Lieben mit Geduld, Dulden mit Liebe

**LIEBEN UND DULDEN, DULDEN UND LIEBEN**

Johann und Helene hatten eine gesegnete Ehe. Am Tag ihrer Trauung, als der Hochzeitszug bereits zur Kirche zog, brach plötzlich ein heftiger Sommersturm los. Er kam aus dem Nichts, riss der Braut gnadenlos den Schleier vom Kopf. Der Schleier stieg wie ein Ballon in den Himmel, wirbelte im Wind und sank schließlich erschöpf in eine schmutzige Pfütze. Die Gäste waren sprachlos. Der Sturm legte sich so schnell, wie er gekommen war. Johann wollte den Schleier noch greifen, doch es war zu spät.

Der schneidweiße Schleier lag im schwarzen Schlamm. Helene, außer sich, rief ihrem Bräutigam zu:
“Johann, lass ihn liegen! Ich werde diesen Schleier nicht tragen!”

Die alten Frauen, die immer vor der Kirche saßen, flüsterten miteinander. Das sei ein böses Omen, das junge Paar werde ein Leben voller Stürme und Prüfungen haben…

Im nächsten Laden kaufte man Helene eine künstliche weiße Blume, die sie ins Haar steckte. Für eine neue Schleiersuche blieb keine Zeit. Die Zeremonie fand dennoch statt, unter gelben Sonnenstrahlen, die durch die Wolken brachen. Johann nahm Helenes Hand, und ihre Blicke verfingen sich in einem Lächeln, das alle Zweifel vertrieb. Jahre vergingen, und nie sprachen sie mehr von jenem Schleier doch jedes Mal, wenn ein Unwetter über das Dorf zog, standen sie gemeinsam am Fenster, eng beieinander, und sahen hinaus, als gehörte ihnen der Sturm.

