20 Jahre lang ertrug ich die Gemeinheiten meiner Schwiegermutter – doch ihre letzten Worte jagten mir einen Schauer über den Rücken

**Tagebucheintrag**

Heute war wieder so ein Tag. Zwanzig Jahre habe ich die Sticheleien meiner Schwiegermutter ertragen, aber ihre letzten Worte haben mich schockiert.

Du hättest nicht so schreien sollen, Marie. Sie ist doch schon alt, sagte Stefan und stellte seine Tasse auf den Tisch. Sein Blick war schuldbewusst.

Alt? Und als sie mir das Leben zur Hölle gemacht hat, war sie jung, oder? Ich drehte mich abrupt vom Fenster weg. Zwanzig Jahre, Stefan! Zwanzig Jahre halte ich das schon aus!

Aber jetzt ist sie krank

Krank! Ich schnaubte verächtlich. Wenn es ihr passt, ist sie krank. Aber wenn sie der Nachbarin Gertrude beleidigen oder mich nervlich fertigmachen will, ist sie gesünder als wir alle.

Stefan trank schweigend seinen Tee aus. Er war müde von den ewigen Streitereien zwischen mir und seiner Mutter. Jeden Tag das Gleiche. Sie sagt etwas, ich reagiere über, dann knallen Türen, und böse Worte fliegen durch die Luft.

Was hat sie diesmal gesagt? Er fragte, obwohl er wusste, dass er es lieber nicht hätte tun sollen.

Ich schloss die Augen, als würde ich Kraft sammeln müssen.

Sie sagte, ich sei eine schlechte Hausfrau. Dass meine Suppe nicht schmeckt, das Haus dreckig sei und die Kinder verwöhnt. Und dann fügte sie hinzu, ich solle mich mal ein Beispiel an Sabine nehmen, der Frau deines Bruders. Die könne wenigstens kochen und aufräumen.

Mama ist einfach sie ist es gewohnt, alles zu kontrollieren.

Gewöhnt! Meine Stimme überschlug sich vor Wut. Und ich? Bin ich nichts gewöhnt? Bin ich es nicht gewöhnt, nach der Arbeit noch zu kochen, zu waschen, zu putzen? Bin ich es nicht gewöhnt, mir jeden Tag anzuhören, wie nutzlos ich bin?

Stefan stand auf, wollte mich umarmen, doch ich wich zurück.

Weißt du, was sie mir heute zum Abschied gesagt hat? Ich wischte mir mit dem Ärmel meines Hausmantels die Tränen weg. Dass ich, wenn du einmal nicht mehr bist, trotzdem allein bleiben werde. Weil niemand jemanden wie mich haben will.

Stefan erstarrte, die Arme noch halb ausgestreckt.

Das hat sie nicht gesagt

Doch! Genau das! Und dann knallte sie die Tür so heftig zu, dass der Putz von der Wand rieselte.

Im Flur waren Schritte zu hören. Die Tür quietschte leise, und unsere zehnjährige Leni lugte in die Küche.

Mama, ist Oma weg? Sie hat nichts zu mir gesagt. Das Mädchen kam näher und schlang ihre Arme um meine Taille.

Ja, Schatz. Sie ist nach Hause gegangen. Ich strich ihr über das Haar.

Warum streitet ihr schon wieder? Ich habe Angst, wenn ihr schreit.

Ich ging in die Hocke und sah ihr in die Augen.

Es tut uns leid, mein Schatz. Erwachsene schaffen es manchmal nicht, sich zu vertragen. Aber das heißt nicht, dass wir uns nicht lieben.

Oma liebt dich nicht, sagte Leni unvermittelt. Sie ist immer böse auf dich. Und das tut mir leid.

Ich drückte sie fest an mich. Wieder kamen mir die Tränen.

Geh jetzt deine Hausaufgaben machen, Leni. Papa und ich müssen noch ein bisschen reden.

Als sie gegangen war, setzte Stefan sich neben mich.

