Super, dass du getrennte Finanzen vorgeschlagen hast – dann behalte ich einfach mein ganzes Geld für mich.

Prima, dass du getrennte Finanzen vorgeschlagen hast. Dann behalte ich einfach alles meins.

Tagebuch, 7. März:

Als mein Mann beim Abendessen seinen Teller beiseiteschob, als hätte ich ihm nicht Frikadellen, sondern eine Vorladung ans Amtsgericht serviert, ahnte ich bereits: Jetzt folgt eine Grundsatzrede. Sebastian rückte sich die Serviette zurecht, räusperte sich und blickte irgendwo durch mich hindurch vermutlich in sein verheißungsvolles, kapitalistisch geprägtes Morgen. Dann sagte er mit ernster Miene: Katharina, ich habe mir das mal durchgerechnet. Unser gemeinsames Budget hält wegen deiner finanziellen Unbedarftheit nicht mehr lange. Ab morgen machen wir getrennte Kasse.

Die Überraschung verpuffte schneller als ein linder Frühlingswind, aber der Geruch von Absurdität blieb in der Luft wie der von gebratenem Hering. Mit einer stoischen Ruhe legte ich die Gabel ab.

Großartig, dass du getrennte Finanzen willst, Sebastian, bemerkte ich mit einem jener Grinse, mit denen eine Python ein ahnungsloses Kaninchen begrüßt. Dann behalte ich eben ab sofort alles für mich.

Er blinzelte nur verwundert. In seinem Kopf einer Billardkugel auf der selten Gedanken anstießen passte meine Zustimmung offenbar nicht zum Plan. Vermutlich hatte er mit Tränen, Vorwürfen, vielleicht sogar einem kleinen Drama gerechnet, aber sicherlich nicht mit so friedlicher Gelassenheit.

Du bist clever, nickte er gönnerhaft und malte sich wohl schon aus, wie er mein eingespartes Geld in seinem Kopf verplante. Ich spare jetzt für meinen Status. Ein Mann braucht eben Status, Katharina. Du… naja, für Strumpfhosen reicht es wohl.

Mein Ehemann Sebastian Friedrich war ein wirklich besonderer Mensch. Besonders in dem Sinne, dass er sich für einen Haifisch im Geschäftsleben hielt, obwohl er als Abteilungsleiter in einer kleinen Fensterbaufirma arbeitete. Sein Status spiegelte sich meist im Kauf von neuesten Technikspielzeugen, von denen er maximal drei Prozent der Funktionen nutzte, und im Konsum von Motivationssprüchen auf diversen Internetseiten.

Abgemacht, sagte ich ruhig. Willst du deine Frikadelle noch essen? Oder passt die nicht mehr ins Budget?

Er hat sie gegessen. Zum letzten Mal kostenlos.

Die erste Woche unserer neuen ökonomischen Ära stand ganz im Zeichen seines Stolzes. Sebastian stolzierte durch die Wohnung wie ein Hahn im Korb und fragte demonstrativ nicht mehr, wie viel das Waschpulver kostet. Er kaufte sich einen edlen Planer aus veganem Leder und begann, jede Ausgabe fein säuberlich einzutragen.

Am Mittwoch kam er dann mit einer Tüte nach Hause, in der traurig zwei Dosen Billigbier und ein Paket Discounter-Maultaschen klapperten. Ich, gerade dabei, meine Lieferung aus dem guten Supermarkt auszupacken: Lachs, Avocado, Feinkäse, frisches Gemüse und ein feiner Riesling.

Er stand dann erschöpft in der Küchentür wie ein besiegter Held. Lebst du auf großem Fuß?, murmelte er und deutete auf den Fisch. Deswegen haben wir nie was angespart das ist Verschwendung.
Nicht ‘wir’, Sebastian. Ich. Du sparst jetzt für deinen Status, oder? Hast du schon ein Fach im Kühlschrank bezogen? Das unterste, im Gemüsefach, ist frei. Da ist die ideale Temperatur für deine… Investments.

