Schwangere Ehefrau schickt SMS an ihren Mann – doch der Geschäftsführer liest sie, kommt vorbei und bricht die verschlossene Tür ihrer Wohnung auf

Weißt du, was meiner Freundin Katrin passiert ist? Das ist echt wie aus einem dieser Lebensdramen, nur halt im echten Leben. Also, Katrin ist hochschwangerZwillinge, der Bauch riesig, und sie wacht um drei Uhr nachts auf, weil sie das Gefühl hat, der Bauch drückt sie in die Matratze wie ein Zementsack. Es ist so ruhig. Nur das Schnarchen von ihrem Mann Carsten und das Ticken der alten Standuhr im Flur.

Sie will sich umdrehen, kann aber kaum. Das Bett ächzt laut, Carsten schüttelt sich und meckert halb im Schlaf:

Musst du dich ständig wälzen, Katrin? Ich muss in vier Stunden raus. Hast du überhaupt kein Einsehen?

Sie liegt wie eingefroren, wagt kaum zu atmen. In den letzten Monaten ist das sein Leitspruch geworden. Als hätte er vergessen, dass Zwillinge kein Hobby sind, sondern wirklich anstrengend. Und sparsam ist er geworden er zählt jeden Cent, kontrolliert jeden Kassenzettel und zieht ein Gesicht, wenn Katrin ihn um paar Pfirsiche bittet.

Hast du die Preise gesehen? faucht er sie an, während er den Kassenzettel mustert. Iss Äpfel, die sind von hier, kosten weniger. Pfirsiche, das ist doch Luxus. Ich reiß’ mir draußen ein Bein aus und du sitzt nur rum.

Katrin schält sich vorsichtig aus dem Bett und schlurft in die Küche, eine Hand am Rücken. Die Füße sind so dick, dass sie kaum in die Pantoffeln rutscht. Sie setzt sich ans Fenster und schaut auf die leere Straße. Es ist so eine innere Unruhe vor der Geburt, davor, die Babys in dieses Haus voller Vorwürfe zurückzubringen.

Morgens ist Carsten nervös wie immer. Er wirft seine Sachen durch die Gegend, sucht seine Socken, knallt Türen.

Hast du das Hemd gebügelt? fragt er, schaut sie aber nicht mal an.

Es hängt überm Stuhl, Carsten.

Hättest du aber den Knopf annähen können, baumelt da an so ‘nem Faden. Egal, ich muss los. Bin spät, hab Meeting beim Geschäftsführer. Ruf mich nicht an, der Chef sammelt Handys ein.

Weg ist er. Ohne Abschied. Die Wohnungstür fällt ins Schloss, und Katrin hört, wie der obere Riegel zugeht. Ausgerechnet dieser kaputte Riegel, der sich nur mit beiden Händen und vollem Körpereinsatz öffnen lässt.

Am Mittag versucht Katrin, im Flur klar Schiff zu machen. Da ist noch diese Kiste mit Babysachen, die ihre Nichte nicht mehr braucht. Sie zieht sich einen Stuhl heran.

Nur ganz vom Rand, murmelt sie sich selbst zu.

Steht auf, streckt sich, ihr wird kurz ganz schwummrig. Der Fuß rutscht vom glatten Stuhllack. Es kracht.

Ein Sturz, sie landet seitlich auf dem Teppich, das Bein tut höllisch weh. Plötzlich krampft es im Unterleib, als hätte ihr jemand den Atem geraubt.

Das darf doch nicht wahr sein flüstert sie, versucht aufzustehen.

Eine neue Wehe reißt sie fast zusammen. Sie weiß: Es geht los. Das Handy liegt auf dem Nachttisch, einen knappen Meter entfernt. Sie kriecht förmlich hin, alles tut weh und sie hinterlässt eine Spur am Boden.

Mit zitternden Fingern greift sie zum Handy. In der Kontaktliste stehen unter C zuerst die Carsten-Nummern.

Carsten.

Und gleich darunter: Carsten Möller (Geschäftsführer). Die Nummer von seinem Chef hatte sie mal eingespeichert, für den Mutterschutzkram, weil Carsten nie ans Handy geht.

Katrin drückt auf Carsten. Es piept. Und piept. Er geht nicht ran.

Sie versucht es nochmal.

Dieser Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar.

Die Panik packt sie mit aller Kraft. Sie ist allein. Die Haustür ist oben verriegelt sie wird sie, liegend, nie aufbekommen. Der Rettungsdienst kann im schlimmsten Fall nicht mal rein.

Sie wechselt in den Messenger. Ihre Augen flirren. Sie tippt, glaubt an Carsten zu schreiben:

Ich muss ins Krankenhaus, Tür abgeschlossen! Es geht los, bin gestürzt, kann nicht aufstehen. Komm bitte sofort!

Abschicken, Handy fällt aus der Hand. Bildschirm schwarz.

