Katja, würdest du mal bitte für uns zum Bäcker gehen und frisches Brot holen? – Der verschwommene Blick der 45-jährigen Frau konnte sich schon nicht mehr auf die zierliche Silhouette des siebenjährigen Mädchens konzentrieren.

Lena, würdest du bitte zum Bäcker gehen und ein Brot holen? Der verschwommene Blick der fünfundvierzigjährigen Frau konnte den schmalen Umriss des siebenjährigen Mädchens kaum noch erfassen, die beim Gedanken an frisches Brot gierig schluckte.

Klar, Mama

Lena wartete brav auf das Geld, mit dem die Verkäuferin im örtlichen Spätkauf, Tante Inge, ihr mit Seufzen und Kopfschütteln ein Brot über die Theke reichte. Manchmal steckte sie Lena auch noch eine kleine Tafel Milchschokolade oder eine Handvoll Bonbons zu.

Ach, das arme Kind. So ein nettes Mädchen und die Eltern nur am Trinken, jammerte Inge hinterher, während sie löslichen Kaffee schlürfte.

Lena rannte so schnell sie konnte nach Hause, bemüht, sich nicht vom unwiderstehlichen Duft der knusprigen Kruste bezirzen zu lassen. Wenn sie brav gewesen war, brach die Mutter immer das Ende vom Brot für sie ab. Darauf legte sie zwei, drei fettige Sardinen aus der Dose, aus denen das süße Öl auf das Brot tropfte. Lena aß langsam, kaute vorsichtig und genoss ihre kleine Köstlichkeit. Nach der Menge leerer Bierflaschen zu urteilen, sollten heute Gäste kommen auf ein anderes Abendessen durfte sie also nicht hoffen. Am wichtigsten war jetzt, sich unauffällig aus dem Staub zu machen, sonst könnte es Ärger geben. Letztes Mal hatte der Vater ihr so eine Schelle verpasst, dass sie zwei Tage Kopfschmerzen hatte und die Nase ab und zu blutete.

Lena trat aus dem Treppenhaus. Sie hatte noch ein Viertel Brot und eine ganze Sardine. Draußen war es ruhig, trotz des warmen Frühlingsabends. Menschen waren wenige unterwegs, irgendwo dudelte fröhliche Musik, und in ihrer Jackentasche warteten zwei Stück Schokolade auf ihren Einsatz. Ach, das Leben war gut. Es war nicht kalt draußen, und wenn gar nichts ging, konnte sie ja zu Tante Inge rüber die gab immer Kaffee mit Sahne und Zucker aus. Lena bummelte durch die Straßen, blickte in die erleuchteten Fenster und träumte davon, eine Freundin zu haben. Dann wäre das Glück perfekt jemanden, dem sie ihre Gedanken anvertrauen konnte, mit dem man auch einfach schweigend die Zeit vertreiben konnte, wenn man zu Hause lieber nicht sein wollte.

Doch plötzlich stoppte sie ein herzzerreißendes Fiepen aus den Büschen neben den Mülltonnen. Vorsichtig lugte sie hinein zwischen ein paar alten, stinkenden Lumpen saß ein winziges getigertes Kätzchen in einer zerrissenen Schuhkarton-Box und miaute leise. Lena streckte die Hand aus, das Kätzchen schnupperte neugierig; der Duft der Sardine trieb es an und es fing an, gierig ihre Finger zu lecken. Vom kitzelnden Katzenzungen musste Lena lachen.

Na, hast du wohl Hunger? Warte mal, schau, was ich für dich habe! Lena legte feierlich die ganze Sardine vor das Kätzchen und schob sich das restliche Brot in den Mund.

Na los, lasss dir schmecken.

Mit erstaunlichem Appetit stürzte sich das zukünftige Raubtier auf seine Mahlzeit. Es brummte zufrieden, schlang ganze Brocken hinunter und fauchte, falls Lena beim Streicheln zu forsch wurde.

Immer mit der Ruhe, nicht so hastig. Sonst bekommst du Bauchweh, das kenn ich nämlich, kicherte Lena ihrem neuen Freund zu.

Weißt du was, willst du mit mir nach Hause kommen? Ich nenn dich Tigerle und verspreche, immer mein Essen mit dir zu teilen! Sie hob das federleichte Kätzchen auf und steckte es vorsichtig unter ihre Jacke.

