Ich bin hin und weg – Anna! Was ist denn mit deinen Händen passiert? – erschrak sich Nadja. – Alles in Ordnung, – antwortete Anna angespannt. – Morgen früh gehe ich zum Kosmetikstudio, dann bekomme ich meine Nägel und normale Haut zurück. – Wie hast du deine Hände derart ruiniert? Arbeitest du etwa nebenbei im Steinbruch? – mischte sich Swetlana ein. – Nur feuchtes Putzen in einer Junggesellenwohnung, – sagte Anna genervt. – Macht doch bitte kein Drama daraus! – Im Ernst? – wunderten sich die Freundinnen. – Seit wann nennst du deine Wohnung Junggesellenbude? Du hast sie doch immer dein Nest genannt… Und warum machst du das alles selbst? Es gibt doch Leute dafür… – Bei mir Zuhause ist alles in Ordnung, – konterte Anna betont. – Und das war schon immer so! – Arbeitest du jetzt als Reinigungskraft in fremden Wohnungen? – Swetlana wich zurück. – Anna, wir sind doch Freundinnen! Sag doch, wenn du Geldsorgen hast! Ich helfe dir doch jederzeit! – Ich habe Geld, – murmelte Anna, – und das Geschäft läuft gut. – Anna, ich verstehe gerade überhaupt nichts mehr! – beunruhigte sich Nadja. – Warum räumst du dann in fremden Wohnungen auf? Und warum alleine? – Hast du etwa eine Wette verloren? – warf Swetlana ein. – Wäre besser gewesen, – Anna wandte ihren Blick ab und starrte an die Wand. – Ich bin reingestolpert… so richtig reingestolpert. Da würde ich lieber mein Geschäft verlieren und stattdessen fremde Wohnungen putzen! Die Freundinnen waren perplex. Auf die stumme Frage in ihren Augen sagte Anna missmutig: – Ich habe einen Mann kennengelernt. Und so einen Typ, dass ich lieber Ungeziefer als ihn hätte! Diesmal schwappte bei den Freundinnen nicht Entsetzen, sondern Panik hoch. – Anna, lauf weg! Wenn du das sagst, dann lauf! – flüsterte Nadja. – Kann ich nicht, – verzog Anna das Gesicht. – Und ich will auch nicht! Ich will zu ihm, niemals von ihm weg! – Was? – Swetlana wich erneut zurück. – Anna, bist du das überhaupt? Du warst doch immer so tough, niemand hat dich verbogen! Und jetzt… wegen einem Typen!!! – Ich weiß! – schnauzte Anna. – Ich weiß alles! Ich erkenne mich selbst nicht wieder! Bin ausgeflippt, habe gebrüllt! Nur mit dem Kopf gegen die Wand bin ich nicht gerannt! Wobei, vielleicht sollte ich das mal probieren? Die Freundinnen waren endgültig ratlos. Aber die Idee mit dem Kopfschlagen gegen die Wand fanden sie einhellig schlecht. Und sie wunderten sich regelrecht darüber, wie Anna auf sich selbst wütend war. – Und was ist mit Sascha? – fragte Nadja aus dem Off. – Ihr wart doch ein tolles Paar! Und er war so bemüht! Hilfsbereit! – Kannst ihn haben, – winkte Anna ab. – Für mich ist er nutzlos! Und ich habe das sogar getestet! – Sie war nicht peinlich berührt, schließlich sind sie alle erwachsen. – Selbst an einen Stefan kommt er nicht heran! – Stefan? – verzog Swetlana das Gesicht. – Einfach so? Du hast Sascha gegen einen Stefan eingetauscht? Ich hatte schon gedacht, wenigstens Gabriel wäre es! – Geh doch mit deinem Gabriel! Und Raphael nimm gleich mit! – schnaubte Anna. – Ich habe Stefan. – Ist er reich? – fragte Swetlana. – Nein, – Anna schüttelte den Kopf. – Schön? – erkundigte sich Nadja. – Durchschnittlich, – meinte Anna. – Jung und attraktiv? – fragte Swetlana skeptisch. – Einundvierzig, – zählte Anna langsam auf. – Und was willst du dann von ihm? – Swetlana grinste. – Er kann lieben! – sagte Anna verträumt und ein seliges Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. – Er kann so lieben, dass ich ihm alles geben will! Wirklich alles! Wohnung, Haus, Autos! Sogar das Geschäft würde ich umschreiben! Hauptsache, er ist bei mir! Hauptsache, er gehört mir! Nur mir! – Sie braucht eine Therapie, – Swetlana schüttelte den Kopf. – Wo hast du ihn denn gefunden? – hakte Nadja nach. – Im Internet, – lächelte Anna. – Ich wollte ein Abenteuer für einen Abend… Karrierefrauen sind selten verheiratet. Es liegt nicht an fehlender Familie, sondern daran, dass Männer den Erfolg ihrer Frau schlecht ertragen. Vor allem, wenn sie nicht gerade von ihr und ihrem Geld leben. Anna hat sich schon in der Schulzeit für sich selbst entschieden. Damals hat sie leidenschaftlich Schmuck aus Perlen gebastelt. Ein Jahr später verkaufte sie eigene Kreationen an Mitschülerinnen – freilich nicht für Süßigkeiten! Studiert hat Anna dann Wirtschaft, doch Schmuck (und schon längst nicht nur Perlen) blieb ihre Haupteinnahmequelle. Die Ausbildung brachte sie auf die Idee, daraus ein Business zu machen. – Keine Perlen! – schmunzelte Anna. – Handgemachter Schmuck! Ganz exklusiv, mit Kundenwunsch! – Davon gibt‘s doch Tausende, – sagten die Leute. – Du bist eine unter vielen! Lebst von Cent zu Cent! – Wer sagt denn, dass ich Kleinkünstlerin bleiben will? Das war ihr zu klein, davon kommt man nicht groß raus. Leben kann man, aber eben nicht, wie sie es wollte. Also brachte Anna andere Schmuckmacher unter ihre Fittiche. Es war irre viel Arbeit. Werbung, Kataloge, Kundschaft, Verhandlungen, Verträge. Dann die eigenen Verkaufsstellen. Und wieder Werbung, um den Laden als exklusiv für wirkliche Kenner zu etablieren! Wahre Knochenarbeit! Aber Anna wurde mit 35 zur top erfolgreichen Geschäftsfrau und hatte alles, was man sich wünschen kann. Wohnung, Haus im Grünen, Garage für sechs Autos – und alle Wagen nicht gerade billig. Dazu ein praller Bankkonto. Jeder ihrer Wünsche war praktisch per Knopfdruck erfüllbar. Nur für Familie war kein Platz. Das fehlte ihr aber auch nicht wirklich. Für Gesundheit, Laune und Leistungsfähigkeit hatte sie „Jungs“. Die waren für ein Honorar bereit, sie zu lieben und zu vergöttern – solange sie es wollte. Und verschwanden, sobald das Interesse erlosch. In letzter Zeit war Sascha häufig bei ihr. Netter Kerl. Die Freundinnen tuschelten schon, sie würde ihn vielleicht als Dauergast nehmen. – Sie heiratet ihn bestimmt! – schwärmte Nadja. – Dann ist er endgültig für uns verloren, – seufzte Swetlana. Sie traf Sascha schließlich auch ab und zu. Was Anna geritten hat, sich in eine Dating-App einzuloggen, weiß keine. Sie hatte abends einfach Langeweile. Ein bisschen Abwechslung… Bei so viel Süßem wie Sascha, will man irgendwann mal etwas Salziges. Doch als ihr Profil aktiv wurde, bekam sie Nachrichten von denselben Typen wie Sascha. Langweilig. Da griff sie das „Guten Abend!