Wie lange soll das denn noch so weitergehen? Katrin schleuderte das Geschirrtuch auf den Tisch. Ich bin schon seit einer Stunde von der Arbeit zurück, hatte nicht mal Zeit, mich umzuziehen!
Jetzt fang bloß nicht wieder an! Thomas stand im Türrahmen und versperrte den Durchgang. Meine Mutter ist doch bloß für fünf Minuten vorbeigekommen.
Fünf Minuten? Im Ernst? Katrin deutete auf den Berg mit schmutzigem Geschirr. Und die anderen zehn Leute sind nur zufällig alle mitgekommen? Jetzt echt?
Aus dem Wohnzimmer schallte lautes Lachen. Jemand drehte den Fernseher bis zum Anschlag auf.
Nun tu nicht so, als ob du nicht dazugehörst! Thomas verzog das Gesicht. Ist doch richtig gemütlich, spaßig sogar.
Dir machts Spaß, du hörst dir dort die Geschichten an und lachst dabei. Ich schneide derweil zum dritten Mal Kartoffelsalat! Katrin warf einen Blick auf den Kartoffelhaufen. Und das um neun Uhr abends. Ich habe morgen eine Präsentation, falls dich das interessiert.
Schon wieder deine Präsentation. So ein bisschen Bilder
Bilder? Katrin wurde rot vor Empörung. Das ist ein Millionenprojekt! Ich
Katrinchen! die honigsüße Stimme der Schwiegermutter ertönte. Warum geht das mit dem Salat so langsam? Die Leute warten doch.
Brigitte Schäfer tauchte in der Küchentür auf und strich sich das Haar zurecht.
Könnte man nicht wenigstens vorher Bescheid sagen, falls ihr vorbeikommen wollt? Katrin bemühte sich, ruhig zu bleiben.
Ach was, wozu denn? erwiderte Brigitte und griff sich ein Stück Gurke aus der Schüssel. Familie ist doch immer willkommen. In unserer Zeit das war so schön damals.
In Ihrer Zeit gabs aber noch keine Smartphones, murmelte Katrin.
Wie bitte? Brigitte blinzelte.
Ich sag, der Schnittsalat ist fertig, Katrin griff demonstrativ zum Messer, um die Wurst zu schneiden.
Tommy, wandte sich Brigitte ihrem Sohn zu. Deine Frau hat ja gar kein Gespür mehr für Gastfreundlichkeit. Kein Respekt vor Älteren
Mama, jetzt lass mal gut sein, Thomas trat von einem Fuß auf den anderen. Sie ist einfach nur müde.
Müde! schnaubte Brigitte. In ihrem Alter hab ich vier Kinder versorgt, gearbeitet, gekocht, gewaschen und nie gemeckert!
Wieder Jubelgeschrei aus dem Wohnzimmer. Jemand rief: Tommy, komm mal her, Wolfgang erzählt was!
Ach, das muss ich mir anhören! Thomas freute sich und verzog sich blitzschnell.
So ist das immer, knurrte Katrin seinem Rücken hinterher. Kaum gibts Verantwortung, verschwindet er.
Sprich gefälligst nicht so über deinen Mann! tadelte Brigitte. Sei froh, dass er dich überhaupt geheiratet hat, bei deinem Temperament
Katrin hörte schon nicht mehr zu. Sie blickte auf das Messer in der Hand, das Schneidebrett, die Tube Mayonnaise Da fiel ihr die Packung mit Tropfen ein, die sie heute früh in der Apotheke gekauft hatte
Wissen Sie was, Frau Schäfer? sagte sie langsam. Sie haben Recht. Ich richte gleich alles her. Das wird ein Abendessen, an das Sie sich noch lange erinnern werden.
Na endlich! strahlte Brigitte. Ich ruf gleich noch Gisela an, die wohnt ja um die Ecke.
Weißt du noch, Brigitte, letztes Mal hat Katrin den Eintopf versalzen? rief Tante Hannelore aus dem Wohnzimmer. Wir haben die ganze Nacht Wasser getrunken!
So war das! pflichtete Brigitte ihr bei, den Kopf aus der Küche streckend. Katrin kocht immer ganz speziell.
Katrin mischte schweigend den Salat und zählte innerlich bis zehn. Da klingelte es erneut an der Tür.
Das wird wohl Gisela sein! belebt sagte Brigitte. Tommy, kannst du mal aufmachen?
Ich bin beschäftigt! kam es aus dem Wohnzimmer. Katrin, kannst du mal?
Meine Hände sind schmutzig, knurrte Katrin.
Was bist du bloß für eine Ehefrau? jammerte Brigitte, und machte sich selbst auf den Weg zur Tür. Kannst deinem Mann nicht mal helfen?
Vor der Tür standen nicht nur Oma Gisela, sondern auch Thomas Schwester Marie mit ihrem Mann und den zwei Kindern.
Wir waren gerade in der Nähe, grinste Marie, schob die Jungs johlend in die Wohnung. Wollte mal nach meinem Brüderchen sehen.