Die Straßenlaternen leuchteten honiggelb wie Maibienenhonig, während ein kleines Mädchen mit verstrubbelten Haaren fröhlich mit ihrem neuen Gefährten schnatterte, der neugierig aus dem Kragen lugte.

***

Zu Hause war es ruhig. In der Küche standen nur noch leere Bierflaschen, dreckige Teller und ein randvoller Aschenbecher. Der Heizkessel brummte, die Uhr tickte beschaulich. Lena setzte sich auf einen der Stühle, stellte Tigerle auf den Tisch. Das Kätzchen beschnupperte vorsichtig ein leeres Glas.

Pfui, Tigerle, lass das lieber! Das Zeug ist echt eklig. Wenn du auch noch jeden Tag sowas trinken willst, können wir echt keine Freunde mehr sein! rief sie empört und drückte das Kätzchen ans Gesicht, das als Antwort nur warm schnurrte und mit weichen Pfoten ihre Nase berührte. Ganz so, als wolle es trösten: Keine Angst, wir gehören zusammen.

In dieser Nacht schlief Lena selig wie nie. Sie träumte von Bananeneis und Kirschtaschen. Tigerle rollte sich wohlig an ihrer Seite zusammen und murmelte ihr katzenhafte Schlaflieder.

Doch am Morgen sah der Vater das Kätzchen und raste vor Wut: Die Viecher sollten verschwinden. Die Mutter rauchte ihre nächste Zigarette, presste ein nasses Handtuch auf die Stirn und bat die Tochter mit heiserer Stimme, die Katze am besten gleich wegzubringen.

Mit bitteren Tränen der Enttäuschung saß Lena mit Tigerle auf dem Bordstein. Wohin nur mit ihm? Vor die Mülltonnen zurück? Niemals! Schwer schluchzend machte sie sich auf zum Spätkauf zu Tante Inge und erzählte unter wildem Gestammel die ganze Geschichte. Sie flehte, Tigerle aufnehmen zu dürfen, versprach tägliche Besuche, Füttern, Aufpassen. Die herzlich guten Frauen konnten nicht widerstehen: Das Kätzchen durfte bleiben bekam eine alte Strickjacke und ein abgeschnittenes Putzeimerchen als Schlafplatz im Lager.

Den Frühling und den Sommer über rannte Lena beinahe täglich zu ihrem Tigerle, brach ein Stückchen von jedem gekauften Brot ab was ihr zu Hause meist ein blaues Auge einbrachte. Aber wenn man einen echten Freund hat, was zählt da schon Prügel? Stundenlang erzählte sie dem Kater von allem, was sie bewegte. Tigerle rollte sich auf ihren knochigen Knien zusammen, blinzelte mit seinen außergewöhnlichen, lila Augen und schnurrte zufrieden. Tante Inge kippte manchmal den Essensrest der Verkäuferinnen in Tigers Napf und staunte doch immer wieder:

Mensch, sowas hab ich noch nie gesehen! Schau dir nur mal diese Augen an, Olli! Und beide Verkäuferinnen beugten sich fasziniert über das satte, schlaue Fellknäuel.

Mit dem Herbst wurde Tigerle zum wahren Prachtkater. Ein dicker, plüschiger Kerl mit einem Blick wie aus dem Märchenbuch. Viele Kunden wollten ihn mitnehmen, aber er rührte sich nicht vom Fleck, bis sein kleines Frauchen kam.

Eines Tages jedoch blieb Lena mehrere Tage fort. Kein Gang zum Bäcker, kein Besuch bei Tigerle. Tante Inge wurde unruhig hatte das Mädchen etwa die Grippe? Aber Lena tauchte wieder auf. Blass, mit gelben blauen Flecken auf den Wangen, einer hässlichen Kruste auf der Lippe. Auf die entsetzten Blicke der Frauen antwortete sie nur knapp:

Bin gestürzt.

Doch hinter dem Laden, mit verheultem Gesicht und Tigerle im Arm, erzählte sie lange, leise von ihrem Kummer. Schließlich schlief sie an den dicken Kater gekuschelt ein. Tante Inge hob sie behutsam hoch, legte sie auf das alte Sofa im Lager und deckte sie mit der abgewetzten Wolldecke zu. Später rief sie den Polizisten Herrn Schuster an, den örtlichen Schutzmann, aber der seufzte: Beweisen könne man die Misshandlungen eh nicht, und mit diesen Alkis wolle er sich auch nicht anlegen. Tante Inge weinte zu gern hätte sie dem Mädchen geholfen. Kinder hatte sie selbst nie bekommen, und schon oft hatte sie darüber nachgedacht, wie schön es wäre, so eine Tochter zu haben.