Er schnaufte, holte seine Maultaschen aus der Tüte und warf sie in meinen Kochtopf.
Gas, bemerkte ich, ohne mich umzudrehen.
Wie bitte?
Gas, Wasser, Verschleiß am Topf und Spülmittel. Wir teilen doch alles?
Ach, Katharina! Sei nicht so kleinlich!, wedelte er mit der Hand wie ein Gutsherr eine Fliege vertreibend.
Kleinlich? Nein. Das sind marktwirtschaftliche Gepflogenheiten, Sebastian.

Er versuchte zu grinsen, biss aber so heiß in die Maultasche, dass seine Miene der einer Bulldogge glich, die auf eine Zitrone gebissen hatte.
Du bist nur sauer, weil du jetzt keinen Zugriff mehr auf meine Karte hast, schleuderte er mir entgegen und holte das klebrige Teigstück von den Zähnen. Frauen flippen immer aus, wenn sie den Überblick verlieren.

Am Samstag kam dann Ingrid, Sebastians Mutter, auf einen Besuch vorbei. Sie ist eine bemerkenswerte Frau: Sie hegt für mich genau so viel Zuneigung, wie sie das mangelnde wirtschaftliche Verständnis ihres Sohnes verachtet. Früher war sie Chef-Buchhalterin in einem Maschinenbaukonzern Zahlen bedeuteten ihr mehr als viele Menschen.

Wir tranken Tee und aßen Windbeutel. Sebastian kaute lustlos an seiner Brezel (seiner, im Sonderangebot gekauft) und präsentierte sich als armes Opfer dieses Systems.

Mama, stell dir vor Katharina versteckt jetzt sogar Klopapier!, jammerte er. In unserem Bad hängt Recyclingpapier, aber bei ihr liegt dreilagiges mit Pfirsichduft! Das ist doch Diskriminierung!

Ingrid stellte ihre Tasse ganz ruhig ab. Sebastian, sagte sie sanft, als du die ‘Diskriminierung’ eingeführt hast, hast du da auch mit dem Teil gedacht, das das Papier benutzt?
Mama! Ich optimiere unser Budget! Ich will mir ein Auto kaufen!
Auto? Ingrids Augenbraue verschwand fast unter der Stirn. Von den zwanzig Euro, die du vor ihr versteckst? Du sparst am Klopapier, um einen gebrauchten Kleinwagen zu fahren und König der Landstraße zu sein?
Das ist eine Investition!, jaulte Sebastian.
Ingrid winkte ab: Investition ist die Frau, die dich hier mitträgt, du Träumer. Und Katharina, dieser Kuchen ist ein Gedicht.

Sebastian griff gierig nach einem Stück Torte, doch ich legte ihm sanft aber bestimmt das Messer in den Weg.
Fünf Euro, Sebastian. Oder du isst deine Brezel.
Im Ernst? Von deinem eigenen Mann? Und das vor Mama?
Der Markt ist hart, mein Lieber. Die Gabelmiete kommt noch dazu macht 50 Cent.

Er stotterte, errötete, griff nach seiner Brezel und verließ stampfend die Küche.
Dramatisch, typisch Mann, sagte Ingrid trocken. Genau wie sein Vater, ewig das Kapital zusammengehalten, bis ich ihn samt Unterhosen zur Oma geschickt habe. Kopf hoch, Kind. Nun kommt die Phase, wo er bockig heimlich leidet.

Nach zwei Wochen hatte das Experiment eine kritische Phase erreicht. Sebastian war abgemagert, sein Hemd zerknittert (mein Waschmittel beneidete er, die Kernseife verachtete er) und roch nach billigem Deo. Sein Blick: wie ein geprügelter Dackel, der glaubt, ein Wolf zu sein.

Das Finale kam an einem Freitagabend. Nach einem langen, aber erfolgreichen Tag (ich hatte eine Prämie bekommen), erwartete mich ein Überraschungsgeschenk: Ein Strauß ziemlich verwelkter Nelken und eine Flasche Deutscher Sekt, der schon beim Anblick Sodbrennen verursachte.

Sebastian saß am Tisch und strahlte, als hätte er im Lotto gewonnen.
Kathi, wir müssen reden. Ich bin bereit, die Bedingungen zu lockern. Ich bringe… bedeutungsschwere Pause fünfhundert Euro für Lebensmittel in den gemeinsamen Topf ein.

