Nicht zu fassen, Papa, was für ein Empfang! Und warum wolltest du überhaupt ins Sanatorium, wo du doch zu Hause echtes „All Inclusive“ hast? Als Dimitri ihr die Schlüssel zu seiner Wohnung überreichte, wusste Eva: Bastille eingenommen. Kein DiCaprio hat so auf einen Oscar gewartet, wie Eva auf ihren Dimitri – und das auch noch mit dem eigenen Nest. Entmutigt und 35 Jahre alt, warf sie immer öfter mitleidige Blicke zu Straßenkatzen und in die Schaufenster von „Alles für Handarbeit“. Und da war er – einsam, mit der Jugend für Karriere, gesundes Essen, Fitnessstudio und anderen Unsinn wie die Suche nach sich selbst geopfert – und dazu noch kinderlos. Seit Eva zwanzig war, hatte sie sich dieses Geschenk erträumt, und irgendwo da oben ist wohl endlich klar geworden, dass sie es ernst meinte. „Letzte Dienstreise dieses Jahr, dann gehöre ich ganz dir“, sagte Dimitri und überreichte die Schlüssel. „Erschreck dich nicht über meine Höhle. Ich komme normalerweise nur zum Schlafen nach Hause“, meinte er und flog für das ganze Wochenende in eine andere Zeitzone. Eva steckte Zahnbürste und Creme ein und machte sich auf den Weg – neugierig auf die Höhle. Schon an der Tür gab es Probleme. Dimitri meinte, das Schloss hakt manchmal, aber Eva ahnte nicht wie sehr. Vierzig Minuten kämpfte sie sich mit Schlüssel und Schlosstricks zur Tür hinein – psychologische Kriegsführung inklusive, wie von den Klassenkameraden hinterm Garagen beigebracht. Der Lärm öffnete die Nachbarwohnung. „Warum brechen Sie in fremde Wohnungen ein?“, fragte eine besorgte Frauenstimme. „Ich breche nicht ein, ich habe Schlüssel!“, schnaubte Eva. „Und wer sind Sie überhaupt? Kenne Sie nicht“, mischte sich die Nachbarin weiter ein. „Ich bin seine Freundin!“, rief Eva herausfordernd – aber sprach nur mit einer Türspalte. „Sie?“ – die Frau war erstaunt. „Ja, gibt’s Probleme?“ „Nein, keine. Er hat nie jemanden mitgebracht (in dem Moment mochte Eva Dimitri gleich noch mehr). Und jetzt gleich so eine…“ „So eine wie?“ „Nicht meine Sache, tut mir leid“, schloss die Nachbarin ihre Tür. Eva drückte mit allem Willen gegen das Schloss, knirschte, und – endlich öffnete sich die Tür. Dialog mit der Wohnung – der ganze Innenraum von Dimitri offenbarte sich und Evas Seele fror. Eremiten-Askese pur. „Armes Herz, du hast vergessen, was Geborgenheit ist – vielleicht hast du es nie gekannt“, entfuhr es Eva beim Blick auf das winzige, bescheidene Reich. Aber: Sie war froh. Die Nachbarin hatte nicht gelogen – keine weibliche Hand hatte hier je gewirkt. Eva war die Erste. Ohne zu zögern stürmte Eva in den nächsten „Müller“ und kaufte schöne Vorhänge und Badematte, dazu Topflappen und Handtücher für die Küche. Und schwupps – Duftspender, handgemachte Seife, praktische Kosmetikboxen wanderten ins Körbchen. „Kleinigkeiten zu einer fremden Wohnung hinzufügen ist nicht dreist“, beruhigte sich Eva, als sie den zweiten Einkaufswagen befüllte. Das Schloss machte jetzt keinen Widerstand mehr. Eigentlich war es sowieso eher wie ein Hockey-Torwart ohne Maske. Als sie merkte, was passiert war, schraubte Eva bis Mitternacht mit Küchenmesser das alte Schloss aus und besorgte morgens ein neues – und auch neue Messer, Gabeln, Löffel, Tischdecke, Bretter und Untersetzer. Die Vorhänge waren quasi schon gebongt. Am Sonntagmittag meldete sich Dimitri: „Ich muss noch ein paar Tage länger bleiben.