Tigerle lief nervös Kreise um das Sofa, beschnupperte Lenas geschwollenes Gesicht. Dann verschwand der Kater. Die ganze Nacht schlief Lena unbehelligt im Laden, niemand suchte sie. Am Morgen gab Inge ihr süßen Tee und Butterbrot und bat sie, mit Frau Olli auf den Laden aufzupassen, während sie wichtige Dinge zu erledigen hatte. Lena war ganz aufgeregt, Inge machte sich auf dem Weg aber noch im Hauseingang hielt Herr Schuster sie auf.

Ach, wo rennen Sie denn hin? Wir haben hier einen Mord, besser mischen Sie sich da nicht ein. Sagen Sie, haben Sie das Mädchen Ahrens heute Nacht gesehen?

Lena? Wer wurde denn ermordet? Inge schaute erschrocken zu den Fenstern des Plattenbaus hoch.

Ihre Eltern, na klar. Jetzt suchen wir das Kind, vielleicht hat sie jemand mitgenommen.

N-nein, sie hat bei mir im Laden geschlafen, alles in Ordnung! Und wer war’s?

Ach, wissen wir nicht. Vermutlich hat sich die Saufbande gegenseitig umgelegt. Sagen Sie, können Sie das Mädchen ein paar Tage bei sich lassen? Nur, bis wir rausfinden, ob Verwandte da sind, bevor wir sie ins Heim geben. Kaum haben wir die Papiere fertig, taucht eh irgendeine Oma auf.

Geht klar, kein Problem, sagte Inge und ihr Herz sprang vor Freude. Wegen Lenas Eltern hatte sie keine Sekunde Mitleid. Überglücklich rannte sie zurück zum Laden.

Nach der Absprache mit Frau Olli erzählte man Lena nichts. Nur, dass sie erstmal bei Tante Inge bleiben durfte, weil ihre Mutter es so wollte. Lena war entzückt und fragte, ob sie nun wohl endlich das Kassieren lernen dürfe.

Ab diesem Tag blieb Tigerle verschwunden. Lena suchte tagelang, rief an allen Müllplätzen doch ihr Kater kam nicht zurück. Das Futter blieb unangetastet.

Tante Inge kümmerte sich rührend um Lena, fürchtete aber ständig den Tag, an dem das Amt sie ihr wegnehmen würde. Irgendwann warf sie all ihren Mut zusammen und stellte einen Antrag auf Adoption beim Jugendamt. Doch sie bekam immer nur Absagen: zu alt, ledig, nachts arbeitend. Inge wurde ganz klein vor Selbstzweifeln, versuchte es dann erneut und wieder und wieder. So vergingen fast zwei Monate. Lena gewöhnte sich an Inge, lernte Spiegeleier zu braten, las die Zeitung buchstabierend, und brachte die Küche auf Vordermann, um der erschöpften Frau nach der Arbeit eine Freude zu machen.

Am 3. November, als der erste Schnee fiel, feierte Lena ihren achten Geburtstag. Sie pustete die bunten Kerzen auf Inges Honigtorte aus und sagte laut:

Ich wünsch mir, dass wir für immer zusammenleben und du meine Mama wirst! und schlang die Arme um die gerührte Frau.

Das wünsch ich mir auch, Lenchen, flüsterte Inge.

Es klopfte an der Tür. Unerwartet stand ein junger Mann im schicken Anzug auf der Schwelle.

Guten Tag, ich bin vom Jugendamt München. Ihre Unterlagen sind angekommen und ich wollte Sie persönlich kennenlernen, sagte er und reichte die Hand.

Kommen Sie herein, wir haben nur keinen Besuch erwartet, Inge bat ihn in die kleine Küche.

Möchten Sie Tee? Tante Inge hat welchen mit tropischem Fruchtgeschmack gekauft. Den haben Sie bestimmt noch nie getrunken! Lena stellte ihm eine Tasse hin.

Dankeschön. Ist das dein Kuchen? Er lächelte.

Jaja! Ich bin jetzt schon 8. Nächstes Jahr gehe ich in die Schule! nickte sie stolz.

Schule, das ist super. Und wie gefällt es dir so hier? Erzähl doch mal!