“ von einem Stefan auf. – Sollen wir plaudern? – schob er noch nach. Anna entschied sich, mal mit diesem Stefan zu chatten. Las nebenher sein Profil und betrachtete die Fotos. Gleich dachte sie: Wo willst du denn hin? Siehst du nicht, dass ich auf den Fotos in Autos, auf Yachten bin, mit Gold und Diamanten? Und du? Heimische Kulisse wie bei Oma! Und ein Kosmetiker hat dein Gesicht nie gesehen! Völlig unpassend! Aber das Gespräch verlief gut. Über Gott und die Welt. Sie musste zugeben, dass Stefan belesen und gebildet war. – Warum bist du dann nicht reich? Anna fragte direkt. – Wozu? – erwiderte Stefan. Diese Antwort haute sie um. – Wie, wozu? – verstand Anna nicht. – Damit es einem an nichts fehlt! – Mir fehlt nichts, – schrieb Stefan. – Ich habe alles, was ich brauche. Eine Uhr für 100.000 zeigt dieselbe Zeit wie eine für 100 Euro. Und sie unterhielten sich weiter. Bis die Dämmerung kam. – Muss zur Arbeit, – schrieb Anna. – Gute Fahrt, – antwortete Stefan. – Mein Zeitplan ist flexibel, für mich kein Stress! Den ganzen Tag dachte Anna kaum an den merkwürdigen Chatpartner. Aber der fiel ihr doch ab und zu wieder ein. Abends lehnte sie eine Einladung zur Eröffnung eines neuen Restaurants ab – vom Besitzer persönlich! Sie schob dringende Arbeit vor, aber lag stattdessen mit dem Tablet auf dem Sofa und schrieb Stefan: – Na, noch da? – Klar, – kam zurück. – An Gedächtnisschwund leide ich nicht! Und wenn ich mal etwas vergesse, hab ich so richtig Spaß dabei! Und wieder schrieben sie die halbe Nacht. Anna schlief nur ein paar Stunden, war aber abends pünktlich zu Hause, um Stefan zu schreiben. Nach zwei Wochen Online-Kontakt war Anna so weit, dass sie Stefan unbedingt persönlich treffen wollte. Weil sie immer offen war, schrieb sie das direkt. Stefan antwortete: – Komm vorbei! Und schickte ihr die Adresse. Anna war baff – Tablet in der Hand, die andere in der Luft. Das war wie beim Gespräch, wenn die Worte fehlen. – Wie jetzt: Komm vorbei? – murmelte sie laut. Das fragte sie dann auch schriftlich. – Einfach vorbeikommen, – antwortete Stefan. – Aber sag direkt, trinkst du lieber Tee oder Kaffee? Sind Eclairs mit Buttercreme okay, oder lieber Steaks vom Grill? Hätte das ein alter Freund gefragt, wäre das normal gewesen. Aber als erstes Date gleich zu ihm nach Hause? Zu einem Mann? Allein? Sie hätte am liebsten geschrieben, ob er nicht ein bisschen dreist ist. Doch die Neugier war größer, also blieb sie höflich: – Ich hatte eher an ein Restaurant gedacht, – schrieb sie. – Ach, dazu bin ich echt zu faul! – kam zurück. Da fiel ihr wieder der grobe soziale Unterschied ein. – Machen wir es so – ich bezahle dein Taxi hin und zurück, und das Abendessen sowie alles andere! Sie war es gewohnt, für ihre „Jungs“ alles zu zahlen, dachte gar nicht drüber nach. – Zahlen kann ich selbst, – schrieb Stefan, – ich bin einfach zu faul! Sich fertig machen, raus, dann wieder heim! Bei dem Wetter erst recht. Also, raus gehen ist mir gerade zu mühsam! Wenn du mich sehen willst, komm vorbei! Adresse hast du. – Also wirklich! So ein Benehmen dulde ich nicht! – schrieb Anna und warf das Tablet weg. Zwei Tage lang rührte sie es demonstrativ nicht an. Quälte sich, blieb aber stur. Sie wartete, dass Stefan sich entschuldigen, um Verzeihung bitten und ihr jedes Restaurant anbieten würde! Anna wartete. Aber als sie das Tablet wieder anrührte, war ihr letztes, scharfes Statement immer noch die letzte Nachricht – von ihm kam nichts. Ihr Ärger kochte über, sie schimpfte laut und lange über Stefan. Wie lange? Zwei Stunden ließ sie Dampf ab. Dann merkte sie, wie sehr ihr das Gespräch mit ihm fehlte. Und der Wunsch nach einem Treffen war kein bisschen weniger geworden, eher noch mehr. – Mistkerl! – murmelte sie, griff wieder zum Tablet. Er könnte ja auch eingeschnappt sein nach ihrem letzten Kommentar. – Hi! – schrieb Anna und hielt die Luft an. – Hi, – schrieb Stefan zurück. – Alles klar? Völlig neutral, als wäre das Gespräch nie eskaliert. – Geht so, – antwortete Anna. – Wie sieht’s aus, Treffen heute? Oder wieder zu faul? Sie wollte sticheln. – Klar, – antwortete Stefan und schickte einen lachenden Smiley. – Ich bin so faul, ich backe mir das Brot selbst! – Wie sollen wir uns denn je sehen, wenn du immer zu faul bist? – fragte Anna. – Fährst du Auto? – fragte er. – Ja! Ich hab eins! – Funktioniert? – Natürlich, – Anna war baff. Sie hatte sechs Autos. Wenn etwas kaputt war, wurde es sofort repariert oder verkauft. – Kann dir die Adresse nochmal schicken, falls du sie gelöscht hast, – schrieb er. – Komm einfach vorbei! *** – Warte mal! – unterbrach Swetlana und packte Anna am Arm. – Du bist echt zu einem fremden Kerl gefahren? – Ja, – bestätigte Anna entschieden. – Hattest du keine Angst? – staunte Nadja. – Was, wenn er ein Verbrecher gewesen wäre? – Ich hatte Pfefferspray dabei, – meinte Anna. – Aber habe es nicht gebraucht. – Du bist wirklich zu einem Fremden aus dem Internet gefahren – direkt zu ihm nach Hause? – Swetlana war nahezu fassungslos. – Das ist völlig verrückt! – Ich bin gefahren, – nickte Anna. – Und ich habe keine Sekunde bereut! Mädels, ich bin hin und weg! Und als ich alles begriffen hatte, hab ich mich geärgert, dass ich ihn zwei Tage hab zappeln lassen! Wäre ich früher gefahren, hätte ich das Glück zwei Tage eher gehabt! – Was für Glück denn? – fragte Swetlana. – Das Glück, für das ich alles geben würde! – gestand Anna ehrlich. – Das ist doch nicht dein Ernst? Mit der Firma und dem Besitz? – Swetlana runzelte die Stirn. – Ich würde sogar Kredite für ihn aufnehmen! Und notfalls im Steinbruch ackern! – legte Anna die Hand aufs Herz. Nadja schlug die Hände vors Gesicht. – Erzähl weiter! – forderte Swetlana. – Du bist also wirklich hingefahren! – Ich bin hingefahren…