“ „Ich freue mich, wenn du meine Wohnung mit Wärme und Gemütlichkeit füllst“, lachte er am Telefon, als Eva ihm von ihren Interior-Freuden berichtete. Das „Gemütlichkeitstransporter“ rollten quasi in die Wohnung und Eva verteilte alles strategisch – so lang hatte sie darauf gewartet, dass sie kaum stoppen konnte. Als Dimitri zurückkehrte, war nur noch eine Spinne bei der Lüftung übrig. Eva wollte sie vertreiben, doch die verdatterten acht Augen überzeugten sie – Symbol der Unantastbarkeit. Dimitris Wohnung sah nun aus wie seit acht Jahren verheiratet, enttäuscht, und dann wieder glücklich trotz allem. Eva kümmerte sich nicht nur um die Wohnung, sondern wurde auch die Ansprechpartnerin des Hauses. Kein Ring am Finger, aber das ist nur ein Detail. Die Nachbarn wunderten sich erst, dann zuckten sie die Schultern: „Wie Sie meinen, uns ist’s egal, ist ja Ihre Sache.“ Am Tag von Dimitris Rückkehr bereitete Eva ein echtes deutsches Abendessen, verpackte die Beine in schicke, leicht freche Verpackung, verteilte Räucherstäbchen und dimmte das Licht. Dimitri verspätete sich. Als Eva spürte, dass die Verpackung ins Sportstudio-geformte Bein schnitt, wurde der Schlüssel ins Schloss gesteckt. „Neues Schloss, einfach drücken, ist offen!“, rief Eva verführerisch und unerschrocken. Sie hatte zu hart an der Wohnung gearbeitet – alles ist verziehen! Doch dann, als die Tür aufging, kam – pling – eine SMS von Dimitri: „Wo bist du? Ich bin daheim. Sieht aus wie immer. Kumpels meinten, du stellst alles mit Kosmetik voll.“ Eva sah die Nachricht erst später. Stattdessen betraten fünf völlig fremde Menschen die Wohnung: Zwei junge Erwachsene, zwei Schulkids und ein sehr alter Herr, der sich beim Anblick von Eva die Haare glatt strich. „Nicht schlecht, Papa, was für ein Empfang! Wozu das Sanatorium, wenn es daheim so ‘All Inclusive’ ist?“, rief der junge Mann – und kassierte einen Rüffel von seiner Frau. Eva stand mit zwei vollen Gläsern – bewegungslos. Schreiend, aber im Schock. Irgendwo kicherte die Spinne zufrieden. „Entschuldigen Sie, wer sind Sie?“, piepste Eva. „Der Besitzer dieser Hütte. Und Sie kommen wohl von der Praxis zum Verbinden? Hab doch gesagt, ich kann’s selbst“, meinte der Opa und deutete auf Evas sexy Krankenschwester-Outfit. „Mmm, ja, Adam Matthäus, bei Ihnen ist’s ja richtig gemütlich geworden“, warf die Ehefrau des jungen Mannes einen Blick hinter Eva. „Ganz anders, nicht wie vorher wie im Grab. Und Sie, wie heißen Sie, junge Dame? Adam Matthäus ist doch etwas alt für Sie. Aber immerhin ein Herr im eigenen Heim…“ „E-e-eva…“ „Na sowas! Gut ausgesucht, Adam Matthäus, da kann man nicht meckern!“ Dem Opa gefiel die Begegnung offensichtlich auch. „Wo ist Dimitri?“, flüsterte Eva und kippte beide Gläser in einem Zug. „Ich bin Dimitri!“, rief freudig ein Achtjähriger. „Warte, dafür bist du noch zu jung“, winkte seine Mutter ab und schickte die Kinder samt Gatten zum Auto. „E-e-entschuldigung, ich bin offenbar in der falschen Wohnung gelandet“, stammelte Eva, die das Drama mit dem Schloss erinnerte. „Das ist Fliederweg 18, Wohnung 26?“ „Nein, das ist Buchenstraße 18“, schlug der Opa die Hände zusammen, schon bereit zur Geschenk-Auspack-Action. „Ach so“, seufzte Eva tragisch, „verwechselt! Dann machen Sie es sich doch bequem, ich telefoniere kurz.“ Sie schnappte das Handy, floh ins Bad und wickelte sich ins Handtuch – las erst jetzt die SMS von Dimitri. „Dimitri, bin gleich da, war noch im Laden“, tippte sie schnell zurück. „Klar, warte auf dich. Bring bitte noch Rotwein mit, wenn’s geht“, sprach Dimitri in der Sprachnachricht. Das Rot wollte Eva jetzt innerlich transportieren. Unter dem Arm die Badematte, in der Hand die Gardine, wartete sie, bis die Fremden in die Küche gingen, und floh aus dem Bad. Sie packte hastig alles zusammen und stürmte aus der Wohnung. *** „Ich erzähle es später“, erklärte Eva ihren Aufzug, als der junge Mann die echte Tür öffnete. Wie im Nebel ging sie an ihm vorbei, direkt ins Bad, hängte Vorhang und Matte wieder an und fiel aufs Sofa – und schlief bis zum nächsten Morgen, bis Stress und Rotwein verdampft waren. Als sie aufwachte, wartete ein junger Mann auf eine Erklärung. „Welches Adresse ist das…?“ „Butowstraße 18.“

