„Du hast schlaffe Haut!“ — Mein 60-jähriger Mann kniff mich vor den Gästen in die Seite, also holte ich einen Spiegel und zeigte ihm, wo bei ihm etwas hängt.

Deine Haut hängt ja schlaff! Mein Mann, inzwischen 60 Jahre alt, zupfte mich vor unseren Gästen unverblümt an der Seite. Ich holte daraufhin einen Spiegel und zeigte ihm, wo bei ihm alles hängt.

Anja, was ist das eigentlich bei dir? fragte Rüdiger, nachdem er den dritten Schnaps natürlich ein selbstgemachter Obstler mit deutlichem Behagen geleert hatte. Plötzlich griff er beherzt zu und kniff mir mit einer Selbstverständlichkeit in die Hüfte.

Genau dort, knapp über dem Bund meines Rocks, wo sich der Stoff spannte, als ich saß.

Und das alles vor versammelter Runde, laut und ganz ohne Scham.

Rüdiger, spinnst du?! Ich versuchte, seine Hand sanft abzuschütteln, wie man eine aufdringliche Fliege im Herbst vertreibt. Aber er ließ nicht locker.

Seine Finger, kurz und dick wie Nürnberger Würstchen, schlossen sich erneut um meine Taille. Es war weniger schmerzhaft als demütigend.

Guck mal! rief er zu unserem Nachbarn Gernot, der sich schon die nächste Scheibe Matjes im Pelzmantel auf die Gabel spießte. Ich sags dir immer, Anja: Abends keine Brötchen mehr! Aber sie sagt: Das ist das Alter, die Hormone.

Rüdiger lachte schallend; sein Bauch wackelte wild, die Knöpfe seines besten Hemdes schienen gefährlich unter Druck zu geraten.

Hormone, pah! Reine Faulheit ist das! schloss er betont gönnerhaft seinen Vortrag und blickte in die Runde.

Rüdiger, jetzt lass das! zischte ich leise und spürte, wie heiße Röte mir Hals und Wangen hinaufstieg.

Gernot kicherte verlegen und bohrte mit der Gabel im Kartoffelsalat, als sei das die größte Attraktion des Abends.

Seine Frau, Gisela, schob sich die Serviette zurecht und blickte demonstrativ beiseite, als sei nichts gewesen.

Was heißt denn Lass das? Rüdiger war voll in Fahrt und genoss die Aufmerksamkeit. Darf man etwa keine Wahrheit mehr sagen? Deine Haut hängt halt!

Er stupste erneut an meine Seite, als wolle er Brotteig aufgehen prüfen.

Sieh selbst, hängt richtig in Falten, wie bei einem Mops! Nicht schön, Anja.

Im Raum entstand ein schweres, klebriges Schweigen. Nur das Surren des Kühlschranks war zu hören.

Ich tu doch alles nur für dich, dozierte er weiter, lehnte sich im Stuhl zurück und verschränkte stolz die Arme eine Frau muss halt auf sich achten, damit ein Mann auch gerne hinschaut. So ist das Gesetz der Natur.

Ich sah ihn an.

Wirklich, als sähe ich ihn nach dreißig Jahren Ehe zum ersten Mal.

Zweiundsechzig Jahre.

Sein Bauch hing über den Gürtel wie ein aufziehendes Gewitter.

Ein Doppelkinn, das fast nahtlos in den Hals und die hängenden Schultern überging. Konturen? Fehlanzeige.

Die Glatze glänzte speckig im Licht des Kronleuchters, wie ein ordentlich eingepinselter Sonntagskuchen.

Angenehm fürs Auge, ja? fragte ich, und mein Ton klang fast überraschend ruhig, selbst für mich.

Es machte Klick in mir, als hätte jemand im Bauchraum einen schweren Schalter umgelegt.

Kein Schamgefühl mehr, kein Bedürfnis, irgendetwas zu glätten oder noch länger freundlich zu bleiben.

Nur noch diese Klarheit.

Na klar! Rüdiger klopfte sich selbst auf die Brust, ein dumpfer Ton. Schau mich an. Ich halte mich noch ganz gut!

Was denn für eine Form? fragte ich, den Blick fest auf ihn gerichtet.

Eine männliche halt! richtete er sich so weit es ging auf. Jeden Morgen Gymnastik, zu den Hanteln greife ich auch regelmäßig fünf Minuten, ich bin fit!

Er sog den Bauch ein, um das zu demonstrieren.

Das Ergebnis: kläglich. Der Bauch zitterte kurz, dann landete er wieder in gewohnter Position, direkt über der Gürtelschnalle.

Ein Mann sollte doch ein Adler sein, kein Kartoffelsack! doziert er feierlich.

Ein Adler also? Langsam stand ich auf.