Ich bin verloren

Helene! Was ist denn mit deinen Händen passiert? erschrak Klara.

Alles in Ordnung, antwortete Helene angespannt. Morgen früh gehe ich ins Studio, und dann sind meine Nägel und meine Haut wieder wie neu.

Wie hast du es denn geschafft, deine Hände so herzurichten? Arbeitet du jetzt in einem Steinbruch? mischte sich Julia stirnrunzelnd ein.

War nur eine feuchte Grundreinigung in einer Junggesellenwohnung, sagte Helene gereizt. Macht bloß kein Drama daraus!

Im Ernst? staunten die Freundinnen. Wieso sagst du überhaupt Junggesellenwohnung? Du hast deine Wohnung doch immer als dein Nest bezeichnet

Und warum machst du das alles selber? Es gibt doch genug Dienstleister

Bei mir daheim, sprach Helene mit Nachdruck, ist alles in bester Ordnung! Und das war immer schon so!

Du putzt jetzt fremde Wohnungen? Julia wich ein wenig zurück. Helene, wir sind doch Freundinnen! Wenn du Geldprobleme hast, sag doch Bescheid! Ich würde dich immer unterstützen!

Ich habe genug Geld, murmelte Helene, und mein Geschäft läuft gut.

Helene, ich versteh gerade gar nichts! Klara wurde nervös. Warum hast du in einer fremden Wohnung sauber gemacht? Und warum ausgerechnet selbst?

Hast du etwa eine Wette verloren? fragte Julia.

Wär’s besser gewesen, Helene blickte zur Seite und starrte die Wand an. Ich bin reingeschlittert, sagte sie leise. So richtig, dass es mir lieber wäre, mein Geschäft wäre weg und ich müsste wirklich mit Putzen mein Geld verdienen!

Die Freundinnen waren baff.

Helene, auf die stumme Frage in ihren Blicken, erwiderte ungehalten:

Ich hab jetzt einen Mann am Hals. Und zwar so einen, dass ich mir lieber Läuse, Mäuse und Bettwanzen eingefangen hätte!

Die Panik stand ihren Freundinnen ins Gesicht geschrieben.

Helene, renn weg! Wenn du so etwas sagst, dann geh! flüsterte Klara.

Kann ich nicht, verzog Helene das Gesicht. Und ich will auch nicht! Ich will zu ihm, nicht weg von ihm!

Was? Julia schaute ungläubig. Helene, dich erkenne ich nicht wieder! Du warst immer aus Eisen! Nichts hat dich verbogen! Und jetzt so ein Mann!!!

Ich weiß! fuhr Helene wütend dazwischen. Ich weiß! Ich erkenne mich selbst nicht wieder! Ich war außer mir, habe geschrien! Kurz davor, mit dem Kopf gegen die Wand zu laufen! Vielleicht sollte ich es wirklich mal ausprobieren?

Klara und Julia waren völlig ratlos. Vorschläge, Kopf und Wand zusammenzubringen, lehnten sie entschieden ab. Noch dazu waren sie erschüttert, wie sehr Helene auf sich selbst wütend war.

