Jetzt mach doch endlich auf, Jens! Was trödelst du da rum? Wir stehen hier mit Taschen und haben schon keinen Arm mehr! Wir haben den Taxifahrer schon weggeschickt, hier draußen ist es kalt lass uns wenigstens in den Hausflur, Mensch!
Die Stimme aus der Gegensprechanlage war laut, schneidend und so aufdringlich, dass mir der Kopf schmerzte, kaum dass ich sie hörte. Ich stand mit meiner Kaffeetasse mitten im Flur und erstarrte. Der Samstagmorgen, der so gemütlich und ruhig begonnen hatte, zerbrach mit einem Mal wie eine billige Porzellantasse.
Ich sah zu meinem Mann hinüber. Jens stand an der Gegensprechanlage, leichenblass, und umklammerte mit zitternden Fingern den Hörer. Unsicher und schuldbewusst schaute er mich an, zog dabei den Kopf fast zwischen die Schultern und wirkte wie ein Schüler, der mit seinem Ball gerade das Lehrerzimmerfenster zertrümmert hat.
Das ist Tante Gisela… flüsterte er und hielt die Hand über das Mikrofon. Und Onkel Hermann. Und Birgit mit den Kindern.
Wer?! Ich verschluckte mich fast an meinem Kaffee. Welche Birgit? Was für ein Onkel Hermann? Jens, wir erwarten niemanden! Wir wollten heute die Wohnung auf Vordermann bringen und zum Baumarkt fahren, Tapeten aussuchen. Du hast nichts davon gesagt!
Ich… ich wusste es auch nicht, stammelte er, und in seinen Augen lag nackte Panik. Mama hat vor einem Monat mal angedeutet, dass sie sich Hamburg anschauen wollen… Ich hab aber gesagt, wir machen gerade Renovierung, wir haben keine Zeit. Ich dachte, sie hätten es kapiert! Ich hab ihnen keine Zusage gegeben!
Es rauschte in der Gegensprechanlage, dann kam Tantes Giselas Stimme noch penetranter:
Jens! Träumst du, oder bist du schwerhörig geworden? Mach auf! Birgit muss die Kinder füttern, die sind völlig fertig von der Fahrt, und wir stehen hier ewig im Wind. Wir haben euch eine Überraschung mitgebracht! Überraa-aaschung!
Entschlossen trat ich zu Jens, nahm ihm den Hörer ab und legte ihn auf. Der Bildschirm der Videoanlage wurde schwarz.
Mach die Tür nicht auf, sagte ich leise, aber fest.
Wie meinst du das? Jens blinzelte ratlos. Kathrin, das kannst du nicht machen! Sie stehen unten mit ihren Taschen. Unsere Familie. Wir können sie doch nicht draußen lassen!
Doch, genau das machen wir. Wir haben sie nicht eingeladen, sie haben auch nicht Bescheid gesagt. Sie stehen da wieviel sind es? Fünf? und wollen in unserer kleinen Wohnung wohnen, in der wir grad den Putz von den Wänden holen? Jens, erinnerst du dich an ihren letzten Besuch? Vor fünf Jahren?
Jens verzog das Gesicht, als würde ihm ein Backenzahn schmerzen. Natürlich erinnerte er sich. Damals war Tante Gisela nur für eine Woche gekommen, um Zähne machen zu lassen, aber blieb fast zwei Monate. In der Zeit hat sie es mit den Nachbarn verscherzt, meinen besten Topf ruiniert, weil sie ihre Wäsche darin auskochte, und mir jeden Abend erklärt, wie man einen Mann zu bewirten hat. Ich war damals fast ausgezogen. Und jetzt standen sie alle auf der Matte.
Kathrin, das ist echt peinlich, jammerte Jens. Die sind aus Bayern hergefahren. Man kann sie doch nicht stehen lassen. Sie können ja ein, zwei Tage bleiben, dann finden wir schon was. Ich bezahle ihnen das Hotel.
Sie haben kein Geld fürs Hotel, Jens, du weißt das. Die kommen auf unsere Kosten, und aus ein paar Tagen wird ein Monat. Ich will sie nicht reinlassen. Es ist meine Wohnung, und ich habe an meinem verdienten Wochenende ein Recht auf Ruhe.
Da klingelte das Haustelefon wieder. Lang, hartnäckig, penetrant. Ich schaltete den Ton aus.
