Verwandte vom Land besuchen uns für eine Woche zu fünft in unserer Einzimmerwohnung – und ich empfange sie komplett übersät mit grünen Flecken, als hätte ich Windpocken

Verwandte aus dem Schwarzwald kündigten ihren Besuch für eine Woche bei uns in unserer kleinen Einzimmerwohnung in Stuttgart an. Ich empfing sie voller grüner Punkte im Gesicht angeblich wegen Windpocken.

Mein Samstagmorgen begann nicht etwa mit einer Tasse Kaffee, sondern mit einem schrillen Klingeln meines Handys. Auf dem Display stand alarmierend: Tante Gertrud (Verwandte).

Kathrinchen, halt dich bereit!, schmetterte Tante Gertrud so lebhaft und laut ins Telefon, dass jeder Wecker erblasst wäre. Wir sind schon im Zug, morgen früh sind wir da! Haben uns gedacht, wir überraschen euch mal: bisschen die Landeshauptstadt anschauen und euch sehen. Wir gehören schließlich zur Familie!

Ich setzte mich im Bett auf und versuchte, das Gehörte zu begreifen. Das Beängstigendste an dieser Nachricht war nur das kleine Wort wir.

Wer genau ist denn wir, Tante Gertrud?, fragte ich vorsichtig und trat gleichzeitig unter der Decke meinen Mann Peter an, damit er wach wurde.
Na, wer schon! Ich, Onkel Hans, Sabine mit ihrem Mann und unser Enkel Jonas. Aber keine Sorge, wir sind anspruchslos nur für die Nacht brauchen wir euch, tagsüber sind wir unterwegs!

Fünf Personen. Plus wir beide. In unserer 33-Quadratmeter-Einzimmerwohnung, wo der einzige freie Platz der Läufer im Flur und der schmale Durchgang zwischen Sofa und Fernseher ist.

Ich legte wortlos auf und sah Peter an. In seinem Blick lag reine Panik und eine heimliche Sehnsucht, einfach Deutschland zu verlassen oder zumindest Brötchen holen zu gehen und eine Woche nicht wiederzukommen.

Unkompliziert heißt nicht sorgenfrei
Sofort erinnerte ich mich an ihren letzten Besuch vor drei Jahren. Damals waren sie nur zu dritt, doch diese Woche verfolgt mich bis heute in meinen Albträumen. Onkel Hans rauchte auf dem Balkon und schnippte die Asche direkt in meine Pflanzen mit den Worten: Ach was, das düngt! Tante Gertrud erklärte mir in meiner winzigen Küche die richtige Art, Linsensuppe zu kochen: So schneidet man doch nicht, komm, ich zeigs dir! Peter und ich schliefen auf einer alten Luftmatratze, die nachts immer die Luft verlor, und wachten praktisch auf dem Boden auf, während die Gäste sich unser Sofa als Herrschaftsbett gönnten.

Und diesmal sind es sogar fünf. Sabine und ihr Mann laut und ungestüm und deren Sohn Jonas, sieben Jahre alt, ein Wirbelwind, für den nein eher eine Einladung ist als ein Verbot.

Wir müssen ihnen absagen, meinte Peter entschlossen zur Zimmerdecke.
Aber wie?, seufzte ich. Sie sitzen schon im Zug. Sollen wir sagen: Fahrt wieder heim? Du kennst meine Tante Gertrud: Dann kommen gleich Vorträge über Familienbande, wie sie mich als Kind gehütet hat, wie verwöhnt wir Großstädter doch sind… Danach weiß es das ganze Dorf, und meine Mutter trinkt vor Scham Baldrian.

Wenn Diplomatie versagt
Wir saßen in der Küche, tranken Kaffee und besprachen nutzlose Alternativen. Ihnen eine Pension zahlen? Unmöglich nachdem das Auto in der Werkstatt war, ist unser Monatsbudget im Eimer. Die Wohnung überlassen und selbst woanders unterkommen? Reine Kapitulation, und wer nimmt uns schon eine Woche auf? Tür nicht öffnen? Dann würden sie so lange klopfen, bis sie die Feuerwehr holen.

Da kam mir eine rettende Idee. Ich brauchte eine Ausrede, die nicht zu entkräften ist. Einen Grund, vor dem jeder flüchtet.

Windpocken, flüsterte ich.
Was?, verstand Peter nicht gleich.
Windpocken. Quarantäne. Bei Erwachsenen schlimm Fieber, Komplikationen, Narben!

Peter zögerte:
Was, wenn sie es schon hatten?
Tante Gertrud und Onkel Hans definitiv nicht, das hat Mama erzählt. Bei Sabine bin ich nicht sicher, aber riskieren werden sie nichts mit dem Kind.

