„Wie lange soll das denn noch so weitergehen?!“ – Lisa knallte das Geschirrtuch auf den Küchentisch. „Ich bin seit einer Stunde von der Arbeit zu Hause und hatte nicht mal Zeit, mich umzuziehen!“ „Wirklich, Lisa, jetzt fang nicht wieder an,“ blockierte Andreas den Küchendurchgang. „Mama ist doch nur mal für fünf Minuten vorbeigekommen.“ „Für fünf Minuten? Im Ernst?“ Lisa wies auf den Berg schmutzigen Geschirrs. „Und die restlichen zehn Leute sind auch einfach nur zufällig mitgekommen – alle auf einmal?“ Lautes Gelächter drang aus dem Wohnzimmer. Jemand drehte den Fernseher auf Maximum. „Nun stell dich nicht so an, als wärst du nicht Teil der Familie“, verzog Andreas das Gesicht. „Wir sitzen doch einfach nur nett zusammen und haben Spaß.“ „Du hast Spaß – hörst dir die Geschichten an, lachst. Und ich schnippel das dritte Mal einen Kartoffelsalat – um kurz vor neun am Abend! Übrigens: Morgen habe ich eine wichtige Präsentation.“ „Ach, immer diese Präsentationen. Bilder zeigen, wow …“ „Bilder?“ Lisa wurde knallrot vor Wut. „Das ist ein Millionenprojekt! Ich …“ „Liiisachen!“, rief Schwiegermutter Karin mit honigsüßer Stimme dazwischen, während sie sich den Pony aus dem Gesicht strich. „Warum dauert das mit dem Salat heute so lange? Die Leute warten!“ Karin stand im Küchenrahmen und griff mit der Hand in die Schüssel mit geschnittenen Gurken. „Sag mal, kann man euch vorher nicht wenigstens mal kurz Bescheid geben, wenn ihr mit dem halben Clan aufschlagt?“ versuchte Lisa ihre Stimme zu beruhigen. „Ach Gott, und warum das denn?“, winkte Karin ab und schnappte sich ein Stück. „Die Familie kommt zum Plausch. Früher haben wir das auch geschafft – ganz ohne Vorankündigung. Familienspiele!“ „Dafür gab’s früher aber noch keine Smartphones …“, murmelte Lisa. „Wie bitte?“ Karin schielte. „Nichts, der Salat ist fertig“, antwortete Lisa demonstrativ, griff nach dem Messer und machte sich an die Lyonerwurst. „Andreas,“, wandte sich Karin an ihren Sohn, „deine Frau entgleist langsam. Keine Gastfreundschaft, null Respekt gegenüber Älteren …“ „Mama, lass gut sein,“ Andreas wechselte verlegen das Bein. „Sie ist halt müde.“ „Müde!“, schnaubte Karin. „Ich hab in ihrem Alter vier Kinder gewuchtet, gearbeitet, gekocht, gewaschen. Und nie gejammert!“ Wieder gellte ein Lachanfall aus dem Wohnzimmer. „Andreas, komm mal, Tobias erzählt wieder einen Kracher!“ „Muss ich hören!“, freute sich Andreas und verschwand blitzartig. So läuft das immer, knurrte Lisa ihm hinterher. Kaum kommen unangenehme Fragen, sucht der feine Herr das Weite. „Rede nicht so über deinen Mann!“ erhob Karin ihre Stimme. „Und sei froh, dass er dich überhaupt geheiratet hat – bei deinem Temperament …“ Lisa schaltete auf Durchzug, betrachtete Messer, Schneidebrett, die Mayonnaisentube und erinnerte sich plötzlich an das kleine Fläschchen, das sie morgens in der Apotheke gekauft hatte … „Wissen Sie was, Frau Becker?“, sagte sie langsam. „Sie haben recht. Gleich ist alles fertig. So ein Abendessen werd’n Sie nie vergessen!“ „Na endlich!“, freute sich die Schwiegermutter. „Ich ruf gleich noch die Nachbarin an – sie wohnt ja ums Eck.“ „Und erinnerst du dich noch, Karin, wie deine Schwiegertochter beim letzten Mal den Reis versalzen hat? Die ganze Nacht mussten wir Wasser trinken!“, lachte Tante Renate aus dem Wohnzimmer. „Eben“, pflichtete Karin ihr bei, während sie um die Ecke spähte. „Lisa hat ihren ganz eigenen Kochstil – speziell.“ Lisa rührte schweigend den Salat um und zählte stumm bis zehn. Da klingelte es schon wieder. „Das ist bestimmt Sabine!“, jubelte Karin. „Andreas, gehst du bitte?“ „Ich hab grad zu tun!“, brüllte er aus dem Wohnzimmer. „Lisa? Machst du bitte auf?“ „Ich hab schmutzige Hände“, zischte Lisa. „Ach, was bist du für eine Ehefrau?!“, jammerte Karin und stapfte Richtung Tür. „Dem eigenen Mann nicht helfen!“ Vor der Tür standen nicht nur Oma Sabine, sondern auch Andreas’ Schwester Melanie samt Mann und Kindern. „Wir waren eh gerade hier in der Nähe“, grinste Melanie und bugsierte die lärmenden Jungs in die Wohnung. „Dachten, wir schauen schnell rein.“ „Alle nur zufällig hier …“, brummelte Lisa, reichte zur Mayonnaise. Es war halb zehn abends. „Was murmelst du da?“, schnappte Karin zurück. „Ich sag, setzt euch ruhig, gleich gibt’s Essen!“, rief Lisa laut. Sie zog das kleine Fläschchen aus dem Beutel. Wirkung nach etwa einer Stunde, stand in der Packungsbeilage, lieber nicht weit von Toilette oder Haus entfernen … Lisa lächelte – und kippte ein Drittel über den Salat. „Lisa, gibt’s auch was Warmes?“, lugte Andreas in die Küche. „Melanies Jungs haben Hunger.“ „Kommt alles“, nickte sie. „Koteletts, Kartoffelbrei, Soße – heute eine ganz besondere.“ „Genau so will ich das!“, freute sich Andreas. „In letzter Zeit hast du das Kochen eh schleifen lassen.“ „Sie arbeitet ja nur noch“, unterstellte Karin aus dem Flur. „Nie hat sie Zeit fürs Zuhause.“ „Heute gebe ich alles“, Lisa rührte im Salat, „so ein Abendessen vergisst keiner.“ Wieder läutete es. „Das sind bestimmt Tobias und Lena – die hab ich auch eingeladen“, rief Andreas. „Ach und Tobias’ Schwiegermama ist auch dabei, ist gerade zu Besuch.“ Lisa starrte auf die fast leere Flasche, dann auf den Salat, überlegte die Anzahl hungriger Gäste … „Weißt du was?“ Sie griff zur zweiten Packung. „Die Soße wird heute auch besonders, damit alle was davon haben.“ „So ist’s richtig!“, klang es aus dem Wohnzimmer. „Soße muss sein!“ „Ohne geht gar nicht“, pflichtete Lisa bei, während sie abmisste. „Wichtig ist, dass alle satt werden.“ „Kommt, Tisch ist gedeckt!“, verkündete Karin. „Schaut mal, was Lisa für uns vorbereitet hat!