Dieser Vorfall ereignete sich im fernen Jahr 1995: Ich war damals Kadett an der Offiziersschule und wurde mitten am Unterricht aus dem Klassenraum geholt, mit dem Befehl, sofort beim Schulleiter zu erscheinen.

Diese Geschichte ereignete sich im fernen Jahr 1995. Damals besuchte ich das Gymnasium der Bundeswehr in München. Mitten am Schultag holte man mich aus dem Unterricht und schickte mich mit einem strengen Befehl zum Direktor der Schule. In seinem Büro saß eine Frau, ganz und gar in sich gekehrt, mit verweinten Augen und einem Taschentuch, das sie immer wieder an die Wangen führte.

Unser Direktor, ein gestandener General, war eine Respektsperson. Ein erfahrener Offizier, der harte Zeiten auf Auslandseinsätzen, unter anderem in Afghanistan, gemeistert hatte. Man fürchtete ihn, aber noch mehr achtete man ihn. Den General so bedrückt zu sehen, war ungewohnt. Er trat zu mir und sagte mit todtrauriger Stimme:

Junge, diesmal spreche ich dich nicht als Vorgesetzter an, sondern als Kameraden. Ich brauche deine Unterstützung.

Wenn ich helfen kann, mache ich das, antwortete ich ohne zu zögern. Was soll ich tun?

Mein Neffe ist schwer krank, fuhr der General fort. Vor einem Jahr hat er unser Gymnasium abgeschlossen. Du kennst ihn bestimmt. Er lernt jetzt an der Bundeswehr-Universität Medizin, aber ihm ist Schreckliches widerfahren. Unsere letzte Hoffnung ruht auf deinem Großvater. Vielleicht kann er den Jungen untersuchen und herausfinden, was los ist?

Ich stellte keine weiteren Fragen. Sofort wurde mein Großvater informiert. Fünfzehn Minuten später waren wir schon in der Dienstlimousine des Generals unterwegs zu seinem Haus. Zum Glück hatte mein Großvater, einer der renommiertesten deutschen Spezialisten für Neurologie und Psychiatrie, an diesem Tag den ersten Tag seines Urlaubs und war noch zu Hause, ehe er aufs Land fahren wollte.

Der Patient fuhr mit. Obwohl ich den Jungen kannte, erkannte ich ihn kaum wieder. Er hatte einen leeren, ausgebrannten Blick und wirkte völlig abwesend, fast wie in Trance. Es lief mir eiskalt den Rücken runter.

Wir kamen schnell an. Großvater begrüßte uns in seiner Münchner Wohnung und ließ sich von der weinenden Mutter alles berichten.

Vor sieben Monaten war ihr Sohn an der Universität aufgenommen worden, doch plötzlich hatte er während einer Vorlesung einen Anfall bekommen. Er lag danach im Bundeswehrkrankenhaus, wurde von Kopf bis Fuß untersucht aber niemand fand etwas. Kaum entlassen, wiederholte sich der Anfall. Und noch einer, und wieder einer… Keiner konnte den Grund erkennen. Die letzte Hoffnung war mein Großvater eben weil er einer der besten Köpfe im Land war.

Dann folgte der unerwartete Teil. Mein Großvater nahm den Jungen in sein Arbeitszimmer, zehn Minuten später kam er alleine wieder heraus.

Alles in Ordnung, Sie können nach Hause fahren, sagte er ganz ruhig zu Mutter und Onkel.

Aber was ist mit meinem Sohn? Wer heilt ihn denn?, entfuhr es der Mutter besorgt.

Fahren Sie ruhig. Wir beide fahren auf meinen Hof. Ich habe noch jede Menge Holz zu hacken da ist so ein kräftiger Bursche gerade das Richtige, antwortete Großvater trocken.

So verabschiedete er uns alle und fuhr dann mit dem Jungen raus auf sein Landhaus bei Rosenheim.

Ein Monat später ließ mich der General erneut rufen. Im Büro saß die gleiche Frau wie damals, doch diesmal strahlte sie vor Glück. Ihr Sohn stand neben ihr, er war kaum wiederzuerkennen: alle Symptome verschwunden, fröhlicher Blick, festes Auftreten. Er gab mir die Hand, bedankte sich. Auch der General dankte mir herzlich. Der Junge, dem niemand hatte helfen können, war in weniger als einem Monat vollständig genesen. Seine Familie hielt das für ein Wunder sie ahnte nicht, wie viele solcher Wunder mein Großvater im Laufe seines Lebens bewirkt hatte.