Und was ist mit Markus? fragte Klara, völlig aus dem Zusammenhang. Ihr habt doch gut zusammengepasst! Und er ist so aufmerksam! Hilfsbereit!

Kannst ihn dir schnappen, winkte Helene ab. Für mich ist er unbrauchbar! Und das habe ich getestet! Helene wurde nicht verlegen, schließlich sind alle erwachsen. Selbst ein Stefan kommt ihm nicht mal nahe!

Stefan? verzog Julia das Gesicht. Einfach so? Du tauschst Markus gegen einen Stefan ein? Ich dachte, es wäre wenigstens ein Gabriel!

Den Gabriel kannst du behalten! Und den Raphael dazu! schnaubte Helene. Ich habe meinen Stefan.

Ist er reich? fragte Julia.

Nö, schüttelte Helene den Kopf.

Ist er schön? fragte Klara.

Durchschnittlich, antwortete Helene.

Jung und leidenschaftlich? hakte Julia skeptisch nach.

Einundvierzig, sagte Helene nachdrücklich.

Und wozu brauchst du ihn dann? fragte Julia spöttisch.

Er kann lieben! schwärmte Helene und ihr Gesicht ging vollkommen auf. Er kann so lieben, dass ich ihm alles geben will!

Am liebsten alles gleich! Wohnung, Haus, Autos! Und sogar das Geschäft würde ich ihm überschreiben! Hauptsache, er bleibt bei mir! Hauptsache, er ist nur meiner! Nur meiner!

Du brauchst eine Therapie, schüttelte Julia den Kopf.

Woher hast du ihn überhaupt? fragte Klara.

Aus dem Internet, grinste Helene. Ich habe nach einem Abenteuer für den Abend gesucht

Frauen, die ihrem Beruf alles widmen, sind selten verheiratet. Nicht, weil sie keine Familie wollen, sondern weil Männer den Erfolg einer Frau oft schwer ertragen.

Vor allem, wenn sie nicht völlig auf die Frau und ihr Geld versessen sind.

Helene hatte sich schon in der Schulzeit für sich selbst entschieden. Damals wurde sie von Perlenstickerei begeistert. Nach kurzer Zeit machte sie Schmuck für Schulkameradinnen. Und natürlich nicht für ein Stück Schokolade!

Später studierte Helene Wirtschaft, aber Schmuck nicht nur aus Perlen wurde ihr Einkommen.

Ihr Abschluss und Wissen brachten sie auf die Idee, daraus ein richtiges Geschäft zu machen.

Nein, kein Bastlerkram! lachte Helene. Handgemachter Schmuck! Echte Unikate, auf Wunsch!

Davon gibt’s doch genug, wurde ihr oft gesagt. Dann bist du eine von Tausenden! Lebst von Cent zu Cent!

Wer sagt denn, dass ich eine Handwerkerin sein will?

Das wäre zu klein. Damit kommt man nicht wirklich hoch. Leben kann man, aber nicht so, wie man will. Helene begann, andere Schmuckmacher zu vernetzen.

Die Arbeit war enorm: Werbung, Kataloge, Kundengespräche, Verträge, dann Verkaufspunkte. Und wieder Werbung, um das Geschäft als exklusiv in Szene zu setzen, für alle, die verstehen!

Das ist keine Arbeit sondern eine enorme Leistung! Aber mit fünfunddreißig Jahren war Helene eine erfolgreiche Geschäftsfrau: Wohnung, Landhaus, Garage für sechs Autos keine günstigen Modelle. Und natürlich ein stattliches Bankkonto.

Ihrer Wünsche wurden praktisch auf Fingerschnipp erfüllt!

Nur für Familie war nie wirklich Platz. Aber Helene störte das nicht weiter. Für Gesundheit, Laune und Leistungsfähigkeit leistete sie sich Jungs.

Für ein paar Euro liebten und verehrten sie, solange Helene das wollte. Und verschwanden, sobald das Interesse erlischte.

Zuletzt war Markus häufiger an ihrer Seite. Ein lieber Kerl. Klara und Julia tuschelten, Helene werde ihn vielleicht fest behalten.

Vielleicht nimmt sie ihn sogar zum Mann! schwärmte Klara romantisch.

Dann ist er für uns endgültig verloren, seufzte Julia.

Sie traf sich manchmal selbst mit Markus.

Was Helene ins schnelle Dating-App trieb, wusste niemand. Langweilig war ihr wohl abends, sie wollte Abwechslung.

Wenn ständig süßer Markus um einen herum ist, sehnt man sich irgendwann nach etwas Herzhaftem.

Aber als ihr Profil aktiv wurde, kamen die gleichen Anfragen wie immer. Eintönig.

Darum blieb das Guten Abend! von einem Stefan bei ihr hängen.

Reden wir? schrieb er direkt hinterher.

Helene ließ sich auf die Unterhaltung mit einem Stefan ein. Nebenbei las sie sein Profil und betrachtete Fotos.

Und direkt hatte sie empört im Kopf:

Wieso traust du dich? Siehst du nicht, dass ich auf den Bildern auf Autos, Yachten, in Gold und Diamanten bin und du? In einem Wohnzimmer, wie bei meiner Oma! Und das Gesicht hat sicher keinen Kosmetiker gesehen!

Nicht meine Liga!

Aber das Gespräch ging weiter. Über Gott und die Welt. Helene musste zugeben: Stefan war belesen und klug.

Warum also nicht reich? fragte Helene frech.

Wozu? antwortete Stefan.

Diese Antwort ließ sie innehalten.

Wie meinst du das wozu? wunderte sich Helene. Damit man gut lebt!

Mir reicht alles, meinte Stefan. Ich habe keinen Mangel. Ein Uhr für eine Million zeigt dieselbe Zeit wie eine für hundert Euro.

Das Gespräch ging weiter. Bis zum Sonnenaufgang.

Ich muss zur Arbeit, schrieb Helene.