Sie werden gleich hier klingeln, Frau Krüger vom Empfang kennt sie von letztem Mal, sie lässt sie bestimmt durch, meinte Jens tonlos.
Und er hatte Recht. Nach ein paar Minuten begann es an unserer Wohnungstür zu hämmern. Keine höflichen Klingelversuche, sondern wirkliches Hämmern mit Fäusten, energisch und selbstherrlich.
Jens! Aufmachen! Habt ihr einen Stromschlag bekommen? grölte Onkel Hermann.
Ich trat zur Türe und warf einen Blick durch den Spion. Das Bild war zum Schreien: Tante Gisela in ihrem ewig grünen Filzhut, Onkel Hermann hochrot, schwer keuchend, mit riesigen karierten Taschen, und Birgit, die Cousine meines Mannes, mit ihren beiden Kindern ein Junge von etwa sieben, ein Mädchen vielleicht vier. Die Kinder quengelten, Birgit hämmerten auf die Klingel. Der ganze Treppenabsatz war vollgestopft mit ihrem Gepäck.
Jens, geh ins Wohnzimmer, sagte ich entschieden. Ich kümmere mich. Du lässt dich sonst wieder erweichen.
Kathrin, bitte keinen Streit, flehte Jens. Die Nachbarn…
Den Krach machen doch sie! Einfach dreist herkommen, ohne zu fragen. Los, geh jetzt.
Ich wartete, bis Jens im Wohnzimmer war, atmete tief ein und stellte mich dicht an die Tür. Aufmachen? Nicht mal mit Kette. Ich kannte doch die Masche schon steckt einer den Fuß rein, und alles ist vorbei.
Wer ist da? rief ich laut durch die Tür.
Draußen verstummte es kurz.
Ach Kathrin, bist du das? Dachten es wäre keiner zuhause! Lass uns endlich rein, wir brauchen dringend eine Toilette und haben Brotzeit für euch mitgebracht Schinken, Gurken, Marmelade!
Frau Gisela Bauer, guten Tag, sagte ich so kalt ich konnte. Zu wem möchten Sie denn?
Ja zu euch, natürlich! Wir sind doch Familie! Wir wollten Hamburg sehen und die Kinder in Hagenbecks Tierpark bringen. Wir haben Urlaub! Wir bleiben einen Monat!
Einen Monat? Ich konnte kaum an mich halten. Frau Bauer, wir erwarten keinen Besuch. Wir renovieren, hier herrscht Chaos, es ist nicht mal Platz zum Schlafen. Wir können Sie nicht aufnehmen.
Es entstand eine schwere Pause. Ich hörte Onkel Hermann heftig atmen, sogar die Kinder wurden still.
Wie ihr könnt nicht? Giselas Stimme wurde bedrohlich. Bist du noch ganz sauber, Kathrin? Wir sind Familie! Wir kommen gerade von der Bahn! Mach sofort auf und hör auf zu spinnen!
Ich spinne nicht. Jens hat gesagt, wir sind mitten im Umbau und können niemanden aufnehmen. Sie sind ohne Absprache gekommen. Tut mir leid, aber ich mache nicht auf. Hier ist kein Hotel. Im Viertel gibt es ein Hostel, Adresse schicke ich gern per SMS.
Hinter der Tür polterte es.
Jens! brüllte Gisela plötzlich so, dass beinahe die Türklinke vibrierte. Jens, hörst du, was deine Frau sagt?! Sie lässt uns nicht rein! Wir haben dich aufgezogen! Jens, sag doch was!
Jens saß vermutlich im Wohnzimmer mit Kopfkissen auf den Ohren. Konflikte waren ihm ein Gräuel und noch mehr die energische Verwandtschaft. Aber heute musste er sich entscheiden: entweder ich oder die Familie.
Jens ist beschäftigt, sagte ich. Und er steht hinter mir. Wir können keine fünf Leute einen Monat aufnehmen. Es gibt nur ein freies Zimmer, das ist voller Baumaterial.
Wir kommen schon zurecht! mischte sich Birgit ein. Wir brauchen nicht viel! Schlafen auch auf dem Boden! Kathrin, hab ein Herz, die Kinder…
Unten am Hausempfang gibt es eine Toilette, entgegnete ich ruhig. Und auf dem Boden geht auch nicht. Ihr seid alt genug, zu wissen, dass man nicht ohne Einladung für einen Monat anreist.