Marie, ich werde mit Mama reden. Ich erkläre ihr

Was willst du ihr erklären? fragte ich müde. Du erklärst ihr das seit zwanzig Jahren. Es bringt nichts.

Was sollen wir dann tun?

Ich schwieg lange und betrachtete meine Hände. Diese Hände hatten Geschirr gespült, Wäsche gewaschen, Kinderkleidung gebügelt. Sie hatten im Supermarkt acht Stunden am Tag gearbeitet und danach bis spät in die Nacht zu Hause geschuftet. Und meine Schwiegermutter nannte mich eine schlechte Hausfrau.

Erinnerst du dich noch, wie wir uns kennengelernt haben? fragte ich plötzlich.

Stefan sah mich überrascht an.

Natürlich. Beim Tanzabend im Gemeindesaal. Du hattest ein blaues Kleid an.

Hellblau, korrigierte ich mit einem traurigen Lächeln. Ich dachte damals, du wärst der schönste Junge der Welt. Und deine Mutter mochte mich von Anfang an nicht.

Sie hatte nur Angst, dass ich heirate

Stefan, hör auf, sie zu entschuldigen! Meine Stimme wurde scharf. Sie mochte mich nicht, weil ich nicht aus einer reichen Familie kam. Weil meine Eltern eine kleine Wohnung hatten und mein Vater Schlosser war und nicht Ingenieur wie deiner.

Das ist doch so lange her

Lange her? Erinnerst du dich an unsere Hochzeit? Deine Mutter hat das ganze Fest mit saurer Miene herumgesessen. Und als wir zu euch zogen, sagte sie gleich am ersten Tag, dass in ihrem Haus ihre Regeln gelten und ich mich danach zu richten habe.

Ich stand auf, ging zum Herd und stellte den Wasserkocher an.

Zwanzig Jahre, Stefan. Zwanzig Jahre habe ich versucht, es ihr recht zu machen. Ich koche, wie sie es mag. Ich putze, wie sie es verlangt. Ich erziehe die Kinder nach ihren Ratschlägen. Und was bekomme ich dafür?

Mama schätzt dich

Schätzt? Ich lachte bitter. Sie erträgt mich. Das ist ein großer Unterschied.

Der Wasserkochen summte. Ich machte Tee und setzte mich wieder an den Tisch.

Weißt du, wovon ich träume? fragte ich leise. Dass ich morgens aufwache und nicht darüber nachdenken muss, ob ihr mein Frühstück gefällt. Dass ich von der Arbeit nach Hause komme und nicht fürchten muss, dass sie Staub auf dem Regal findet. Dass ich den Kindern etwas Süßes kaufe und nicht hören muss, ich würde ihren Magen verderben.

Marie

Nein, lass mich ausreden. Ich träume davon, in meinem eigenen Haus zu leben. Dass niemand jeden meiner Schritte kritisiert. Dass die Kinder nicht ständig Streit hören müssen.

Stefan nahm meine Hand.

Aber Mama ist allein. Wer soll sich um sie kümmern?

Und wer kümmert sich um mich? Die Verletzung in meiner Stimme war unüberhörbar. Als ich eine Lungenentzündung hatte, hat deine Mutter mir nicht einmal Tee gebracht. Aber sie verlangte, dass ich das Mittagessen koche, weil ihr ihre eigene Suppe nicht schmeckte.

Das war vor fünf Jahren

Und vor vier Jahren, als ich operiert wurde. Und vor drei Jahren, als ich mir den Arm brach. Immer, Stefan! Immer war ich schuld, wenn ich meine Pflichten nicht erfüllen konnte.

Es klingelte an der Tür. Stefan ging öffnen und kam mit unserer Nachbarin, Tante Helga, zurück.

Guten Tag, Marie! Tante Helga setzte sich an den Tisch, lehnte aber Tee ab. Ich bin nur kurz hereingekommen. Ich habe gehört, dass Helga Werner wieder verärgert nach Hause gegangen ist.

Verärgert, murmelte ich.

