Doppelschichtiges Unterwäsche-Geheimnis: Verborgene Fächer für Ihre persönlichen Schätze

Unterwäsche mit doppeltem Boden

Marie, schau mal, ist das nicht entzückend? Ich hab das extra aufgehoben.

Marie blickte in die Schachtel und war sich unsicher, was sie daran entzückend finden sollte. Unterwäsche. Getragene. Das Spitzenband am Rand des BHs war an manchen Stellen schon ausgeleiert, der Gummi an den Slips schlug Wellen. Milchig-weiß, einst wahrscheinlich ziemlich hübsch. Nun einfach fremd.

Danke, Hannelore, sagte Marie.

Ihre Stimme blieb ruhig. Sie staunte selbst ein wenig darüber.

Das war mal französische Ware. Stell dir vor, ich habe mir das damals geleistet, als ich noch im Betriebsrat war. Auf einer Messe gekauft. War sündhaft teuer, wirklich. Ich hab das sehr geschont, nur zu besonderen Anlässen getragen. Und jetzt schenk ichs dir, du bist jung, kannst das brauchen.

Hannelore faltete die Hände im Schoß und schaute so würdevoll, als hätte sie ihrer Schwiegertochter gerade ein Erbstück überreicht. Marie schloss die Schachtel. Ihr Mann Thomas saß daneben und betrachtete interessiert die Tischdecke.

Tommi, sag doch deiner Frau, das ist nicht irgendwas. Ich hab das gehütet.

Ja, Mama, ja sicher, sagte Thomas.

Damit war sein Anteil an diesem Gespräch vorbei.

Danach gabs Torte, dann Kaffee, dann erzählte Hannelore ausgiebig über die Nachbarin Elfriede, die ihre Wohnung an die falschen Leute vermietet hatte und sie nun nicht mehr loswurde. Die Geschichte war detailreich, mit Anekdoten über die Hausverwaltung und den Polizisten. Marie nickte höflich. Die Schachtel stand auf der Kommode im Flur und schien im Dunkeln leicht zu leuchten, wie etwas, an das man lieber nicht denken will.

Am Abend, als Hannelore gegangen war, steckte Marie die Schachtel auf das oberste Regal im Kleiderschrank, hinter die Wintersachen. Weit weg, außer Sicht.

Marie, willst du Tee? rief Thomas aus der Küche.

Ja, gern, sagte sie.

Sie setzte sich an den Küchentisch und dachte, dass sie wohl besser etwas gesagt hätte. Nicht unhöflich. Einfach gesagt. Aber was, und wie? Und dieses Nichtwissen erinnerte sie an das ausgeleierte Gummi: Hält noch irgendwie, aber auch nicht mehr richtig.

Mama wollte dir einfach eine Freude machen, meinte Thomas, ohne aufzuschauen.

Ich weiß, sagte Marie.

So ist sie eben. Wenn sie dir was von sich abgibt, ist das Zeichen von Anerkennung.

Ich verstehe das, Tommi.

Er sah sie an. Sie lächelte, das Lächeln ein bisschen schief, aber überzeugend genug.

Damals wohnten sie noch mit Thomas Eltern zusammen in einer großzügigen Altbauwohnung in Hamburg-Altona. Vater Karl war ein ruhiger Typ, hatte jahrzehntelang als Maschinist bei Siemens gearbeitet, mischte sich nicht ein, schaute abends Tagesschau und schraubte ab und zu an der Spüle. Hannelore dagegen war das Gegenteil Lautstärke, Meinungen und Bewegung. Sie wusste, wie man richtigen Kartoffelsalat macht, wie man Wäsche ordentlich aufhängt, wie man beim Hausarzt diskutiert und warum die Jugend heute nie richtig spart. In anderthalb Jahren hatte sich Marie an viel gewöhnt. Beispielsweise daran, dass Tassen nicht länger als 20 Minuten in der Spüle stehen sollten. Und dass Nein im Haus als Laune galt.

Marie arbeitete in einem kleinen Architekturbüro, zeichnete Grundrisse von Doppelhaushälften, blieb manchmal bis sieben. Thomas war auf Baustellen quer durch Hamburg unterwegs. Hannelore war in Rente und führte den Haushalt mit der Präzision eines Majors.