Carsten Möller, Geschäftsführer einer großen Bauunternehmung in Hamburg, hält gerade ein wichtiges Meeting ab. Er ist konsequent, streng keiner kommt zu spät zu seinen Meetings.

Plötzlich vibriert sein Handy auf dem Tisch. Er wirft einen kurzen Blick drauf. Katrin Schmid, die Frau seines Einkaufsleiters Carsten Schmid. Er erinnert sich ruhige, nette Frau, war letztens noch da, um Papierkram zu unterschreiben.

Er liest die Nachricht, und sein üblich kontrolliertes Gesicht entgleist.

Meeting beendet, donnert er, steht auf.

Aber wir sind noch mitten in den Zahlen, Herr Möller versucht die Buchhalterin.

Alle raus!

Im Gehen wählt er Carsten.

Teilnehmer nicht erreichbar.

So ein Mistkerl, flucht Möller leise.

Dann ruft er seinen Sicherheitschef an:

Finde raus, wo sich Schmids Handy gerade befindet. Und fahr mein Auto vor. Ich fahr selbst.

Zwei Minuten später kommt die Antwort mit GPS-Standort. Schmid ist gar nicht auf der Baustelle das Signal ist irgendwo am Stadtrand, beim Wellnessresort Blauer See.

Möller beißt die Zähne zusammen.

Er heizt durch die Straßen, überholt alle. In einer Viertelstunde ist er bei Schmids Adresse. Vor fünf Jahren ist seine eigene Frau an einem Herzinfarkt gestorben. Er weiß noch, wie hilflos man sich fühlt, wenn Hilfe zu spät kommt.

Möller rennt die Stufen hoch. Die Tür ist zu. Dahinter hört er ein leises Stöhnen.

Er wartet nicht auf den Rettungsdienst. Er nimmt Anlauf und stemmt sich gegen die Tür. Der Riegel gibt nach dem zweiten Versuch nach.

Katrin liegt gekrümmt im Flur.

Katrin!

Sie blinzelt ihn an:

Herr Möller? Wo ist Carsten?

Ich bin für ihn da. Halte durch.

Er hebt sie hoch.

Im Auto düst er so wild, dass jeder andere ausweicht. Hinten liegt Katrin und atmet schwer.

Gleich, halt durch, beruhigt er sie im Rückspiegel. Wir sind fast da.

Im Krankenhaus warten schon die Ärzte mit einer Trage Möller hat unterwegs den Chefarzt angerufen.

Sind Sie der Ehemann? ruft die Schwester.

Ich bin der Vater, knurrt Möller. Sie übernehmen Verantwortung für Mutter und Babies.

Er bleibt auf dem Flur, läuft ununterbrochen auf den Kacheln auf und ab. Nach drei Stunden kommt der Arzt mit der Maske in der Hand.

Sie können durchatmen. Zwei kleine Jungs. War eine schwere Geburt, aber wir haben es geschafft. Sie sind etwas zart, bleiben erst mal unter Beobachtung. Aber sie atmen selbstständig. Mutter ist angeschlagen, aber es wird.

Möller stützt die Stirn an die Fensterscheibe.

Danke.

Er greift wieder zum Handy, ruft Schmid nochmal an. Diesmal hebt Carsten endlich ab. Seine Stimme klingt verkatert, im Hintergrund Lachen und laute Musik.

Chef, Sie haben angerufen? Bin gerade am Projekt, Empfang schlecht

Am Projekt? Wird jetzt beim Blauen See Beton gegossen? Möllers Stimme ist eiskalt.

Stille.

Also, Herr Möller, ich

Du bist gefeuert, Schmid. Ohne Empfehlung. Bis morgen will ich dich aus der Stadt verschwunden sehen. Und bete, dass deine Frau dir verzeiht. Ich hätte an ihrer Stelle keine Gnade.

Katrin wacht am nächsten Tag auf. Ihr Zimmer ist ruhig, Einzelzimmer. Auf dem Nachttisch Mineralwasser und ein Saftpäckchen.

Die Tür geht auf. Herr Möller kommt herein, Anzug, aber ohne Krawatte, sieht erschöpft aus.

Wie geht’s Ihnen?

Herr Möller Katrin versucht sich aufzusetzen, spürt aber sofort den Schmerz der OP. Danke. Das ist mir so peinlich, ich hab’ die Kontakte verwechselt

Sieh’s mal so: Ein Glück, dass Sie verwechselt haben, er lächelt, setzt sich. Katrin, wir müssen reden. Ganz offen.

Er erzählt ihr alles: Von der SMS, vom Wellnessresort, von Carstens Kündigung. Er klingt hart.

Er wird sich jetzt sicher melden und um Verzeihung betteln. Die Wohnung gehört, nehme ich an, ihm?