Sei nicht böse auf sie, Kind. Sie ist alt und krank. In ihrem Alter wird der Charakter schwierig.

Tante Helga, wissen Sie, was sie mir heute gesagt hat?

Was denn?

Ich wiederholte die Worte meiner Schwiegermutter. Tante Helga schüttelte den Kopf.

Ach, Marie! Helga Werner hat das nur im Ärger gesagt. Sie weiß doch, dass sie ohne dich verloren wäre.

Weiß sie das? Ich richtete mich auf. Wenn sie es weiß, warum zeigt sie es dann nie?

Sie schätzt dich, sie kann es nur nicht zeigen. Weißt du, wie oft sie mir

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Homy
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20 Jahre lang ertrug ich die Gemeinheiten meiner Schwiegermutter – doch ihre letzten Worte jagten mir einen Schauer über den Rücken
Ich bin hin und weg – Anna! Was ist denn mit deinen Händen passiert? – erschrak sich Nadja. – Alles in Ordnung, – antwortete Anna angespannt. – Morgen früh gehe ich zum Kosmetikstudio, dann bekomme ich meine Nägel und normale Haut zurück. – Wie hast du deine Hände derart ruiniert? Arbeitest du etwa nebenbei im Steinbruch? – mischte sich Swetlana ein. – Nur feuchtes Putzen in einer Junggesellenwohnung, – sagte Anna genervt. – Macht doch bitte kein Drama daraus! – Im Ernst? – wunderten sich die Freundinnen. – Seit wann nennst du deine Wohnung Junggesellenbude? Du hast sie doch immer dein Nest genannt… Und warum machst du das alles selbst? Es gibt doch Leute dafür… – Bei mir Zuhause ist alles in Ordnung, – konterte Anna betont. – Und das war schon immer so! – Arbeitest du jetzt als Reinigungskraft in fremden Wohnungen? – Swetlana wich zurück. – Anna, wir sind doch Freundinnen! Sag doch, wenn du Geldsorgen hast! Ich helfe dir doch jederzeit! – Ich habe Geld, – murmelte Anna, – und das Geschäft läuft gut. – Anna, ich verstehe gerade überhaupt nichts mehr! – beunruhigte sich Nadja. – Warum räumst du dann in fremden Wohnungen auf? Und warum alleine? – Hast du etwa eine Wette verloren? – warf Swetlana ein. – Wäre besser gewesen, – Anna wandte ihren Blick ab und starrte an die Wand. – Ich bin reingestolpert… so richtig reingestolpert. Da würde ich lieber mein Geschäft verlieren und stattdessen fremde Wohnungen putzen! Die Freundinnen waren perplex. Auf die stumme Frage in ihren Augen sagte Anna missmutig: – Ich habe einen Mann kennengelernt. Und so einen Typ, dass ich lieber Ungeziefer als ihn hätte! Diesmal schwappte bei den Freundinnen nicht Entsetzen, sondern Panik hoch. – Anna, lauf weg! Wenn du das sagst, dann lauf! – flüsterte Nadja. – Kann ich nicht, – verzog Anna das Gesicht. – Und ich will auch nicht! Ich will zu ihm, niemals von ihm weg! – Was? – Swetlana wich erneut zurück. – Anna, bist du das überhaupt? Du warst doch immer so tough, niemand hat dich verbogen! Und jetzt… wegen einem Typen!!! – Ich weiß! – schnauzte Anna. – Ich weiß alles! Ich erkenne mich selbst nicht wieder! Bin ausgeflippt, habe gebrüllt! Nur mit dem Kopf gegen die Wand bin ich nicht gerannt! Wobei, vielleicht sollte ich das mal probieren? Die Freundinnen waren endgültig ratlos. Aber die Idee mit dem Kopfschlagen gegen die Wand fanden sie einhellig schlecht. Und sie wunderten sich regelrecht darüber, wie Anna auf sich selbst