Nun, die Bürste hab ich noch. Und sonnengebräunt bin ich inzwischen von ganz allein.

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Homy
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Mit Sechzig wird dir plötzlich klar: Was damals wie eine Katastrophe wirkte, war in Wahrheit pures Glück IRGENDWO ZWISCHEN 30 UND 60 Als Agathe sich auf ihren 60. Geburtstag vorbereitete, klang die Zahl bedrohlich. Früher galt das als Beginn des Alters, heute sagt man „Übergang vom mittleren zum fortgeschrittenen Alter“. Traurig. Schon zu ihrem 30. Geburtstag hatte sie das Gefühl, die Jugend sei vorbei. Nun, mit Blick auf ihre Kinder, konnte sie darüber nur schmunzeln. Als sie sich im Ankleidezimmerspiegel betrachtete, dachte sie: „Eigentlich ganz okay.“ Sie prüfte ihr Spiegelbild, nickte sich zu: „Fühlt sich an wie vierzig – nichts tut weh, alles funktioniert.“ Sie zwinkerte sich zu: „Na, da ist noch Leben drin!“ und machte sich an die Aufgabe ihres Ehemanns Michael, der von allen liebevoll „Michi“ genannt wird. Die große Feier sollte in Griechenland steigen, mit Freunden und Familie. Agathe war anfangs dagegen – so ein Anlass, da müsse man mehr nachdenken als feiern. Und teuer war es auch! Doch sie wurde überstimmt. Michi versprach die Organisation – sogar eine Diashow mit Leonard Cohen-Songs sollte es geben. Die Fotos dafür? Natürlich von ihr. Agathe durchstöberte alte Fotokisten. Vieles war nach zwei Auswanderungen und endlosen Umzügen verloren gegangen. An Kinder- und Jugendfotos mangelte es fast völlig: Als sie Anfang 20 die Sowjetunion verließ, zählte Pragmatismus mehr als Sentimentalität. Einiges konnte sie später von ihren Eltern „retten“. Danach: erste Ehe, Scheidung, neue Fotos vom neuen Abschnitt. Vieles blieb für „später“ liegen – das nie kam. Ihr neuer Mann war kein leidenschaftlicher Fotograf, aber trotzdem hatten die ersten Jahre etliches ergeben. Mit den Umbrüchen der Zeit wurden die Fotos digital, verschwanden auf alten Handys und Festplatten, die keiner mehr öffnete. Beim Durchblättern stieß sie auf ein Bild vom Abiball im Kleid der Großeltern aus Israel, eins aus dem Medizinstudium, eins von der Bar Mitzwa des Sohnes – wie nervös er war! Und dann entdeckte sie ein an ein anderes klebendes Foto. Mit Feingefühl löste sie es: Ihre Freundin Nora, daneben Agathe im blauen Abendkleid bei einer armenischen Taufe. Nora kam als schüchterne, kluge Assistentin aus Eriwan zur Facharztausbildung ins St. Josefs-Hospital in München. Die zierliche, stille Frau mit den großen Augen mochte jeder beschützen. Keiner ahnte, wie sie argumentieren konnte. Mit Mutter und Ehemann – ihrem Mentor, deutlich älter – war sie nach Deutschland gekommen. Sie bestand alle Prüfungen auf Anhieb. Die Gynäkologie wählte sie der Nähe ihres Mannes wegen, brach nach einem halben Jahr Schlafentzugs ab und stieg zur Inneren Medizin um. Mit Agathe verstand sie sich sofort. Noras Mutter hütete bald Agathes Kind. Sie wurden wie Familie. Am Ende der Ausbildung kamen die Spezialisierungsfragen: „Vielleicht Rheumatologie?“, fragte Agathe zögernd. „Quatsch!“, winkte Nora ab. „Noch mehr Jahre Ausbildung – geh in die Allgemeinmedizin! Da bist du die Königin.“ Agathe war beeindruckt – am Ende blieb sie in der Inneren, Nora ging in die Rheumatologie, nach Berlin. Noras Familie war ihr Ein und Alles: Mutter, Ehemann, Bruder – alle unterstützten sie. Doch ein Kind ließ auf sich warten: künstliche Befruchtung, Hoffen und Leiden. Dann klappte es doch. Eine Tochter, gerade rechtzeitig nach Abschluss der Ausbildung. Nora entschied sich, in Berlin unter Armeniern zu bleiben. Die Freundinnen hielten erst noch engen Kontakt, dann wurde es ruhiger – bis plötzlich eine Einladung zur Taufe kam. Nora plante eine prestigeträchtige Feier: 5.000-Euro-Kleid, französischer Friseur – alles vom Feinsten, in den späten 90ern! Agathe geriet kurz in Panik, doch ihre Friseurin beruhigte sie: „Deine Haare kriegt jeder hin. Bürste, Föhn, Haarspray – Fertig.