“ Die Familie schwirrte um den ausziehbaren Tisch. Die Jungs griffen sofort zum Salat. „Vielleicht erst das Hauptgericht?“, schlug Lisa fürsorglich vor. „Der Salat sollte noch ziehen …“ „Ach, was für ein Theater“, winkte Karin ab. „Lass die Kinder essen!“ „Genau“, sagte Tante Renate und füllte sich die ganze Schüssel. „Früher ging’s doch auch ohne Spezialtricks!“ „Diesmal wird’s auf jeden Fall besonders“, lächelte Lisa. „Lisa, warum isst du nicht?“, fragte Andreas. „Hab auf der Arbeit gegessen“, sie lehnte am Türrahmen. „Außerdem hab ich so viel gekocht, dass mir schon vom Geruch schlecht wird.“ „Na sieh mal einer an“, lästerte Melanie. „Will nicht mal mehr mit der Familie essen – immer nur Arbeit, Arbeit!“ „Thema Arbeit!“, mischte Tobias sich ein. „Bekommt ihr da wirklich Geld für Bilder malen? Lächerlich …“ Lisa beobachtete schweigend, wie alle sich Nachschlag holten. Die Teller leerten sich erschreckend schnell. „Hervorragend!“, schmatzte Oma Sabine. „Endlich kannst du kochen! Früher immer dieser neumodische Kram.“ „Ja genau“, höhnte Lena, Tobias’ Frau. „Weißt du noch, dein Caesar-Salat mit den Croutons? Danach hatte ich Magenbrennen!“ „Keine Sorge, heute bekommt keiner Sodbrennen“, sagte Lisa leise. „Heute wird das ein ganz anderes Gefühl.“ „Wie bitte?“, fragte Karin. „Soll ich Musik anmachen? Für Stimmung?“ „Na los!“, freute sich Andreas. „Ich hol die Box!“ Er stoppte im Türrahmen. „Lisa, heute bist du irgendwie komisch.“ „Ganz normal“, zuckte sie mit den Schultern. „Ich beobachte nur, wie ihr es euch gut gehen lasst – speichert diesen Abend gut ab!“ „Komm schon“, klopfte er ihr ermutigend auf die Schulter. „Alle sind zufrieden. Sogar Mama.“ „Das ist die Hauptsache“, nickte Lisa. „Ach übrigens, die Sauce hab ich extra für deine Mutter gemacht – mit ganz viel Liebe. Unbedingt probieren.“ Sie sah auf die Uhr. Nach ihrer Berechnung werden die ersten „Effekte“ in einer halben Stunde auftreten – genau, wenn alle satt und entspannt sind. „Lisa“, rief Karin, „was ist mit Tee?“ „Kommt!“, Lisa griff zur Tasche im Flur. „Ich muss jetzt dringend los – Notfall auf der Arbeit.“ „Was? Einfach so während des Familienessens?“ Andreas’ Stimme überschlug sich. „Kennst du die Uhrzeit?“ „Was ist los?“, zum ersten Mal an diesem Abend lächelte Lisa ehrlich. „Ihr kommt unangemeldet, ich gehe unangemeldet. Ganz familiengerecht.“ „Die Jugend von heute!“, wetterte Karin. „Kein Respekt vor Familienwerten!“ Doch eine halbe Stunde später war der Familienstolz vergessen … „Andreas, mir wird schlecht“, stöhnte Karin und hielt sich den Bauch. „Mir dreht sich’s auch“, verzog Tobias das Gesicht. „Liegt das etwa am Salat?“, vermutete Tante Renate, sprang aber mitten im Satz auf und hechtete Richtung Toilette. „Hey, wohin?!“, Melanie hechtete hinterher. „Ich bin zuerst!“ „Ach was, ich!“, rief Lena und versuchte, sie zu überholen. „Bei mir ist wirklich …“ Schon nach fünf Minuten entstand lautstarkes Gedränge im Flur. Die Warteschlange zum Bad zog sich bis in die Küche. „Mama, mir ist auch schlecht!“, jammerten Melanies Kinder. „Wartet bitte!“, keifte sie, unruhig hüpfend. „Karin, wie lange brauchst du noch?“ „Ich bin gerade erst rein!“, schallte es von drinnen, begleitet von Kanonenschlägen. „Unfassbar“, stöhnte Oma Sabine, lehnte kreidebleich an der Wand. „Früher gab’s so was nicht …“ „Andreas!“, rief Karin aus dem Bad. „Ruf SOFORT deine Frau an! Das ist alles ihr Kochkunstdurcheinander!“ Andreas griff zum Handy, aber Lisa nahm nicht ab. Stattdessen: „Hoffe, das Essen hat euch geschmeckt. Die Nachbarn haben übrigens auch ein Klo. Tobias wohnt ja ums Eck. Rennt, Familie – vielleicht schafft ihr’s noch.“ „Sie hat das extra gemacht!“, schnappte Tante Renate und hielt sich den Mund zu. „Mama, beeil dich!“, flehte Melanie. „Hier wartet die ganze Wohnung!“ „Ich kann nicht!“, jammerte Karin. „Was hat diese Hexe bloß ins Essen getan?!“ Genau in dem Moment klingelte es. Die Nachbarin von oben stand an der Tür. „Ist bei euch alles okay? Meine Deckenlampe zittert!“ „Ich kann nicht mehr!“, japste jemand aus der Toilette-Schlange. „Sollen wir den Notarzt rufen?“ „Notarzt?!“, kreischte Andreas. „Damit die Nachbarn alles mitkriegen?“ „Lieber schämen als …“, entgegnete Melanie, versuchte Tobias vom Bad wegzuschieben. Andreas’ Handy piepste erneut. Lisas Nachricht: „Hab ich fast vergessen – morgen reiche ich die Scheidung ein.“ „WAS heißt Scheidung?!“, kreischte Karin endlich aus dem Bad. „Andreas, das kann sie nicht einfach machen!“ „Darum kümmern wir uns später!“, donnerte Tobias und sprintete als Erster in die freie Toilette. „Jetzt haben wir andere Probleme!“ Melanies Jungs wimmerten synchron. Lena telefonierte durch die Nachbarschaft, Oma Sabine klagte über die Jugend, und das Handy piepste weiter: „Keine Sorge um meine Sachen, hab alles mitgenommen, während ihr das Festessen genossen habt. Guten Appetit noch!“ „P.S.: Besonders lustig fand ich es, Andreas, wie du meine ‚Bilder‘ runtergemacht hast. Die bringen jetzt nur noch mir Geld. Das Millionenprojekt hab ich übrigens gestern abgegeben. Und – keine Sorge – mir wird’s nie an Arbeit fehlen. Du aber kannst jetzt eine neue Köchin für deinen wundervollen Clan suchen – nur dumm, dass fürs Restaurant kein Geld mehr übrig ist. Hab die Konten geleert. Macht aber nichts – wir sind ja Familie!“ Die Toilettenschlange wollte nicht enden. Melanie kreischte: „Die Nachbarn machen nicht auf!!!“ Lisa saß unterdessen in einem gemütlichen Eckcafé am andern Ende Münchens, nippte an ihrem Cappuccino und war zum ersten Mal seit drei Jahren einfach nur glücklich. Familienfest à la Lisa: Wenn die Schwiegerfamilie ungefragt einzieht und der Salat seine ganz eigene Wirkung entfaltet