Gut! strahlte Lena…

So saßen sie noch lange in der kleinen Küche, aßen Kuchen, tranken Tee mit tropischem Fruchtaroma. Das kleine Mädchen, der höfliche Mann im feinen Anzug, und Inge, die zuhörte und mit der Faust die Wange stützte.

Ich muss leider los, der Mann erhob sich, holte eine dicke Mappe aus seiner Tasche.

Hier, Frau Ingrid Müller, nehmen Sie diese Unterlagen morgen mit zum Amtsgericht der Sekretär hilft Ihnen mit dem Antrag. Die Anhörung ist reine Formsache. Sie können Lena dann mitnehmen.

Mitnehmen? Inge war sprachlos. Kein Wort fiel ihr mehr ein. Lena aber fiel dem Mann um den Hals, schloss fest die Augen und flüsterte:

Danke! Danke! Danke!

Danke presste Inge hervor, die Tränen mühsam zurückhaltend.

Passen Sie gut auf sie auf, sagte der junge Mann zum Abschied. Für einen Moment sah es aus, als hätten seine Augen ein unendlich tiefes Lila, voller Wärme und Verständnis…

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Homy
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Katja, würdest du mal bitte für uns zum Bäcker gehen und frisches Brot holen? – Der verschwommene Blick der 45-jährigen Frau konnte sich schon nicht mehr auf die zierliche Silhouette des siebenjährigen Mädchens konzentrieren.
Was ist denn hier los? Wohin willst du? Und wer kocht jetzt das Essen? — Warum rennst du denn so weg? Irgendjemand muss doch das Essen machen! — fragte der Mann besorgt, als er sah, was Antonina nach dem Streit mit seiner Mutter tat. Antonina blickte aus dem Fenster. Trübe Wolken, obwohl es schon Frühlingsanfang war. In ihrer kleinen Stadt im Norden Deutschlands gab es fast nie sonnige Tage. Vielleicht wirkten deshalb die Menschen hier oft mürrisch und kühl. Auch Antonina bemerkte immer öfter, dass sie überhaupt nicht mehr lächelte, und die ständige Sorgenfalte auf ihrer Stirn ließ sie mindestens zehn Jahre älter erscheinen. — Mama! Ich gehe spazieren, — rief ihre Tochter Lena. — Ja, ja, — nickte Antonina. — Was soll das „ja, ja“? Gib mir Geld. — Seit wann kosten Spaziergänge Geld? — seufzte Antonina. — Mama! Warum diese Fragen? Los, jetzt! Was, so wenig? — Das reicht für ein Eis. — Du bist so geizig, — meckerte Lena, aber ihre Mutter hörte das nicht mehr, denn Lena war schon zur Tür raus. Unglaublich… — schüttelte Antonina den Kopf und erinnerte sich daran, wie süß Lena war, bevor die Pubertät einsetzte. — Toni, ich habe Hunger! Dauert das noch lange?! — rief der Mann, Markus, unzufrieden. — Bediene dich selbst, — meinte sie gleichgültig und stellte ihm den Teller auf den Tisch. — Kannst du ihn mir bringen? Antonina hätte den Topf beinahe fallen lassen. Was denkt der sich eigentlich… — Gegessen wird in der Küche, Markus. Willst du — iss, willst du nicht — lass es, — sagte sie und setzte sich allein an den Tisch. Nach etwa fünfzehn Minuten kam Markus in die Küche. — Kalt… Igitt… — Ich hab’s länger stehen lassen. — Ich hab dich doch gebeten! Keine Spur von Zuneigung! Du weißt doch, dass ich Fußball schaue! — schlang Markus hastig das Hähnchen hinunter. — Schmeckt nicht. Antonina verdrehte nur die Augen. Mit dem Fußball war Markus wie ein ganz anderer Mensch. Wetten, Fanartikel, teure Tickets… In der Jugend war an Sport gar nicht zu denken. Ohne sich an den Tisch zu setzen, schnappte Markus sich eine Bierdose, „Frische-Knusper“-Chips und verschwand wieder vor dem Fernseher. Toni blieb allein in der Küche, um das schmutzige Geschirr zu spülen. Alles umsonst. Niemand weiß es zu schätzen. Nach ihrer anstrengenden Schicht als Stationsschwester war sie total erschöpft. Ständig kamen die Leute mit ihren Problemen in die Klinik. Stress im Job und zu Hause keine Ecke Wärme, sondern die zweite Schicht. Servieren–Abräumen–Spülen–Putzen. — Gibt’s