Ich schaute ihn an. Auf den Strauß, der ein Herbarium sein könnte, auf das Sektchen.
Fünfhundert Euro? Wirklich großzügig, Sebastian. Nur eines noch. Ich zog einen Folianten aus der Tasche, ein sauber gedrucktes Excel-Sheet.

Was ist das?
Die Rechnung, mein Lieber. Miete für dein Zimmer in zentraler Lage (inklusive Wohnzimmer und Küche) 1250 Euro. Nebenkosten (du duschst ja so gerne ewig) 250. Reinigung (ich mache alles, du nichts) 150. Macht insgesamt 1.650 Euro monatlich. Für zwei Wochen macht das 825. Hinzu kommt Abschreibung auf Waschmaschine, Möbel und Verbrauch.

Sebastian wurde blass.
Du verlangst Geld für das Leben in der Wohnung deiner eigenen Frau?
Von der Frau, mit der du getrennte Finanzen lebst, korrigierte ich ruhig. Dein Vorschlag: ‘Alles meins bleibt meins.’ Die Wohnung ist mein. Ergo bist du Untermieter. Ohne Vertrag deshalb kann ich dich mit 24h Frist kündigen.

Das ist pietätlos! Das ist gemein! Ich bin doch der Mann hier! Er sprang auf, stieß den Stuhl um.
Du bist der Mann, der an seiner Frau sparen wollte, dabei vergisst aber, dass du auf ihre Kosten lebst. Wolltest Partner sein? Dann bezahl deinen Anteil. Oder such dir eine Bleibe, wo dein ‘Status’ weniger kostet.

Er schnappte nach Luft, ruderte mit den Armen, öffnete und schloss den Mund.
Du wirst es bereuen! Ich gehe! Suche mir eine, die mich nicht auf Wohnfläche reduziert!
Viel Erfolg, Sebastian. Und vergiss die Maultaschen im Gefrierfach nicht. Die gehören zu deinem Anlagevermögen, ich beanspruche nichts davon.

Mit Gebrüll rannte er durch die Wohnung, warf Sachen in seine Tasche, wütete, beschimpfte mich als geldgierige Hexe und dass ich die Liebe zerstört hätte, dass er jetzt in die Kälte ziehe…
Ruf deine Mutter an, sie soll dir ein Bett machen, schlug ich vor und goss mir ein Glas von meinem Riesling ein. Und nimm ein Economy-Taxi. Schon wegen deinem Status.

Er knallte die Tür so laut, als wolle er mein schlechtes Gewissen wecken, aber stattdessen wachte nur die Nachbarin auf.

Die Stille danach schmeckte süß wie Honig. Ich saß im Sessel, betrachtete das Lichtermeer der Stadt und atmete auf. Mein Handy summte: Nachricht von Ingrid Er ist da. Grantig, hungrig, will Gerechtigkeit. Hab ihm erklärt, dass Gerechtigkeit teuer ist und ihm das nötige Kleingeld fehlt. Rechnung für Abendessen und Bett habe ich ihm ausgestellt. Soll sich an die Marktwirtschaft gewöhnen. Und du alles okay?

Ich grinste und tippte zurück: Alles bestens, Mama. Überlege, von der Ersparnis neue Vorhänge zu holen.

Man muss niemandem erklären, warum er sich irrt. Es reicht vollkommen, ihn für seine Fehler den vollen Preis zahlen zu lassen. Wenn ein Mann Emanzipation einfordert, sollte er auch damit klarkommen, wenn er sie bekommt.