Eine Woche nach ihrem Geburtstag kam Marie nach Hause und stellte fest, dass in ihrem und Thomas Zimmer die Möbel umgestellt worden waren. Der Sessel stand jetzt vorm Fenster, der Nachttisch auf der anderen Seite des Betts.

Hannelore, haben Sie bei uns umgestellt?

Das Licht ist doch da viel besser. Ich hab gesehen, dass du dort liest.

Ich lese dort, ja. Aber ich hätte gern, dass Sie mich vorher fragen, bevor Sie was ändern.

Mariechen, das ist praktischer. Du wirst noch dankbar sein.

Marie schob den Sessel und den Tisch wortlos zurück. Es dauerte zehn Minuten, aber als Sieg fühlte sich das nicht an, denn Hannelore seufzte so nachdrücklich, dass klar war: Sie wartet einfach nur ab.

Marie erzählte Thomas davon. Er hörte zu.

Mama, warum wühlst du im Zimmer rum?

Ich meinte es doch nur gut.

Sie wissen schon, dass die beiden sich das selbst aussuchen können.

Ich habe doch nichts Böses gewollt.

Schon gut, Mama.

Na ja, ich sag ja schon nichts mehr.

Sie schwieg aber nicht. Sie seufzte. Lauter als jedes Wort.

Danach fiel Marie auf, wie sie zunehmend die Gemeinschaftsräume mied. In der Küche kochte sie zackig. Im Flur hastete sie durch. Im Wohnzimmer tauchte sie nur auf, wenn man sie direkt rief. Keine großen Veränderungen, aber sie summierten sich zu einer schlechten Gewohnheit. Sie zog sich zurück. Ganz langsam, so wie ein Wollpulli nach falschem Waschen einläuft.

Im März kam Hannelore ohne Klopfen ins Zimmer. Marie saß auf dem Bett und sortierte Arbeitsunterlagen. Die Schwiegermutter öffnete den Schrank, weil sie eine alte Strickjacke suchte, die sie mal versehentlich dort verstaut hatte. Die Jacke fand sie. Und die Schachtel auch.

Ach, ich sehe schon, du hast die Unterwäsche ganz weit oben verstaut. Gefällt dir wohl nicht?

Marie musste nach Worten suchen.

Ich habs einfach weggeräumt.

Franzöische Unterwäsche, Marie… So was gibts doch heute kaum noch.

Hannelore, darf ich das in meinem Schrank bitte selber entscheiden?

Das überraschte sie sogar selbst. Sie sprach ruhig, ohne zu schreien, aber im Klang lag irgendetwas Neues. Hannelore schaute sie eine Sekunde lang an, nahm ihre Jacke und ging.

Beim Mittagessen wurde über das Wetter geredet. Und dass wieder Regen angesagt war. Dass die Kartoffeln im Supermarkt schon wieder teurer waren. Marie löffelte Suppe und dachte, dass Familien-Grenzen keine Mauern sind, sondern so etwas Unsichtbares, das man immer wieder neu erklären muss. Nicht, weil jemand böse ist sondern Leute wie Hannelore bemerken diese Begrenzungen gar nicht.

Am Abend klopfte die Nachbarin, Frau Renate, schon über sechzig, alleinlebend gegenüber. Manchmal holte sie sich Salz oder borgte Eier bis Freitag. Marie öffnete, Renate hielt ein Glas Pflaumenmarmelade in der Hand.

Ich hab Marmelade gekocht, ein Glas zu viel, nimmst dus?

Danke, Renate, kommen Sie doch rein.

Renate kam herein, stellte das Glas auf den Tisch.

Du wirkst heute so… blass.

Nur müde.

Na, na…

Sie saßen zusammen. Hannelore war einkaufen, Karl schlief im Nebenzimmer. Marie schenkte Tee ein. Plötzlich, ohne es zu planen, erzählte sie alles. Vom Geschenk, vom Schrank, vom Sessel. Davon, wie schwierig es war, ehrlich zu sagen, was stört, wenn immer kommt: Ich wollte doch nur das Beste.

Renate hörte ruhig zu. Dann rührte sie mit dem Löffel im Tee, obwohl kein Zucker drin war.