Grüne Tarnung
Vier Stunden bis zum Eintreffen des Zuges blieben uns jetzt noch also gings los mit der Vorbereitung. Ich holte ein Fläschchen alte grüne Lebensmittelfarbe aus dem Verbandskasten.

Sei bloß großzügig!, kommandierte ich und hielt mein Gesicht hin. Stirn, Wangen, Hals, Arme je schauriger, desto besser!

Peter versuchte, nicht in Lachen auszubrechen, während er große grüne Punkte malte. Im Spiegel grinste mir eine Figur aus einem Kinderbuch entgegen. Für den kompletten Look schlüpfte ich in einen ausgebeulten Bademantel, schlang mir einen Schal um den Hals und zerzauste mein Haar.

Und ich? Was soll ich machen?, fragte Peter.
Du bist mein Kontaktperson. Quasi wandelndes Virenlabor noch gefährlicher!

Wir probten die Geschichte: Ich bin seit gestern krank, fast 40 Fieber, der Arzt war da, hat Quarantäne angeordnet und vor einer neuen Virusmutation gewarnt.

Vielleicht nur kurz auf einen Kaffee?

Der Türglocke läutete pünktlich. Draußen rappelte es in den Koffern, Stimmen drangen durch und Jonas quengelte. Ich stellte mich wie ein sterbender Schwan hin, Peter öffnete hauchdünn die Tür und blockte den Durchgang.

Peter! Warum holt ihr uns denn nicht ab?, drängte Onkel Hans sich schon fast durch die Tür.
Stehen bleiben!, fuhr Peter dazwischen. Wir haben ein Problem!

Jetzt kam ich ins Bild schlurfend, eine Hand an die Wand gelehnt, schwer atmend.

Guten Tag, krächzte ich. Bitte entschuldigt. Ich hab Windpocken schwere Form. Der Arzt meint, es steckt sogar durchs Treppenhaus an.

Auf der Treppe herrschte plötzlich Stille. Fünf Augenpaare musterten meine grünen Punkte.

Windpocken?!, rief Sabine entsetzt, zog Jonas instinktiv zurück. Mit dreißig?!

Immunsystem, ächzte ich. Fieber Komplikationen

Man konnte Tante Gertrud ansehen, wie in ihr der Wunsch nach kostenfreier Unterkunft und die Angst um die Gesundheit kämpften.

Hans, hattest dus?
Weiß nicht mehr… eher nicht…, Onkel Hans wich schon zum Aufzug zurück.
Ich hatte es auch nie!, zeterte Sabine. Mama, Hotel!

Und dein Mann?, verengte Tante Gertrud misstrauisch die Augen.
Der ist der nächste, sagte Peter ergeben. Wir schlafen doch zusammen ist nur eine Frage der Zeit.

Das genügte. Die Aussicht, ihre Woche mit ansteckenden Kranken in unserer Einzimmerwohnung zu verbringen, wirkte Wunder.

Gute Besserung, murmelte Onkel Hans und drückte den Aufzugsknopf. Die Mitbringsel nehmen wir, brauchen wir im Hotel.

Weg waren sie, mit Sack und Pack und Gott sei Dank unserem Problem im Schlepptau.

So war alles gelöst
Wir schlossen die Tür und Peter rutschte die Wand hinunter und lachte Tränen. Als ich mein Spiegelbild anschaute, musste ich selbst losprusten.

Sie fanden schnell ein Hotel. Geld war also doch da nur warum ausgeben, wenn es bei uns auch geht?

Nach ein paar Tagen rief meine Mutter an:
Kathrin, warum hast du nichts erzählt? Tante Gertrud meinte, du seist völlig grün und am Ende!
Bin schon auf dem Weg der Besserung, Mama, antwortete ich munter. Die moderne Medizin wirkt Wunder.

Die Wahrheit habe ich lieber für mich behalten. Sollen sie weiter über mein schwaches Immunsystem als über meinen Charakter reden.

Die Lebensmittelfarbe war schnell abgewaschen, und Peter und ich verbrachten das Wochenende in aller Ruhe, bestellten Pizza und genossen jeden Zentimeter unserer kleinen, nun wieder herrlich freien Wohnung.

Mein Fazit? In einer engen Wohnung zählt nicht nur jeder Meter, sondern vor allem der Mut, seine Grenzen zu bewahren auch bei der Familie.

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Homy
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Verwandte vom Land besuchen uns für eine Woche zu fünft in unserer Einzimmerwohnung – und ich empfange sie komplett übersät mit grünen Flecken, als hätte ich Windpocken
Erwischt, Junge…