Tschüss, Antonie!
So, was gibt es bei Ihnen? Erzählen Sie mal.
Frau Zina richtete sich auf ihrem Stuhl zurecht, zupfte am Kragen ihres weißen Arztkittels und schüttelte den Kopf, während sie die vor ihr sitzende Frau musterte, die nervös ihre Handtasche umklammerte. Elegantes Kleid, schicker Mantel so einen hätte Zina auch gern getragen. Sie saß kerzengerade …
Warte ich jetzt noch lange? Haben Sie eine Karte in der Anmeldung geholt?
Antonie-Maria nickte zaghaft und reichte der Ärztin ein dünnes, fast gewichtsloses Bündel zusammengetackerter Zettel. Diesen Doktor, von dem eine Bekannte so geschwärmt hatte, hatte sich Frau Antonie ganz anders vorgestellt etwas gebildeter vielleicht. Aber da saß eine gewöhnliche Frau, das Haar in einem zerzausten Dutt, das Gesicht zerknittert und unzufrieden, als hätte sie die ganze Nacht nicht geschlafen. Die Hände rot, etwas geschwollen mit Schwielen an den Fingern … Wieso das? Eine ganz normale Hausärztin eben.
Zina blätterte beiläufig in der Karte, verstand nicht wirklich etwas, tippte mit dem Stift auf den Tisch und blickte ihre Patientin an.
Wollen Sie was sagen oder nicht? Draußen sitzen noch mehr Leute und warten, sie halten alle auf!
Antonie zuckte schüchtern die Schultern. Eigentlich war sie ganz allein ins Sprechzimmer gegangen und draußen war niemand mehr nach ihr in der leeren Praxis. Nur auf der Bank in der Nähe saß ein Herr, der an seinem Schnurrbart kaute und vor sich hinmurmelte vor dem hatte sie schon ein wenig Angst. Ansonsten: Totenstille auf dem Flur!
Soll ich jetzt einfach erzählen, ja? Sie sind doch Dr. Eichhorn, oder? Antonie-Maria zupfte, wie aus Gewohnheit, die Dokumente auf dem Tisch zurecht. Zina runzelte die Stirn.
Eichhorn richtig. Sie können gern schweigen, aber dann bitte draußen im Flur. Diagnosen durch Handauflegen stelle ich nicht, tut mir leid. Der Nächste bitte!
Antonie zusammengezuckt.
Nein, nein! Ich sags ja mir gehts wirklich nicht gut , begann sie leise zu erzählen, Zina schriebe eilig mit.
Langsamer bitte! Also, Verdauung … oder vielleicht … egal, habe ich notiert. Was noch? Blähbauch … Blähen Sie wirklich so auf? Was essen Sie normalerweise? Alkohol? Rauchen Sie?
Antonie schüttelte ängstlich den Kopf.
Na gut … Lassen Sie mich mal überlegen! Zina stand abrupt auf und tigert durch den Raum.
Können Sie mich wenigstens anschauen? Ich … bin bereit …, warf Antonie-Maria einen zaghaften Blick zur Untersuchungsliege.
Was soll ich da sehen? Mein Vater hatte das auch.
Was denn?, fragte Antonie irritiert.
Na das, was Sie da erzählen. Mein Papa Gott hab ihn selig hatte genau das was Sie schildern, und er hat wirklich gelitten am Ende Aber: Er hat gern was getrunken. Wie stehts bei Ihnen? Trinken Sie?
Sie sah Antonie streng an. Die seufzte.
Manchmal ein Gläschen Likör oder zu Feierlichkeiten etwas Sekt, aber wirklich nur ein bisschen …
Ja, Gläschen, mal so, mal so …, äffte die Ärztin sie nach. So fängts immer an, und dann Leber im Eimer! Wie wir Ärztinnen kämpfen und wie viele haben wir verloren im Kampf gegen den blauen Dunst … Einen Monat, vielleicht zwei wenn Sie Glück haben. Ich schreibe Ihnen ein paar Kräutertees auf gegen das … na, das Dumme, wie heißt das noch …
Unwohlsein, half Antonie.
Genau, das! Merken Sie sich eins, Toni: Ihre Tage sind gezählt. So schreib ich das auf!