Weißt du, Marie, Streiten bringt bei solchen Menschen gar nichts. Die hören das nicht. Die kapieren es nur, wenn was unumstößlich ist. Kein Gerede, sondern ein Fakt.

Wie meinst du?

Nicht erklären. Einfach eine Tatsache schaffen. Ohne Drama. Ohne Vorwurf. Damit sie selber drüber nachdenken.

Marie betrachtete das Glas Marmelade. So dunkellila, fast schwarz. Eigentlich wunderschön.

Sie meinen…

Manchmal ist eine Tat die Antwort, nicht Worte.

Renate ging irgendwann, Marie blieb lange in der Küche. Dann holte sie die Schachtel aus dem Schrank und stellte sie vor sich auf den Tisch.

Dieses Mal sah sie sich den Inhalt wirklich an: BH und zwei Slips. Die Spitze war mal gut gewesen, spürbar am festen Stoff und daran, wie das Garn den Saum verzierte. Nur eben alt und getragen. Und fremd.

Marie überlegte lange, dann holte sie aus der Abstellkammer den Leinenstoff, den sie mal auf dem Markt gekauft hatte, Nähzeug, einen Beutel Lavendel für den Schrank. Sie ging zurück in die Küche und legte los.

Den BH trennte sie auf, breitete die Spitze aus. Daraus wurde ein kleines Duftsäckchen. Fest, ordentlich. Sie füllte Lavendel hinein, dazu ein bisschen getrocknete Minze aus dem Küchenschrank. Dann stickte sie mit dickem Faden drei Anfangsbuchstaben an die Seite. Keine Worte. Nur: H.K. Für Hannelore Krüger. Es wurde ein wenig schief, aber sehr persönlich.

Ein Slip war fast wie neu. Den legte sie extra, um ihn in die Kleiderspende an der Kirche zu bringen. Die nehmen alles, was brauchbar ist. Kommt sicher woanders noch zum Einsatz.

Das dritte Stück legte sie wieder zurück in die Schachtel.

Dann holte Marie Papier und Kuli, schrieb ganz altmodisch einen Brief. Drei Entwürfe landeten im Papierkorb, bevor sie die richtigen Worte fand. Keine Vorwürfe, keine Jammerlieder. Einfache Ehrlichkeit.

Liebe Hannelore, lange habe ich überlegt, wie ich auf dein Geschenk reagiere. Ich weiß, du hast viel Herz hineingelegt. Aber ich muss ehrlich sagen: Getragene Unterwäsche kann ich nicht tragen. Nicht, weil ichs nicht wertschätze. Es liegt einfach an mir. Ich habe aus einem Teil ein Duftsäckchen gemacht. Es duftet nun im Schrank. Einen Teil gebe ich weiter an Menschen, die es brauchen. Einen Teil zurück an dich. Mir ist Ehrlichkeit wichtig nicht, weil ich Streit will, sondern weil wir uns so besser verstehen können. Deine Marie.

Dazu legte Marie ein altes Foto aus Hannelores Familienalbum, das ihr mal aufgefallen war. Hannelore, vielleicht 24, in einem Sommerkleid am Gartenzaun, mit einem ganz weichen Blick im Gesicht.

Am nächsten Tag besuchte sie das kleine Wäschegeschäft in Ottensen. Die Auswahl war nicht groß, aber ordentlich. Sie kaufte ein schlichtes, graues Set, bequem, Baumwolle mit ein bisschen Elasthan. Die Größe schätzte sie ab sie hatte ja den Inhalt der Schachtel gesehen. Packen ließ sie das Ganze als Geschenk ein.

Das Päckchen, den Brief und die Schachtel legte sie zusammen. Das Duftsäckchen separat, in einen kleinen Kraftpapierumschlag.

Am 8. März versammelte sich die Familie zum Frühstück. Karl hatte Labskaus gekocht, obwohl es dafür eigentlich noch zu früh im Jahr war aber was anderes kochte er selten. Thomas brachte Tulpen mit, drei Stück, und wurde verlegen, als Hannelore meinte, Tulpen wären doch eher was fürs Grab sie grinste dabei, der Witz war nur etwas holprig. Marie steuerte Torte aus der Konditorei bei, Honig-Biskuit mit Karamellfüllung.