Du böses Weib! platzte Onkel Hermann heraus. Wir sind für Jens gekommen! Es ist auch seine Wohnung! Du darfst uns gar nicht aussperren! Jens! Mann oder Feigling?! Du lässt deine Familie abweisen!
Das Hämmern an der Tür nahm zu. Sie schlugen und traten gegen das Holz, als wollten sie das Schloss heraushauen.
Ich rufe jetzt die Polizei, rief ich laut. Ihr beschädigt Eigentum und stört die Ruhe.
Mach doch! kreischte Gisela. Sollen die Beamten sehen, wie du mit Familie umgehst! Wir erzählen ihnen, was du tust! Wir sind schließlich gemeldet, wir dürfen jederzeit Besuch machen!
Ich lehnte mich gegen die Türe und ging zurück ins Wohnzimmer. Jens kauerte auf dem Sofa, den Kopf in den Händen.
Kathrin, sie bleiben da, stöhnte er. Sie geben nicht auf. Die werden unsere Tür eintreten. Vielleicht sollten wir sie reinlassen? Wenigstens für eine Nacht, ich kaufe ihnen dann ein Rückfahrtticket…
Nein, Jens. Wenn wir sie jetzt reinlassen, bleiben sie einen Monat. Das kennst du doch: Oh, es gibt keine Rückfahrtkarte, Birgits Fuß tut weh, ach, nur noch eine Nacht…. Und zur Erinnerung: die Wohnung hat meine Oma mir vermacht. Sie ist zwar auch dein Wohnsitz, aber ich bin die Eigentümerin. Und ich will keine Menschen unter meinem Dach, die mich beschimpfen, nur weil ich sie nicht reinlasse.
In diesem Moment klingelte Jens’ Handy. Auf dem Display stand: Mama.
Nimm ab, sagte ich. Und sag ihr die Wahrheit.
Jens, mit zitternden Fingern, drückte auf annehmen und stellte auf Lautsprecher.
Jens! donnerte die Stimme seiner Mutter. Was ist da los? Gisela ruft mich total fertig an, sagt, ihr lasst sie nicht rein! Das ist doch meine Schwester! Das ist Familie! Mach sofort auf! Hast du keinen Anstand?
Mama, Jens Stimme brach fast schon ich hab dir gesagt, wir haben Baustelle. Ich hab gesagt, bitte nicht kommen…
Jaja, was du sagst! fiel sie ihm ins Wort. Wenn Familie kommt, nimmt man sie auf, Kathrin redet dir das nur ein! Gib mir deine Frau, ich rede ihr mal ins Gewissen! Menschen sind wichtiger als Tapeten!
Ich nahm das Handy.
Guten Tag, Frau Bauer. Sie brauchen mir nichts einreden. Ihre Verwandtschaft steht hier, beleidigt mich und trampelt wie die Berserker gegen die Tür, weil sie einen Monat wohnen wollen. Ich lasse sie nicht rein.
Kathrin! stieß die Schwiegermutter hervor. Du zerstörst unsere Familie! Ich verfluche dich! Jens verlässt dich, wenn du so weitermachst! Gastfreundschaft ist heilig!
Heilig ist auch, andere zu respektieren und Grenzen zu achten, Frau Bauer. Wenn Sie so an Ihrer Schwester hängen, laden Sie sie doch zu sich nach Augsburg ein. Von hier gehen regelmäßig Züge. Aber hier wird niemand untergebracht.
Ich drückte das Gespräch weg und gab Jens das Handy zurück.
Im Flur draußen veränderte sich der Lärm plötzlich. Ich hörte die Nachbarswohnungstür aufgehen. Herr Kleemann, unser Nachbar ein pensionierter Oberst mit der Ausstrahlung eines Bulldoggen, und Gehör wie ein Luchs hatte wohl die Geduld verloren.
Ich ging zum Spion. Herr Kleemann stand im Schlafanzug mit Bademantel, wirkte aber einschüchternd.
Was ist das hier für ein Auflauf? donnerte seine Stimme. Warum dieser Lärm? Zehn Uhr morgens! Leute wollen ausschlafen!
Geh weiter, Opa! fauchte Birgit. Wir sind Familie, die lassen uns nur nicht rein! Wir dürfen hier klopfen!
