— Warum schreist du mich so an?! — empörte sich der Mann. — Ich pflege und füttere doch deine Frau, und du wirst laut mit mir?! Was soll das denn bitte!!! Eine halbe Stunde lang stritten sie lautstark, bis der Vogel heiser wurde und der Mann erschöpft war…

Was schreist du denn so mit mir?! empörte sich der Mann. Ich pflege und füttere deine Frau, und du brüllst mich an?! Was soll das überhaupt sein!!! So zankten sie sich eine halbe Stunde an, bis der Vogel heiser wurde und der Mann erschöpft war

Der Mann kehrte nach der Frühschicht in der Kfz-Werkstatt heim. Das Wochenende stand vor der Tür, und allein das bereitete ihm Freuden in der Brust. Aber es war noch mehr: Am Samstagabend erwartete ihn ein langersehntes Treffen mit einer Frau, die er online kennengelernt hatte.

Sie schrieben sich seit einem Monat: Über den Beruf, Hobbys, kleine Geständnisse über das Leben, wie es eben so geht. Nun sollte es wirklich so weit sein. Es war nur noch nötig, im urigen Gasthof Zum goldenen Hirsch anzurufen, einen Tisch zu reservieren und ein passendes Hemd auszusuchen.

Vertieft in selige Gedanken stolperte er fast bis vor die Haustür seines Plattenbaus einer grauen, endlos wirkenden Wohnanlage in Nürnberg, in der er im vierten Stock lebte. Noch waren es fünfzig Meter, die ihn vom Wochenende trennten. Nur ein Schritt mehr, so schien es, und vielleicht hätte sich sein ganzes Leben anders ausrollen können, aber

Ach, dieses Aber.

Genau vor dem Eingang, herab aus der Baumkrone einer alten Linde, auf die er nie geachtet hatte, fiel ihm plötzlich eine Krähe vor die Füße. Das Tier schlug verzweifelt mit den Flügeln, krächzte durchdringend und von oben herab fauchte ein ganzes Rudel. Es war ein Aufschrei wie nach einer Katastrophe.

Na super, murmelte der Mann. Das hat mir gerade noch gefehlt.

Die Krähe versuchte, sich zu erheben, fiel aber sofort wieder um. Da sah er, dass ihr rechtes Bein abenteuerlich schief stand.

Und was mach ich jetzt mit dir? fragte er laut in die fahle Nachmittagssonne.

Er kam nicht vorbei. Also zog er die Jacke aus, warf sie sachte über den Vogel und hob ihn an. Noch immer begleitete ihn das warnende Kreischen der übrigen Krähen.

Zuhause packte er die Krähe aus, beäugte den Bruch. Im nächsten Moment hackte der Schnabel fest in seinen Finger.

Donnerwetter! fluchte er und band eilig ein Stoffstück um den Schnabel.

Anrufe bei Tierärzten halfen nicht, Krähen wurden da nicht behandelt. Freunde zuckten Schulter. Da kam ihm der Gedanke: Er war doch ein guter Monteur, da müsste sich doch was machen lassen.

Er legte das verletzte Tier in einen flachen Karton, auf weiche Handtücher, direkt auf die Fensterbank, und nannte sie gleich: Emma.

Zwei Stunden tüftelte er an einer Schiene: Mit Taschenmesser und zwei schmalen Holzleisten schnitzte er eine Mulde, verband alles mit Isolierband. Als er den Schnabel befreite, versuchte Emma gleich, wieder zu schnappen.

Sieh mal an, ganz ruhig, murmelte er. Ich will dir ja helfen. Essen und trinken musst du aber auch.

Im Internet las er: Ein Angelbedarfsgeschäft und eine Apotheke wären die nächsten Stationen. Im ersten kaufte er Maden und Würmer, im zweiten Pinzette und Spritze. Zuhause begann das Zwangsfüttern.

Mühsam öffnete er Emmas Schnabel, stopfte behutsam das Futter hinein, Spritze für Wasser. Die Krähe spuckte, krächzte, hackte nach ihm. Der Mann schimpfte, aber machte weiter.

Irgendwann waren beide erschöpft. Emma, satt und abwechselnd von Schmerz und Trotz ausgelaugt, schlief ein. Auch er zog sich murrend ins Bett zurück.

Am Morgen dasselbe Spiel: Füttern, Wüten, gegenseitiges Trotz. Dann sah er plötzlich draußen auf dem Fensterbrett einen riesigen Raben sitzen einen Männchen , der alles wachsam beobachtete.

Er wusste selbst kaum wieso, öffnete das Fenster.