Unglaublich, Papa, wie du hier empfangen wirst! Und wozu brauchst du überhaupt eine Kurklinik, wenn zuhause echtes All-inclusive auf dich wartet?

Als Dominik ihr die Schlüssel zu seiner Wohnung überreichte, spürte Eva: Die Festung ist erobert. Kein Leonardo DiCaprio hat den Oscar je so herbeigesehnt wie Eva ihren Dominik und das noch mit eigenem Nest.

Enttäuscht, 35-jährig, warf sie immer häufiger mitleidvolle Blicke den streunenden Katzen und den Schaufenstern von Alles für Hobby und Bastelbedarf zu.

Und da war er: allein, seine Jugend vergeudet an Karriere, gesunde Ernährung, Fitnessstudio und anderen Unsinn wie Selbstfindungsreisen, und dazu kinderlos.

Eva hatte sich diesen Moment schon mit zwanzig erträumt vielleicht hatte da oben im Himmel endlich mal jemand gemerkt, dass sie es wirklich ernst meinte.

Ich habe dieses Jahr nur noch eine Dienstreise, dann gehöre ich dir ganz, sagte Dominik und überreichte die begehrten Schlüssel. Erschreck dich nicht vor meiner Höhle. Ich komme normalerweise nur zum Schlafen nach Hause, lachte er und flog ins nächste Wochenende nach Berlin.

Eva packte ihre Zahnbürste, die Gesichtscreme, und machte sich auf den Weg, um Dominiks Höhle zu begutachten. Die Probleme begannen bereits an der Tür. Dominik hatte sie zwar gewarnt, dass der alte Türschloss manchmal hackt, aber Eva hatte nicht geahnt, wie sehr.

Sie lagerte gegen die Tür fast eine Dreiviertelstunde: drückte, zog, schob den Schlüssel ganz rein, versuchtes vorsichtig nur aufs erste Klick, aber die Tür zeigte ihr deutlich, dass sie den neuen Bewohner nicht willkommen hieß.

Eva versuchte es auf psychologische Art so wie es die Jungs hinter den Garagen früher an der Schule vorgemacht hatten. Ihr Lärm alarmierte die Nachbarn.

Was machen Sie denn an der fremden Wohnungstür?, fragte besorgt eine ältere Dame.

Ich breche nicht ein, ich habe den Schlüssel!, fauchte Eva, Schweißperlen auf der Stirn.

Wer sind Sie denn überhaupt? Ich habe Sie noch nie gesehen, beharrte die Nachbarin, neugierig und misstrauisch.

Ich bin seine Freundin! Eva straffte die Schultern, stemmte die Hände in die Hüften, sah aber nur durch einen schmalen Türspalt, aus dem man mit ihr verhandelte.

Sie?, die Nachbarin wirkte ehrlich verblüfft.

Ja, ich. Gibt es ein Problem?