Sie kritzelte etwas in die Karte, schaute dann schweigend zu, wie Antonie den Taschentuch zwischen den Fingern zerdrückte, und warf ihr die Karte wieder zu.
Bringen Sie das in die Anmeldung. Und kein Wort! Wir haben genug mit dem Trinken, Statistik ist eh im Keller! Haben Sie verstanden? Kräuter trinken und bloß keine Geschichten erzählen!
Antonie nickte, stand auf, stolperte beinahe über einen Wassereimer neben dem Tisch und hob überrascht die Braue.
Desinfektion. Gestern kam einer mit Magengeschwür, jetzt wird alles mit Chlor gewaschen!, erklärte Zina hastig.
Ach so, ja, natürlich
Mit zitternden Beinen schleppte sich Antonie-Maria zur Tür, verabschiedete sich und ließ sich direkt wieder auf die Bank draußen sinken.
Ein Monat … höchstens zwei … das gibts nicht! Dabei: Man darf den Schmerz nie zu lange aushalten hätte gleich was unternehmen müssen.
Sie schlug die Karte auf, blätterte und las: Pathologische Antriebslosigkeit. Weiter unten, zwischen den Kritzeleien stehen angebliche Ratschläge, lateinische Buchstaben: Ihr Vater hatte das auch in der Kartei, kurz bevor er starb. Was das bedeutete, wusste Antonie nicht, aber es sah immerhin beeindruckend aus.
Langsam schleppte sie sich nach Hause, ihr Magen rebellierte wieder. Draußen war alles strahlend hell, frischgewaschen vom Regen, bunt und voller Spatzengezwitscher … Und sie hatte solche Lust zu leben, dass sie fast weinen musste!
Zina schloss sich zufrieden im Sprechzimmer ein, zog hastig den Kittel aus, krempelte die Ärmel ihrer uralten Bluse hoch und begann zu wischen. Wunderbar! Alles bestens!
… Aufwachen, meine kleinen Schätze! Aufwachen, meine Schreihälse!, beugte sich Georg über die Wiege, in der sich die Zwillinge rekelten, am Schnuller saugend. Wer hat denn für euch das Fläschchen warmgemacht? Und Brei gibts auch!
Die beiden rieben sich die Äuglein, reckten sich, spuckten die Nuckel aus und grinsten den Papa an.
Na, das sind aber meine Jungs!
Als die Tür zur Stube aufging, schauten die Jungs zur Mama. Maria lächelte schwach, stellte die Fläschchen ab, setzte sich und brach plötzlich in Tränen aus.
Was hast du denn, Masha?, fragte Georg irritiert. Was ist los?
Tante Toni stirbt , flüsterte Maria und wiegte sich. Sie umarmte sich und wimmerte: So ist das Leben einfach nur gemein! So eine gute Frau … und jetzt stirbt sie
Moment mal, ich versteh das nicht. Antonie-Maria war doch eben noch in der Küche …, sagte Georg, hob die Zwillinge auf den Schoß und steckte ihnen die Fläschchen in den Mund. Unter Schmatzen erklärte Maria weiter:
Sie war eben bei der Ärztin, die dein Onkel empfohlen hat. Beste Ärztin in Nürnberg, auch wenn sie nur Allgemeinmedizinerin ist Und die hat gesagt: Noch zwei Monate. Kräutertees verschrieben. Da ist nichts mehr zu machen … Maria begann wieder zu schluchzen und auch die Jungs schienen Mitleid zu haben.
Maria, beruhig dich! Und ihr heult jetzt nicht auch noch! Georg war verzweifelt, der Fütterungsplan kam aus dem Takt. Jetzt lass das doch
Ich kenn die Ärzte die reden viel! Aber, andererseits … unsere Toni ist ja keine Zwanzig mehr, bald siebzig … Und dann bleibt uns das Zimmer. Sie liebt dich, Maria, Verwandte hat sie nicht und für die Jungen tut mehr Platz gut! Seid doch ehrlich, wies jetzt ist, kann man nicht leben. Und die Nachbarin hat die bessere Wohnung … Ich schwör dir, sie bekommt einen Abschied wie eine Herzogin! …
Ich liebe dich sehr, Georg, aber deine nüchterne Art macht mich manchmal wahnsinnig! Was für ein Zimmer, was für ein Fenster! Ich kenn Toni seit meiner Kindheit, sie hat mich großgezogen …!