wütend war. – Und was ist mit Sascha? – fragte Nadja aus dem Off. – Ihr wart doch ein tolles Paar! Und er war so bemüht! Hilfsbereit! – Kannst ihn haben, – winkte Anna ab. – Für mich ist er nutzlos! Und ich habe das sogar getestet! – Sie war nicht peinlich berührt, schließlich sind sie alle erwachsen. – Selbst an einen Stefan kommt er nicht heran! – Stefan? – verzog Swetlana das Gesicht. – Einfach so? Du hast Sascha gegen einen Stefan eingetauscht? Ich hatte schon gedacht, wenigstens Gabriel wäre es! – Geh doch mit deinem Gabriel! Und Raphael nimm gleich mit! – schnaubte Anna. – Ich habe Stefan. – Ist er reich? – fragte Swetlana. – Nein, – Anna schüttelte den Kopf. – Schön? – erkundigte sich Nadja. – Durchschnittlich, – meinte Anna. – Jung und attraktiv? – fragte Swetlana skeptisch. – Einundvierzig, – zählte Anna langsam auf. – Und was willst du dann von ihm? – Swetlana grinste. – Er kann lieben! – sagte Anna verträumt und ein seliges Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. – Er kann so lieben, dass ich ihm alles geben will! Wirklich alles! Wohnung, Haus, Autos! Sogar das Geschäft würde ich umschreiben! Hauptsache, er ist bei mir! Hauptsache, er gehört mir! Nur mir! – Sie braucht eine Therapie, – Swetlana schüttelte den Kopf. – Wo hast du ihn denn gefunden? – hakte Nadja nach. – Im Internet, – lächelte Anna. – Ich wollte ein Abenteuer für einen Abend… Karrierefrauen sind selten verheiratet. Es liegt nicht an fehlender Familie, sondern daran, dass Männer den Erfolg ihrer Frau schlecht ertragen. Vor allem, wenn sie nicht gerade von ihr und ihrem Geld leben. Anna hat sich schon in der Schulzeit für sich selbst entschieden. Damals hat sie leidenschaftlich Schmuck aus Perlen gebastelt. Ein Jahr später verkaufte sie eigene Kreationen an Mitschülerinnen – freilich nicht für Süßigkeiten! Studiert hat Anna dann Wirtschaft, doch Schmuck (und schon längst nicht nur Perlen) blieb ihre Haupteinnahmequelle. Die Ausbildung brachte sie auf die Idee, daraus ein Business zu machen. – Keine Perlen! – schmunzelte Anna. – Handgemachter Schmuck! Ganz exklusiv, mit Kundenwunsch! – Davon gibt‘s doch Tausende, – sagten die Leute. – Du bist eine unter vielen! Lebst von Cent zu Cent! – Wer sagt denn, dass ich Kleinkünstlerin bleiben will? Das war ihr zu klein, davon kommt man nicht groß raus. Leben kann man, aber eben nicht, wie sie es wollte. Also brachte Anna andere Schmuckmacher unter ihre Fittiche. Es war irre viel Arbeit. Werbung, Kataloge, Kundschaft, Verhandlungen, Verträge. Dann die eigenen Verkaufsstellen. Und wieder Werbung, um den Laden als exklusiv für wirkliche Kenner zu etablieren! Wahre Knochenarbeit! Aber Anna wurde mit 35 zur top erfolgreichen Geschäftsfrau und hatte alles, was man sich wünschen kann. Wohnung, Haus im Grünen, Garage für sechs Autos – und alle Wagen nicht gerade billig. Dazu ein praller Bankkonto. Jeder ihrer Wünsche war praktisch per Knopfdruck erfüllbar. Nur für Familie war kein Platz. Das fehlte ihr aber auch nicht wirklich. Für Gesundheit, Laune und Leistungsfähigkeit hatte sie „Jungs“. Die waren für ein Honorar bereit, sie zu lieben und zu vergöttern – solange sie es wollte. Und verschwanden, sobald das