Ich ertappte ihn im Café jetzt gibt es für meinen Mann kein Entkommen mehr
Ich habe die Scheidung eingereicht, sagte Hannah mit einer seltsamen Gleichgültigkeit genau eine Woche danach.
Wie bitte? stotterte Bernd fassungslos. Uns geht es doch gut. Ich mache doch alles, was du willst…
Ich liebe dich nicht und kann dir nicht vergeben, antwortete Hannah im selben Ton. Es ist für mich eine Qual, auch nur im selben Raum mit dir zu sein.
Hannah hatte eigentlich nie vor, schon mit zwanzig zu heiraten. Erst einmal sollte ein Studium her. Aber Bernd war so beharrlich, so höflich, so nett. Zwei Jahre lang brachte er ihr die schönsten Wildblumensträuße aus dem Umland Münchens, reparierte ihrer Mutter die Waschmaschine, während die Sonne merkwürdig zwischen den Wolken tanzte. Er bezauberte einfach ihre Eltern.
Hannah, du bist doch verrückt, wenn du so einen Burschen laufen lässt, meinte ihre Mutter immer, wenn Bernd wieder mit brummendem Akkuschrauber oder Marmorkuchen in der Küche erschien.
Sie heiratete ihn erst, als ihr klar wurde, dass sie sich ein Leben ohne diesen nach außen hin gewöhnlichen, aber fürsorglichen und aufmerksamen Mann gar nicht mehr vorstellen konnte.
Die folgenden 14 Jahre glitten sie wie in einem seltsamen, altmodischen Traum durch ihr Leben. Sie kauften eine Eigentumswohnung im dritten Stock eines modernen Plattenbau-Komplexes in Augsburg, fuhren einen gebrauchten Golf dunkelblau, als hätte er alle Farben der Träume verschluckt , und ihre Urlaube verbrachten sie in gespenstisch stillen Kurorten im Schwarzwald, umgeben von Tannen mit blassen Gesichtern.
Nie ein lauter Streit, nie ein zerschlagenes Glas.
Wie öde, schnaubte Hannahs Freundin Gesine, bei der zu Hause ständig bayerisch-italienische Dramen tobten. Wie kann man bloß so leben, ohne Blitz und Donner?
Wir lieben uns und blicken in die gleiche Richtung, antwortete Hannah mit sanftem Lächeln. Liebe ist nicht immer Sturm und Groll.
Die beiden hatten tatsächlich denselben Geschmack: Sie schwärmten für Bertolt Brecht-Filme, Kartoffelsalat mit Senfdressing, Spaziergänge an der Isar. Nur ein Thema blieb immer ein Schatten im Traum: das Kind.
Hannah wollte ein Kind oder zwei oder drei oder dreizehn , aber es klappte nicht. Zwei künstliche Befruchtungen in einer Klinik in München scheiterten. Da wurde Bernd zum ersten Mal laut.
Hannah, lass das. Du bringst dich sonst ins Grab! Uns gehts doch gut, und Millionen leben kinderlos. Wozu sich quälen?
Ich möchte Mutter sein. Willst du denn kein Vater werden? weinte sie.
Aber doch nicht so! Ich liebe dich mehr als alles andere. Ich möchte dich behalten. So wie du bist.
Ein Kind adoptieren? Bernd schüttelte jedes Mal den Kopf.
Ein fremdes Kind mit unbekannten Wurzeln? Kommt mir nicht ins Haus. Dann lieber eine Leihmutter, irgendwann.
Aber das war eine zu ferne Fantasie. Beide arbeiteten in einem Maschinenbaubetrieb in Augsburg Hannah als Finanzbuchhalterin, Bernd wartete die Stanzen und Maschinen. Es reichte gerade zum guten Leben, aber an große Rücklagen war nicht zu denken. Und Bernd bestand stur darauf, nicht für Hannahs Glück zu sparen.
An diesem seltsamen Mittag klingelte das schnurlose Telefon. Du, im Klinikum gibts jetzt einen kleinen Abgabele kerngesund, die Mutter einfach verschwunden, jung und naiv!, flüsterte ihre Kollegin Annegret. Chance deines Lebens, Hannah!
Hannah rannte durch einen schwebenden Park voller umgekippter Pappeln und flüchtiger Schatten nach Hause. Sie wusste: Heute überzeugt sie Bernd um jeden Preis.
Doch auf einer Lichtung, dort, wo die Wege wie Kreisel im Nebel verlaufen, entdeckte sie Bernd. Er bog auf das altbekannte Café Zur alten Mühle ab, in das sie so oft gegangen waren. Sicher, ein romantischer Fischspieß zum Feierabend, wie immer.
Hannah erkannte erst nicht, dass die Frau an seiner Seite mehr bedeutete, als sie dachte bis Bernd sie sanft umarmte und küsste, als schwebten beide schwerelos im Lichtgeflimmer des Nachmittags. Beide verschwanden ins Café, sich nur gegenseitig wahrnehmend.
Hannah, als wäre ihr Körper plötzlich aus Wachs, folgte ihnen und setzte sich an den Nachbartisch, durch hohe, mit Efeu umwucherte Trennwände wie in einem surrealen Puppenhaus verborgen.
Sie lauschte, wie die fremde Frau Kristiane, oder doch Lieselotte? neckte: Du hast mich mittags hierher gebeten? Keine Angst, dass deine Holde dich erwischt?
Wer? Hannah? lachte Bernd. Ich krieg das geregelt. Die glaubt mir alles. Ich bin der Muster-Ehemann.
Er lachte, und Hannah fühlte nur Leere.