Später fragte ich Großvater, was da eigentlich vorgefallen war. Er erklärte, dass der Junge unter den enormen intellektuellen Anforderungen und dem immensen Leistungsdruck der Medizinausbildung zusammengebrochen und sein Gehirn quasi abgeschaltet hatte. Großvater hatte das sofort erkannt. Er brachte ihn aufs Land, verordnete ihm keine einzige Tablette, sondern schwere, tägliche Holzarbeit. Jeden Morgen um acht begann der Junge mit einer kalten Dusche, dann Frühstück und dann Holz hacken stundenlang, mit Pausen nur zum Essen. Abends fiel er todmüde ins Bett und schlief tief und fest. Nach drei Wochen intensiver körperlicher Arbeit hatte sich sein Geist vollständig erholt, sogar leistungsfähiger als zuvor.

Während der gesamten Zeit bekam er kein einziges Medikament, nur Arbeit an der frischen Luft und Entlastung vom Lernen.

So war das eine ganz besondere Geschichte aus meinem Leben.

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Homy
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Dieser Vorfall ereignete sich im fernen Jahr 1995: Ich war damals Kadett an der Offiziersschule und wurde mitten am Unterricht aus dem Klassenraum geholt, mit dem Befehl, sofort beim Schulleiter zu erscheinen.
Weil ich mich an meinem wohlverdienten freien Tag weigerte, auf die Enkel meiner Schwägerin aufzupassen, war ich sofort die Familien-Feindin Nummer eins – “Du sitzt doch sowieso zu Hause, ist das wirklich zu viel verlangt? Erwachsen bist du, aber benimmst dich wie eine Egoistin”, schrillte es empört aus dem Telefon. “Marina und ihr Mann gehen ins Theater, die Karten haben sie seit einem Monat, und ich habe seit heute früh mit dem Blutdruck zu kämpfen. Wie soll ich da auf die Kinder aufpassen? Du bist gesund wie ein Pferd, erholst dich doch noch genug.” Elena nahm das Handy vom Ohr, verzog das Gesicht und blickte auf das Display. Svetlana. Die Schwägerin. Ein Mensch, der fest davon überzeugt ist, dass sich die ganze Welt nur um ihre Wünsche und die Bedürfnisse ihrer Familie dreht. Freitagabend, acht Uhr. Elena war gerade zur Wohnungstür herein, zog die Schuhe aus, die sich nach diesem Tag wie Fesseln anfühlten, und hatte nur einen Wunsch: Stille, ein heißes Bad und eine Tasse Minztee. Diese Woche war eine Katastrophe gewesen – Jahresabschluss, Steuerprüfung und der neue Chef, der das komplette Ablagesystem umkrempeln wollte. – “Svetlana, ich sitze nicht zu Hause, ich bin gerade erst von der Arbeit gekommen”, entgegnete Elena so ruhig wie möglich. “Und morgen habe ich den ersten und einzigen freien Tag seit zwei Wochen. Ich wollte ausschlafen und mal meine Sachen erledigen.” – “Was denn für Sachen?”, schnappte die Schwägerin sofort. “Staub wischen? Oder Serien schauen? Manche Leute müssen schließlich auf ihre Kulturabende verzichten. Kannst du wirklich nicht mal mitfühlen? Es sind schließlich die Enkel deines Mannes, dein eigenes Fleisch und Blut! Viktor hätte nie nein gesagt, aber den erreiche ich natürlich wieder nicht.” – “Viktor ist noch im Meeting, er kommt später,” erwiderte Elena kühl. “Was hat das überhaupt mit ihm zu tun? Die Kinder soll ja schließlich ich nehmen, nicht er. Svetlana, lass uns Klartext reden: Marina hat zwei Söhne, drei und fünf Jahre alt, richtige Wirbelwinde. Da braucht man Nerven und Gesundheit – und beides habe ich gerade nicht. Warum engagiert Marina nicht einfach eine Nanny?” Am anderen Ende entstand eine schwere Pause, dann die Explosion: – “Eine Nanny? Hast du mal die Preise gesehen? Die Jungen haben einen Kredit am Laufen, da zählt jeder Cent! Du bist wohl reich, wenn du solche Ratschläge gibst? Ich hätte nie gedacht, dass du so herzlos bist. Schon gut, ich hab’s verstanden. Danke, dass du dich so ins Zeug legst, liebe Verwandte.” Svetlana legte auf. Elena atmete tief aus und legte das Handy auf den Flurschrank. Ihre Schläfen pochten. Dieses Theater kannte sie auswendig: Erst kommt die als Bitten getarnte Forderung, danach das Mitleids-Drücken, schließlich die Aggression und der Kälte-Vorwurf. Früher hat das oft gewirkt. In den ersten Ehejahren mit Viktor wollte Elena die perfekte Ehefrau und Schwiegertochter sein: Gäste empfangen, Tische decken, im Gemüsegarten helfen, mit auf Marina aufpassen, als sie noch klein war. Aber Marina wurde groß, bekam selbst Kinder, und an Elenas Rolle als „kostenlose Ressource“ änderte sich nichts. (Warum ich an meinem freien Tag nicht auf die Enkel der Schwägerin aufpassen wollte – und sofort zur Familien-Feindin Nummer eins wurde)