Gute Fahrt, schrieb Stefan zurück. Ich habe flexible Arbeitszeiten. Für mich ist das entspannter!

Den ganzen Tag dachte Helene nicht an den seltsamen Chatpartner aber er schlich sich doch in ihre Gedanken zurück.

Abends sagte sie ein Restaurant-Opening ab wurde von selbst vom Chef eingeladen. Sie schob etwas Dringendes vor, lag aber eigentlich auf dem Sofa mit Tablet und schrieb Stefan:

Hallo! Hast du mich vergessen?

Hallo! Ich hab kein Gedächtnis wie ein Sieb und wenn ich was vergesse, genieße ich das!

Und wieder schrieben sie fast die ganze Nacht. Helene schlief ein paar Stunden vor der Arbeit. Freute sich aber abends schon aufs Schreiben mit Stefan.

Zwei Wochen Internetkontakt, und Helene wollte Stefan unbedingt persönlich treffen.

Da sie immer direkt sagte, was sie wollte, schrieb sie einfach. Und bekam als Antwort:

Komm her!

Er schickte die Adresse.

Helene hielt inne. In einer Hand das Tablet, die andere erstarrt darüber wie wenn man im Gespräch plötzlich sprachlos ist.

Was heißt komm her? fragte sie laut.

Den gleichen Satz schrieb sie ihm.

Komm einfach vorbei, antwortete Stefan. Sag nur, trinkst du Tee oder Kaffee? Und sind Eclairs mit Buttercreme okay oder soll ich Steaks auf den Grill legen?

Wenn das jemand gefragt hätte, den Helene schon länger kannte, wäre es normal. Aber beim ersten persönlichen Treffen sofort zu ihm? Zu ihr selbst? Zu einem Mann?

Eigentlich wollte Helene schreiben, ob hier keiner maßlos frech geworden ist, aber ihr Wunsch nach einem Treffen war zu stark. Also versuchte sie es diplomatisch:

Ich dachte eher an ein Café oder Restaurant, schrieb sie.

Ach, ich bin zu faul! kam zurück.

Da erinnerte Helene sich an die unterschiedlichen sozialen und finanziellen Welten.

Pass auf: Ich bezahl dir das Taxi hin und zurück. Und auch das Abendessen und alles sonstige!

Sie war es gewohnt, für die Jungs zu zahlen, also schrieb sie das ganz unbeirrt.

Bezahlen kann ich schon selbst, antwortete Stefan, ich bin nur furchtbar faul! Rausgehen, anziehen, fahren danach noch zurück! Und das Wetter ist auch nicht toll.

Also: Wenn du dich treffen willst, komm zu mir! Die Adresse kennst du.

Das ist ja ein starkes Stück! So eine Unverschämtheit dulde ich nicht! schrieb Helene empört, warf das Tablet beiseite.

Zwei Tage lang rührte sie es demonstrativ nicht an. Quälte sich, blieb aber stur.

Sie wartete insgeheim, dass Stefan sich entschuldigt, sie um Verzeihung bittet und ihr aufwendige Restaurants und Cafés vorschlägt!

Helene erwartete das alles. Aber als sie ins Tablet schaute, war ihr letzter Satz immer noch unbeantwortet.

Die Empörung kochte hoch wie ein vergessener Teekessel! Helene ließ einige deftige deutsche Ausdrücke für Stefan los.

Also ein paar? Zwei Stunden lang fluchte sie für sich.

Als sie sich beruhigte, merkte sie, dass ihr das Gespräch mit ihm fehlte. Das Treffen wollte sie noch mehr. Wenn nicht sogar mehr denn je.

Der Kerl hat mich erwischt! murmelte sie, griff nach dem Tablet.

Dabei hätte er nach ihren letzten Worten durchaus beleidigt sein können.

Hi! schrieb Helene und wartete.

Hi, Stefan antwortete. Wie läuft’s?

Völlig neutral, als wäre das letzte Gespräch ganz normal ausgeklungen.

Gut so weit, schrieb Helene. Wie wäre es heute mit einem Treffen? Oder etwa wieder zu faul?

Sie wollte ein wenig pieksen sicher ist sicher.

Hab ich dich erwischt! antwortete Stefan mit einem lachenden Smiley. So faul, dass ich nicht mal für Brot rausgehe! Fladenbrot mache ich in der Pfanne.

Wann treffen wir uns denn, wenn du immer zu faul bist? fragte Helene.

Hast du ein Auto? fragte er.

Klar, ich hab ein Auto!

Läuft das?

Natürlich, Helene war irritiert.

Sie hatte sechs Autos. Wenn mal eines nicht läuft, geht es in die Werkstatt oder wird verkauft.

Wenn du die Adresse gelöscht hast, schick ich sie nochmal, schrieb er. Komm einfach vorbei!

***

Halt! Halt! unterbrach Julia und nahm Helene bei der Hand. Du bist wirklich einfach zu einem fremden Mann gefahren?

Ja, sagte Helene und nickte bedeutungsvoll.

Hattest du keine Angst? fragte Klara verblüfft. Was, wenn er ein Verbrecher war?

Ich hatte Pfefferspray dabei, erwiderte Helene. Aber brauchte es nicht.

Wirklich, du bist einfach zu einem Internetbekannten nach Hause gefahren? Direkt zu ihm? Julia fassungslos. Das ist doch völlig verrückt!

Bin hingefahren, Helene nickte. Und keine Sekunde habe ich es bereut!

Mädels, ich bin verloren!

Und als ich alles für mich verstanden hatte, habe ich mich für die zwei Tage geärgert, wo ich ihn hab warten lassen!

Wäre ich früher hingefahren, wäre das Glück zwei Tage früher da gewesen!

Was für ein Glück denn? fragte Julia.

Das Glück, für das ich alles geben würde! meinte Helene aufrichtig.

Das ist doch nicht dein Ernst mit Geschäft und Besitz? Julia runzelte die Stirn.