Interesse erlosch. In letzter Zeit war Sascha häufig bei ihr. Netter Kerl. Die Freundinnen tuschelten schon, sie würde ihn vielleicht als Dauergast nehmen. – Sie heiratet ihn bestimmt! – schwärmte Nadja. – Dann ist er endgültig für uns verloren, – seufzte Swetlana. Sie traf Sascha schließlich auch ab und zu. Was Anna geritten hat, sich in eine Dating-App einzuloggen, weiß keine. Sie hatte abends einfach Langeweile. Ein bisschen Abwechslung… Bei so viel Süßem wie Sascha, will man irgendwann mal etwas Salziges. Doch als ihr Profil aktiv wurde, bekam sie Nachrichten von denselben Typen wie Sascha. Langweilig. Da griff sie das „Guten Abend!“ von einem Stefan auf. – Sollen wir plaudern? – schob er noch nach. Anna entschied sich, mal mit diesem Stefan zu chatten. Las nebenher sein Profil und betrachtete die Fotos. Gleich dachte sie: Wo willst du denn hin? Siehst du nicht, dass ich auf den Fotos in Autos, auf Yachten bin, mit Gold und Diamanten? Und du? Heimische Kulisse wie bei Oma! Und ein Kosmetiker hat dein Gesicht nie gesehen! Völlig unpassend! Aber das Gespräch verlief gut. Über Gott und die Welt. Sie musste zugeben, dass Stefan belesen und gebildet war. – Warum bist du dann nicht reich? Anna fragte direkt. – Wozu? – erwiderte Stefan. Diese Antwort haute sie um. – Wie, wozu? – verstand Anna nicht. – Damit es einem an nichts fehlt! – Mir fehlt nichts, – schrieb Stefan. – Ich habe alles, was ich brauche. Eine Uhr für 100.000 zeigt dieselbe Zeit wie eine für 100 Euro. Und sie unterhielten sich weiter. Bis die Dämmerung kam. – Muss zur Arbeit, – schrieb Anna. – Gute Fahrt, – antwortete Stefan. – Mein Zeitplan ist flexibel, für mich kein Stress! Den ganzen Tag dachte Anna kaum an den merkwürdigen Chatpartner. Aber der fiel ihr doch ab und zu wieder ein. Abends lehnte sie eine Einladung zur Eröffnung eines neuen Restaurants ab – vom Besitzer persönlich! Sie schob dringende Arbeit vor, aber lag stattdessen mit dem Tablet auf dem Sofa und schrieb Stefan: – Na, noch da? – Klar, – kam zurück. – An Gedächtnisschwund leide ich nicht! Und wenn ich mal etwas vergesse, hab ich so richtig Spaß dabei! Und wieder schrieben sie die halbe Nacht. Anna schlief nur ein paar Stunden, war aber abends pünktlich zu Hause, um Stefan zu schreiben. Nach zwei Wochen Online-Kontakt war Anna so weit, dass sie Stefan unbedingt persönlich treffen wollte. Weil sie immer offen war, schrieb sie das direkt. Stefan antwortete: – Komm vorbei! Und schickte ihr die Adresse. Anna war baff – Tablet in der Hand, die andere in der Luft. Das war wie beim Gespräch, wenn die Worte fehlen. – Wie jetzt: Komm vorbei? – murmelte sie laut. Das fragte sie dann auch schriftlich. – Einfach vorbeikommen, – antwortete Stefan. – Aber sag direkt, trinkst du lieber Tee oder Kaffee? Sind Eclairs mit Buttercreme okay, oder lieber Steaks vom Grill? Hätte das ein alter Freund gefragt, wäre das normal gewesen. Aber als erstes Date gleich zu ihm nach Hause? Zu einem Mann? Allein? Sie hätte am liebsten geschrieben, ob er nicht ein bisschen dreist ist. Doch die Neugier war größer, also blieb sie höflich: – Ich hatte eher an ein Restaurant gedacht, – schrieb sie. – Ach, dazu bin ich echt zu faul! – kam zurück. Da