Du bist bestimmt Emmas Gatte, oder? Komm rein, sieh selbst. Ich will ihr ja helfen.

Der große Rabe hörte aufmerksam zu, neigte den Kopf, linste mit dem rechten Auge auf die verletzte Emma. Dann hüpfte er vorsichtig ins Zimmer und tapste näher.

Emma gab ein leises Gurren von sich. Der Rabe wandte sich dem Mann zu, breitete seine Schwingen aus und krächzte so laut er konnte.

Was brüllst du mich so an?! fuhr ihm der Mann dazwischen. Ich pflege und füttere deine Emma, und du machst hier den Aufstand?! Was soll’s denn?!

So ging das eine gefühlte halbe Stunde Mensch gegen Vogel am Krächzen. Bis der Rabe nur noch krächzte, der Mann dem Umfallen nahe war.

Da schob er ihm schweigend die beiden Schachteln die mit Maden, die mit Würmern hin. Ohne Worte, keine Erklärungen.

Der Vogel sah das Futter prüfend an, als wolle er die Qualität begutachten, dann begann er zu fressen.

Ja, schlag zu, schmunzelte der Mann. Genau für solch feine Gäste kauft man also Maden und Würmer

Gesättigt näherte sich der Rabe Emma, ordnete ihr zärtlich die zerzausten Federn.

Nicht schlecht murmelte der Mann gerührt. Eheliche Zärtlichkeit, was? Keine Sorge, deine Emma krieg ich wieder hin. Sag ihr, sie soll nicht mehr nach mir hacken und ordentlich essen.

Nachts flog der Rabe weg, doch morgens war er wieder da, klopfte vorsichtig an die Scheibe, wartete, ließ sich herein, überprüfte Emma und frühstückte in Ruhe.

Guten Morgen, begrüßte der Mann den Gast. Schön, wir verständigen uns immer besser, wies scheint

Während er Emma zu füttern versuchte und sie beruhigte, beobachtete ihr Gatte alles regungslos.

Da fuhr es ihm plötzlich wie ein Stromschlag durch den Körper.

Mein Gott keuchte er, die Hände an die Stirn gepresst. Sie wartet doch! Ich hab nicht angerufen, nicht reserviert

Er riss das Handy hervor, wählte die Nummer.

Verzeihen Sie begann er verlegen, schilderte offen, was vorgefallen war, und warum das Treffen geplatzt ist.

Sie meinen, eine Krähe ist wichtiger als ein Treffen mit mir?! fiel sie ihm enttäuscht ins Wort.

Nein, nein Sie versteht das falsch Es ist mir eben wichtig. Es ist einfach so gekommen

Na, dann leben Sie halt mit Ihrer Krähe! warf sie ihm entgegen und legte auf.

Tja, das wars dann wohl, seufzte der Mann zum Raben gewandt. Das Date ist aus, ehe es angefangen hat.

In diesem Moment flog der Rabe schwerfällig auf den Tisch vor ihm. Er schlug die Flügel, plusterte sich auf und stolzierte hin und her, als wolle er Mut machen.

Der Mann lächelte unwillkürlich:

Ich weiß nicht, ob du mich verstehst, aber irgendwie fühl ich Trost. Denkst du, ich soll nicht aufgeben? Einfach weitermachen?

Da klingelte es an der Tür. Vor ihm stand die Nachbarin aus dem fünften Stock eine sympathische Frau, deren Lächeln ihn im Fahrstuhl immer erfreute.

Verzeihen Sie, begann sie verlegen. Aber vor Ihrem Fenster flattert seit Tagen eine ganze Schar Krähen. Ist alles in Ordnung? Ihnen ist doch nichts passiert?

Das ist nicht leicht zu erklären Kommen Sie herein, dann sehen Sie selbst.

Sie trat vorsichtig ein, hielt inne, überwältigt vom Anblick.

Das ist ja unglaublich Sie retten eine Krähe?

Emma, präzisierte er.

Und der Rabe ist dann wohl Paul! lachte die Nachbarin.

Ihr Lachen klang wie silberne Glöckchen, und er dachte kurz, dass er ewig nichts Schöneres gehört hatte. Er sah sie an und wusste was soll’s, das verpasste Date war kein Verlust.

Paul stolzierte nochmal über den Tisch, breitete prahlerisch die Flügel aus und die Nachbarin lachte wieder.

Von da an lief alles leichter. Paul war regelrecht begeistert von ihr, stellte sich sofort heraus: Kaum kam sie, putzte er sich, versuchte sich in Szene zu setzen. Sie lachte, wurde rot.