Ihr seid natürlich einfach vorbei gegangen, brummelte Katrin, griff zur nächsten Mayonnaisepackung. Halb zehn am Abend.
Was murmelst du da wieder? drehte sich Brigitte sofort um.
Ich sagte, kommt alle ruhig rein, rief Katrin laut. Gleich ist alles fertig.
Sie zog die kleine Apothekerflasche aus der Tasche. Laut Beipackzettel würde die Wirkung nach ner guten Stunde einsetzen Hauptsache, niemand geht in der Zeit weit weg vom WC Katrin lächelte und goss ein Drittel der Flasche in den Salat.
Katrin, gibt es eigentlich auch warme Speisen? fragte Thomas in die Küche hinein. Die Jungs von Marie haben Hunger.
Na klar, sie nickte. Alles kommt gleich. Frikadellen, Kartoffelbrei, eine ganz besondere Soße heute.
Das ist meine Frau! freute sich Thomas. Im Moment kochst du sonst kaum noch.
Immer nur Arbeit, giftete Brigitte aus dem Flur. Nie kümmerst du dich ums Haus.
Dafür heute ganz besonders, Katrin rührte mit Nachdruck im Salat. Ihr werdet dieses Abendessen nie vergessen.
Wieder klingelte es an der Tür.
Oh, das werden sicher Wolfgang und Sabine sein! rief Thomas. Die hab ich auch eingeladen.
Katrin erstarrte mit dem Löffel in der Hand.
Hast du noch mehr eingeladen?
Na und? zuckte er die Schultern. Wenn schon alle da sind. Wolfgang meinte, seine Schwiegermutter ist auch gerade zu Besuch.
Katrin blickte auf die fast leere Tropfenflasche, dann auf den Salat, überschlug im Kopf die Anzahl der Gäste
Weißt du was, sagte sie, und holte noch eine Packung aus der Tasche, ich mache auch noch besondere Soße. Damit es für alle reicht.
Ganz genau! kam es aus dem Wohnzimmer. Was ist das für ein Abendessen ohne Soße?
Ohne Soße geht gar nicht, stimmte Katrin zu und träufelte sorgfältig die Tropfen hinein. Hauptsache, alle werden satt.
So, alle bitte an den Tisch! verkündete Brigitte feierlich. Schaut mal, wie Katrin sich heute Mühe gibt.
Die Verwandtschaft lärmte, sortierte sich um den verlängerten Esstisch. Die Jungs langten sofort beim Salat zu.
Wollen wir nicht erst das Warme servieren? schlug Katrin fürsorglich vor. Der Salat sollte noch etwas durchziehen.
Du verkomplizierst immer alles, Brigitte winkte ab. Lass die Kinder essen!
Genau, stimmte Tante Hannelore zu und häufte sich einen vollen Teller auf. Wir haben das früher auch nicht so pingelig genommen.
Keine Sorge, lächelte Katrin. Heute wirds ganz besonders.
Katrin, du isst gar nichts? fragte Thomas mit vollem Mund.
Ich habe auf der Arbeit gegessen, sie lehnte am Türrahmen. Und beim Kochen bin ich vom Duft schon satt geworden.
Schau mal einer an, nörgelte Marie. Jetzt isst sie schon nicht mal mehr mit uns. Immer diese Kreativ-Jobs
Apropos Job, warf Wolfgang ein. Kriegt ihr da echt Geld fürs Bilder malen? Hab ich noch nie verstanden
Katrin beobachtete schweigend, wie sich alle Nachschlag holten. Die Teller waren in Windeseile leer.
Echt lecker! schmatzte Oma Gisela. Endlich gelernt, ordentlich zu kochen. Sonst gabs immer nur neumodischen Quatsch.
So ist das, pflichtete Sabine, Wolfgangs Frau, bei. Erinnerst du dich an ihren Caesar-Salat neulich? Ich hatte den ganzen Abend Sodbrennen.
Heute gibts kein Sodbrennen, murmelte Katrin leise. Aber vielleicht andere neue Erlebnisse.
Wie bitte? fragte Brigitte nach.
Vielleicht etwas Musik? Für die Stimmung?
Gute Idee! ruft Thomas. Ich hole gleich die Box.
Er ging vom Tisch, blieb im Flur plötzlich stehen:
Katrin, du bist heute echt seltsam.
Alles bestens, zuckte sie die Schultern. Ich beobachte nur, wie ihr euch den Bauch vollschlagt. Für schlechte Zeiten, könnte man sagen.
Jetzt hör auf, er klopfte ihr auf die Schulter. Siehst du, allen schmeckts, sogar Mama lobt dich.
Hauptsache, es schmeckt allen, nickte Katrin. Übrigens, ich hab besonders für deine Mutter die Soße gemacht. Mit viel Liebe. Die soll sie unbedingt probieren.
Sie blickte auf die Uhr. Ihren Berechnungen nach sollten die ersten Effekte in etwa einer halben Stunde einsetzen. Perfekt, sobald alle satt und zufrieden waren.