Wie lange soll das denn noch so weitergehen? Katrin schleuderte das Geschirrtuch auf den Tisch. Ich bin schon seit einer Stunde von der Arbeit zurück, hatte nicht mal Zeit, mich umzuziehen!

Jetzt fang bloß nicht wieder an! Thomas stand im Türrahmen und versperrte den Durchgang. Meine Mutter ist doch bloß für fünf Minuten vorbeigekommen.

Fünf Minuten? Im Ernst? Katrin deutete auf den Berg mit schmutzigem Geschirr. Und die anderen zehn Leute sind nur zufällig alle mitgekommen? Jetzt echt?

Aus dem Wohnzimmer schallte lautes Lachen. Jemand drehte den Fernseher bis zum Anschlag auf.

Nun tu nicht so, als ob du nicht dazugehörst! Thomas verzog das Gesicht. Ist doch richtig gemütlich, spaßig sogar.

Dir machts Spaß, du hörst dir dort die Geschichten an und lachst dabei. Ich schneide derweil zum dritten Mal Kartoffelsalat! Katrin warf einen Blick auf den Kartoffelhaufen. Und das um neun Uhr abends. Ich habe morgen eine Präsentation, falls dich das interessiert.

Schon wieder deine Präsentation. So ein bisschen Bilder

Bilder? Katrin wurde rot vor Empörung. Das ist ein Millionenprojekt! Ich

Katrinchen! die honigsüße Stimme der Schwiegermutter ertönte. Warum geht das mit dem Salat so langsam? Die Leute warten doch.

Brigitte Schäfer tauchte in der Küchentür auf und strich sich das Haar zurecht.

Könnte man nicht wenigstens vorher Bescheid sagen, falls ihr vorbeikommen wollt? Katrin bemühte sich, ruhig zu bleiben.

Ach was, wozu denn? erwiderte Brigitte und griff sich ein Stück Gurke aus der Schüssel. Familie ist doch immer willkommen. In unserer Zeit das war so schön damals.

In Ihrer Zeit gabs aber noch keine Smartphones, murmelte Katrin.