Ach nein, eigentlich nicht. Es ist nur er hat hier noch nie jemanden hergebracht. In diesem Moment mochte Eva Dominik noch mehr. Und jetzt plötzlich sowas

Sowas wie was? Eva verstand nicht.

Ach, lassen wir das. Ist nicht meine Sache. Entschuldigen Sie. Die Tür fiel zu.

Eva spürte: Entweder sie, oder die Tür. Mit aller Entschlossenheit drückte sie den Schlüssel und drehte mit so viel Willenskraft, dass sie fast das ganze Türschloss aus dem Rahmen hebelte. Endlich es öffnete sich.

Jetzt stand sie in Dominiks Welt, und ihr Herz wurde frostklar. Das war echte Askese fast eine Zelle im Kloster.

Armer Kerl, dein Herz hat längst vergessen, was Gemütlichkeit ist, oder vielleicht nie gekannt, murmelte Eva, während sie Dominiks bescheidene Behausung musterte, in der sie ab sofort häufig sein würde.

Doch das beruhigte sie: Die Nachbarin hatte nicht gelogen die weibliche Hand hatte nie Staub gewischt an diesen Wänden, auf diesem Boden, in dieser Küche, an diesen blassen Fenstern. Eva war die Erste.

Sie hielt es nicht länger aus. Sie zog die Schuhe an, rannte zum nächsten dm-Markt und kaufte einen hübschen Duschvorhang und einen neuen Badteppich, dazu Ofenhandschuhe und Geschirrtücher für die Küche.

Klar, im Laden packte sie die Einkaufslust Zum Vorhang und Teppich gesellten sich Duftkerzen, handgemachte Seife und praktische Behälter für Kosmetik.

Solche Kleinigkeiten in eine fremde Wohnung zu bringen das ist kein Eindringen, sondern Notwendigkeit, beruhigte sich Eva, während sie einen zweiten Einkaufswagen füllte.

Dem Schloss war sie nun keine Gegnerin mehr. Tatsächlich verweigerte es jetzt völlig die Funktion und erinnerte eher an einen Eishockey-Torwart, der ohne Maske aufs Spielfeld rennt.

Begreifend, was sie angerichtet hatte, schraubte Eva bis Mitternacht mit Küchenmessern den alten Schlosszylinder heraus, und schon morgens kaufte sie einen neuen. Die Messer mussten natürlich ebenfalls ersetzt werden, gleiches galt für Gabeln, Löffel, Tischdecken, Schneidebretter und Topfuntersetzer. Und die Gardinen waren nun auch dran.

Sonntagmittag meldete sich Dominik: Seine Dienstreise würde zwei Tage länger dauern.

Ich freue mich, wenn du meiner Wohnung ein bisschen Wärme und Gemütlichkeit schenkst, lachte er am Telefon, als Eva gestand, dass sie ein wenig in seiner Einrichtung gewütet hatte.

Bereits hatte Eva Kisten voller Gemütlichkeit ins Haus getragen und alles nach ihrem Plan sortiert. So viele Jahre hatte sich das Ganze in ihr angesammelt, und jetzt, da sie freie Hand hatte, war da kein Halten mehr.

Als Dominik endlich zurückkommen würde, war die einzige Erinnerung an seine alte Bude der kleine Spinnenmann über dem Badlüftungsgitter. Eva wollte ihn zuerst verjagen, doch als sie seine ohnehin vor Schreck geweiteten acht Augen sah, beschloss sie, das arme Tier als Symbol der Unantastbarkeit zu belassen.

Dominiks Wohnung wirkte jetzt, als sei er seit acht Jahren glücklich verheiratet, dann tief enttäuscht worden und nun wieder glücklich einfach so.

Aber Eva kümmerte sich nicht nur um die Wohnung sie sorgte dafür, dass der ganze Hausflur wusste: Sie war die neue Chefin, alle Anliegen sind ab jetzt bei ihr abzugeben. Einen Ehering trug sie zwar noch nicht, aber das war eine reine Formsache.

Die Nachbarn waren anfangs skeptisch, später aber zuckten sie nur die Schultern: Naja, wie Sie meinen. Uns ists gleich. Ihr Ding.