Katrinchen, rief Brigitte. Gibts auch Tee?
Kommt sofort, Katrin holte ihre Tasche aus dem Flur. Ich muss nur jetzt ganz dringend weg. Arbeit, ein Notfall.
Wie, weggehen? Thomas war empört. Mitten im Familienessen? Um die Uhrzeit?
Was ist schon dabei? Zum ersten Mal an diesem Abend lächelte Katrin ehrlich. Ihr seid ja auch einfach ohne Vorwarnung gekommen, ich gehe halt ohne Vorwarnung. Eben typisch Familie.
Heutige Jugend, schwenkte Brigitte missmutig ab. Kein Respekt vor Traditionen!
Eine halbe Stunde später war Respekt das Geringste ihrer Sorgen
Tommy, mir ist schlecht, brummte Brigitte und hielt sich den Bauch.
Mir dreht sich auch schon was, murmelte Wolfgang, rutschte nervös auf dem Stuhl herum.
Ob das der Salat war? stammelte Tante Hannelore, bevor sie abrupt aufsprang und zum Bad stürzte.
Hey, wohin?! Marie hechtete hinterher. Ich war zuerst!
Wer zuerst?! empörte sich Sabine und drängelte sich an beiden vorbei. Ich muss wirklich…
Fünf Minuten später hatte sich eine Menschentraube im Flur gebildet. Die Warteschlange reichte bis in die Küche.
Mama, mir ist auch schlecht! wimmerten Maries Söhne.
Durchhalten! fauchte sie, von einem Bein auf das andere tretend. Brigitte, bist du bald fertig?
Ich bin erst gerade reingekommen! hallte es dumpf aus dem Bad, gemischt mit unappetitlichen Geräuschen.
So was gabs früher nicht, stöhnte Oma Gisela und lehnte an der Wand. Nie wäre uns das passiert
Thomas! schrie Brigitte aus der Toilette. Ruf sofort deine Frau an! Das ist ihre Kocherei!
Thomas schnappte sich das Handy, doch Katrin hob nicht ab. Nur eine Nachricht kam herein: Hoffe, das Abendessen war ein Erfolg. Die Nachbarn haben übrigens sicher auch ein Klo. Und Wolfgang wohnt doch auch gleich nebenan. Lauf, Familie, lauf! Vielleicht reichts ja.
Sie hat das extra gemacht?! japste Tante Hannelore, die sich den Mund zuhielt.
Mama, komm endlich raus! stöhnte Marie. Die ganze Familie wartet doch!
Es geht nicht! jaulte Brigitte. Was hat dieses Frauenzimmer nur angerichtet?!
Da klingelte es an der Tür. Die Nachbarin von oben stand da:
Bei euch alles in Ordnung? Bei mir wackelt schon der Kronleuchter
Ich kann nicht mehr, kam es aus der Schlange. Vielleicht Krankenwagen?
Krankenwagen?! keifte Thomas. Damit es gleich das ganze Haus weiß?
Und vor den Nachbarn blamieren ist besser? konterte Marie und versuchte, sich an Wolfgang vorbei zu schieben.
Thomas Handy piepte erneut. Eine Nachricht von Katrin: Hab fast vergessen morgen reiche ich die Scheidung ein.
Wie bitte, Scheidung?! kreischte Brigitte, die endlich aus der Toilette kam. Thomas! Das darf sie doch nicht!
Später! rief Wolfgang und stürmte als erster ins befreite Badezimmer. Jetzt gibts Wichtigeres!
Maries Kinder jaulten synchron. Sabine rief alle Nachbarn an. Oma Gisela schimpfte über die heutige Jugend. Und das Handy ließ weitere Nachrichten eintrudeln:
Macht euch keine Sorgen um meine Sachen hab sie vorhin schon geholt, als ihr so schön gefeiert habt. Guten Appetit weiterhin!
P.S.: Danke, Thomas, für das Lob meiner Bilder. Künftig bringe ich das Geld ganz für mich allein nach Hause. Und das Millionenprojekt habe ich übrigens gestern fertig gestellt. Keine Angst, arbeitslos werde ich nicht.
Du solltest dir wohl schnell eine neue Köchin suchen. Nur diesmal musst du selbst ran, für Restaurant reicht das Geld jetzt nicht mehr. Ich hab nämlich das ganze Konto abgeräumt war doch okay, wir sind ja Familie!
Die Warteschlange vorm Bad wuchs zusehends. Irgendwo weinte Marie: Die Nachbarn machen nicht auf!!!
Währenddessen saß Katrin in einem ruhigen Café am anderen Ende von München, nippte an ihrem Cappuccino und fühlte sich das erste Mal seit drei Jahren rundum glücklich.
Meine heutige Lektion? Es kann heilsam sein, endlich seine eigenen Grenzen zu setzen und manchmal führt ein bisschen Selbstachtung dazu, dass man wirklich wieder durchatmen kann.