Was Kristiane erwiderte, hörte Hannah nicht mehr als hätte ein Windstoß ihre Ohren verstopft. Sie schlenderte schwerfällig hinaus in den Park. Das Herz ein gefrorener See, der Verstand eine kreisende Straßenbahn.
Lange saß sie auf einer Bank, beobachtete Schwäne auf dem Teich, die ihr zuwinkten wie alte Bekannte. Dann rief Annegret erneut an.
Was jetzt, Hannah? Übernimmst du den Kleinen? Sonst schnappt ihn wer anders weg…
Bernd hat eine andere, murmelte Hannah, beinahe überrascht von den eigenen Worten.
Der Schuft! Hat es also doch rauskommen lassen…
Was meinst du?
Ach, ach, vielleicht wars ganz anders, aber jeder hier weiß, dass Bernd längst fremdgeht. Aber ihr wart doch das Vorzeigepaar! Du, mach dir nix draus. Männer halt, Hauptsache, er mag dich…
Hannah drückte das Gespräch weg und weinte. Stumm. Zeit dehnte sich ins Endlose, bis nur noch Gähnen blieb.
Irgendwann, nachdem all ihre Tränen in der Unterlippe verschwunden waren, stand sie auf, ignorierte 14 entgangene Anrufe wie Motten im Displaylicht, und ging gemächlich nach Hause.
Hannah! Wo warst du? Gehts dir gut? Bernd zitterte, als hätte ihn eine Eiszeit erfasst, rannte ihr entgegen und schloss sie fest in seine Arme.
Sie fühlte, wie sein Herz raste, und befreite sich wortlos. Legte die Tasche sorgfältig auf die Kommode.
Bernd, ich weiß von deinem Betrug. Ich frage nicht, warum das spielt keine Rolle mehr. Ich reiche die Scheidung ein.
Mensch, Hannah, was redest du? Wer erzählt so etwas? Ich liebe dich! Ich kann das erklären, wirklich…
Er redete und redete, seine Stimme immer leiser, als verkroch sie sich unter einem Teppich.
Bernd, ich liebe dich nicht mehr und glaube dir kein Wort. Hör auf, etwas vorzuspielen, sagte sie still und begann, Sachen zu packen.
Es tut mir leid, ich bin ein Idiot! Nun wurde Bernd energischer. Ich liebe nur dich! Niemand sonst zählt! Gib mir eine Chance, ich flehe dich an!
Eine einzige? wandte sie sich um und sah ihm direkt in die Augen.
Alles, was du willst, schwor er und nickte wie zur Bekräftigung.
Dann gut. Wir adoptieren den Jungen. Annegret hat heute alles arrangiert. Danach wird sich zeigen.
Ich bin dabei! Ich tue alles!
Bernd organisierte einen bekannten Notar, bezahlte ihm unter der Hand ein paar Hundert Euro in bar, so dass das Verfahren schnell lief.
Gemeinsam besuchten sie die Schule für werdende Adoptiveltern, deckten sich mit Windeln, Lätzchen und Holzklötzchen ein, nannten das Kind Anton, weil man dabei so tief einatmen kann.
Bernd blickte Hannah dauernd in die Augen, riet, nörgelte liebevoll bei jedem Kindersachen-Kauf, spielte den perfekten Ehemann, als würde er mit Strohhut und Geige auf einem Butterbrot balancieren.
Aber Hannah spürte: Es ist nur Theater. Das Vertrauen war wie Staub in der Zugluft.
Nach sechs Monaten war die Adoption offiziell.
Ich habe die Scheidung eingereicht, sagte Hannah nüchtern eine Woche später.
Was?! Uns gehts doch gut! Ich tue doch alles für dich! schluckte Bernd.
Ich liebe dich nicht. Ich kann dir nie mehr vergeben. Jedes Gespräch, jeder Blick ist eine Last.
Aber… heißt das… du hast mich nur benutzt? Um ein Kind zu bekommen? Bernd schaute wie durch sie hindurch.
Hannah zuckte die Schultern und wandte sich ab.
Jeder für sich.
Na toll, Bernd packte seinen Mantel und stürzte aus der Wohnung.
Er überschieb sogar seinen Anteil an Anton wie ein letzter Zug in einem absurden Schachspiel. Er glaubte an Familie, an Neuanfang, an Wunder. Doch Wunder zerplatzen oft klanglos.
Am Abend kam er zurück.
Bist du sicher? Möchtest du wirklich die Scheidung?
Ja. Zieh ruhig für eine Weile zu meiner Mutter. Später bekommst du einen Teil vom Verkauf der Wohnung. Und entschuldigen werde ich mich nicht. Du hast mich verraten. Für mich gibt es nur noch meinen Sohn.
Okay. Dann weißt du: Anton ist mein leiblicher Sohn. Geboren von meiner ehemaligen Freundin. Nur deshalb haben wir uns damals überhaupt getrennt.
Bernd atmete hastig.
Sie hat angedroht, das Kind im Krankenhaus zu lassen, falls ich nicht zu ihr zurückgehe. Ich hab dich geliebt, verstehst du? Dich!
Hannah schaute ihn lange an.
Hab’s verstanden. Aber das ändert nichts. Zieh bitte aus. Und komm zum Gericht.
Bernd konnte es nicht glauben, doch der Traum endete: Die Scheidung wurde rechtskräftig.
Nun sieht er Hannah und seinen Sohn am Wochenende. Heimlich hofft er weiter auf Versöhnung wie einst der Golf auf einen neuen, besseren Lack.