Am Tag von Dominiks Heimkehr kochte Eva ein traditionelles Abendessen, verpackte die filigranen Rundungen ihres Körpers in ein auffälliges Kleid, verteilte Räucherwerk in den Ecken und dimmte das neue Licht und dann begann das große Warten.

Dominik ließ auf sich warten. Als Eva merkte, wie das Kleid schmerzhaft in die Stellen drückte, für die sie monatelang im Fitnessstudio Kniebeugen gemacht hatte, hörte sie, wie ein Schlüssel im neuen Schloss gedreht wurde.

Tür ist nagelneu, einfach drücken, sie ist offen! rief Eva ein wenig verlegen und zugleich verheißungsvoll. Sie fürchtete sich nicht vor Urteil dafür hatte sie beim Einrichten zu sehr geglänzt. Ihr würde alles verziehen werden.

Gerade als sich die Tür öffnete, vibrierte Evas Handy: Dominik schrieb: Wo bist du denn? Bin zuhause und die Wohnung sieht genauso aus wie immer! Meine Freunde haben mir Angst gemacht, dass du alles mit Kosmetik zustellst.

Zu blöd: Die Nachricht las Eva erst später. Denn fünf fremde Leute traten nun in die Wohnung: Zwei junge Männer, zwei Kinder und ein Großvater, der beim Anblick von Eva sofort Haltung annahm und seine wenigen grauen Haare glattstrich.

Papa, hier wirst du aber empfangen! Und wozu die Kurklinik, wenn Zuhause so ein All-inclusive stattfindet? spottete der junge Mann, kassierte von seiner Frau gleich einen Zurechtweisungsblick wegen seines Starren.

Eva stand wie angewurzelt mit zwei gefüllten Weingläsern da. Sie wollte schreien, doch die Stimme blieb ihr weg.

In der Ecke lachte der kleine Spinnenmann.

Entschuldigung, wer sind Sie? quiekte Eva.

Der Hausherr hier. Und Sie? Sind Sie aus der Praxis, kommen Sie zum Verbandswechsel? Hab doch gesagt, dass ichs selbst mache, antwortete der alte Mann und musterte Evas Outfit, das wie ein Schwesternkittel aussah.

Ähm, ja, Adam Mathias, hier herrscht ja Gemütlichkeit und Seligkeit, schielte die Frau des jungen Mannes hinter Eva auf die Wohnung. Ganz anders als vorher, da lebte man ja wie in einer Gruft. Und wie heißen Sie, junge Dame? Ist unser Adam Mathias nicht ein wenig alt für Sie? Andererseits, ein Mann mit eigener Wohnung

E-e-va

Ach so! Na Sie, Adam Mathias, haben aber ein Händchen beim Leute aussuchen!

Dem alten Herrn mit den glänzenden Augen schien das ohnehin ganz ausgezeichnet zu passen.

Wo ist Dominik? flüsterte Eva, während sie beide Weingläser auf einen Zug leerte.

Ich bin Dominik!, rief ein Junge, der wohl gerade acht war.

Jetzt warte mal, für Dominik bist du noch ein bisschen jung, seine Mutter nahm die Hand runter und schickte beide Kinder samt Mann zum Auto.

E-e-entschuldigen Sie, ich habe mich wohl in der Wohnung geirrt, begann Eva allmählich zu sich zu kommen, erinnerte sich an den Schlosswechsel. Das ist doch Lilienweg 18, Wohnung sechsundzwanzig?

Nein, das ist Lindenstraße 18, sagte der alte Herr und rieb sich die Hände, bereit, sein neues Geschenk auszupacken.

Ach so, stöhnte Eva theatralisch, verwechselt. Setzen Sie sich, machen Sies sich bequem, ich muss kurz telefonieren.

Sie schnappte sich das Handy und verschwand im Bad, verbarrikadierte die Tür und wickelte sich ins Handtuch. Dort las sie endlich Dominiks Nachricht.

Bin gleich da, Dominik. Hatte einen Umweg im Laden, tippte Eva zurück.

Kein Problem, bring bitte noch eine Flasche Rotwein mit, sprach Dominik per Sprachnachricht.