Wie bitte? Brigitte blinzelte.

Ich sag, der Schnittsalat ist fertig, Katrin griff demonstrativ zum Messer, um die Wurst zu schneiden.

Tommy, wandte sich Brigitte ihrem Sohn zu. Deine Frau hat ja gar kein Gespür mehr für Gastfreundlichkeit. Kein Respekt vor Älteren

Mama, jetzt lass mal gut sein, Thomas trat von einem Fuß auf den anderen. Sie ist einfach nur müde.

Müde! schnaubte Brigitte. In ihrem Alter hab ich vier Kinder versorgt, gearbeitet, gekocht, gewaschen und nie gemeckert!

Wieder Jubelgeschrei aus dem Wohnzimmer. Jemand rief: Tommy, komm mal her, Wolfgang erzählt was!

Ach, das muss ich mir anhören! Thomas freute sich und verzog sich blitzschnell.

So ist das immer, knurrte Katrin seinem Rücken hinterher. Kaum gibts Verantwortung, verschwindet er.

Sprich gefälligst nicht so über deinen Mann! tadelte Brigitte. Sei froh, dass er dich überhaupt geheiratet hat, bei deinem Temperament

Katrin hörte schon nicht mehr zu. Sie blickte auf das Messer in der Hand, das Schneidebrett, die Tube Mayonnaise Da fiel ihr die Packung mit Tropfen ein, die sie heute früh in der Apotheke gekauft hatte

Wissen Sie was, Frau Schäfer? sagte sie langsam. Sie haben Recht. Ich richte gleich alles her. Das wird ein Abendessen, an das Sie sich noch lange erinnern werden.

Na endlich! strahlte Brigitte. Ich ruf gleich noch Gisela an, die wohnt ja um die Ecke.

Weißt du noch, Brigitte, letztes Mal hat Katrin den Eintopf versalzen? rief Tante Hannelore aus dem Wohnzimmer. Wir haben die ganze Nacht Wasser getrunken!

So war das! pflichtete Brigitte ihr bei, den Kopf aus der Küche streckend. Katrin kocht immer ganz speziell.

Katrin mischte schweigend den Salat und zählte innerlich bis zehn. Da klingelte es erneut an der Tür.

Das wird wohl Gisela sein! belebt sagte Brigitte. Tommy, kannst du mal aufmachen?

Ich bin beschäftigt! kam es aus dem Wohnzimmer. Katrin, kannst du mal?

Meine Hände sind schmutzig, knurrte Katrin.

Was bist du bloß für eine Ehefrau? jammerte Brigitte, und machte sich selbst auf den Weg zur Tür. Kannst deinem Mann nicht mal helfen?

Vor der Tür standen nicht nur Oma Gisela, sondern auch Thomas Schwester Marie mit ihrem Mann und den zwei Kindern.

Wir waren gerade in der Nähe, grinste Marie, schob die Jungs johlend in die Wohnung. Wollte mal nach meinem Brüderchen sehen.

Ihr seid natürlich einfach vorbei gegangen, brummelte Katrin, griff zur nächsten Mayonnaisepackung. Halb zehn am Abend.

Was murmelst du da wieder? drehte sich Brigitte sofort um.

Ich sagte, kommt alle ruhig rein, rief Katrin laut. Gleich ist alles fertig.

Sie zog die kleine Apothekerflasche aus der Tasche. Laut Beipackzettel würde die Wirkung nach ner guten Stunde einsetzen Hauptsache, niemand geht in der Zeit weit weg vom WC Katrin lächelte und goss ein Drittel der Flasche in den Salat.

Katrin, gibt es eigentlich auch warme Speisen? fragte Thomas in die Küche hinein. Die Jungs von Marie haben Hunger.

Na klar, sie nickte. Alles kommt gleich. Frikadellen, Kartoffelbrei, eine ganz besondere Soße heute.

Das ist meine Frau! freute sich Thomas. Im Moment kochst du sonst kaum noch.

Immer nur Arbeit, giftete Brigitte aus dem Flur. Nie kümmerst du dich ums Haus.

Dafür heute ganz besonders, Katrin rührte mit Nachdruck im Salat. Ihr werdet dieses Abendessen nie vergessen.

Wieder klingelte es an der Tür.

Oh, das werden sicher Wolfgang und Sabine sein! rief Thomas. Die hab ich auch eingeladen.

Katrin erstarrte mit dem Löffel in der Hand.

Hast du noch mehr eingeladen?

Na und? zuckte er die Schultern. Wenn schon alle da sind. Wolfgang meinte, seine Schwiegermutter ist auch gerade zu Besuch.

Katrin blickte auf die fast leere Tropfenflasche, dann auf den Salat, überschlug im Kopf die Anzahl der Gäste

Weißt du was, sagte sie, und holte noch eine Packung aus der Tasche, ich mache auch noch besondere Soße. Damit es für alle reicht.

Ganz genau! kam es aus dem Wohnzimmer. Was ist das für ein Abendessen ohne Soße?

Ohne Soße geht gar nicht, stimmte Katrin zu und träufelte sorgfältig die Tropfen hinein. Hauptsache, alle werden satt.

So, alle bitte an den Tisch! verkündete Brigitte feierlich. Schaut mal, wie Katrin sich heute Mühe gibt.

Die Verwandtschaft lärmte, sortierte sich um den verlängerten Esstisch. Die Jungs langten sofort beim Salat zu.

Wollen wir nicht erst das Warme servieren? schlug Katrin fürsorglich vor. Der Salat sollte noch etwas durchziehen.