Wohin denn? Bist du jetzt beleidigt? rief er mir nach und goss sich noch einen Obstler ein. Wegen der Wahrheit wird man doch nicht sauer, Anja! Abnehmen musst du halt, nicht schmollen!

Ich verließ das Esszimmer, der Geruch von alten Jacken und Schuhcreme lag im Flur.

Dort hing noch unser alter Familenspiegel an der Wand. Schwer, oval, mit einem wuchtigen Holzrahmen. Er hatte uns noch jugendlich und schlank erlebt.

Entschlossen nahm ich ihn von der Wand. Das Ding wog sicher fünf Kilo, der Rahmen schnitt unangenehm in meine Hände.

Das Gewicht spürte ich kaum, als trüge ich eine Feder.

Ich ging zurück, den Spiegel vor mir, wie einen mittelalterlichen Schild oder ein unbestechliches Urteil.

Die Gäste erstarrten, Gisela vergaß glatt das Kauen. Ein Stück Gewürzgurke lugte aus dem Mund.

Rüdiger, steh mal auf, sagte ich leise, aber in einem Ton, dem niemand widersprach.

Warum denn? Er war ehrlich überrascht, doch mein Gesicht ließ keine Diskussion zu. Also stand er gequält auf. Und, tanzen wir jetzt, oder was?

Nein, sagte ich ruhig und trat nah an ihn heran, roch Zwiebeln und Schnaps. Wir wollen doch mal den Adler betrachten.

Ich hielt ihm den Spiegel direkt unter die Nase, er musste zurückweichen.

Halt fest!

Er packte den Rahmen, und seine Hände zitterten unter dem unverhofften Gewicht.

Anja, was soll das? Jetzt lag zum ersten Mal Unsicherheit in seiner Stimme.

Guck! wies ich bestimmt an, wie wenn man eine Katze am Kratzen ertappt.

Er starrte ratlos in sein Spiegelbild, das in seinen zitternden Händen schwankte.

Ja, das bin ich. Und jetzt?

Guck mal eine Etage tiefer! Ich tippte mit dem Finger genau dort aufs Glas, wo sein verschwitztes Hemd den unförmigen Torso nicht mehr verbergen konnte. Siehst du?

Was denn? Er versuchte, Haltung zu bewahren.

Deine Haut hängt! sagte ich laut und deutlich und legte dabei seine Betonung von vorhin auf jedes Wort. Nicht nur das, Rüdiger sie liegt schon.

Anja! Er versuchte den Spiegel sinken zu lassen, das Gesicht wurde knallrot.

Nein, halt! Ich drückte den Rahmen nach unten, damit er weiterschauen musste. Was ist das hier oberhalb des Gürtels? Waschbrettbauch?

Gernot stieß ein merkwürdiges, unterdrücktes Grunzen aus und musste sich in die Faust husten, damit er nicht laut lachte.

Nein, mein Lieber, das ist ein Rettungsring für den Fall, dass wir im Fett ertrinken.

Rüdiger lief so rot an, dass er einem überreifen Ochsenherztomaten Konkurrenz machte.

Und das hier? Ich wies auf die Seiten, die auffällig aus der Hose quollen. Sind das die Adlerflügel? Oder doch eher die Schwarten, wie bei einem Schwein kurz vor Weihnachten?

Lass das jetzt! zischte er und versuchte auszuweichen. Die Leute sehen zu, warum erniedrigst du mich so?

Lass sie ruhig schauen! Ich hob die Stimme über sein Gezische. Du bist doch der große Kämpfer für Ästhetik im Haus!

Ich trat zurück, um das Gesamtbild zu betrachten.

Dann analysieren wir doch mal deine Ästhetik, fuhr ich fort. Dreh dich mal ins Licht.

Ich dreh mich nirgendwohin begann er, verstummte aber sofort.

Dreh dich! Ich befahl so scharf, dass die Gabeln auf den Tellern klirrten.

Unter Zwang, fast wie hypnotisiert, drehte er sich langsam zur Seite.

Im Spiegel sah man ein Profil weit entfernt von antiker Idealform.

Und sein Hals.

Oder besser: das, was davon übrig war.

Siehst du diesen dreifachen Nackenring da hinten? Ich sprach ganz sachlich wie ein Arzt. Das ist Mops, Rüdiger. Ein Prachtexemplar mit Stammbaum.

Gisela verbarg das Gesicht in der Serviette, die Schultern bebten vor lautlosem Gelächter.

Und hier, unterm Kinn? Ich war gnadenlos. Das ist der Kehlsack, wie bei einem Pelikan bunkerst du da Brotzeit für später?

Ich bin ein Mann! piepste Rüdiger kläglich und sein Argument klang so armselig wie nie. Das ist halt erlaubt!

Ach, dir ist es erlaubt? Ich lachte kurz und kalt. Wenn bei mir nach zwei Kindern und dreißig Jahren am Herd eine Falte auftaucht, ist das Faulheit, Schande und Haut hängt?