Rotwein wollte Eva bringen, aber diesmal innerlich. Den Badteppich unterm Arm, den Vorhang abgehängt, wartete sie, bis die fremden Leute Richtung Küche verschwanden, und schlich dann raus.

Schnell packte sie alles in die Tasche und flüchtete aus der Wohnung.

Ich erzähle, aber später, erklärte Eva später ihr blamables Auftreten, als Dominik ihr die richtige Tür öffnete.

Wie im Nebel huschte sie an ihm vorbei, ohne ihn zu beachten, ging ins Bad, hängte die Gardine um, legte den Teppich aus, und ließ sich aufs Sofa fallen, wo sie bis zum nächsten Morgen schlief, bis der Stress und das Rotwein-Gefühl vorbei waren.

Erwacht, blickte Eva in das Gesicht eines fremden jungen Mannes, der Antwort verlangte:

Entschuldigung, wie ist eigentlich die Adresse?

Buchenstraße, achtzehn.Eva lächelte müde, aber diesmal machte sie keinen Fehler. Im grellen Morgenlicht zählte sie unwillkürlich die Dinge, die sie aus der alten Wohnung gerettet hatte Badteppich, Gardine, die handgemachten Seifen, Ofenhandschuhe. Alles lag verstreut auf dem Sofa, als wolle ihr Leben jetzt endlich Ordnung lernen.

Dominik kam aus der Küche und stellte einen frischen Kaffee vor sie hin. Du weißt, dass du jetzt offiziell angekommen bist? Die Nachbarn reden schon von unserer kleinen Revolution.

Eva sah den Mann an, der weder DiCaprio noch Prinz war, aber dessen Schlüssel sie trotz aller Irrtümer und Spinnennetze tapfer erobert hatte. Sie streckte die Beine aus, lehnte sich zurück und ließ keinen Zweifel aufkommen: Diesen Ort, den Menschen und sogar das verpeilte Schloss wollte sie nicht mehr hergeben.

Draußen im Flur klopfte die Nachbarin vorsichtig. Alles in Ordnung bei Ihnen? Wir würden gern wissen, wie Sie den alten Schlosszylinder so schnell erneuern konnten. Gibts da einen Trick?

Eva lachte laut. Die Zeit der streunenden Katzen war vorbei. Sie öffnete die Tür, ließ Licht herein und sagte: Manchmal muss man eben das ganze Schloss wechseln, damit das Leben endlich passt.

Dominik grinste kein Oscar nötig, kein Applaus. Nur ein Kaffee und jemand, der weiß, welchen Rotwein er wirklich mag.

Und der Spinnenmann blieb natürlich. Schließlich ist jede Festung erst dann erobert, wenn auch kleine Legenden Einzug halten.

Mitten im Trubel, zwischen Badteppich und Kaffeeduft, wusste Eva: Sie war zu Hause.