Du verkomplizierst immer alles, Brigitte winkte ab. Lass die Kinder essen!

Genau, stimmte Tante Hannelore zu und häufte sich einen vollen Teller auf. Wir haben das früher auch nicht so pingelig genommen.

Keine Sorge, lächelte Katrin. Heute wirds ganz besonders.

Katrin, du isst gar nichts? fragte Thomas mit vollem Mund.

Ich habe auf der Arbeit gegessen, sie lehnte am Türrahmen. Und beim Kochen bin ich vom Duft schon satt geworden.

Schau mal einer an, nörgelte Marie. Jetzt isst sie schon nicht mal mehr mit uns. Immer diese Kreativ-Jobs

Apropos Job, warf Wolfgang ein. Kriegt ihr da echt Geld fürs Bilder malen? Hab ich noch nie verstanden

Katrin beobachtete schweigend, wie sich alle Nachschlag holten. Die Teller waren in Windeseile leer.

Echt lecker! schmatzte Oma Gisela. Endlich gelernt, ordentlich zu kochen. Sonst gabs immer nur neumodischen Quatsch.

So ist das, pflichtete Sabine, Wolfgangs Frau, bei. Erinnerst du dich an ihren Caesar-Salat neulich? Ich hatte den ganzen Abend Sodbrennen.

Heute gibts kein Sodbrennen, murmelte Katrin leise. Aber vielleicht andere neue Erlebnisse.

Wie bitte? fragte Brigitte nach.

Vielleicht etwas Musik? Für die Stimmung?

Gute Idee! ruft Thomas. Ich hole gleich die Box.

Er ging vom Tisch, blieb im Flur plötzlich stehen:

Katrin, du bist heute echt seltsam.

Alles bestens, zuckte sie die Schultern. Ich beobachte nur, wie ihr euch den Bauch vollschlagt. Für schlechte Zeiten, könnte man sagen.

Jetzt hör auf, er klopfte ihr auf die Schulter. Siehst du, allen schmeckts, sogar Mama lobt dich.

Hauptsache, es schmeckt allen, nickte Katrin. Übrigens, ich hab besonders für deine Mutter die Soße gemacht. Mit viel Liebe. Die soll sie unbedingt probieren.

Sie blickte auf die Uhr. Ihren Berechnungen nach sollten die ersten Effekte in etwa einer halben Stunde einsetzen. Perfekt, sobald alle satt und zufrieden waren.

Katrinchen, rief Brigitte. Gibts auch Tee?

Kommt sofort, Katrin holte ihre Tasche aus dem Flur. Ich muss nur jetzt ganz dringend weg. Arbeit, ein Notfall.

Wie, weggehen? Thomas war empört. Mitten im Familienessen? Um die Uhrzeit?

Was ist schon dabei? Zum ersten Mal an diesem Abend lächelte Katrin ehrlich. Ihr seid ja auch einfach ohne Vorwarnung gekommen, ich gehe halt ohne Vorwarnung. Eben typisch Familie.

Heutige Jugend, schwenkte Brigitte missmutig ab. Kein Respekt vor Traditionen!

Eine halbe Stunde später war Respekt das Geringste ihrer Sorgen

Tommy, mir ist schlecht, brummte Brigitte und hielt sich den Bauch.

Mir dreht sich auch schon was, murmelte Wolfgang, rutschte nervös auf dem Stuhl herum.

Ob das der Salat war? stammelte Tante Hannelore, bevor sie abrupt aufsprang und zum Bad stürzte.

Hey, wohin?! Marie hechtete hinterher. Ich war zuerst!

Wer zuerst?! empörte sich Sabine und drängelte sich an beiden vorbei. Ich muss wirklich…

Fünf Minuten später hatte sich eine Menschentraube im Flur gebildet. Die Warteschlange reichte bis in die Küche.

Mama, mir ist auch schlecht! wimmerten Maries Söhne.

Durchhalten! fauchte sie, von einem Bein auf das andere tretend. Brigitte, bist du bald fertig?

Ich bin erst gerade reingekommen! hallte es dumpf aus dem Bad, gemischt mit unappetitlichen Geräuschen.

So was gabs früher nicht, stöhnte Oma Gisela und lehnte an der Wand. Nie wäre uns das passiert

Thomas! schrie Brigitte aus der Toilette. Ruf sofort deine Frau an! Das ist ihre Kocherei!

Thomas schnappte sich das Handy, doch Katrin hob nicht ab. Nur eine Nachricht kam herein: Hoffe, das Abendessen war ein Erfolg. Die Nachbarn haben übrigens sicher auch ein Klo. Und Wolfgang wohnt doch auch gleich nebenan. Lauf, Familie, lauf! Vielleicht reichts ja.

Sie hat das extra gemacht?! japste Tante Hannelore, die sich den Mund zuhielt.

Mama, komm endlich raus! stöhnte Marie. Die ganze Familie wartet doch!

Es geht nicht! jaulte Brigitte. Was hat dieses Frauenzimmer nur angerichtet?!

Da klingelte es an der Tür. Die Nachbarin von oben stand da:

Bei euch alles in Ordnung? Bei mir wackelt schon der Kronleuchter

Ich kann nicht mehr, kam es aus der Schlange. Vielleicht Krankenwagen?

Krankenwagen?! keifte Thomas. Damit es gleich das ganze Haus weiß?

Und vor den Nachbarn blamieren ist besser? konterte Marie und versuchte, sich an Wolfgang vorbei zu schieben.

Thomas Handy piepte erneut. Eine Nachricht von Katrin: Hab fast vergessen morgen reiche ich die Scheidung ein.