Klopfen könnt ihr woanders, schnitt der Oberst ab. Hier ist Ruhezeit. Noch so ein Krach und ich rufe die Polizei. Und für die Kratzer an der Tür gibt’s Anzeige!
Wir haben nichts kaputt gemacht! kreischte Gisela. Wir sind Gäste!
Gäste werden erwartet. Wer unangemeldet kommt, ist ein Eindringling. Raus hier, dalli! Meine Enkelin schläft!
Onkel Hermann wollte sich aufspielen, trat auf den Nachbarn zu breite Brust, fester Stand.
Bleiben Sie weg, das ist nicht Ihr Problem. Wir regeln das mit dem Neffen.
Ein Fehler. Herr Kleemann blieb unbeeindruckt, die Arme verschränkt.
Ich weiß schon, wie ich mich zu kümmern habe, sagte er kalt. Der Sicherheitsdienst ist informiert. Wenn ihr nicht in zwei Minuten verschwunden seid, werdet ihr vom Hausverbot betroffen. Und Strafanzeige stelle ich auch gleich.
Gisela, die schon ahnte, wie das ausgeht, zog ihren Mann am Ärmel:
Hermann, lass sein, das sind Bekloppte. Jens! Hörst du das? Die Nachbarn drehen durch! Willst du uns nicht helfen?
Ich lehnte die Stirn an die kalte Tür. Ich hatte Mitleid mit Jens. Für ihn war das alles schrecklich demütigend aber ich wusste: Wenn ich jetzt nachgebe, würden sie uns verschlingen. Sie würden hier einziehen, auf unserem Bett schlafen (wegen Giselas Rücken), mir meine Gardinen schlechtreden, Geld schnorren und sich in alles einmischen.
Jens, ich ging ins Wohnzimmer. Er saß noch immer zusammengesunken. Du musst ihnen schreiben. Oder besser direkt sagen. Dass du nicht rauskommst. Und kein Geld.
Sie werden mich verfluchen, wisperte Jens. Das ganze Dorf redet dann über mich. Und meine Mutter ist fix und fertig.
Das kann sein. Aber wir bleiben dafür eine Familie. Ein normales Paar, das sich respektiert. Jens, ich liebe dich. Aber ich kann nicht in einer Wohngemeinschaft mit deiner aufdringlichen Verwandtschaft leben. Entweder die oder ich.
Jens hob die Augen. Sie waren feucht. Er stand auf, holte vom Schrank einen Umschlag sein Angel-Sparschwein für die neue Rolle.
Ich kann sie nicht ohne einen Cent fortschicken, sagte er dumpf. Sie haben doch viel für die Tickets ausgegeben.
Er trat zur Tür. Ich hielt den Atem an, bereit, ihm die Hand wegzuziehen, falls er das Schloss anzufassen wagte. Doch er öffnete nicht.
Tante Gisela! rief er laut durch die Tür, seine Stimme zitterte, aber war fest.
Draußen wurde es sofort still.
Och, Jensi! Endlich! Mach auf, mein Junge!
Ich mache nicht auf, Tante Gisela. Kathrin hat Recht. Wir haben euch nicht eingeladen. Es ist kein Platz. Ihr müsst leider gehen.
Was?! Der Schrei war wohl bis unten zu hören. Die Frau geht dir über die Familie? Wir…
Ich überweise dir jetzt fünfhundert Euro, sagte Jens. Das reicht für ein, zwei Nächte im Hotel und für Rückfahrkarten. Mehr hab ich nicht. Fahrt bitte zurück. Und beim nächsten Mal fragt vorher.
Steck dir dein Geld sonst wohin! kreischte Birgit. Verräter! Wir kommen mit Geschenken und Schinken, und du…
Das Geld ist raus, sagte Jens, während er aufs Handy sah. Geht bitte. Der Nachbar hat die Polizei gerufen.
Draußen brach die Hölle los. Flüche und Schimpfworte prasselten wie Hagel. Ich war laut ihnen gehässig, herzlos, angeblich unfruchtbar, eine Hexe, die ihren Jungen verführt hat und Jens wurde als Waschlappen tituliert.
Herr Kleemann trat erneut auf den Flur, jetzt mit Handy gegen das Ohr:
Ja, bitte ein Streifenwagen. Randale im Treppenhaus, Androhung von Gewalt. Ich warte.
Bei dem Wort Polizei kehrte Unruhe vor der Tür ein.