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Homy
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Nicht zu fassen, Papa, was für ein Empfang! Und warum wolltest du überhaupt ins Sanatorium, wo du doch zu Hause echtes „All Inclusive“ hast? Als Dimitri ihr die Schlüssel zu seiner Wohnung überreichte, wusste Eva: Bastille eingenommen. Kein DiCaprio hat so auf einen Oscar gewartet, wie Eva auf ihren Dimitri – und das auch noch mit dem eigenen Nest. Entmutigt und 35 Jahre alt, warf sie immer öfter mitleidige Blicke zu Straßenkatzen und in die Schaufenster von „Alles für Handarbeit“. Und da war er – einsam, mit der Jugend für Karriere, gesundes Essen, Fitnessstudio und anderen Unsinn wie die Suche nach sich selbst geopfert – und dazu noch kinderlos. Seit Eva zwanzig war, hatte sie sich dieses Geschenk erträumt, und irgendwo da oben ist wohl endlich klar geworden, dass sie es ernst meinte. „Letzte Dienstreise dieses Jahr, dann gehöre ich ganz dir“, sagte Dimitri und überreichte die Schlüssel. „Erschreck dich nicht über meine Höhle. Ich komme normalerweise nur zum Schlafen nach Hause“, meinte er und flog für das ganze Wochenende in eine andere Zeitzone. Eva steckte Zahnbürste und Creme ein und machte sich auf den Weg – neugierig auf die Höhle. Schon an der Tür gab es Probleme. Dimitri meinte, das Schloss hakt manchmal, aber Eva ahnte nicht wie sehr. Vierzig Minuten kämpfte sie sich mit Schlüssel und Schlosstricks zur Tür hinein – psychologische Kriegsführung inklusive, wie von den Klassenkameraden hinterm Garagen beigebracht. Der Lärm öffnete die Nachbarwohnung. „Warum brechen Sie in fremde Wohnungen ein?“, fragte eine besorgte Frauenstimme. „Ich breche nicht ein, ich habe Schlüssel!“, schnaubte Eva. „Und wer sind Sie überhaupt? Kenne Sie nicht“, mischte sich die Nachbarin weiter ein. „Ich bin seine Freundin!“, rief Eva herausfordernd – aber sprach nur mit einer Türspalte. „Sie?“ – die Frau war erstaunt. „Ja, gibt’s Probleme?“ „Nein, keine. Er hat nie jemanden mitgebracht (in dem Moment mochte Eva Dimitri gleich noch mehr). Und jetzt gleich so eine…“ „So eine wie?“ „Nicht meine Sache, tut mir leid“, schloss die Nachbarin ihre Tür. Eva drückte mit allem Willen gegen das Schloss, knirschte, und – endlich öffnete sich die Tür. Dialog mit der Wohnung – der ganze Innenraum von Dimitri offenbarte sich und Evas Seele fror. Eremiten-Askese pur. „Armes Herz, du hast vergessen, was Geborgenheit ist – vielleicht hast du es nie gekannt“, entfuhr es Eva beim Blick auf das winzige, bescheidene Reich. Aber: Sie war froh. Die Nachbarin hatte nicht gelogen – keine weibliche Hand hatte hier je gewirkt. Eva war die Erste. Ohne zu zögern stürmte Eva in den nächsten „Müller“ und kaufte schöne Vorhänge und Badematte, dazu Topflappen und Handtücher für die Küche. Und schwupps – Duftspender, handgemachte Seife, praktische Kosmetikboxen wanderten ins Körbchen. „Kleinigkeiten zu einer fremden Wohnung hinzufügen ist nicht dreist“, beruhigte sich Eva, als sie den zweiten Einkaufswagen befüllte. Das Schloss machte jetzt keinen Widerstand mehr. Eigentlich war es sowieso eher wie ein Hockey-Torwart ohne Maske. Als sie merkte, was passiert war, schraubte Eva bis Mitternacht mit Küchenmesser das alte Schloss aus und besorgte morgens ein neues – und auch neue Messer, Gabeln, Löffel, Tischdecke, Bretter und Untersetzer. Die Vorhänge waren quasi schon gebongt. Am Sonntagmittag meldete sich Dimitri: „Ich muss noch ein paar Tage länger bleiben.