Wie bitte, Scheidung?! kreischte Brigitte, die endlich aus der Toilette kam. Thomas! Das darf sie doch nicht!

Später! rief Wolfgang und stürmte als erster ins befreite Badezimmer. Jetzt gibts Wichtigeres!

Maries Kinder jaulten synchron. Sabine rief alle Nachbarn an. Oma Gisela schimpfte über die heutige Jugend. Und das Handy ließ weitere Nachrichten eintrudeln:

Macht euch keine Sorgen um meine Sachen hab sie vorhin schon geholt, als ihr so schön gefeiert habt. Guten Appetit weiterhin!

P.S.: Danke, Thomas, für das Lob meiner Bilder. Künftig bringe ich das Geld ganz für mich allein nach Hause. Und das Millionenprojekt habe ich übrigens gestern fertig gestellt. Keine Angst, arbeitslos werde ich nicht.

Du solltest dir wohl schnell eine neue Köchin suchen. Nur diesmal musst du selbst ran, für Restaurant reicht das Geld jetzt nicht mehr. Ich hab nämlich das ganze Konto abgeräumt war doch okay, wir sind ja Familie!

Die Warteschlange vorm Bad wuchs zusehends. Irgendwo weinte Marie: Die Nachbarn machen nicht auf!!!

Währenddessen saß Katrin in einem ruhigen Café am anderen Ende von München, nippte an ihrem Cappuccino und fühlte sich das erste Mal seit drei Jahren rundum glücklich.

Meine heutige Lektion? Es kann heilsam sein, endlich seine eigenen Grenzen zu setzen und manchmal führt ein bisschen Selbstachtung dazu, dass man wirklich wieder durchatmen kann.