Nach dem Essen, als die Spülmaschine lief, stand Marie auf.

Hannelore, ich möchte Ihnen was geben.

Sie brachte das Paket, den Umschlag und die Schachtel aus dem Zimmer.

Was ist das? fragte Hannelore.

Das ist meine Antwort auf Ihr Geschenk. Ich hab Ihnen auch geschrieben.

Thomas beobachtete die beiden Frauen und fragte sich sichtlich, ob er jetzt gehen oder bleiben sollte. Er blieb.

Hannelore glättete das Blatt auf dem Tisch und las. Langsam. Marie wartete auf Kränkung oder diesen typischen, lauten Seufzer, der alle im Zimmer verlegen machte.

Aber Hannelore las zu Ende, schwieg und nahm das Foto. Sie schaute lange darauf.

Das war am Wannsee… sie sagte das eher für sich als für die anderen.

Ich habs im Album gefunden, Sie sehen toll aus da, sagte Marie.

Ich war 24. Mit Karl auf dem Weg zu seinen Eltern. Am Gartenzaun von deren Schrebergarten.

Pause. Karl schaute auf das Bild, nickte, trank weiter seinen Tee.

Marie, sagte Hannelore langsam, ganz anders als sonst, ich wollte dich nicht verletzen.

Das weiß ich.

Ich hab dieses Set echt geschont. Es war mal schön. Ich dachte, du freust dich.

Ich kann nachvollziehen, dass es dir wichtig war. Aber getragene Unterwäsche, selbst schöne, kann ich persönlich einfach nicht tragen. Das ist nichts Persönliches.

Hannelore griff nach dem Duftsäckchen, schnupperte. Lavendel und Minze. Die Buchstaben H.K. schief eingestickt.

Hast du das selber gestickt?

Ja.

Ein bisschen windschief…

Bin halt keine Schneiderin, sagte Marie und lachte leise.

Hannelore verzog den Mund. Keine richtige Lächeln, aber nah dran.

Und das da? Sie deutete auf das Geschenkpapier.

Neu für Sie. Ich hoffe, Sie finden es bequem.

Hannelore packte es vorsichtig aus. Das graue, schlichte Baumwollset lag auf dem Tisch.

Gutes Material, sagte sie beim Tasten. War bestimmt teuer.

Geht so. Einfach gut.

Weißt du, Marie, ich habe als junge Frau Unterwäsche auch geliebt. Für mich. Nur, damit ich das wusste. Das hatte was.

Das überraschte Marie. Sie spürte ein warmes Gefühl zwischen den Schlüsselbeinen kein Rührungskitsch, einfach echtes Verständnis.

Ich glaube auch, es ist wichtig, sagte Marie. Etwas für sich zu behalten.

Naja. Irgendwann vergisst man das. Kinder, Haushalt…

Aber man kann auch wieder anfangen, meinte Marie leise.

Hannelore sah sie an, legte das Set wieder ordentlich ein.

Danke dir.

Das klang anders als so ein alltägliches Danke fürs Mitbringen. Und Marie ließ es dabei. Manches muss man nicht weiter ausführen.

Eine Woche vorher hatte Marie den fast neuen Slip zur Kleiderspende gebracht. Kirchen am Großneumarkt haben einen Kasten am Eingang alles sauber verpackt, das reicht schon.

Später kam sie wieder dort vorbei, aus anderem Grund, und eine Mitarbeiterin sprach sie an:

Sie hatten doch Unterwäsche da gelassen. Die war ganz schnell weg.

Echt?

Ja, eine Frau meinte, das passt perfekt. Passiert manchmal.

Marie ging nach Hause und dachte, dass Dinge ihr eigenes Leben haben. Was für einen überflüssig war, braucht plötzlich jemand anderes. Keine große Lebensweisheit einfach so.

Nach dem 8. März änderte sich etwas. Leise, fast unmerklich. Wie das Licht, wenn die Jahreszeit wechselt. Gestern noch so, heute schon anders, und man weiß gar nicht den genauen Tag.