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Homy
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Lieben mit Geduld, Dulden mit Liebe
Nicht zu fassen, Papa, was für ein Empfang! Und warum wolltest du überhaupt ins Sanatorium, wo du doch zu Hause echtes „All Inclusive“ hast? Als Dimitri ihr die Schlüssel zu seiner Wohnung überreichte, wusste Eva: Bastille eingenommen. Kein DiCaprio hat so auf einen Oscar gewartet, wie Eva auf ihren Dimitri – und das auch noch mit dem eigenen Nest. Entmutigt und 35 Jahre alt, warf sie immer öfter mitleidige Blicke zu Straßenkatzen und in die Schaufenster von „Alles für Handarbeit“. Und da war er – einsam, mit der Jugend für Karriere, gesundes Essen, Fitnessstudio und anderen Unsinn wie die Suche nach sich selbst geopfert – und dazu noch kinderlos. Seit Eva zwanzig war, hatte sie sich dieses Geschenk erträumt, und irgendwo da oben ist wohl endlich klar geworden, dass sie es ernst meinte. „Letzte Dienstreise dieses Jahr, dann gehöre ich ganz dir“, sagte Dimitri und überreichte die Schlüssel. „Erschreck dich nicht über meine Höhle. Ich komme normalerweise nur zum Schlafen nach Hause“, meinte er und flog für das ganze Wochenende in eine andere Zeitzone. Eva steckte Zahnbürste und Creme ein und machte sich auf den Weg – neugierig auf die Höhle. Schon an der Tür gab es Probleme. Dimitri meinte, das Schloss hakt manchmal, aber Eva ahnte nicht wie sehr. Vierzig Minuten kämpfte sie sich mit Schlüssel und Schlosstricks zur Tür hinein – psychologische Kriegsführung inklusive, wie von den Klassenkameraden hinterm Garagen beigebracht. Der Lärm öffnete die Nachbarwohnung. „Warum brechen Sie in fremde Wohnungen ein?“, fragte eine besorgte Frauenstimme. „Ich breche nicht ein, ich habe Schlüssel!“, schnaubte Eva. „Und wer sind Sie überhaupt? Kenne Sie nicht“, mischte sich die Nachbarin weiter ein. „Ich bin seine Freundin!“, rief Eva herausfordernd – aber sprach nur mit einer Türspalte. „Sie?“ – die Frau war erstaunt. „Ja, gibt’s Probleme?“ „Nein, keine. Er hat nie jemanden mitgebracht (in dem Moment mochte Eva Dimitri gleich noch mehr). Und jetzt gleich so eine…“ „So eine wie?“ „Nicht meine Sache, tut mir leid“, schloss die Nachbarin ihre Tür. Eva drückte mit allem Willen gegen das Schloss, knirschte, und – endlich öffnete sich die Tür. Dialog mit der Wohnung – der ganze Innenraum von Dimitri offenbarte sich und Evas Seele fror. Eremiten-Askese pur. „Armes Herz, du hast vergessen, was Geborgenheit ist – vielleicht hast du es nie gekannt“, entfuhr es Eva beim Blick auf das winzige, bescheidene Reich. Aber: Sie war froh. Die Nachbarin hatte nicht gelogen – keine weibliche Hand hatte hier je gewirkt. Eva war die Erste. Ohne zu zögern stürmte Eva in den nächsten „Müller“ und kaufte schöne Vorhänge und Badematte, dazu Topflappen und Handtücher für die Küche. Und schwupps – Duftspender, handgemachte Seife, praktische Kosmetikboxen wanderten ins Körbchen. „Kleinigkeiten zu einer fremden Wohnung hinzufügen ist nicht dreist“, beruhigte sich Eva, als sie den zweiten Einkaufswagen befüllte. Das Schloss machte jetzt keinen Widerstand mehr. Eigentlich war es sowieso eher wie ein Hockey-Torwart ohne Maske. Als sie merkte, was passiert war, schraubte Eva bis Mitternacht mit Küchenmesser das alte Schloss aus und besorgte morgens ein neues – und auch neue Messer, Gabeln, Löffel, Tischdecke, Bretter und Untersetzer. Die Vorhänge waren quasi schon gebongt. Am Sonntagmittag meldete sich Dimitri: „Ich muss noch ein paar Tage länger bleiben.“ „Ich freue mich, wenn du meine Wohnung mit Wärme und Gemütlichkeit füllst“, lachte er am Telefon, als Eva ihm von ihren Interior-Freuden berichtete. Das „Gemütlichkeitstransporter“ rollten quasi in die Wohnung und Eva verteilte alles strategisch – so lang hatte sie darauf gewartet, dass sie kaum stoppen konnte. Als Dimitri zurückkehrte, war nur noch eine Spinne bei der Lüftung übrig. Eva wollte sie vertreiben, doch die verdatterten acht Augen überzeugten sie – Symbol der Unantastbarkeit. Dimitris Wohnung sah nun aus wie seit acht Jahren verheiratet, enttäuscht, und dann wieder glücklich trotz allem. Eva kümmerte sich nicht nur um die Wohnung, sondern wurde auch die Ansprechpartnerin des Hauses. Kein Ring am Finger, aber das ist nur ein Detail. Die Nachbarn wunderten sich erst, dann zuckten sie die Schultern: „Wie Sie meinen, uns ist’s egal, ist ja Ihre Sache.“ Am Tag von Dimitris Rückkehr bereitete Eva ein echtes deutsches Abendessen, verpackte die Beine in schicke, leicht freche Verpackung, verteilte Räucherstäbchen und dimmte das Licht. Dimitri verspätete sich. Als Eva spürte, dass die Verpackung ins Sportstudio-geformte Bein schnitt, wurde der Schlüssel ins Schloss gesteckt. „Neues Schloss, einfach drücken, ist offen!“, rief Eva verführerisch und unerschrocken. Sie hatte zu hart an der Wohnung gearbeitet – alles ist verziehen! Doch dann, als die Tür aufging, kam – pling – eine SMS von Dimitri: „Wo bist du? Ich bin daheim. Sieht aus wie immer. Kumpels meinten, du stellst alles mit Kosmetik voll.“ Eva sah die Nachricht erst später. Stattdessen betraten fünf völlig fremde Menschen die Wohnung: Zwei junge Erwachsene, zwei Schulkids und ein sehr alter Herr, der sich beim Anblick von Eva die Haare glatt strich. „Nicht schlecht, Papa, was für ein Empfang! Wozu das Sanatorium, wenn es daheim so ‘All Inclusive’ ist?“, rief der junge Mann – und kassierte einen Rüffel von seiner Frau. Eva stand mit zwei vollen Gläsern – bewegungslos. Schreiend, aber im Schock. Irgendwo kicherte die Spinne zufrieden. „Entschuldigen Sie, wer sind Sie?“, piepste Eva. „Der Besitzer dieser Hütte. Und Sie kommen wohl von der Praxis zum Verbinden? Hab doch gesagt, ich kann’s selbst“, meinte der Opa und deutete auf Evas sexy Krankenschwester-Outfit. „Mmm, ja, Adam Matthäus, bei Ihnen ist’s ja richtig gemütlich geworden“, warf die Ehefrau des jungen Mannes einen Blick hinter Eva. „Ganz anders, nicht wie vorher wie im Grab. Und Sie, wie heißen Sie, junge Dame? Adam Matthäus ist doch etwas alt für Sie. Aber immerhin ein Herr im eigenen Heim…“ „E-e-eva…“ „Na sowas! Gut ausgesucht, Adam Matthäus, da kann man nicht meckern!“ Dem Opa gefiel die Begegnung offensichtlich auch. „Wo ist Dimitri?“, flüsterte Eva und kippte beide Gläser in einem Zug. „Ich bin Dimitri!“, rief freudig ein Achtjähriger. „Warte, dafür bist du noch zu jung“, winkte seine Mutter ab und schickte die Kinder samt Gatten zum Auto. „E-e-entschuldigung, ich bin offenbar in der falschen Wohnung gelandet“, stammelte Eva, die das Drama mit dem Schloss erinnerte. „Das ist Fliederweg 18, Wohnung 26?“ „Nein, das ist Buchenstraße 18“, schlug der Opa die Hände zusammen, schon bereit zur Geschenk-Auspack-Action. „Ach so“, seufzte Eva tragisch, „verwechselt! Dann machen Sie es sich doch bequem, ich telefoniere kurz.“ Sie schnappte das Handy, floh ins Bad und wickelte sich ins Handtuch – las erst jetzt die SMS von Dimitri. „Dimitri, bin gleich da, war noch im Laden“, tippte sie schnell zurück. „Klar, warte auf dich. Bring bitte noch Rotwein mit, wenn’s geht“, sprach Dimitri in der Sprachnachricht. Das Rot wollte Eva jetzt innerlich transportieren. Unter dem Arm die Badematte, in der Hand die Gardine, wartete sie, bis die Fremden in die Küche gingen, und floh aus dem Bad. Sie packte hastig alles zusammen und stürmte aus der Wohnung. *** „Ich erzähle es später“, erklärte Eva ihren Aufzug, als der junge Mann die echte Tür öffnete. Wie im Nebel ging sie an ihm vorbei, direkt ins Bad, hängte Vorhang und Matte wieder an und fiel aufs Sofa – und schlief bis zum nächsten Morgen, bis Stress und Rotwein verdampft waren. Als sie aufwachte, wartete ein junger Mann auf eine Erklärung. „Welches Adresse ist das…?“ „Butowstraße 18.“