“ „Ich freue mich, wenn du meine Wohnung mit Wärme und Gemütlichkeit füllst“, lachte er am Telefon, als Eva ihm von ihren Interior-Freuden berichtete. Das „Gemütlichkeitstransporter“ rollten quasi in die Wohnung und Eva verteilte alles strategisch – so lang hatte sie darauf gewartet, dass sie kaum stoppen konnte. Als Dimitri zurückkehrte, war nur noch eine Spinne bei der Lüftung übrig. Eva wollte sie vertreiben, doch die verdatterten acht Augen überzeugten sie – Symbol der Unantastbarkeit. Dimitris Wohnung sah nun aus wie seit acht Jahren verheiratet, enttäuscht, und dann wieder glücklich trotz allem. Eva kümmerte sich nicht nur um die Wohnung, sondern wurde auch die Ansprechpartnerin des Hauses. Kein Ring am Finger, aber das ist nur ein Detail. Die Nachbarn wunderten sich erst, dann zuckten sie die Schultern: „Wie Sie meinen, uns ist’s egal, ist ja Ihre Sache.“ Am Tag von Dimitris Rückkehr bereitete Eva ein echtes deutsches Abendessen, verpackte die Beine in schicke, leicht freche Verpackung, verteilte Räucherstäbchen und dimmte das Licht. Dimitri verspätete sich. Als Eva spürte, dass die Verpackung ins Sportstudio-geformte Bein schnitt, wurde der Schlüssel ins Schloss gesteckt. „Neues Schloss, einfach drücken, ist offen!“, rief Eva verführerisch und unerschrocken. Sie hatte zu hart an der Wohnung gearbeitet – alles ist verziehen! Doch dann, als die Tür aufging, kam – pling – eine SMS von Dimitri: „Wo bist du? Ich bin daheim. Sieht aus wie immer. Kumpels meinten, du stellst alles mit Kosmetik voll.“ Eva sah die Nachricht erst später. Stattdessen betraten fünf völlig fremde Menschen die Wohnung: Zwei junge Erwachsene, zwei Schulkids und ein sehr alter Herr, der sich beim Anblick von Eva die Haare glatt strich. „Nicht schlecht, Papa, was für ein Empfang! Wozu das Sanatorium, wenn es daheim so ‘All Inclusive’ ist?“, rief der junge Mann – und kassierte einen Rüffel von seiner Frau. Eva stand mit zwei vollen Gläsern – bewegungslos. Schreiend, aber im Schock. Irgendwo kicherte die Spinne zufrieden. „Entschuldigen Sie, wer sind Sie?“, piepste Eva. „Der Besitzer dieser Hütte. Und Sie kommen wohl von der Praxis zum Verbinden? Hab doch gesagt, ich kann’s selbst“, meinte der Opa und deutete auf Evas sexy Krankenschwester-Outfit. „Mmm, ja, Adam Matthäus, bei Ihnen ist’s ja richtig gemütlich geworden“, warf die Ehefrau des jungen Mannes einen Blick hinter Eva. „Ganz anders, nicht wie vorher wie im Grab. Und Sie, wie heißen Sie, junge Dame? Adam Matthäus ist doch etwas alt für Sie. Aber immerhin ein Herr im eigenen Heim…“ „E-e-eva…“ „Na sowas! Gut ausgesucht, Adam Matthäus, da kann man nicht meckern!“ Dem Opa gefiel die Begegnung offensichtlich auch. „Wo ist Dimitri?“, flüsterte Eva und kippte beide Gläser in einem Zug. „Ich bin Dimitri!“, rief freudig ein Achtjähriger. „Warte, dafür bist du noch zu jung“, winkte seine Mutter ab und schickte die Kinder samt Gatten zum Auto. „E-e-entschuldigung, ich bin offenbar in der falschen Wohnung gelandet“, stammelte Eva, die das Drama mit dem Schloss erinnerte. „Das ist Fliederweg 18, Wohnung 26?“ „Nein, das ist Buchenstraße 18“, schlug der Opa die Hände zusammen, schon bereit zur Geschenk-Auspack-Action. „Ach so“, seufzte Eva tragisch, „verwechselt! Dann machen Sie es sich doch bequem, ich telefoniere kurz.“ Sie schnappte das Handy, floh ins Bad und wickelte sich ins Handtuch – las erst jetzt die SMS von Dimitri. „Dimitri, bin gleich da, war noch im Laden“, tippte sie schnell zurück. „Klar, warte auf dich. Bring bitte noch Rotwein mit, wenn’s geht“, sprach Dimitri in der Sprachnachricht. Das Rot wollte Eva jetzt innerlich transportieren. Unter dem Arm die Badematte, in der Hand die Gardine, wartete sie, bis die Fremden in die Küche gingen, und floh aus dem Bad. Sie packte hastig alles zusammen und stürmte aus der Wohnung. *** „Ich erzähle es später“, erklärte Eva ihren Aufzug, als der junge Mann die echte Tür öffnete. Wie im Nebel ging sie an ihm vorbei, direkt ins Bad, hängte Vorhang und Matte wieder an und fiel aufs Sofa – und schlief bis zum nächsten Morgen, bis Stress und Rotwein verdampft waren. Als sie aufwachte, wartete ein junger Mann auf eine Erklärung. „Welches Adresse ist das…?“ „Butowstraße 18.“
Nora versteckt ein Aufnahmegerät im Haus ihrer Schwiegermutter, um ihre Gespräche zu belauschen.