“ Agathe kaufte ein blaues Kleid mit schulterfreiem Schnitt im Sonderangebot, einen Anzug für Michi, einen riesigen Karo-Koffer (sie mochte auffälliges Gepäck) und Selbstbräuner. Zeit zum Sonnen fehlte – ihre bayerisch-blasse Haut hätte in Berlin noch gepasst, aber nicht nach Kalifornien. In Berlin angekommen, spazierten sie am Samstag durch die Stadt: Michi trug ein T-Shirt „München – schlimmer geht immer!“. Der Plan: Grunewald, Brandenburger Tor, Kudamm. Was klappte: Grunewald gesperrt, Kudamm Baustelle, Verkehrschaos. Aber das hippe Bio-Essen (teuer, fad, aber gesund) wurde immerhin probiert. Später liefen sie herum am Wannsee, Eis und Popcorn, Hipster auf Skateboards, der Duft von Sonnencreme, und eine Fahrt über den Ku’damm, wo alle Reklamen wie Filmkulissen wirkten. „Hier hat, glaube ich, Helene Fischer mal gegessen“, sagte Agathe launig mit Blick in den Reiseführer. „Oder jemand, der aussieht wie Helene Fischer“, scherzte Michi. Agathe probierte teure Designerbrillen in einer Nobelboutique, sprühte teure Nischenparfums auf und verließ den Laden wie Julia Roberts aus Pretty Woman. Fast. Am Sonntag, nach einem schnellen, viel zu unscheinbaren Hotelfrühstück, begann Agathe die Vorbereitung. Der Selbstbräuner trocknete ungleichmäßig: Ergebnis – Zebra. Nur eben orange. Michi wollte beim Styling helfen; Agathe lehnte das Angebot nach Sektfrühstück dankend ab. Einziger geöffneter Friseursalon: im chinesischen Viertel. Die Dame sprach kein Deutsch, rollte die Haare auf und fixierte alles mit einer halben Flasche Spray. Agathe wagte einen angsterfüllten Blick in den Spiegel: oranger Teint, Frisur wie Dauerwelle in den Achtzigern – sie drehte sich schnell wieder weg und beschloss, nie wieder solche Risiken einzugehen. Das Make-up übernahm Michi. „Du bist immer zu dezent“, meinte er. „Das muss knallen!“ Er arbeitete inspiriert: violett-blaue Lider, bräunliche Wangen, bordeauxfarbene Lippen – Agathe war fassungslos, Michi begeistert. Draußen versuchte sie, ein Taxi zu bekommen, vergeblich. „Die halten mich sicher für ein Callgirl“, sagte sie. „Versuch du’s – du siehst wenigstens aus wie ein Chef.“ Er lachte, aber stellte sich an die Straße und winkte ein Taxi heran. Die Party fand in Noras neuem Haus am Rande Berlins statt – voll mit Gästen, Musik, Kindern, Glanz und Gloria. Mittendrin: Nora, so wunderschön wie immer. Und: mit Herpes. „Alles vom Stress!“, klagte die zukünftige Immunologin dramatisch. „Du bist trotzdem die Schönste“, versicherte Agathe. Und das stimmte auch. Jetzt schaut Agathe das Foto an: das blaue Kleid, orange Haut, Achtziger-Dauerwelle, Herpes bei der Freundin – aber glückliche, junge Gesichter. Damals schien es eine Katastrophe. Heute würde sie keinen Moment davon missen wollen. Weder den Herpes, noch den Selbstbräuner, noch die schräge Frisur. Hauptsache noch einmal diese Lebenslust, die Freundin an der Seite, dieses Gefühl: Alles ist noch offen. Denn ehrlich gesagt… so zwischen dreißig und sechzig – das war eigentlich die schönste Zeit. Und was danach kommt – mal sehen. Die Bürste ist ja noch da. Und mit dem Bräunen hat sie heute auch keine Probleme mehr.
Verwandte vom Land besuchen uns für eine Woche zu fünft in unserer Einzimmerwohnung – und ich empfange sie komplett übersät mit grünen Flecken, als hätte ich Windpocken