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Homy
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Super, dass du getrennte Finanzen vorgeschlagen hast – dann behalte ich einfach mein ganzes Geld für mich.
Das Wochenendhaus – Es heilt alles – Bist du verrückt geworden? Ich habe Nina extra gesagt, dass du kommst! Sie hat extra für dich das beste Stück zurückgelegt! Irina stand wie erstarrt mit dem Einkaufstüte in der Hand. Die Schwiegermutter stand in der Küchentür, die Arme verschränkt, und blickte sie an, als hätte Irina nicht etwa Fleisch im Supermarkt gekauft, sondern gleich eine Bank ausgeraubt. – Frau Katharina, ich habe es einfach nicht rechtzeitig zum Markt geschafft, – versuchte Irina ruhig zu bleiben. – Nach der Arbeit musste ich noch Ihr Kleid aus der Reinigung holen, dann noch zur Apotheke… – Und zu telefonieren? Bescheid zu geben? Nina hat auf dich gewartet, bis zur Ladenschließung! Danach hat sie mir eine Stunde lang ins Telefon geheult, dass ich sie hängen lasse! Irina stellte die Tüte auf den Tisch. Ihr wurde mulmig zumute. – Das Fleisch ist gut, ganz frisch, – sie holte die Packung heraus, zeigte sie ihrer Schwiegermutter. – Sehen Sie, feinstes Rindfleisch, marmoriert, kühl gelagert… Katharina warf keinen Blick darauf. Sie trat an den Tisch, schob die Packung mit spitzen Fingern weg. – Supermarktware, voll mit Chemie. Sascha isst sowas nicht, sein Magen ist empfindlich. – Sascha hat genau das letzte Woche selbst gekauft, – platzte es aus Irina heraus. Ein Fehler. Die Schwiegermutter lief rot an. – Eben! Der Mann läuft selbst los, weil die Frau nichts auf die Reihe kriegt! Drei Jahre, Irina. Drei Jahre bist du in dieser Familie, und was hat’s gebracht? Du kannst nicht kochen, im Haushalt ist von dir keine Hilfe zu erwarten, und Kinder willst du auch keine… – Frau Katharina, das ist nun wirklich unfair. – Unfair? – schnaubte die Schwiegermutter. – Ich hab meiner Schwiegermutter die Füße geküsst und mich nie getraut, auch nur ein falsches Wort zu sagen. Und du? Bist aufsässig, ignorierst meine Ratschläge, machst dein eigenes Ding… Katharina ging in den Flur, zog ihre Tasche von der Garderobe. Jede Bewegung war eine kleine Demonstration. – Ich sag’s Sascha schon lange: Scheid dich, solange es noch geht. Such dir eine vernünftige Frau. Eine, die ihren Mann schätzt, statt… Sie brach ab, warf eine Handbewegung und schlüpfte in ihre Schuhe, ohne sich zu bücken. Irina stand in der Küchentür, krallte sich in den Rahmen. – Auf Wiedersehen, Frau Katharina. Die Schwiegermutter antwortete nicht. Die Tür fiel zu und es wurde still in der Wohnung. Irina rutschte langsam an der Wand herunter und setzte sich auf den kalten Küchenboden. Das Rindfleisch lag einsam auf dem Tisch, und sie hatte nicht einmal Lust, es anzusehen, nicht das Fleisch, nicht die blitzblanke Küche, und erst recht nicht die Hochzeitsfotos, auf denen Katharina so gezwungen lächelte, als hätte sie einen Nagel im Schuh. Drei Jahre. Drei Jahre hat sie sich Mühe gegeben. Rezepte gelernt, die Sascha aus Kindheitstagen mochte. Die Sonntagsessen bei der Schwiegermutter überstanden, bei denen jedes Gericht einen Kommentar bekam: »Unser Sascha isst die Kartoffeln aber nur gewürfelt, nicht als Streifen.« Gelächelt, genickt, sich entschuldigt für Dinge, die gar nicht in ihrer Verantwortung lagen. Und trotzdem – nie gut genug. Immer – »Besser wär’s, er würde sich trennen.