Ich trat ganz nah vor ihn und sah ihm in die Augen.

Und wenn du seit zehn Jahren nichts Schwereres als die Fernbedienung gehoben hast und jetzt wie ein zitterndes Wackelpudding dastehst dann bist du Mann in seinen besten Jahren?

Ich riss ihm den Spiegel aus der Hand, seine Arme zitterten nur noch.

Er stand in der Mitte des Raumes zerknittert, mit offenem obersten Hemdknopf, der endlich kapituliert und irgendwo unter den Tisch gerollt war.

Sein ganzer Glanz und das Getue waren verpufft, wie die Schale einer Zwiebel.

Vom Adler blieb kein Hauch mehr übrig.

Vor mir stand einfach nur ein älterer, rundlicher Onkel, der plötzlich merkte: Der Kaiser ist nackt!

Und ganz schön gut genährt.

Setz dich, sagte ich ruhig und stellte den schweren Spiegel neben die Kommode.

Er ließ sich schwer auf seinen Stuhl plumpsen, der unter der Last ächzte.

Und ich möchte ab jetzt kein einziges Wort mehr über meine Figur hören, betonte ich, während ich meine Frisur im Spiegel in Ordnung brachte.

Ich drehte mich noch mal zu ihm.

Sonst hänge ich das gute Stück genau gegenüber deinem Platz, dann musst du beim Essen zusehen, wie der Pelikan kaut!

Gernot kicherte inzwischen ungehemmt und wischte sich Tränen aus den Augen.

Rüdiger speiste wortlos einen kleinen eingelegten Champignon, kaute langsam und starrte nur noch in seinen Teller, als wolle er dort verschwinden.

Im Raum war das klebrige Familienstreitklima wie weggeblasen.

Im Gegenteil es wurde fast befreit und leicht.

Wie wenn nach Tagen endlich jemand das Fenster öffnet und frische Luft hereinlässt.

Ich setzte mich wieder an meinen Platz, den der Hausherrin.

Schob mir ein Riesenstück Schwarzwälder Kirschtorte auf den Teller. Den hatte ich gestern Stunden um Stunden gebacken, die Böden hauchdünn ausgerollt. Und eigentlich hatte ich tapfer verzichtet, um nicht zuzunehmen.

Die Buttercreme quoll heraus, die Böden knackten leicht unter der Gabel.

Anja, gib mir auch ein ordentliches Stück, bat Gisela, hielt mir den Teller hin. Diät kann mich mal, man lebt nur einmal.

Und für mich auch, zwinkerte Gernot und schenkte sich Johannisbeersaft nach. Ich glaube, meine Flügel wachsen auch schon, muss fürsorglich nachlegen.

Rüdiger blickte für eine Sekunde auf.

Sah mich an mit einer neuen, fast respektvollen Zurückhaltung.

Dann schaute er zum Kuchen.

Und dann zu dem Spiegel, der immer noch wie ein stummes Mahnmal neben der Wand lehnte.

Im unteren Rand spiegelten sich seine Füße Socken in unterschiedlichen Farben.

Einer schwarz, einer dunkelblau, fast lila.

Ein Zuhause-Adler, ehrlich.

Tschuldige, Anja, brummte er, ohne aufzublicken. War dumm dahergeredet.

Iss nur, Rüdiger, iss, sagte ich und biss mit Genuss in meine Torte. Du brauchst deine Kräfte.

Er hob fragend die Braue.

Fürs Hanteltraining, erklärte ich schmunzelnd. Du bist doch unser Athlet.

Der Abend nahm seinen normalen Lauf. Gespräche über Preise, Garten und das Wetter.

Aber an diesem Tisch hatte sich das Kräfteverhältnis unwiderruflich verschoben.

Mein perfekter Hauskritiker war plötzlich geschrumpft zu einem ganz normalen Menschen.

Mit Schwächen, Ängsten und reichlich Falten.

Und wissen Sie was?

Diese Torte war göttlich.

So gut wie seit zwanzig Jahren nicht mehr.

Seitdem steht der Spiegel im Wohnzimmer. Ich habe ihn nicht mehr weggehängt.

Rüdiger zieht nun bei jedem Vorbeigehen den Bauch ein und richtet die Schultern.

Und über meine hängende Haut hat er nie wieder ein Wort verloren.

Wahrscheinlich aus Angst, den Pelikan zu wecken.

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Homy
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„Du hast schlaffe Haut!“ — Mein 60-jähriger Mann kniff mich vor den Gästen in die Seite, also holte ich einen Spiegel und zeigte ihm, wo bei ihm etwas hängt.
Dieser Vorfall ereignete sich im fernen Jahr 1995: Ich war damals Kadett an der Offiziersschule und wurde mitten am Unterricht aus dem Klassenraum geholt, mit dem Befehl, sofort beim Schulleiter zu erscheinen.