Los weg hier! befahl Gisela. Ich setze nie wieder einen Fuß in diese Hölle! Ihr seid verflucht! Und den Schinken nehme ich wieder mit!
Man hörte lautes Gepolter, Schluchzen der übermüdeten Kinder, schleppende Schritte Richtung Aufzug, das Türgong. Der Lärm entfernte sich.
Wir standen in der Diele und hörten dieser neuen, schweren, aber erlösenden Stille zu. Jens sackte die Rückwand hinunter und setzte sich, die Hände im Gesicht vergraben, auf den Boden.
Ich hockte mich zu ihm, umarmte ihn. Er drückte das Gesicht an meine Schulter, ich spürte, wie er leise schluchzte. Nach außen hin ganz beherrscht, aber mir war klar: Es tat ihm weh, sich so von seiner Familie abzugrenzen aber er hatte es durchgezogen. Er hatte mich gewählt.
Es tut mir leid, flüsterte er. Ich hätte schon am Telefon nein sagen müssen.
Alles gut, ich strich ihm übers Haar. Du hast uns beschützt. Unser Zuhause verteidigt.
Mama wird jetzt monatelang nicht sprechen.
Lass sie. Wir haben jetzt Ruhe. Und in ein paar Monaten beruhigt sie sich. Sie liebt dich, nur eben… auf ihre Art. Egoistisch.
Wir saßen bestimmt zehn Minuten lang einfach so. Dann klingelte es zaghaft. Jens zuckte zusammen.
Ich schaute durch den Spion. Es war Herr Kleemann, jetzt im Hausanzug.
Sie sind weg, sagte er knapp. Ich hab nachgeschaut. Die sind in ein Taxi gestiegen, haben die ganze Straße zusammengeschrien. Tut mir leid, dass ich mitgemischt habe, aber so was kann ich morgens einfach nicht ab.
Vielen Dank, Herr Kleemann, Jens stand auf und verneigte sich fast. Sie haben uns wirklich gerettet.
Ach was, winkte der Oberst ab. Mit Familie ist das so eine Sache. Mein Schwager ist nach dem dritten Bier auch immer unerträglich. Sie haben das richtig gemacht Grenzen sind wichtig. Und du, Junge, hast Haltung gezeigt. Respekt.
Er zwinkerte uns zu und verschwand.
Wir kehrten in die Wohnung zurück. Es fühlte sich an, als hätten wir eine Belagerung durchlebt. Die Erschöpfung brach über uns herein.
Kaffee? Der andere ist längst kalt, fragte ich.
Ja, nickte Jens. Und weißt du was? Lass uns heute einfach liegen bleiben, keine Tapeten, kein Baumarkt. Film an, Handy aus.
Wunderbare Idee.
Er schaltete das Handy aus, das gerade wieder vibrierte (vermutlich die zweite Anrufwelle von seiner Mutter), und warf es auf die Kommode.
Wir verbrachten den Tag zu zweit, in wohltuender Stille. Bestellten Pizza, schauten alte Komödien, sagten kein Wort über das Geschehene. Aber ich wusste: Unsere Beziehung war ein Stück gewachsen. Jens war für mich von einem geliebten Mann zu einem Partner geworden, der auch schwierige Entscheidungen treffen kann. Er hat Angst gehabt, aber ist nicht zurückgewichen.
Und die Verwandten? Sie fuhren tatsächlich noch am gleichen Tag zurück und verbrachten die Nacht im Bahnhofsfoyer, weil Gisela ihr Hotelgeld für einen neuen Fernseher ausgab. Wochen später hörte ich von Bekannten, wie sie überall erzählte, die hamburgische Schwiegertochter habe sie ohne Wasser, barfuß auf die Straße gesetzt.
Seine Mutter sprach drei Monate nicht. Dann rief sie an, um Jens zum Geburtstag zu gratulieren. Über den Vorfall wurde geschwiegen und sie kam nie wieder zu uns. Offenbar war ihr klar, dass unsere Tür sich nur für Leute öffnet, die uns respektieren.
Und wisst ihr ich habe mich nie für mein Verhalten geschämt. Manchmal, um eine Familie zu bewahren, muss man einfach den Schlüssel umdrehen und der Unordnung draußen die Tür verschließen selbst wenn sie sich Familie nennt. Mein Zuhause ist meine Burg, und wer eintreten darf, bestimme ich.