Ich würde sogar Schulden für ihn aufnehmen! Zur Not arbeite ich dann auch im Steinbruch! sagte Helene, Hand aufs Herz.

Klara stand der Mund vor Staunen offen.

Erzähl weiter! forderte Julia. Du bist also wirklich zu ihm gefahren!

Ich bin gefahrenHelene lachte, als sie in die erstaunten Gesichter ihrer Freundinnen blickte.

Ja, ich bin hingefahren. Das Haus war alt, aber warm. Es roch nach frischem Kaffee und Eclairs. Stefan stand in der Tür, ein bisschen schüchtern und so menschlich, dass mein ganzes Stolz-Gebäude wie ein Kartenhaus zusammenfiel.

Ich habe nicht auf Reichtum geschaut, auch nicht aufs Aussehen nur darauf, wie er mich ansah. Nicht wie eine Businessfrau, nicht wie einen Schatz, den man erbeuten will, sondern wie einen Menschen, den man einfach mag. Vielleicht liebevoll, vielleicht ehrlich, vielleicht einfach… wie ich es immer gewollt habe.

Wir haben gemerkt, dass wir uns im Alltag verlieren, aber im Gespräch wiederfinden. Wir waren uns fremd und vertraut zur gleichen Zeit. Es gab keinen Plan, kein Drehbuch, nur uns beide ein bisschen schräg, beide ein bisschen verloren und plötzlich gefunden.

Ich habe mein Herz verschenkt, ohne Quittung und ohne Vertrag. Und wisst ihr was? Seitdem sind meine Hände zwar manchmal wund, mein Geschäft etwas chaotischer, mein Sofa oft belegt aber ich bin endlich angekommen.

Klara schluckte. Julia hatte Tränen in den Augen.

Also bist du glücklich?

Unverschämt glücklich. So sehr, dass ich all den Sinn im Suchen, im Rennen, im Gold und Glanz vergessen habe. Ich habe Stefan. Und der liebt mich nicht meine Häuser und Autos, sondern meine Ecken und Kanten.

Klara zog Helene einfach zu sich, Julia fiel dazu und im nächsten Moment lagen die drei lachend und schluchzend in den Armen.

Helene dachte still: Wer hätte geglaubt, dass ich ausgerechnet mich selbst finde, als ich mich verloren glaubte?

Vielleicht ist das wahre Glück ja wirklich dort, wo man es am wenigsten sucht in einem kleinen, altmodischen Wohnzimmer, mit Eclairs auf dem Tisch und Liebe, die man nie messen und nie kaufen kann.

Und so beginnt manchmal alles Neue genau dann, wenn man meint, alles wäre vorbei.

Helene lächelte. Ihr Herz war leicht und ihre Hände, ob rau oder glatt, gehörten jetzt zu einer Geschichte, die sie endlich und voller Zuversicht zusammen mit anderen weitererzählen wollte.

