Also, ich muss dir mal eine Geschichte erzählen, die mir echt am Herzen liegt. Ich habe nämlich vor Kurzem entschieden, meine Töchter nicht mehr zu den großen Familienfesten mitzunehmen und das kam nicht einfach so, sondern nach Jahren, in denen ich gar nicht richtig gerafft habe, was da eigentlich abging.
Meine Mädels, die heißen übrigens Friederike und Mathilde, sind 14 und 12. Und seit sie klein sind, gabs immer diese scheinbar harmlosen Sprüche, die alle kennen:
Die isst aber viel.
Das steht ihr gar nicht.
In dem Alter sollte sie sich anders kleiden.
Sie muss ihr Gewicht früh im Blick haben.
Am Anfang hab ichs echt nicht ernst genommen, weißt du? Bei uns zu Hause in Frankfurt wurde eh immer ein bisschen grob geredet, vieles war so ein bisschen plump, typisch Familie halt. Ich dachte echt: Die meinens ja nicht böse, so sind sie einfach.
Die Mädchen waren noch klein, wussten nicht so richtig, wie sie sich wehren sollten. Sie haben nur brav genickt, den Blick gesenkt, manchmal höflich gelächelt. Ich hab gemerkt, dass sie sich unwohl fühlen, aber hab mir eingeredet, ich übertreibe, das gehöre doch dazu.
Natürlich gabs volle Tische, Gelächter, Fotos, Umarmungen aber eben auch diese Blicke, das ständige Vergleichen mit den Cousinen, unnötige Fragen. So Sprüche, die angeblich nur Spaß sein sollten.
Und am Ende vom Tag waren Friederike und Mathilde immer viel stiller als sonst.
Die Kommentare gingen leider nie weg, sie veränderten nur die Themen. Es ging nicht mehr nur ums Essen, sondern plötzlich ums Aussehen, Körper, Entwicklung:
Die ist schon ziemlich kurvig.
Die andere ist viel zu dünn.
So will die doch keiner.
Wenn sie so weitermacht, darf sie sich nicht wundern.
Keiner hat mal gefragt, wies ihnen eigentlich damit geht. Keinem war klar, dass das Mädchen sind, die zuhören und das alles speichern.
Richtig heftig wurdes, als sie in die Pubertät kamen.
Nach einem dieser Treffen hat Friederike zu mir gesagt:
Papa ich will da nicht mehr hin.
Sie hat mir erklärt, dass sie schon Tage vorher ein mieses Gefühl bekommt, sich zusammenreißt, hingeht, lächelt und danach fix und fertig zu Hause sitzt. Mathilde hat nur still genickt.
Da hab ichs zum ersten Mal wirklich verstanden: Das ging schon seit Jahren so. Und ich hab endlich angefangen, richtig hinzuschauen. Mir fielen immer mehr Szenen ein, mehr Sätze, mehr Gesten. Ich hab auch Geschichten von anderen gehört, die in Familien groß wurden, in denen angeblich alles nur fürs Gute gesagt wird. Da habe ich erst gemerkt, wie krass sowas das Selbstbewusstsein kaputt machen kann.
Dann hab ich mit meiner Frau, Claudia, gesprochen und wir waren uns einig:
Unsere Töchter gehen nicht mehr mit uns zu Treffen, bei denen sie sich nicht wohlfühlen. Und wir drängen sie auch nicht.
Wenn sie irgendwann Lust haben, selbst zu gehen können sie. Wenn nicht, passiert nichts Schlimmes.
Ihr seelisches Wohl ist uns wichtiger als jede Tradition.
Klar, einige Verwandte aus Hamburg und München haben schon gefragt:
Was ist los?
Warum kommen die Mädchen nicht mehr?
Ihr übertreibt.
Das war schon immer so.
Ihr dürft die Kinder nicht in Watte packen.
Ich hab einfach nichts erklärt. Hab keine Szene gemacht, keinen Streit angefangen. Ich nehme sie einfach nicht mehr mit. Manchmal sagt Schweigen alles.
Heute wissen meine Töchter, dass ihr Vater sie nie in eine Situation schickt, in der sie sich für ihre Gefühle schämen müssen, nur weil irgendwelche Meinungen als Sorge verpackt werden.
Ist vielleicht nicht für jeden verständlich.
Vielleicht denken manche, wir sind schwierig.
Aber ich will lieber der Vater sein, der eine Grenze zieht statt der Vater, der einfach zusieht, wie seine Kinder anfangen, sich selbst zu hassen, nur weil sie sich anpassen sollen.
Und jetzt frage ich dich: Hättest du auch so gehandelt? Was würdest du für dein Kind tun?