« Irina lehnte den Kopf nach hinten, drückte ihr Hinterhaupt gegen die Wand. Die Decke müsste neu gestrichen werden. Das sollte sie Sascha sagen. Aber was soll’s. Zwei Wochen lebte Irina wie ein Partisan hinter feindlichen Linien. Auf Anrufe der Schwiegermutter antwortete Sascha, Sonntagsessen wurden mit »dringenden Terminen« abgesagt, und eine zufällige Begegnung endete mit einem schnellen »Hallo« und panischer Flucht. Dann rief der Notar an. Ihr Großvater, den sie kaum fünfmal im Leben gesehen hatte, war gestorben. Es stellte sich heraus, dass der alte Mann ihr ein Wochenendhaus vererbt hatte, keine vierzig Kilometer von der Stadt entfernt. Ein kleines Grundstück im Kleingartenverein »Morgensonne«. – Wir sollten zumindest mal nachsehen, – Sascha drehte den Schlüsselanhänger mit der abgewetzten Erdbeere in der Hand. – Fahren wir am Samstag hin? Irina nickte. Samstag war okay. Sie hatte eine Sache vergessen. – Sascha, ich komm mit! – Katharina tauchte Samstagmorgen um halb acht im Türrahmen auf, in Gummistiefeln und mit Körbchen. – Das soll da voll das Pilzparadies sein, sagt Nina! Irina begann schweigend, Tee in die Thermoskanne zu füllen. Sie sah einem »wunderbaren« – selbstverständlich ironisch gemeinten – Tag entgegen. Das Wochenendhaus war genauso, wie Irina es sich vorgestellt hatte. Ein windschiefes Häuschen, ein zugewucherter Garten, ein Zaun, gehalten von der reinen Hoffnung und zwei rostigen Nägeln. Im Inneren roch es nach feuchtem Holz und alten Zeitungen. – Sascha, – Irina zupfte ihn am Ärmel, senkte die Stimme. – Lass es uns verkaufen. Was sollen wir hier? Jedes Wochenende hin, Beete jäten… Das ist nicht unser Leben. Sascha öffnete den Mund, aber bevor er antworten konnte: – Wie verkaufen?! – Katharina erschien hinter ihnen wie aus dem Nichts. – Seid ihr verrückt? Das ist Land! Ein eigenes Grundstück! Für sowas… Sie legte die Hand auf die Brust, die Augen funkelten verdächtig. – Gebt mir die Schlüssel. Ich bring hier alles in Ordnung, pflanze Blumen, mache das Häuschen hübsch. In einem Jahr dankt ihr mir noch! Irina betrachtete sie skeptisch. Da stand die Schwiegermutter auf dem überwucherten Grundstück, die Stiefel in altem Laub, und strahlte regelrecht. – Frau Katharina, das sind… – Irina, – Sascha drückte sanft ihren Arm. – Lass Mama doch machen. Sie freut sich doch. Was soll’s, es schadet ja keinem. Schaden tat es wirklich nicht. Es war einfach… seltsam. Aber diskutieren wollte Irina erst recht nicht. Sie reichte ihrer Schwiegermutter wortlos die Schlüssel mit dem Erdbeeranhänger. …Zwei Monate vergingen wie im Nebel. Ein sonderbarer, surrealer Nebel, in dem Katharina nur noch aus praktischen Gründen anrief, nie unangemeldet aufkreuzte und – das Unglaublichste – kein einziges Mal vom Fleisch vom Markt, von fehlenden Enkeln oder falsch geschnittener Kartoffel sprach. Am Telefon war ihre Stimme munter, fast fröhlich: »Sascha, mir geht’s bestens! Hab alle Hände voll zu tun, wir hören voneinander!« Irina verstand nichts. Ein Trick? Die Ruhe vor dem Sturm? Oder war die Schwiegermutter ernsthaft krank und wollte es nicht sagen? – Sascha, – fragte sie eines Abends, – ist mit deiner Mutter wirklich alles in Ordnung? – Klar, – winkte Sascha ab. – Sie ist mit dem Wochenendhaus beschäftigt. Da gibt’s wohl mehr zu tun, als gedacht, sagt sie. Am Freitag rief Katharina selbst an. – Morgen seid ihr bei mir! Ich grille, zeige euch das Grundstück. Ich hab soviel geschafft! Kommt, dann seht ihr’s selbst! – Sascha, ich will da nicht hin, – Irina schüttelte den Kopf, als Sascha ihr die Einladung weitergab. – Zwei Monate Ruhe, und jetzt wieder volle Fahrt? – Sie