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Homy
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Ich bin hin und weg – Anna! Was ist denn mit deinen Händen passiert? – erschrak sich Nadja. – Alles in Ordnung, – antwortete Anna angespannt. – Morgen früh gehe ich zum Kosmetikstudio, dann bekomme ich meine Nägel und normale Haut zurück. – Wie hast du deine Hände derart ruiniert? Arbeitest du etwa nebenbei im Steinbruch? – mischte sich Swetlana ein. – Nur feuchtes Putzen in einer Junggesellenwohnung, – sagte Anna genervt. – Macht doch bitte kein Drama daraus! – Im Ernst? – wunderten sich die Freundinnen. – Seit wann nennst du deine Wohnung Junggesellenbude? Du hast sie doch immer dein Nest genannt… Und warum machst du das alles selbst? Es gibt doch Leute dafür… – Bei mir Zuhause ist alles in Ordnung, – konterte Anna betont. – Und das war schon immer so! – Arbeitest du jetzt als Reinigungskraft in fremden Wohnungen? – Swetlana wich zurück. – Anna, wir sind doch Freundinnen! Sag doch, wenn du Geldsorgen hast! Ich helfe dir doch jederzeit! – Ich habe Geld, – murmelte Anna, – und das Geschäft läuft gut. – Anna, ich verstehe gerade überhaupt nichts mehr! – beunruhigte sich Nadja. – Warum räumst du dann in fremden Wohnungen auf? Und warum alleine? – Hast du etwa eine Wette verloren? – warf Swetlana ein. – Wäre besser gewesen, – Anna wandte ihren Blick ab und starrte an die Wand. – Ich bin reingestolpert… so richtig reingestolpert. Da würde ich lieber mein Geschäft verlieren und stattdessen fremde Wohnungen putzen! Die Freundinnen waren perplex. Auf die stumme Frage in ihren Augen sagte Anna missmutig: – Ich habe einen Mann kennengelernt. Und so einen Typ, dass ich lieber Ungeziefer als ihn hätte! Diesmal schwappte bei den Freundinnen nicht Entsetzen, sondern Panik hoch. – Anna, lauf weg! Wenn du das sagst, dann lauf! – flüsterte Nadja. – Kann ich nicht, – verzog Anna das Gesicht. – Und ich will auch nicht! Ich will zu ihm, niemals von ihm weg! – Was? – Swetlana wich erneut zurück. – Anna, bist du das überhaupt? Du warst doch immer so tough, niemand hat dich verbogen! Und jetzt… wegen einem Typen!!! – Ich weiß! – schnauzte Anna. – Ich weiß alles! Ich erkenne mich selbst nicht wieder! Bin ausgeflippt, habe gebrüllt! Nur mit dem Kopf gegen die Wand bin ich nicht gerannt! Wobei, vielleicht sollte ich das mal probieren? Die Freundinnen waren endgültig ratlos. Aber die Idee mit dem Kopfschlagen gegen die Wand fanden sie einhellig schlecht. Und sie wunderten sich regelrecht darüber, wie Anna auf sich selbst wütend war. – Und was ist mit Sascha? – fragte Nadja aus dem Off. – Ihr wart doch ein tolles Paar! Und er war so bemüht! Hilfsbereit! – Kannst ihn haben, – winkte Anna ab. – Für mich ist er nutzlos! Und ich habe das sogar getestet! – Sie war nicht peinlich berührt, schließlich sind sie alle erwachsen. – Selbst an einen Stefan kommt er nicht heran! – Stefan? – verzog Swetlana das Gesicht. – Einfach so? Du hast Sascha gegen einen Stefan eingetauscht? Ich hatte schon gedacht, wenigstens Gabriel wäre es! – Geh doch mit deinem Gabriel! Und Raphael nimm gleich mit! – schnaubte Anna. – Ich habe Stefan. – Ist er reich? – fragte Swetlana. – Nein, – Anna schüttelte den Kopf. – Schön? – erkundigte sich Nadja. – Durchschnittlich, – meinte Anna. – Jung und attraktiv? – fragte Swetlana skeptisch. – Einundvierzig, – zählte Anna langsam auf. – Und was willst du dann von ihm? – Swetlana grinste. – Er kann lieben! – sagte Anna verträumt und ein seliges Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. – Er kann so lieben, dass ich ihm alles geben will! Wirklich alles! Wohnung, Haus, Autos! Sogar das Geschäft würde ich umschreiben! Hauptsache, er ist bei mir! Hauptsache, er gehört mir! Nur mir! – Sie braucht eine Therapie, – Swetlana schüttelte den Kopf. – Wo hast du ihn denn gefunden? – hakte Nadja nach. – Im Internet, – lächelte Anna. – Ich wollte ein Abenteuer für einen Abend… Karrierefrauen sind selten verheiratet. Es liegt nicht an fehlender Familie, sondern daran, dass Männer den Erfolg ihrer Frau schlecht ertragen. Vor allem, wenn sie nicht gerade von ihr und ihrem Geld leben. Anna hat sich schon in der Schulzeit für sich selbst entschieden. Damals hat sie leidenschaftlich Schmuck aus Perlen gebastelt. Ein Jahr später verkaufte sie eigene Kreationen an Mitschülerinnen – freilich nicht für Süßigkeiten! Studiert hat Anna dann Wirtschaft, doch Schmuck (und schon längst nicht nur Perlen) blieb ihre Haupteinnahmequelle. Die Ausbildung brachte sie auf die Idee, daraus ein Business zu machen. – Keine Perlen! – schmunzelte Anna. – Handgemachter Schmuck! Ganz exklusiv, mit Kundenwunsch! – Davon gibt‘s doch Tausende, – sagten die Leute. – Du bist eine unter vielen! Lebst von Cent zu Cent! – Wer sagt denn, dass ich Kleinkünstlerin bleiben will? Das war ihr zu klein, davon kommt man nicht groß raus. Leben kann man, aber eben nicht, wie sie es wollte. Also brachte Anna andere Schmuckmacher unter ihre Fittiche. Es war irre viel Arbeit. Werbung, Kataloge, Kundschaft, Verhandlungen, Verträge. Dann die eigenen Verkaufsstellen. Und wieder Werbung, um den Laden als exklusiv für wirkliche Kenner zu etablieren! Wahre Knochenarbeit! Aber Anna wurde mit 35 zur top erfolgreichen Geschäftsfrau und hatte alles, was man sich wünschen kann. Wohnung, Haus im Grünen, Garage für sechs Autos – und alle Wagen nicht gerade billig. Dazu ein praller Bankkonto. Jeder ihrer Wünsche war praktisch per Knopfdruck erfüllbar. Nur für Familie war kein Platz. Das fehlte ihr aber auch nicht wirklich. Für Gesundheit, Laune und Leistungsfähigkeit hatte sie „Jungs“. Die waren für ein Honorar bereit, sie zu lieben und zu vergöttern – solange sie es wollte. Und verschwanden, sobald das Interesse erlosch. In letzter Zeit war Sascha häufig bei ihr. Netter Kerl. Die Freundinnen tuschelten schon, sie würde ihn vielleicht als Dauergast nehmen. – Sie heiratet ihn bestimmt! – schwärmte Nadja. – Dann ist er endgültig für uns verloren, – seufzte Swetlana. Sie traf Sascha schließlich auch ab und zu. Was Anna geritten hat, sich in eine Dating-App einzuloggen, weiß keine. Sie hatte abends einfach Langeweile. Ein bisschen Abwechslung… Bei so viel Süßem wie Sascha, will man irgendwann mal etwas Salziges. Doch als ihr Profil aktiv wurde, bekam sie Nachrichten von denselben Typen wie Sascha. Langweilig. Da griff sie das „Guten Abend!