Maria fuhr auf, gestikulierte und ging beleidigt zur Tür.
Abstoßend, Georg! Schämen solltest du dich, sagte sie und ging.
Abstoßend! Georgs Mine verfinsterte sich. Aber sich vor Ämter schleppen und Wohnraum bitten das findet sie wohl nicht abstoßend? Die Enge täglich ertragen, mit den Zwillingen, und hoffen, dass nicht einer umfällt? Er will ja niemanden loswerden, sondern einfach nur helfen, das alles ordentlich zu regeln
Antonie verkroch sich nach dem Küchentratsch in ihr Zimmer, zeigte den Nachbarinnen ganz im Vertrauen ihre Krankenunterlagen, ließ sich erneut vom erschütternden Befund ängstigen und sog noch einmal all die Gerüche ein: Kaffee, Bratkartoffeln, jemand kochte Grießbrei für das Schulkind und eine andere Frau wärmte Milch in der Blechtasse und dieser Heimatduft, weich und nach Dorf, so schmerzlich bekannt und lieb … wieder musste Antonie schluchzen.
Als die Nachbarinnen sie trösteten, stand sie auf, zupfte an ihrem Rock und sagte: Man muss alles mal überdenken Das will ja auch organisiert werden
Ach was, was organisieren? Die Ärzte sagen viel Blödsinn. Meinem Nikolaj haben sie Zirrhose vorhergesagt, aber der lebt noch und trinkt wie ein Loch. Vergessen Sie das!
Ach, wenn das doch so einfach wäre , seufzte Antonie und verließ die Küche.
In ihrem kleinen Zimmer ließ sie den Blick schweifen. Das Bett mit den Messingkugeln, das abgenutzte Überwurf, am Nachttisch ein Gedichtband von Heine, daneben der Schrank. Sie wollte nicht mehr anhäufen. Früher arbeitete Antonie an der Schule als Deutschlehrerin, liebte schöne Kleidung, besaß drei Kostüme, elegante Pumps alles hing jetzt zerquetscht im Schrank.
Maria soll alles bekommen. Auch wenns nicht mehr modern ist, sie macht bestimmt was Neues draus Es ist schwer mit zwei Kindern und vielleicht kann man ja was verkaufen.
Maria hatte Antonie großgezogen und ihr alles beigebracht. Überglücklich war sie, als Georg, der die Elektrik überprüfen sollte, Maria tief in die Augen blickte.
Schau genau hin, Mariaschka!, raunte sie und servierte dem Handwerker ein Abendessen. Der ist geschickt und hat Humor, das lässige Reden bringen wir ihm schon bei. Und wie er dich anschaut!
Maria errötete und verschwand im Zimmer, wo ihre Mutter wartete.
Ich überlegs mir, Toni. Kommt der wieder? rief Maria beim Hinausgehen.
Natürlich, ich frag ihn!
Zur Hochzeit war Maria voller Dankbarkeit für die Nachbarin, die ihr das Glück nicht hatte entgleiten lassen.
Sie sind ein Engel, Tante Toni! Ich liebe Georg so sehr!
Das ist gut, mein Kind. Genieße das Glück, solange es da ist! Ich freu mich für euch.
Antonie atmete auf. Ja, ihre Kleidung für Maria. Was ist mit dem Geld? Auf dem Sparbuch liegt noch etwas, ein bisschen im Portemonnaie …
Mit fester Entschlossenheit ging sie zu den Nachbarn.
Georg, bist du da? Ach, meine Lieben! Guten Appetit!, piepste Antonie zu den Zwillingen. Georg, ich muss mit dir reden.
Der seufzte.
Na, was gibts? Tut mir leid wegen deiner Lage, Tante Toni. Glaubst du das wirklich … also …
Er hob die Brauen.
Das war die beste Ärztin der Stadt. Früher war sie in einer Münchner Klinik, dann ging sie, erschöpft, nach Nürnberg. Sie ist etwas komisch, schmutzig angezogen … Aber Spezialistin.