Emma merkte, dass man ihr Gutes wollte, stellte die Gegenwehr ein und fraß nun freiwillig. Sie wurde rasch gesund. Der Mann gab der Nachbarin bald den Zweitschlüssel, sodass sie sich kümmerte, wenn er nicht da war.

Die Frau gefiel ihm immer mehr. Gerade als er sich durchrang, sie einzuladen, geschah etwas Neues.

Spätabends, nach der zweiten Schicht, kam er heim. Der Tag war besonders in der Pause hatte er für die Nachbarin ein kleines Geschenk besorgt: Eine silberne Kette mit einem roten Herzchen.

Er schritt lächelnd dahin, stellte sich vor, wie sie lächeln würde. Doch im Lichtkegel eines Straßenlaterne traten plötzlich zwei Gestalten auf ihn zu.

Geldbörse, Handy und Uhr! fauchte einer und schob ein Messer hervor.
Und die Jacke! verlangte der andere.

Keine Zeit für Angst.

Auf einmal stürzte eine schwarze Wolke von oben nieder. Gekreisch Angst, Schmerz, Verzweiflung. Dutzende Schnäbel hackten gnadenlos. Die Krähenbande jagte die Angreifer davon.

Der Mann floh nach Hause, schloss auf, und am Morgen

Da stand die blasse, zitternde Nachbarin an der Tür.

Ach du meine Güte! rief sie und schlang die Arme um ihn. Du lebst! Ich dachte, sie hätten dich

Was ist denn passiert? fragte er und fuhr ihr übers Haar.

In der Nacht hat ein Schwarm Krähen zwei Passanten angegriffen. Die sind fast zu Tode gehackt worden. Sie liegen schwerverletzt im Krankenhaus.

Er lächelte, fiel ein:

Ich hab dir übrigens ein Geschenk gekauft.

Oh nein, das wär doch nicht nötig errötete sie.

Doch als er ihr das silberne Kettchen mit dem Herz zeigte, lächelte sie, küsste ihn auf die Wange.

Wie schön. Vielen Dank, meinte sie und streckte die Hand aus, aber

Ach, das Aber!

Wie ein schwarzer Blitz schoss Paul heran, schnappte sich mit dem kräftigen Schnabel blitzschnell die Schmuckkette vom Tisch. Er landete neben der fast genesenen Emma und legte das Herz ihr zu Füßen.

Mann und Frau brachen in Gelächter aus.

Dann kaufe ich halt eine Neue! versprach er.

Paul breitete stolze Schwingen aus und rief siegreich: Kraaa!. Emma nahm die Kette behutsam an sich und versteckte sie in ihrem Karton.

Und der Mann und die Frau küssten sich noch vor der Wohnungstür.

Und was zählte denn eigentlich wirklich?

Es war eben eine FamilienangelegenheitPaul hüpfte stolz um Emma herum, stupste zärtlich ihr Gefieder und bewachte das rote Herz wie einen Schatz. Im Gang lachte die Nachbarin noch immer, ihre Augen glänzten heller als jede Silberkette. Draußen, als der Mann das Fenster öffnete, erhob sich das ganze Krähengeschwader schwarze Flügel wie ein Tusch, als wollte der Himmel selbst Beifall klatschen.

Im Zimmer standen sie einen Moment schweigend, Hände ineinander verschränkt. Alles Vergangene das Date, die Sorge, das Aber löste sich auf im gemeinsamen Lachen, in der kleinen verrückten Familie aus Mensch und Vogel.

Plötzlich zwinkerte die Nachbarin: Weißt du, ich glaube, Paul hat Geschmack. Sie sah ihm tief in die Augen. Und du offenbar auch. Sie zog ihn ganz nah zu sich heran. Ihr Lächeln war wärmer als jede Märchensonne.

Von draußen antwortete ein stürmischer Chor aus Krächzen und Flügelrauschen als schlössen sie einen Bund für die Ewigkeit.

Und als sie am Abend alle zu dritt am offenen Fenster standen, Emma die Kette am Fußring tragend und Paul stolz zu ihren Füßen, wusste der Mann: Wer das Herz teilt, bekommt immer Flügel.

So begann für sie alle Tag für Tag, Flügelschlag für Flügelschlag ein neues, besseres Leben.

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Homy
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— Warum schreist du mich so an?! — empörte sich der Mann. — Ich pflege und füttere doch deine Frau, und du wirst laut mit mir?! Was soll das denn bitte!!! Eine halbe Stunde lang stritten sie lautstark, bis der Vogel heiser wurde und der Mann erschöpft war…
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