“ von einem Stefan auf. – Sollen wir plaudern? – schob er noch nach. Anna entschied sich, mal mit diesem Stefan zu chatten. Las nebenher sein Profil und betrachtete die Fotos. Gleich dachte sie: Wo willst du denn hin? Siehst du nicht, dass ich auf den Fotos in Autos, auf Yachten bin, mit Gold und Diamanten? Und du? Heimische Kulisse wie bei Oma! Und ein Kosmetiker hat dein Gesicht nie gesehen! Völlig unpassend! Aber das Gespräch verlief gut. Über Gott und die Welt. Sie musste zugeben, dass Stefan belesen und gebildet war. – Warum bist du dann nicht reich? Anna fragte direkt. – Wozu? – erwiderte Stefan. Diese Antwort haute sie um. – Wie, wozu? – verstand Anna nicht. – Damit es einem an nichts fehlt! – Mir fehlt nichts, – schrieb Stefan. – Ich habe alles, was ich brauche. Eine Uhr für 100.000 zeigt dieselbe Zeit wie eine für 100 Euro. Und sie unterhielten sich weiter. Bis die Dämmerung kam. – Muss zur Arbeit, – schrieb Anna. – Gute Fahrt, – antwortete Stefan. – Mein Zeitplan ist flexibel, für mich kein Stress! Den ganzen Tag dachte Anna kaum an den merkwürdigen Chatpartner. Aber der fiel ihr doch ab und zu wieder ein. Abends lehnte sie eine Einladung zur Eröffnung eines neuen Restaurants ab – vom Besitzer persönlich! Sie schob dringende Arbeit vor, aber lag stattdessen mit dem Tablet auf dem Sofa und schrieb Stefan: – Na, noch da? – Klar, – kam zurück. – An Gedächtnisschwund leide ich nicht! Und wenn ich mal etwas vergesse, hab ich so richtig Spaß dabei! Und wieder schrieben sie die halbe Nacht. Anna schlief nur ein paar Stunden, war aber abends pünktlich zu Hause, um Stefan zu schreiben. Nach zwei Wochen Online-Kontakt war Anna so weit, dass sie Stefan unbedingt persönlich treffen wollte. Weil sie immer offen war, schrieb sie das direkt. Stefan antwortete: – Komm vorbei! Und schickte ihr die Adresse. Anna war baff – Tablet in der Hand, die andere in der Luft. Das war wie beim Gespräch, wenn die Worte fehlen. – Wie jetzt: Komm vorbei? – murmelte sie laut. Das fragte sie dann auch schriftlich. – Einfach vorbeikommen, – antwortete Stefan. – Aber sag direkt, trinkst du lieber Tee oder Kaffee? Sind Eclairs mit Buttercreme okay, oder lieber Steaks vom Grill? Hätte das ein alter Freund gefragt, wäre das normal gewesen. Aber als erstes Date gleich zu ihm nach Hause? Zu einem Mann? Allein? Sie hätte am liebsten geschrieben, ob er nicht ein bisschen dreist ist. Doch die Neugier war größer, also blieb sie höflich: – Ich hatte eher an ein Restaurant gedacht, – schrieb sie. – Ach, dazu bin ich echt zu faul! – kam zurück. Da fiel ihr wieder der grobe soziale Unterschied ein. – Machen wir es so – ich bezahle dein Taxi hin und zurück, und das Abendessen sowie alles andere! Sie war es gewohnt, für ihre „Jungs“ alles zu zahlen, dachte gar nicht drüber nach. – Zahlen kann ich selbst, – schrieb Stefan, – ich bin einfach zu faul! Sich fertig machen, raus, dann wieder heim! Bei dem Wetter erst recht. Also, raus gehen ist mir gerade zu mühsam! Wenn du mich sehen willst, komm vorbei! Adresse hast du. – Also wirklich! So ein Benehmen dulde ich nicht! – schrieb Anna und warf das Tablet weg. Zwei Tage lang rührte sie es demonstrativ nicht an. Quälte sich, blieb aber stur. Sie wartete, dass Stefan sich entschuldigen, um Verzeihung bitten und ihr jedes Restaurant anbieten würde! Anna wartete. Aber als sie das Tablet wieder anrührte, war ihr letztes, scharfes Statement immer noch die letzte Nachricht – von ihm kam nichts. Ihr Ärger kochte über, sie schimpfte laut und lange über Stefan. Wie lange? Zwei Stunden ließ sie Dampf ab. Dann merkte sie, wie sehr ihr das Gespräch mit ihm fehlte. Und der Wunsch nach einem Treffen war kein bisschen weniger geworden, eher noch mehr. – Mistkerl! – murmelte sie, griff wieder zum Tablet. Er könnte ja auch eingeschnappt sein nach ihrem letzten Kommentar. – Hi! – schrieb Anna und hielt die Luft an. – Hi, – schrieb Stefan zurück. – Alles klar? Völlig neutral, als wäre das Gespräch nie eskaliert. – Geht so, – antwortete Anna. – Wie sieht’s aus, Treffen heute? Oder wieder zu faul? Sie wollte sticheln. – Klar, – antwortete Stefan und schickte einen lachenden Smiley. – Ich bin so faul, ich backe mir das Brot selbst! – Wie sollen wir uns denn je sehen, wenn du immer zu faul bist? – fragte Anna. – Fährst du Auto? – fragte er. – Ja! Ich hab eins! – Funktioniert? – Natürlich, – Anna war baff. Sie hatte sechs Autos. Wenn etwas kaputt war, wurde es sofort repariert oder verkauft. – Kann dir die Adresse nochmal schicken, falls du sie gelöscht hast, – schrieb er. – Komm einfach vorbei! *** – Warte mal! – unterbrach Swetlana und packte Anna am Arm. – Du bist echt zu einem fremden Kerl gefahren? – Ja, – bestätigte Anna entschieden. – Hattest du keine Angst? – staunte Nadja. – Was, wenn er ein Verbrecher gewesen wäre? – Ich hatte Pfefferspray dabei, – meinte Anna. – Aber habe es nicht gebraucht. – Du bist wirklich zu einem Fremden aus dem Internet gefahren – direkt zu ihm nach Hause? – Swetlana war nahezu fassungslos. – Das ist völlig verrückt! – Ich bin gefahren, – nickte Anna. – Und ich habe keine Sekunde bereut! Mädels, ich bin hin und weg! Und als ich alles begriffen hatte, hab ich mich geärgert, dass ich ihn zwei Tage hab zappeln lassen! Wäre ich früher gefahren, hätte ich das Glück zwei Tage eher gehabt! – Was für Glück denn? – fragte Swetlana. – Das Glück, für das ich alles geben würde! – gestand Anna ehrlich. – Das ist doch nicht dein Ernst? Mit der Firma und dem Besitz? – Swetlana runzelte die Stirn. – Ich würde sogar Kredite für ihn aufnehmen! Und notfalls im Steinbruch ackern! – legte Anna die Hand aufs Herz. Nadja schlug die Hände vors Gesicht. – Erzähl weiter! – forderte Swetlana. – Du bist also wirklich hingefahren! – Ich bin hingefahren…
Marek kehrte nach Hause zurück. Seine Frau war nirgends zu finden. Kurz darauf entdeckte er seinen Sohn bei der Nachbarin…