Hannelore klopfte neuerdings manchmal, wenn sie ins Zimmer kam. Nicht immer aber das war früher nie passiert.

Einmal rief sie beim Gang in die Küche kurz an, während Marie dort Unterlagen sortierte.

Marie, bist du da?

Ja.

Ich hol nur kurz Salz.

Ein bisschen komisch war das schon man wohnt ja zusammen. Doch Marie sagte komm ruhig rein und spürte echtes Aufatmen. Leicht wie eine Blase im Wasser.

Auch Thomas bemerkte die Veränderung. Eines Abends, kurz vorm Einschlafen, sagte er:

Du hast was gemacht.

Was denn?

Weiß nicht. Aber Mama ist… anders. Ruhiger.

Sie ist nur müde. Der März war anstrengend.

Nein. Das ist was anderes.

Marie schwieg. Drehte sich auf die Seite. Draußen regnete es gleichmäßig, wie als würde jemand zählen.

Im April gab Hannelore ihnen plötzlich ihre Ersatzschlüssel. Eigentlich hatte jeder welche, trotzdem war das ein symbolischer Akt. Davor behielt sie die immer aus Sicherheitsgründen.

Hier, nehmt sie. Ihr braucht die mehr als ich.

Marie nahm sie wortlos entgegen. Manche Gesten nimmt man am besten einfach still an, damit sie nicht verschreckt werden.

Im Mai kam Thomas mit so einer richtigen Nachricht. Die Firma bot eine Dienstwohnung im Nachbarstadtteil an. Klein, eine Einzimmerwohnung, aber getrennt. Für ein Jahr, mit Verlängerungsoption.

Mama, wir ziehen wohl um, sagte er beim Abendessen.

Hannelore schwieg zunächst, dann:

Das ist gut so. Junge Leute sollen für sich sein.

Karl nickte. Er bewertete selten etwas, das ihn nicht direkt betraf das war seine Form von Beteiligung.

Nicht traurig? fragte Marie.

Ich wär nur traurig, wenn Ihr nicht mehr kommt, sagte Hannelore.

Wir kommen, versprach Marie.

Und es klang wie ein echtes Versprechen, nicht als Höflichkeit.

Sie zogen im Juni um. Die Wohnung war klein, niedrige Decken, Fenster zum begrünten Hinterhof. Durchs offene Fenster zog morgens der Duft einer alten Akazie herein. Marie kaufte Vorhänge mit Blumenmuster. Thomas schleppte den kleinen alten Tisch von zu Hause an, der bei seinen Eltern immer nur stumm in der Ecke gestanden hatte. Jetzt stand er am Fenster.

Schön hier, sagte Thomas.

Finden ich auch, nickte Marie.

Kein großes Wow, sondern einfach gut. Wie die bequemen Schuhe, nach einem langen Tag mit schlechten.

Im August entdeckte Marie, dass sie schwanger war. Sie saß lange mit dem Test im Bad, dann trat sie hinaus und sagte es Thomas. Er fragte zweimal nach, sagte dann nichts mehr und drückte sie einfach. Es war in Ordnung.

Hannelore erzählten sie es eine Woche später. Sie kam zu Besuch, zum ersten Mal in der neuen Wohnung, hatte vorher angerufen, brachte Gewürzgurken und einen Kohlkuchen mit.

Wir wollen Ihnen was sagen, begann Marie.

Ich habs mir schon gedacht, erwiderte Hannelore. Du hast ein anderes Gesicht bekommen.

Was für eins?

Ruhiger. Ganz ruhig.

Sie deutete mit der Hand etwas Ungefähres an, doch Marie verstand. Ich freu mich, sagte Hannelore einfach so. Ohne Ausrufezeichen.

Im September wurde Hannelore plötzlich krank. Sie rief selbst an ungewöhnlich, sonst telefonierte Karl, wenn was war.

Marie, irgendwie ist mir komisch.

Was denn?

Kopf. Und es drückt hier.

Ich komm vorbei.

Marie war zwanzig Minuten später dort. Hannelore lag unter einer Decke, blass, etwas ratlos. Das passte nicht zu ihr, sonst war sie immer so sicher. Marie maß den Blutdruck, gab ihr eine Tablette, rief der Ordnung halber einen Arzt. Während sie warteten, sprachen sie über belanglose Dinge: Die Linde vorm Fenster, den neuen Kuchen in Maries Lieblingsbäckerei, dass Thomas endlich den tropfenden Wasserhahn repariert hatte.