fiel ihr wieder der grobe soziale Unterschied ein. – Machen wir es so – ich bezahle dein Taxi hin und zurück, und das Abendessen sowie alles andere! Sie war es gewohnt, für ihre „Jungs“ alles zu zahlen, dachte gar nicht drüber nach. – Zahlen kann ich selbst, – schrieb Stefan, – ich bin einfach zu faul! Sich fertig machen, raus, dann wieder heim! Bei dem Wetter erst recht. Also, raus gehen ist mir gerade zu mühsam! Wenn du mich sehen willst, komm vorbei! Adresse hast du. – Also wirklich! So ein Benehmen dulde ich nicht! – schrieb Anna und warf das Tablet weg. Zwei Tage lang rührte sie es demonstrativ nicht an. Quälte sich, blieb aber stur. Sie wartete, dass Stefan sich entschuldigen, um Verzeihung bitten und ihr jedes Restaurant anbieten würde! Anna wartete. Aber als sie das Tablet wieder anrührte, war ihr letztes, scharfes Statement immer noch die letzte Nachricht – von ihm kam nichts. Ihr Ärger kochte über, sie schimpfte laut und lange über Stefan. Wie lange? Zwei Stunden ließ sie Dampf ab. Dann merkte sie, wie sehr ihr das Gespräch mit ihm fehlte. Und der Wunsch nach einem Treffen war kein bisschen weniger geworden, eher noch mehr. – Mistkerl! – murmelte sie, griff wieder zum Tablet. Er könnte ja auch eingeschnappt sein nach ihrem letzten Kommentar. – Hi! – schrieb Anna und hielt die Luft an. – Hi, – schrieb Stefan zurück. – Alles klar? Völlig neutral, als wäre das Gespräch nie eskaliert. – Geht so, – antwortete Anna. – Wie sieht’s aus, Treffen heute? Oder wieder zu faul? Sie wollte sticheln. – Klar, – antwortete Stefan und schickte einen lachenden Smiley. – Ich bin so faul, ich backe mir das Brot selbst! – Wie sollen wir uns denn je sehen, wenn du immer zu faul bist? – fragte Anna. – Fährst du Auto? – fragte er. – Ja! Ich hab eins! – Funktioniert? – Natürlich, – Anna war baff. Sie hatte sechs Autos. Wenn etwas kaputt war, wurde es sofort repariert oder verkauft. – Kann dir die Adresse nochmal schicken, falls du sie gelöscht hast, – schrieb er. – Komm einfach vorbei! *** – Warte mal! – unterbrach Swetlana und packte Anna am Arm. – Du bist echt zu einem fremden Kerl gefahren? – Ja, – bestätigte Anna entschieden. – Hattest du keine Angst? – staunte Nadja. – Was, wenn er ein Verbrecher gewesen wäre? – Ich hatte Pfefferspray dabei, – meinte Anna. – Aber habe es nicht gebraucht. – Du bist wirklich zu einem Fremden aus dem Internet gefahren – direkt zu ihm nach Hause? – Swetlana war nahezu fassungslos. – Das ist völlig verrückt! – Ich bin gefahren, – nickte Anna. – Und ich habe keine Sekunde bereut! Mädels, ich bin hin und weg! Und als ich alles begriffen hatte, hab ich mich geärgert, dass ich ihn zwei Tage hab zappeln lassen! Wäre ich früher gefahren, hätte ich das Glück zwei Tage eher gehabt! – Was für Glück denn? – fragte Swetlana. – Das Glück, für das ich alles geben würde! – gestand Anna ehrlich. – Das ist doch nicht dein Ernst? Mit der Firma und dem Besitz? – Swetlana runzelte die Stirn. – Ich würde sogar Kredite für ihn aufnehmen! Und notfalls im Steinbruch ackern! – legte Anna die Hand aufs Herz. Nadja schlug die Hände vors Gesicht. – Erzähl weiter! – forderte Swetlana. – Du bist also wirklich hingefahren! – Ich bin hingefahren…