Seinen Eltern, murmelt Katrin, Tränen in den Augen. Wir haben keine Anlaufstelle. Nur eine Tante, ganz am Land.

Möller trommelt mit den Fingern aufs Knie.

Passen Sie auf: Ich hab’ ein großes Haus, zwei Etagen. Bin meist nur nachts da. Im Gästehaus gibt’s genug Platz. Bleiben Sie erst mal mit den Kindern dort, bis Sie wieder auf die Füße kommen. Mir fehlt eh jemand, der im Haus mithilft, und Fremde mag ich nicht. Sehen Sie’s als Job.

Ich mit zwei Kindern, da kann ich doch nicht arbeiten

Sie bekommen Unterstützung. Das ist keine Wohltat. Für mich einfach ein gutes Gefühl, wenn Leben im Haus ist.

Die Entlassung verläuft ruhig. Carsten versucht ins Krankenhaus zu kommen, aber die Security lässt ihn nicht durch. Er steht betrunken vorm Fenster, schreit irgendwas.

Katrin schaut kurz aus dem Fenster, innerlich leer. Nur noch Gleichgültigkeit bleibt.

Herr Möller holt sie selbst ab. Verstaut Babyschalen, packt ihre Taschen.

Na, dann fahren wir nach Hause, sagt er nur.

Das Leben bei Möller ist viel entspannter, als Katrin dachte. Der große Altbau blüht richtig auf. Es riecht nach Babycreme und frisch gewaschener Wäsche.

Herr Möller ist gar nicht so streng, wie sein Ruf sagt. Wenn er abends heimkommt, nimmt er die Zwillinge die heißen übrigens Max und Theo und wiegt sie ganz unbeholfen im Arm.

Na, ihr zwei, brummt er. Wachst ihr schon aus euren Stramplern raus?

Die Jungs schauen ihn ernst mit großen Augen an.

Von Carsten hört man nichts mehr. Als er bemerkt, dass Herr Möller ihm überall in der Branche Steine in den Weg legt, zieht er zu seiner Mutter aufs Land. Ab und zu schickt er ein bisschen Geld, aber Katrin ist das egal. Sie fühlt sich zum ersten Mal seit Jahren beschützt.

Zwei Jahre gehen ins Land.

An einem heißen Julisonntag deckt Katrin den Tisch im Gartenpavillon. Herr Möller bereitet Grillzeug zu.

Die Zwillinge jagen über den Rasen, versuchen, einen Maikäfer zu fangen.

Papa, schau mal, ein Käfer! ruft Theo und zeigt in die Luft.

Katrin stockt mit dem Teller in der Hand. Auch Herr Möller hält inne. Das erste Mal nennt eines der Kinder ihn Papa.

Er legt das Grillbesteck zur Seite, wischt sich die Hände ab und hebt Theo hoch.

Käfer, sagst du? Das da ist ein dicker Brummer. Die helfen unseren Blumen.

Dann blickt er zu Katrin. Und der ganze Strenge, für den ihn alle halten, ist aus seinem Gesicht verschwunden nur noch warme Augen.

Katrin, sagt er leise und bittet sie, sich zu setzen.

Sie setzt sich auf die Bank.

Ich bin kein Romantiker, das weißt du. Mir fehlen die schönen Worte. Aber die Jungs sie sind keine Fremden. Und du auch nicht.

Er holt eine kleine, schlichte Pappschachtel aus der Tasche.

Eigentlich sind wir doch schon lange eine Familie. Lass unss offiziell machen. Ich adoptiere die Jungs sie kriegen meinen Namen. Damit keiner je was Böses über euch sagen kann. Was meinst du?

Katrin schaut ihn an, Tränen kullern über die Wangen diesmal aber vor Erleichterung, weil sie wirklich angekommen ist.

Ich will, Herr Möller lieber Carsten, lächelt sie durch die Tränen.

Dann sind wir uns einig. Und Herr kannst du wirklich lassen, ich habs dir doch schon so oft gesagt.

Abends, als die Kinder schlafen, sitzen sie zusammen noch auf der Veranda, der Tee im Becher ist längst kalt. Irgendwo anders im Land sitzt der Ex, wahrscheinlich an einem billigen Korn, und jammert über sein Pech. Aber hier, im Haus das jetzt wirklich ihr Zuhause ist, schlafen zwei kleine Jungs, die jetzt einen richtigen Papa haben.

Manchmal reicht ein Zahlendreher in der Kontaktliste und das ganze Leben ändert sich. Hauptsache, man vertut sich nicht beim Menschen.

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Homy
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Schwangere Ehefrau schickt SMS an ihren Mann – doch der Geschäftsführer liest sie, kommt vorbei und bricht die verschlossene Tür ihrer Wohnung auf
Schwiegerfamilie steht plötzlich unangekündigt vor der Tür und will einen Monat bleiben – ich habe sie nicht hereingelassen und die Tür nicht geöffnet