Der Notarzt beruhigte, Blutdruck okay, weniger Salz. Kein Grund zur Sorge.

Weniger Salz, murmelte Hannelore wie jemand, der gerade einen Weltverlust verkündet bekommen hat.

Ja, weniger Salz, bestätigte Marie.

Hannelore bat Marie, ihr die Decke zurechtzurücken. Dabei entdeckte Marie im Ausschnitt ihrer Nachthemd einen Hauch von Stoff. Zartgrau, aus Baumwolle. Das neue Set.

Marie sagte dazu nichts. Sie strich nur den Überwurf glatt. Hannelore schloss die Augen.

Ruh dich aus, sagte Marie. Ich bin nebenan.

In der Küche stellte sich Marie ans Fenster. Die Linde im Hof leuchtete schon gelb September. Sie spürte irgendwas ganz Stilles. Kein Triumph, keine Freude. Einfach Stille.

Karl trat raus, sah Marie an:

Danke, Marie, sagte er.

Keine Ursache, Karl.

Er nickte, ging wieder. Mehr brauchte es nicht.

Im Oktober kam Hannelore wieder mal zu Besuch. Sie brachte Schraubgläser mit Marmelade und noch drei kleine Kartons mit. Jede fein beschriftet: Reis, Gewürze, verschiedene Tees.

Dachte mir, so hast dus ordentlicher in der Küche, ohne lange suchen zu müssen.

Marie drehte den Reis-Karton in der Hand.

Das wollte ich eh mal machen, kam nur nie dazu.

Jetzt bist du dazu gekommen, sagte Hannelore sachlich, ohne Stolz.

Nur: nächstes Mal ruf mich einfach vorher an, ja? Damit ich da bin.

Hab ich doch, sagte Hannelore verwirrt.

Stimmt, sagte Marie. Danke.

Sie tranken Tee, Hannelore probierte die gleiche Honigtorte, meinte sie sei zu süß, nahm aber zwei Stück. Dann zeigte sie Marie am Handy ein Bild von einem Kleid aus einem Katalog.

Würde mir das stehen?

Auf jeden Fall. Die Farbe ist wie für Sie gemacht.

Meinst du?

Ganz sicher.

Sie redeten noch ewig über verschiedenes. Einwecken, Schwangerschaftsvitamine, dass Karl einen neuen Fernseher will, aber der alte noch läuft. Marie hörte zu, antwortete, ohne dass es anstrengend war. Ganz normal, als wäre nichts besonders.

Beim Gehen blieb Hannelore an der Tür stehen.

Marie, ich hab mir gedacht wenn das Baby da ist, könnte ich aushelfen? Wenn du magst.

Ich werd Hilfe brauchen.

Dann rufe ich an, bevor ich komme?

Ruf ruhig an.

Die Tür fiel ins Schloss. Thomas tauchte auf, Buch noch in der Hand.

War lang?

Anderthalb Stunden.

Lief gut?

Ganz normal, sagte Marie.

Oder tust du nur so?

Sie sah ihn an. Er blickte so vorsichtig, wie das nur jemand tut, der lange angespannt gelebt hat und nicht sicher ist, dass es vorbei ist.

Echt normal, Tommi.

Er glaubte ihr, auch ohne weitere Worte.

Zu Neujahr war das Leben in der eigenen Wohnung endgültig angekommen. Die Dienstwohnung wurde um ein Jahr verlängert, aber sie dachten schon an eine größere Mietwohnung. Das Kind kam im Februar, umziehen wollte man vorher.

Im Dezember fanden sie eine Zweizimmerwohnung im anderen Viertel. Lichtdurchflutet, gute Böden, kleine Abstellnische. Thomas war drei Mal dort, maß aus, sprach mit dem Vermieter. Marie kam, schaute nur kurz aus dem Fenster und meinte: Wir nehmens.

Sicher?

Das Licht gefällt mir, die Deckenhöhe passt.