Und was steht in dem Bericht? Darf ich lesen? Georg wischte den Kindern den Mund ab, setzte sie zurück ins Bett.
Ach, das ist doch peinlich! Über meine pathologische Antriebslosigkeit muss ich niemandem erzählen Ich wollte nur sagen: Ich habe Ersparnisse. Du organisierst bitte alles, wenn ich nun ja …
Georg biss sich auf die Lippe, schüttelte den Kopf.
Gibt es keinen anderen? Ich würde ja helfen, aber Maria bringt mich dann noch um
Sag ruhig: mein Abschied. Daran muss man sich gewöhnen! Nur du kommst infrage. Maria sorgt für das Essen, du fürs Organisatorische.
Gut, aber nur nach meinen Regeln! Wir machen dir eine sensationelle Beerdigung, Tante Toni. Das werden alle noch lange wissen! Jetzt hab ich endlich was zu tun …!
Toni nickte, ging in ihr Zimmer, um zu grübeln.
Georg stand früh am nächsten Tag an ihrer Tür, wartete bis Maria mit den Kindern raus war und Antonie gefrühstückt und das Kaffeetässchen weggeräumt hatte: weiß mit Fliederbündeln und Goldrand, ein Überbleibsel aus Studienzeiten, für das sie einst eine Seidenbluse eingetauscht hatte.
Also, ich hab ein paar Listen gemacht, begann Georg. Zuerst die Maße.
Er schaute sich prüfend um, als würde er schon ausmalen, wie sie mit Maria einziehen könnten.
Maße? Ich habe Kleidung bereitgelegt gestern Nacht konnte ich vor Aufregung kaum schlafen. Und Schuhe auch, der Rest geht an Maria.
Das?, fragte Georg, prüfte den Stoff. Nein, das geht nicht. Muss schlichter sein! Wir nähen was Passendes. Ich hab schon Maßband geholt, stellen Sie sich mal hin.
Wie bitte?! Das ist doch verrückt!
Ganz und gar nicht. Keiner sieht doch mehr, was Sie tragen. Und das Kleid, das bringen wir besser schon zu Maria. Gut, notiert … Er maß sogar die Tür.
Warum das?, fragte Toni erschrocken.
Der Sarg passt sonst nicht durch … notfalls nehmen wir die Angeln raus! Zu viel Prosperität damals, jetzt ist alles eng!
Ach, Georg, das Haus gehörte früher reichen Leuten …
Ja, und damals gings noch. Wir schaffen das.
Georg pfiff und inspizierte weiter, grinst über den medizinischen Bericht, den er kurz streifte.
Gedenken wo feiern wir? Im Zimmer?
Wahrscheinlich …, meinte Toni hilflos.
Viele passen nicht rein, maximal fünfzehn Leute. Erstellen Sie mal abends die Gästeliste. Die Sachen, das Geschirr, Möbel gibts eine Erbschaft? Nein? Dann verteile ich es unter den Nachbarn, damit hier nichts vermodert!
Warum das, Georg?
Aber er hörte nicht.
Toni setzte sich an den Tisch, schrieb eine Gästeliste: Nachbarn, zwei frühere Kollegen. Einladen war schon seltsam sie selbst wird ja nicht sprechen, sondern Georg oder Maria für sie.
Ihre Tante aus Freiburg wohl zu alt und krank, ein Anruf genügt.
In ihrem Adressbuch standen Namen und Erinnerungen ehemalige Schüler, Kollegen, Schneiderin, Schuster, Lagermeister aus der Schokoladenfabrik. Antonie bekam Angst: Wer sollte all diesen Menschen sagen, dass es sie bald nicht mehr gibt? Sie hatte mit vielen so lange nicht gesprochen, dass sie sich schämte.
Sie rief zuerst Lena an: Lena, hier ist Antonie. Erkennst du mich …? Ach, fünf Enkel hast du? Ich freu mich so! Mir gehts gut, wirklich …, weinte sie dann.
Nachdem sie noch drei Frauen angetroffen hatte, die sich noch schwach an sie erinnerten, war sie ruhiger. Die Nachbarn störten sie nicht: Ein Mensch nimmt Abschied, da stört man nicht.
Bleibt ihre Schwester sollte sie anrufen? Aber wie?