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Homy
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„Wie lange soll das denn noch so weitergehen?!“ – Lisa knallte das Geschirrtuch auf den Küchentisch. „Ich bin seit einer Stunde von der Arbeit zu Hause und hatte nicht mal Zeit, mich umzuziehen!“ „Wirklich, Lisa, jetzt fang nicht wieder an,“ blockierte Andreas den Küchendurchgang. „Mama ist doch nur mal für fünf Minuten vorbeigekommen.“ „Für fünf Minuten? Im Ernst?“ Lisa wies auf den Berg schmutzigen Geschirrs. „Und die restlichen zehn Leute sind auch einfach nur zufällig mitgekommen – alle auf einmal?“ Lautes Gelächter drang aus dem Wohnzimmer. Jemand drehte den Fernseher auf Maximum. „Nun stell dich nicht so an, als wärst du nicht Teil der Familie“, verzog Andreas das Gesicht. „Wir sitzen doch einfach nur nett zusammen und haben Spaß.“ „Du hast Spaß – hörst dir die Geschichten an, lachst. Und ich schnippel das dritte Mal einen Kartoffelsalat – um kurz vor neun am Abend! Übrigens: Morgen habe ich eine wichtige Präsentation.“ „Ach, immer diese Präsentationen. Bilder zeigen, wow …“ „Bilder?“ Lisa wurde knallrot vor Wut. „Das ist ein Millionenprojekt! Ich …“ „Liiisachen!“, rief Schwiegermutter Karin mit honigsüßer Stimme dazwischen, während sie sich den Pony aus dem Gesicht strich. „Warum dauert das mit dem Salat heute so lange? Die Leute warten!“ Karin stand im Küchenrahmen und griff mit der Hand in die Schüssel mit geschnittenen Gurken. „Sag mal, kann man euch vorher nicht wenigstens mal kurz Bescheid geben, wenn ihr mit dem halben Clan aufschlagt?“ versuchte Lisa ihre Stimme zu beruhigen. „Ach Gott, und warum das denn?“, winkte Karin ab und schnappte sich ein Stück. „Die Familie kommt zum Plausch. Früher haben wir das auch geschafft – ganz ohne Vorankündigung. Familienspiele!“ „Dafür gab’s früher aber noch keine Smartphones …“, murmelte Lisa. „Wie bitte?“ Karin schielte. „Nichts, der Salat ist fertig“, antwortete Lisa demonstrativ, griff nach dem Messer und machte sich an die Lyonerwurst. „Andreas,“, wandte sich Karin an ihren Sohn, „deine Frau entgleist langsam. Keine Gastfreundschaft, null Respekt gegenüber Älteren …“ „Mama, lass gut sein,“ Andreas wechselte verlegen das Bein. „Sie ist halt müde.“ „Müde!“, schnaubte Karin. „Ich hab in ihrem Alter vier Kinder gewuchtet, gearbeitet, gekocht, gewaschen. Und nie gejammert!“ Wieder gellte ein Lachanfall aus dem Wohnzimmer. „Andreas, komm mal, Tobias erzählt wieder einen Kracher!“ „Muss ich hören!“, freute sich Andreas und verschwand blitzartig. So läuft das immer, knurrte Lisa ihm hinterher. Kaum kommen unangenehme Fragen, sucht der feine Herr das Weite. „Rede nicht so über deinen Mann!“ erhob Karin ihre Stimme. „Und sei froh, dass er dich überhaupt geheiratet hat – bei deinem Temperament …“ Lisa schaltete auf Durchzug, betrachtete Messer, Schneidebrett, die Mayonnaisentube und erinnerte sich plötzlich an das kleine Fläschchen, das sie morgens in der Apotheke gekauft hatte … „Wissen Sie was, Frau Becker?“, sagte sie langsam. „Sie haben recht. Gleich ist alles fertig. So ein Abendessen werd’n Sie nie vergessen!“ „Na endlich!“, freute sich die Schwiegermutter. „Ich ruf gleich noch die Nachbarin an – sie wohnt ja ums Eck.“ „Und erinnerst du dich noch, Karin, wie deine Schwiegertochter beim letzten Mal den Reis versalzen hat? Die ganze Nacht mussten wir Wasser trinken!“, lachte Tante Renate aus dem Wohnzimmer. „Eben“, pflichtete Karin ihr bei, während sie um die Ecke spähte. „Lisa hat ihren ganz eigenen Kochstil – speziell.“ Lisa rührte schweigend den Salat um und zählte stumm bis zehn. Da klingelte es schon wieder. „Das ist bestimmt Sabine!“, jubelte Karin. „Andreas, gehst du bitte?“ „Ich hab grad zu tun!“, brüllte er aus dem Wohnzimmer. „Lisa? Machst du bitte auf?“ „Ich hab schmutzige Hände“, zischte Lisa. „Ach, was bist du für eine Ehefrau?!“, jammerte Karin und stapfte Richtung Tür. „Dem eigenen Mann nicht helfen!“ Vor der Tür standen nicht nur Oma Sabine, sondern auch Andreas’ Schwester Melanie samt Mann und Kindern. „Wir waren eh gerade hier in der Nähe“, grinste Melanie und bugsierte die lärmenden Jungs in die Wohnung. „Dachten, wir schauen schnell rein.“ „Alle nur zufällig hier …“, brummelte Lisa, reichte zur Mayonnaise. Es war halb zehn abends. „Was murmelst du da?“, schnappte Karin zurück. „Ich sag, setzt euch ruhig, gleich gibt’s Essen!“, rief Lisa laut. Sie zog das kleine Fläschchen aus dem Beutel. Wirkung nach etwa einer Stunde, stand in der Packungsbeilage, lieber nicht weit von Toilette oder Haus entfernen … Lisa lächelte – und kippte ein Drittel über den Salat. „Lisa, gibt’s auch was Warmes?“, lugte Andreas in die Küche. „Melanies Jungs haben Hunger.“ „Kommt alles“, nickte sie. „Koteletts, Kartoffelbrei, Soße – heute eine ganz besondere.“ „Genau so will ich das!“, freute sich Andreas. „In letzter Zeit hast du das Kochen eh schleifen lassen.“ „Sie arbeitet ja nur noch“, unterstellte Karin aus dem Flur. „Nie hat sie Zeit fürs Zuhause.“ „Heute gebe ich alles“, Lisa rührte im Salat, „so ein Abendessen vergisst keiner.“ Wieder läutete es. „Das sind bestimmt Tobias und Lena – die hab ich auch eingeladen“, rief Andreas. „Ach und Tobias’ Schwiegermama ist auch dabei, ist gerade zu Besuch.“ Lisa starrte auf die fast leere Flasche, dann auf den Salat, überlegte die Anzahl hungriger Gäste … „Weißt du was?“ Sie griff zur zweiten Packung. „Die Soße wird heute auch besonders, damit alle was davon haben.“ „So ist’s richtig!“, klang es aus dem Wohnzimmer. „Soße muss sein!“ „Ohne geht gar nicht“, pflichtete Lisa bei, während sie abmisste. „Wichtig ist, dass alle satt werden.“ „Kommt, Tisch ist gedeckt!“, verkündete Karin. „Schaut mal, was Lisa für uns vorbereitet hat!“ Die Familie schwirrte um den ausziehbaren Tisch. Die Jungs griffen sofort zum Salat. „Vielleicht erst das Hauptgericht?