hat sich so Mühe gegeben, Irina. Sie wäre verletzt, wenn wir nicht kommen. – Sie fühlt sich immer verletzt. – Bitte, – Sascha blickte sie so seelenvoll an, dass Irina nachgab. Gut, Samstag also… Und am Samstag erkannte Irina ihre Schwiegermutter nicht wieder. Katharina stand am Gartentor im Leinenkleid, die Arme braungebrannt und von frischer Röte überzogen. Das war kein aufgesetztes Höflichkeitslächeln, sondern eine echte, warme Miene, die sie Jahre jünger erscheinen ließ. – Ihr seid da! Endlich! – Katharina breitete die Arme aus, und Irina trat fast automatisch näher, ließ sich umarmen. Nach Erde, Dill und irgendwie Honig roch sie. Das Grundstück war kaum wiederzuerkennen. Ordentliche Beete zogen sich in Reih und Glied am neuen Zaun entlang, der den Wind jetzt locker überstand. Junge Johannisbeerbüsche trugen frisches Grün, und unter den Fenstern blühten Tagetes. – Kommt mit, ich zeig euch alles! – Katharina zog sie mit, ließ gar kein Zögern zu. – Da, Erdbeeren – ganz toller Sort, hat mir die Nachbarin gegeben. Im Juni gibt’s die ersten Früchte. Hier kommen Tomaten hin, und Gurken. Im Herbst koche ich ein, alles für euch, nur ein paar Gläser für mich. Irina warf Sascha einen verblüfften Blick zu. Er war genauso überrascht. – Mama, hast du das alles alleine geschafft? – Sascha wies umher. – Wer denn sonst? – Katharina lachte, hell und jung. – Ich hab Hände, einen Kopf, und Nachbarinnen helfen mit Tipps. Hier sind die Leute herzlich! Ganz anders als in der Stadt. Drinnen war alles frisch gemacht: neue Vorhänge, geputzte Fenster, auf dem Tisch ein gesticktes Deckchen. Der Muff von früher war weg, stattdessen duftete es nach Kuchen und Kräutern. – Hier, – stellte Katharina eine Milchflasche und ein Päckchen Pergament auf den Tisch. – Von Zinaida, zwei Häuser weiter. Eigene Milch, von der Ziege. Und das Fleisch auch – sie züchtet ein Rind. Ihr nehmt mit: Da ist noch Quark und Sauerrahm dabei. Irina starrte schweigend das Päckchen an. Eigenes Fleisch. Von der Nachbarin. Kein einziges Wort über Nina vom Wochenmarkt. – Frau Katharina, – platzte es aus ihr heraus, – geht es Ihnen… gefällt es Ihnen hier? Die Schwiegermutter ließ sich auf die Küchenbank sinken. Etwas Sanftes, Ungewohntes blitzte in ihren Augen auf. – Irchen, – nannte sie sie zum ersten Mal so, – ich hab mein Leben lang davon geträumt. Ein eigenes Haus, ein eigener Garten, Hände in der Erde, den Kopf frei. In der Stadt, da bin ich fast erstickt, ohne zu wissen, warum. Aber hier… Sie deutete zum Fenster. – Hier lebe ich. Auf der Heimfahrt war es still. Sascha fuhr, während auf der Rückbank Milch und Quark klirrten. – Sag mal, – brach Sascha das Schweigen, – vielleicht können wir jetzt ja Kinder bekommen? Gibt ja jetzt einen Garten für den Sommer. Irina schnaubte, musste aber lächeln. – Weißt du, ich wollte das Wochenendhaus damals verkaufen. Gleich am ersten Tag. Dachte, was sollen wir mit so einer Bruchbude. – Ich weiß noch. – Aber, dieses Haus… – Irina suchte nach Worten. – Es hat alles geheilt. Zwischen mir und deiner Mutter. In zwei Monaten hat es geschafft, was ich in drei Jahren nicht geschafft habe. Sascha stoppte an der Ampel und sah sie an. – Mama war einfach unglücklich. Und jetzt – ist sie’s nicht mehr. Irina nickte. Draußen gingen die Lichter der Stadt an, zu Hause wartete ihre Wohnung mit den Hochzeitsfotos, und zum ersten Mal fiel ihr die Heimkehr leicht. – Wir sollten sie öfter besuchen, – flüsterte sie. Und war überrascht, wie ehrlich sie das meinte. Ehrlich und von Herzen…