Was ist denn hier los? Wohin willst du? Und wer kocht jetzt das Essen? — Warum rennst du denn so weg? Irgendjemand muss doch das Essen machen! — fragte der Mann besorgt, als er sah, was Antonina nach dem Streit mit seiner Mutter tat. Antonina blickte aus dem Fenster. Trübe Wolken, obwohl es schon Frühlingsanfang war. In ihrer kleinen Stadt im Norden Deutschlands gab es fast nie sonnige Tage. Vielleicht wirkten deshalb die Menschen hier oft mürrisch und kühl. Auch Antonina bemerkte immer öfter, dass sie überhaupt nicht mehr lächelte, und die ständige Sorgenfalte auf ihrer Stirn ließ sie mindestens zehn Jahre älter erscheinen. — Mama! Ich gehe spazieren, — rief ihre Tochter Lena. — Ja, ja, — nickte Antonina. — Was soll das „ja, ja“? Gib mir Geld. — Seit wann kosten Spaziergänge Geld? — seufzte Antonina. — Mama! Warum diese Fragen? Los, jetzt! Was, so wenig? — Das reicht für ein Eis. — Du bist so geizig, — meckerte Lena, aber ihre Mutter hörte das nicht mehr, denn Lena war schon zur Tür raus. Unglaublich… — schüttelte Antonina den Kopf und erinnerte sich daran, wie süß Lena war, bevor die Pubertät einsetzte. — Toni, ich habe Hunger! Dauert das noch lange?! — rief der Mann, Markus, unzufrieden. — Bediene dich selbst, — meinte sie gleichgültig und stellte ihm den Teller auf den Tisch. — Kannst du ihn mir bringen? Antonina hätte den Topf beinahe fallen lassen. Was denkt der sich eigentlich… — Gegessen wird in der Küche, Markus. Willst du — iss, willst du nicht — lass es, — sagte sie und setzte sich allein an den Tisch. Nach etwa fünfzehn Minuten kam Markus in die Küche. — Kalt… Igitt… — Ich hab’s länger stehen lassen. — Ich hab dich doch gebeten! Keine Spur von Zuneigung! Du weißt doch, dass ich Fußball schaue! — schlang Markus hastig das Hähnchen hinunter. — Schmeckt nicht. Antonina verdrehte nur die Augen. Mit dem Fußball war Markus wie ein ganz anderer Mensch. Wetten, Fanartikel, teure Tickets… In der Jugend war an Sport gar nicht zu denken. Ohne sich an den Tisch zu setzen, schnappte Markus sich eine Bierdose, „Frische-Knusper“-Chips und verschwand wieder vor dem Fernseher. Toni blieb allein in der Küche, um das schmutzige Geschirr zu spülen. Alles umsonst. Niemand weiß es zu schätzen. Nach ihrer anstrengenden Schicht als Stationsschwester war sie total erschöpft. Ständig kamen die Leute mit ihren Problemen in die Klinik. Stress im Job und zu Hause keine Ecke Wärme, sondern die zweite Schicht. Servieren–Abräumen–Spülen–Putzen. — Gibt’s noch welches? — Markus griff sich eine neue Büchse aus dem Kühlschrank. — Warum ist nichts mehr da? — Du hast ja alles leergetrunken! Soll ich das auch noch besorgen?! Sei mal ehrlich, Markus! — platze es aus Antonina. — So feinfühlig… — meinte er sarkastisch und knallte wütend die Tür hinter sich zu, um sich „für das nächste Spiel“ im Kiosk zu bevorraten. Antonina beschloss, schlafen zu gehen, denn am nächsten Tag wartete wieder viel Arbeit. Aber sie konnte nicht einschlafen. Sie sorgte sich um ihre Tochter, wo sie wohl war, mit wem? Es war bereits dunkel draußen, doch von Lena keine Spur. Sie traute sich nicht anzurufen, weil Lena dann immer ausflippte. — Blamier mich nicht vor meinen Freunden! Hör auf anzurufen! — brüllte Lena ins Telefon. Nach solchen Anrufen hatte Toni es aufgegeben und redete sich ein, dass ihre Tochter kürzlich achtzehn geworden war. Arbeiten wollte sie nicht, fürs Studium fühlte sie sich auch nicht bereit. Nach dem Abi entschied Lena, erst mal eine Pause zu machen, um „sich selbst zu finden“. Nach einem kurzen Nickerchen hörte Antonina den Jubelschrei ihres Mannes — als hätte jemand ein Tor geschossen. Dann kam der Nachbar zum Fachsimpeln vorbei und brachte noch seine Freundin mit – gemeinsam „fieberten“ sie bis tief in die Nacht. Später kam Lena, klapperte mit den Tellern und ging ins Bett. Kaum war endlich alles ruhig und Toni schlief, heulte die Katze los, weil sie Futter wollte. — Gibt es in diesem Haus eigentlich jemanden außer mir, der die Katze füttert?! — genervt und mit Migräne schlich Antonina aus dem Zimmer. Sie wollte, dass man sie hört. Doch die Tochter saß mit Kopfhörern da und drehte nur mit dem Finger am Kopf, und Markus war vor dem Fernseher eingeschlafen, Bierdose noch in der Hand. „Ich hab die Nase voll… Mir reicht‘s einfach!