Nach langem Überlegen rief sie dann doch an. Georg bestand darauf.
Sagen Sie den Namen, ich wähle. Er zog sie zum Telefon.
Svenja? Svenja-Maria? Hier spricht der Nachlassverwalter Ihrer Schwester! Georg mein Name. Nein, ich bin nicht betrunken! Bitte hören Sie zu! Ihr bleibt nicht mehr viel Zeit. Sie will Sie zu sich holen Nein, sie ist nicht im Gefängnis! Hören Sie mir zu: Die Ärztin meint, sie hätte zwei Monate … Also, ich gebe Ihnen Ihre Schwester!
Mit zitternden Fingern übernahm Antonie den Hörer, bat leise um Verzeihung. Auch Svenja war nach kurzem Schweigen ergriffen.
Toni, was soll man da sagen. Ich träume oft von dir, sehe dich, und wir sind nie zerstritten, ist das nicht seltsam? Wer hat dir nur so einen Schrecken eingejagt? Zwei Monate?
Antonie schilderte die Situation, dass sie sich über einen Besuch freuen würde und am anderen Ende der Leitung heulte es los.
Georg holte später das Telefon, brummte: Kommen Sie bald vorbei. Sie kennen doch die Adresse? Nicht warten, sonst könnte es zu spät sein! Und legte auf.
Toni wollte noch mehr sagen, aber Georg rückte energisch nach:
Jetzt aber zum Besitz: Das Service und den Suppentopf geben wir den Krugers aus der ersten Wohnung, die brauchen das am nötigsten.
Wie, geben? Und wenn ich es wieder brauche?
Jetzt doch nicht mehr Schrank bleibt, das Klavier verkaufen wir. Einverstanden?
Was, verkaufen?!
Wenn die Schwester keine Freude dran hat, teilen wir eben das Geld
Das hast du nicht zu entscheiden, Georg!
Tja, aber Sie sind doch bald weg, seufzte Georg, ließ sich aber auf keine Diskussion ein. Ich hab die Trauerkleidung in Auftrag gegeben.
Die ganze Nacht verschob Antonie Gäste auf dem Plan, wählte das Menü. An Schlaf war nicht zu denken.
Am nächsten Tag kam Georg mit einem seltsam geschneiderten Kleid, das sie anprobieren sollte.
Antonie war schockiert.
Ist doch egal, Sie werden doch liegen, da sieht man die Nähte nicht!, meinte Georg.
Maria kam, betrachtete alles kritisch, ließ sie sich drehen und dann aufs Bett legen. Passt schon. Wie soll ich ohne Sie auskommen, Toni?
Beide mussten weinen. Während sie schluchzten, kamen immer wieder Nachbarn, schauten sich nach den Dingen um, die Georg ihnen versprochen hatte. Usha versuchte schon, die Gardinen abzunehmen, wurde aber von Georg abgewiesen.
Noch nicht, erst … wenn es so weit ist, sagte er und sah zu Toni hinüber.
Als es klingelte, mühte sich Toni zur Tür.
Vor ihr stand Svenja, in einem viel zu großen Mantel und Barett.
Sie umarmten sich, wirkten verwandelt. Den ganzen Abend blieb es leise im Zimmer.
Was machen die da? Begehn die Suizid?, raunte Maria.
Im Gegenteil!, winkte Georg ab und schloss die Zwillinge in die Arme.
Am nächsten Morgen hörte Maria, wie Svenja sich verabschiedete. Sie würde wiederkommen.
Maria, grummelte Georg, war Tante Toni getauft? Dann müssen wir alles nach Vorschrift machen mit Ikone in die Hand und Kerze
Weiß nicht, sagte Maria aufgeregt.
Georg durchsuchte den Flur nach Halsketten.
Was guckst du denn, Georg? Haben sich schon Flecken gezeigt?, Tuschelte Antonie.
Such nur das Kreuz. Und die Ikone? Hab ich nicht, vielleicht in einer Schatulle …
Wird schon gehen. Und, haben Sie ein Datum?
Was für ein Datum?
Na, für den Abschied? Sie sagten doch: ein, zwei Monate … das muss man planen!