noch welches? — Markus griff sich eine neue Büchse aus dem Kühlschrank. — Warum ist nichts mehr da? — Du hast ja alles leergetrunken! Soll ich das auch noch besorgen?! Sei mal ehrlich, Markus! — platze es aus Antonina. — So feinfühlig… — meinte er sarkastisch und knallte wütend die Tür hinter sich zu, um sich „für das nächste Spiel“ im Kiosk zu bevorraten. Antonina beschloss, schlafen zu gehen, denn am nächsten Tag wartete wieder viel Arbeit. Aber sie konnte nicht einschlafen. Sie sorgte sich um ihre Tochter, wo sie wohl war, mit wem? Es war bereits dunkel draußen, doch von Lena keine Spur. Sie traute sich nicht anzurufen, weil Lena dann immer ausflippte. — Blamier mich nicht vor meinen Freunden! Hör auf anzurufen! — brüllte Lena ins Telefon. Nach solchen Anrufen hatte Toni es aufgegeben und redete sich ein, dass ihre Tochter kürzlich achtzehn geworden war. Arbeiten wollte sie nicht, fürs Studium fühlte sie sich auch nicht bereit. Nach dem Abi entschied Lena, erst mal eine Pause zu machen, um „sich selbst zu finden“. Nach einem kurzen Nickerchen hörte Antonina den Jubelschrei ihres Mannes — als hätte jemand ein Tor geschossen. Dann kam der Nachbar zum Fachsimpeln vorbei und brachte noch seine Freundin mit – gemeinsam „fieberten“ sie bis tief in die Nacht. Später kam Lena, klapperte mit den Tellern und ging ins Bett. Kaum war endlich alles ruhig und Toni schlief, heulte die Katze los, weil sie Futter wollte. — Gibt es in diesem Haus eigentlich jemanden außer mir, der die Katze füttert?! — genervt und mit Migräne schlich Antonina aus dem Zimmer. Sie wollte, dass man sie hört. Doch die Tochter saß mit Kopfhörern da und drehte nur mit dem Finger am Kopf, und Markus war vor dem Fernseher eingeschlafen, Bierdose noch in der Hand. „Ich hab die Nase voll… Mir reicht‘s einfach!“ — dachte Toni. Am nächsten Tag wurde sie vom Anruf der Schwiegermutter geweckt. — Antonina, mein Schatz, weißt du noch, dass es an der Zeit ist, Gemüse zu pflanzen? Und aufs Land sollten wir auch mal fahren… Ordnung im Garten machen. — Ich weiß, — seufzte Toni. — Dann fahren wir morgen. Ihren einzigen freien Tag verbrachte Antonina im Schrebergarten, kommandiert von der Schwiegermutter. — So kehrst du falsch! Du musst den Besen anders halten! — rief diese vom Bänkchen aus. — Ich bin fast fünfzig, Vera, ich schaff das schon allein, — wagte Toni zu antworten. — Und Markus… — Wo ist denn Ihr Markus? Warum ist er nicht mitgekommen? Warum musste ich Sie und mich stundenlang mit dem Linienbus herbringen? Und immer nur Ihr Markus, Ihr Markus… — Er ist halt müde. — Und ich? Glaube Sie, ich wäre nie müde? Dann ging es erst richtig los… Antonina bereute es, nicht geschwiegen zu haben. Vera war redselig und bestand immer auf Recht und Ordnung – ihre Ordnung. Ihr Leben lang hatte sie nur Markus gelobt, während Toni für sie stets „die duldbare Magd“ war. Zurück fuhren sie in verschiedenen Ecken des Busses. Am nächsten Tag beschwerte sich Vera beim Sohn über die Schwiegertochter – und Markus war außer sich. — Wie konntest du meiner Mutter so antworten?! — schimpfte Markus. — Wenn sie nicht wäre… — Was? — Antonina verschränkte die Arme. Sie wusste, sie konnte diesen ausbeuterischen Umgang nicht länger ertragen. — Dann hättest du nur in der Praxis gearbeitet! — meinte er und spielte sein Trumpf-Ass, um ihr einzubläuen, dass er und seine Mutter ihr zum Job in der Klinik verholfen hatten. Dort gab es mehr Geld, aber die Nerven zahlte sie obendrauf. Schon öfter hatte Toni bedauert, nicht in der ruhigen Arztpraxis geblieben zu sein. — Wo willst du hin? Markus war schockiert, als er sah, was Toni nun tat. Was Toni dann machte, hätte Markus sich nie vorstellen können!