Im Januar packten sie um. Es war eisig, sie schleppten Kartons in Wintermänteln. Hannelore kam, half in der Küche aus, verstaute Geschirr und fragte jedes Mal nach veränderte nichts eigenmächtig. Ein echter Fortschritt.

Da kommen die Gläser hin, wies Marie auf das mittlere Regal.

Das ist aber tief…?

Für mich genau richtig.

Na, du wirst schon wissen, sagte Hannelore. Und stellte alles so hin.

Am 8. Februar wurde die Tochter geboren. Die Geburt zog sich dahin, Thomas wartete endlos vor der Tür, behauptete später, das sei härter gewesen als alles, was er bisher erlebt hatte obwohl er selbst nur gewartet hatte. Marie hielt die Hebamme bei der Hand und dachte daran, dass sie Vorhänge fürs Kinderzimmer braucht. Komischer Gedanke, aber er gab ihr Halt.

Sie nannten das Mädchen Frieda.

Frieda war zierlich, rot, und hatte kräftige Stimme. Marie sah sie an und verstand noch gar nichts, weil echtes Verständnis eben Zeit braucht.

Hannelore kam am nächsten Tag ins Krankenhaus. Sie brachte Brühe in der Thermoskanne und eine warme Decke. Sie betrachtete Frieda durchs Glas.

Sieht aus wie Tommi, sagte sie.

Sagen alle, meinte Marie.

Na und, soll doch nach dem Vater kommen.

Sie berührte vorsichtig das Glas, als könnte Frieda das spüren.

Hübsches Kind, sagte Hannelore leise. Kein Ausrufezeichen.

Zuhause fand Marie einen Brief. Auf dem Umschlag stand einfach Marie Hannelores Handschrift.

Im Inneren nur ein Blatt, zweimal gefaltet:

Marie. Ich will was loswerden, weil ich lang drüber nachgedacht habe und vielleicht vergesse ichs irgendwann wieder. Sagen kann ich so was nicht, also schreibe ich. Du bist Teil unserer Familie geworden. Ich war nicht immer fair zu dir. Ich hab gehandelt, wie ichs eben kann. Nicht immer richtig. Du hast nie gemeckert, hast nie schlimme Dinge gesagt. Du hasts anders gemacht. Das kam bei mir erst spät an. Ich will, dass du weißt: Du bist nicht meine Tochter. Ich hab eine, aber die kennst du nicht, die lebt in München. Du bist du. Du bist Marie. Und das ist völlig genug. Hannelore.

Marie las einmal. Las noch mal.

Thomas kam aus der Küche mit einer Tasse.

Was ist das?

Ein Brief von deiner Mutter.

Ist was passiert?

Nein. Alles gut.

Sie legte den Brief in die Schublade nicht im Bilderrahmen, nicht als Trophäe. Einfach zu den wichtigen Unterlagen. Da passte er hin.

Zum nächsten Frauentag kam Hannelore mit einem kleinen Umschlag. Darin: Zwei Tickets zu einer Ausstellung. Kein Theater, kein Kino Aquarelle einer Hamburger Künstlerin.

Für uns beide? fragte Marie.

Für uns, sagte Hannelore. Tommi mag so was ja gar nicht. Wir könnten doch.

Klar.

Da ist noch eine Notiz, meinte Hannelore und blickte kurz weg.

Marie zog einen kleinen Zettel heraus. Darauf keines schönen Redens: Wenn du magst, können wir reden. Wenn nicht, einfach gemeinsam schauen und schweigen. Mir ist beides recht.

Marie las das, sah auf.

Frieda schlief im Nebenzimmer. Thomas räumte die Küche auf, es klapperte leise. Draußen war März. Der Schnee schmolz, wie er es im März tut: eilig und etwas verschämt.

Beides wäre auch für mich okay, sagte Marie.

Hannelore nickte. Sie stand auf, denn aus dem Zimmer kam ein Geräusch. Das Baby war wach. Sie ging zuerst, fragte nicht, ob sie durfte. Dann hielt sie inne.

Darf ich?

Na klar, sagte Marie.

Auch das war ein Sieg. Ein kleiner, stiller, den niemand außer denen merkt, die zählen und das genügt am Ende völlig.

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Homy
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