Georg, du spinnst wohl! Wer weiß denn schon das genaue Datum seines Todes? Das ist Gottes Sache und streng geheim! Was hast du bloß für Männer bekommen, Maria!
Antonie ließ sich erschöpft auf ihren Stuhl sinken.
Aber der Doktor hat das so gesagt, dann kann man das doch planen , murmelte Georg.
Unsinn! Die Ärztin hat doch gar nichts geprüft, gar nichts! Und ich glaube ihr einfach? An Gott vorbei!
Georg lachte. Wenn Sie keinen Kampfgeist mehr haben … peinlich! Und übrigens: Ich war mit Ihrer Krankenakte in der Praxis. Die Ärztin Dr. Eichhorn war gar nicht im Dienst, saß zu Hause bei ihrem Mann. Sie sind auf einen schlechten Scherz reingefallen, Toni jemand aus der Praxis hat Sie veralbert!
Georg weitete die Augen: Vorschlag: Wir suchen die Schwindlerin! Machst du mit, Maria?
Zehn Minuten später stapften Antonie, Maria, Georg mit den Zwillingen und noch ein paar Nachbarn zur Praxis. In der Anmeldung: Wer wars denn? Sie wird Gerechtigkeit erfahren, Antonie! Georg zeigte auf die Ärzte.
Toni suchte die Gesichter ab, rief dann plötzlich: Da!
Georg stürzte los. Ein Putzeimer polterte, Wasser floss übers Linoleum. Zina erkannte ihre Verfolger, wollte wegrennen, landete aber außer Atem auf der Bank und schaute beklommen in die Runde.
Warum haben Sie Antonie angelogen?, stellte Georg sie zur Rede.
Entschuldigung … Ich bin mit Frau Eichhorn im Streit, sie hat immer Beschwerden über meine Verspätung geschrieben. An dem Tag kam sie selbst zu spät! Und früher wollte ich Ärztin werden … mal Arztkittel spielen und so da kam Frau Antonie gerade recht Aber wirklich, mein Papa ist erst viel später gestorben, nicht am Bauch Sie sollen den Tee trotzdem trinken. Der ist gut gegen Magenprobleme. Und kaufen Sie keine Eingelegte-Pilze auf dem Markt bei dem Ganoven! Ich hab Sie da gesehen. Bringen Sie mir bitte einfach meinen Eimer zurück!
Sie entriss Antonie den Eimer und verschwand nach oben.
Soll ich hinterher?, fragte Georg.
Um Gottes willen, lass sie!, lachten Maria und Toni. Jetzt kann das die Chefin regeln …
Zwei Tage später kam Svenja wieder. Es flossen viel Tee und Tränen, dann luden sie Maria, Georg und die Kinder ein, es gab Torte und alles wirkte heiter. Antonie hatte genug vom Sterben alles war wieder leicht, als hätte jemand den Regenbogen ausgepackt.
Genauso!, donnerte Georg. Aufgeben ist nie eine Lösung! Vertrauen ist gut Kontrolle ist besser! Nicht wahr, Toni?
Ganz recht! Und überhaupt ich werde zu Svenja ziehen. Sie ist auch allein und wir haben uns viel zu sagen. Ich war beim Wohnungsamt, das Zimmer bekommt ihr. Dafür stoßen wir an auf euer neues Glück und mein neues Leben!
Sie klirrten mit den Gläsern. Georg sah in den leeren Glasschrank.
Und wo ist das Porzellanservice? Das stand doch da! Für uns geopfert?
Was soll’s, Georg! Ist doch nur Geschichte! Dafür haben die Jungs jetzt endlich Platz.
Antonie zog eine Woche später aus. Sie verabschiedete sich von allen, versprach Besuche. An ihr Ende dachte sie nicht mehr keine Zeit. Auf dem Land bei Svenja fand sie eine neue Aufgabe: Gartenarbeit, Ernten, Einmachen. Sie wartete auf Maria und die Kinder es gab viel zu tun, keine Zeit für traurige Gedanken.
Das Leben ist wie ein Garten: Es kann immer neu erblühen, wenn man bereit ist, es wieder zu pflegen. Und manchmal hilft ein kleiner Stupser, Altes loszulassen und sich auf Neues einzulassen.