“, schlug Lisa fürsorglich vor. „Der Salat sollte noch ziehen …“ „Ach, was für ein Theater“, winkte Karin ab. „Lass die Kinder essen!“ „Genau“, sagte Tante Renate und füllte sich die ganze Schüssel. „Früher ging’s doch auch ohne Spezialtricks!“ „Diesmal wird’s auf jeden Fall besonders“, lächelte Lisa. „Lisa, warum isst du nicht?“, fragte Andreas. „Hab auf der Arbeit gegessen“, sie lehnte am Türrahmen. „Außerdem hab ich so viel gekocht, dass mir schon vom Geruch schlecht wird.“ „Na sieh mal einer an“, lästerte Melanie. „Will nicht mal mehr mit der Familie essen – immer nur Arbeit, Arbeit!“ „Thema Arbeit!“, mischte Tobias sich ein. „Bekommt ihr da wirklich Geld für Bilder malen? Lächerlich …“ Lisa beobachtete schweigend, wie alle sich Nachschlag holten. Die Teller leerten sich erschreckend schnell. „Hervorragend!“, schmatzte Oma Sabine. „Endlich kannst du kochen! Früher immer dieser neumodische Kram.“ „Ja genau“, höhnte Lena, Tobias’ Frau. „Weißt du noch, dein Caesar-Salat mit den Croutons? Danach hatte ich Magenbrennen!“ „Keine Sorge, heute bekommt keiner Sodbrennen“, sagte Lisa leise. „Heute wird das ein ganz anderes Gefühl.“ „Wie bitte?“, fragte Karin. „Soll ich Musik anmachen? Für Stimmung?“ „Na los!“, freute sich Andreas. „Ich hol die Box!“ Er stoppte im Türrahmen. „Lisa, heute bist du irgendwie komisch.“ „Ganz normal“, zuckte sie mit den Schultern. „Ich beobachte nur, wie ihr es euch gut gehen lasst – speichert diesen Abend gut ab!“ „Komm schon“, klopfte er ihr ermutigend auf die Schulter. „Alle sind zufrieden. Sogar Mama.“ „Das ist die Hauptsache“, nickte Lisa. „Ach übrigens, die Sauce hab ich extra für deine Mutter gemacht – mit ganz viel Liebe. Unbedingt probieren.“ Sie sah auf die Uhr. Nach ihrer Berechnung werden die ersten „Effekte“ in einer halben Stunde auftreten – genau, wenn alle satt und entspannt sind. „Lisa“, rief Karin, „was ist mit Tee?“ „Kommt!“, Lisa griff zur Tasche im Flur. „Ich muss jetzt dringend los – Notfall auf der Arbeit.“ „Was? Einfach so während des Familienessens?“ Andreas’ Stimme überschlug sich. „Kennst du die Uhrzeit?“ „Was ist los?“, zum ersten Mal an diesem Abend lächelte Lisa ehrlich. „Ihr kommt unangemeldet, ich gehe unangemeldet. Ganz familiengerecht.“ „Die Jugend von heute!“, wetterte Karin. „Kein Respekt vor Familienwerten!“ Doch eine halbe Stunde später war der Familienstolz vergessen … „Andreas, mir wird schlecht“, stöhnte Karin und hielt sich den Bauch. „Mir dreht sich’s auch“, verzog Tobias das Gesicht. „Liegt das etwa am Salat?“, vermutete Tante Renate, sprang aber mitten im Satz auf und hechtete Richtung Toilette. „Hey, wohin?!“, Melanie hechtete hinterher. „Ich bin zuerst!“ „Ach was, ich!“, rief Lena und versuchte, sie zu überholen. „Bei mir ist wirklich …“ Schon nach fünf Minuten entstand lautstarkes Gedränge im Flur. Die Warteschlange zum Bad zog sich bis in die Küche. „Mama, mir ist auch schlecht!“, jammerten Melanies Kinder. „Wartet bitte!“, keifte sie, unruhig hüpfend. „Karin, wie lange brauchst du noch?“ „Ich bin gerade erst rein!“, schallte es von drinnen, begleitet von Kanonenschlägen. „Unfassbar“, stöhnte Oma Sabine, lehnte kreidebleich an der Wand. „Früher gab’s so was nicht …“ „Andreas!“, rief Karin aus dem Bad. „Ruf SOFORT deine Frau an! Das ist alles ihr Kochkunstdurcheinander!“ Andreas griff zum Handy, aber Lisa nahm nicht ab. Stattdessen: „Hoffe, das Essen hat euch geschmeckt. Die Nachbarn haben übrigens auch ein Klo. Tobias wohnt ja ums Eck. Rennt, Familie – vielleicht schafft ihr’s noch.“ „Sie hat das extra gemacht!“, schnappte Tante Renate und hielt sich den Mund zu. „Mama, beeil dich!“, flehte Melanie. „Hier wartet die ganze Wohnung!“ „Ich kann nicht!“, jammerte Karin. „Was hat diese Hexe bloß ins Essen getan?!“ Genau in dem Moment klingelte es. Die Nachbarin von oben stand an der Tür. „Ist bei euch alles okay? Meine Deckenlampe zittert!“ „Ich kann nicht mehr!“, japste jemand aus der Toilette-Schlange. „Sollen wir den Notarzt rufen?“ „Notarzt?!“, kreischte Andreas. „Damit die Nachbarn alles mitkriegen?“ „Lieber schämen als …“, entgegnete Melanie, versuchte Tobias vom Bad wegzuschieben. Andreas’ Handy piepste erneut. Lisas Nachricht: „Hab ich fast vergessen – morgen reiche ich die Scheidung ein.“ „WAS heißt Scheidung?!“, kreischte Karin endlich aus dem Bad. „Andreas, das kann sie nicht einfach machen!“ „Darum kümmern wir uns später!“, donnerte Tobias und sprintete als Erster in die freie Toilette. „Jetzt haben wir andere Probleme!“ Melanies Jungs wimmerten synchron. Lena telefonierte durch die Nachbarschaft, Oma Sabine klagte über die Jugend, und das Handy piepste weiter: „Keine Sorge um meine Sachen, hab alles mitgenommen, während ihr das Festessen genossen habt. Guten Appetit noch!“ „P.S.: Besonders lustig fand ich es, Andreas, wie du meine ‚Bilder‘ runtergemacht hast. Die bringen jetzt nur noch mir Geld. Das Millionenprojekt hab ich übrigens gestern abgegeben. Und – keine Sorge – mir wird’s nie an Arbeit fehlen. Du aber kannst jetzt eine neue Köchin für deinen wundervollen Clan suchen – nur dumm, dass fürs Restaurant kein Geld mehr übrig ist. Hab die Konten geleert. Macht aber nichts – wir sind ja Familie!“ Die Toilettenschlange wollte nicht enden. Melanie kreischte: „Die Nachbarn machen nicht auf!!!“ Lisa saß unterdessen in einem gemütlichen Eckcafé am andern Ende Münchens, nippte an ihrem Cappuccino und war zum ersten Mal seit drei Jahren einfach nur glücklich. Familienfest à la Lisa: Wenn die Schwiegerfamilie ungefragt einzieht und der Salat seine ganz eigene Wirkung entfaltet
„Das ist mein Talisman“, flüsterte Elena leise. „Ich trenne mich nie davon. Und das Mädchen auf dem Foto – das bin ich, mein Lieber. Erkennst du mich nicht?“ – „Unglaublich…“, hauchte Sergej und sah seine Frau erstaunt an.