**LIEBEN UND DULDEN, DULDEN UND LIEBEN**
Johann und Helene hatten eine gesegnete Ehe. Am Tag ihrer Trauung, als der Hochzeitszug bereits zur Kirche zog, brach plötzlich ein heftiger Sommersturm los. Er kam aus dem Nichts, riss der Braut gnadenlos den Schleier vom Kopf. Der Schleier stieg wie ein Ballon in den Himmel, wirbelte im Wind und sank schließlich erschöpf in eine schmutzige Pfütze. Die Gäste waren sprachlos. Der Sturm legte sich so schnell, wie er gekommen war. Johann wollte den Schleier noch greifen, doch es war zu spät.
Der schneidweiße Schleier lag im schwarzen Schlamm. Helene, außer sich, rief ihrem Bräutigam zu:
“Johann, lass ihn liegen! Ich werde diesen Schleier nicht tragen!”
Die alten Frauen, die immer vor der Kirche saßen, flüsterten miteinander. Das sei ein böses Omen, das junge Paar werde ein Leben voller Stürme und Prüfungen haben…
Im nächsten Laden kaufte man Helene eine künstliche weiße Blume, die sie ins Haar steckte. Für eine neue Schleiersuche blieb keine Zeit. Die Zeremonie fand dennoch statt, unter gelben Sonnenstrahlen, die durch die Wolken brachen. Johann nahm Helenes Hand, und ihre Blicke verfingen sich in einem Lächeln, das alle Zweifel vertrieb. Jahre vergingen, und nie sprachen sie mehr von jenem Schleier doch jedes Mal, wenn ein Unwetter über das Dorf zog, standen sie gemeinsam am Fenster, eng beieinander, und sahen hinaus, als gehörte ihnen der Sturm.