“ — dachte Toni. Am nächsten Tag wurde sie vom Anruf der Schwiegermutter geweckt. — Antonina, mein Schatz, weißt du noch, dass es an der Zeit ist, Gemüse zu pflanzen? Und aufs Land sollten wir auch mal fahren… Ordnung im Garten machen. — Ich weiß, — seufzte Toni. — Dann fahren wir morgen. Ihren einzigen freien Tag verbrachte Antonina im Schrebergarten, kommandiert von der Schwiegermutter. — So kehrst du falsch! Du musst den Besen anders halten! — rief diese vom Bänkchen aus. — Ich bin fast fünfzig, Vera, ich schaff das schon allein, — wagte Toni zu antworten. — Und Markus… — Wo ist denn Ihr Markus? Warum ist er nicht mitgekommen? Warum musste ich Sie und mich stundenlang mit dem Linienbus herbringen? Und immer nur Ihr Markus, Ihr Markus… — Er ist halt müde. — Und ich? Glaube Sie, ich wäre nie müde? Dann ging es erst richtig los… Antonina bereute es, nicht geschwiegen zu haben. Vera war redselig und bestand immer auf Recht und Ordnung – ihre Ordnung. Ihr Leben lang hatte sie nur Markus gelobt, während Toni für sie stets „die duldbare Magd“ war. Zurück fuhren sie in verschiedenen Ecken des Busses. Am nächsten Tag beschwerte sich Vera beim Sohn über die Schwiegertochter – und Markus war außer sich. — Wie konntest du meiner Mutter so antworten?! — schimpfte Markus. — Wenn sie nicht wäre… — Was? — Antonina verschränkte die Arme. Sie wusste, sie konnte diesen ausbeuterischen Umgang nicht länger ertragen. — Dann hättest du nur in der Praxis gearbeitet! — meinte er und spielte sein Trumpf-Ass, um ihr einzubläuen, dass er und seine Mutter ihr zum Job in der Klinik verholfen hatten. Dort gab es mehr Geld, aber die Nerven zahlte sie obendrauf. Schon öfter hatte Toni bedauert, nicht in der ruhigen Arztpraxis geblieben zu sein. — Wo willst du hin? Markus war schockiert, als er sah, was Toni nun tat. Was Toni dann machte, hätte Markus sich nie vorstellen können!

Was ist denn jetzt los? Wohin gehst du? Und wer macht dann das Essen?
Wohin rennst du denn? Irgendjemand muss doch das Essen zubereiten! rief ihr Mann besorgt, als er sah, was Jutta nach dem Streit mit seiner Mutter tat.
Jutta blickte aus dem Fenster. Düstere Wolken, obwohl es schon Frühlingsanfang war. In ihrer kleinen Stadt irgendwo im Norden Deutschlands zeigte sich die Sonne fast nie. Vielleicht deswegen wirkten die Leute hier immer so verschlossen und frostig.
Jutta bemerkte selbst, wie selten sie noch lachte. Die ständige Sorgenfalte auf ihrer Stirn hätte ihr sicher noch zehn Jahre zusätzlich beschert.
Mama! Ich geh spazieren! rief ihre Tochter, Frauke.
Mhm, antwortete Jutta.
Was heißt das, mhm? Gib mir Geld.
Seit wann kostet denn Spazierengehen was? seufzte Jutta.
Mama! Musst du immer solche Fragen stellen?! fuhr Frauke ungeduldig dazwischen. Schnell! Wieso so wenig?
Das reicht für ein Eis.
Geizkragen, schnaubte Frauke, doch Jutta hörte sie kaum die Tochter war schon draußen und schlug die Tür hinter sich zu.
Ich glaub es nicht dachte sich Jutta, als sie sich erinnerte, wie lieb Frauke früher war, bevor die Pubertät eingesetzt hatte.
Jutta, mir knurrt der Magen! Dauert das noch lang?! rief ungeduldig ihr Mann, Marcel.
Mach dir doch selbst was, meinte sie gleichgültig, während sie einen Teller auf den Tisch stellte.
Kannst du mir den nicht wenigstens bringen?
Jutta hätte den Topf fast zu Boden geschmissen. Was denkt der sich eigentlich
Es wird in der Küche gegessen, Marcel. Wenn du Hunger hast, iss wenn nicht, lass es, sagte sie, und setzte sich in die Küche allein.
Nach etwa einer Viertelstunde kam Marcel doch in die Küche.
Kalt bah
Dann hättest du es gleich essen sollen.
Hab dich doch drum gebeten! Keine Liebe, kein bisschen Fürsorge! Du weißt doch, ich schau Fußball! während er hastig das kalte Hähnchen runterschlang. Schmeckt nicht.
Jutta verdrehte nur die Augen. Beim Fußball war Marcel wie ein anderer Mensch. Wetten, Fanartikel, teure Tickets Früher hatte ihn Sport nie interessiert.
Er saß nie am Tisch, schnappte sich eine Dose Bier, griff in die Chipstüte von Bergquelle und verschwand wieder vor den Fernseher. Jutta blieb in der Küche und räumte das schmutzige Geschirr auf.
Alles umsonst. Niemand weiß es zu schätzen.
Sie war todmüde nach ihrer Schicht arbeitete als leitende Schwester im Krankenhaus. Immer kamen die Leute mit ihren Problemen, gestresst, krank, genervt. Und zu Hause dann: kein bisschen Wärme oder Geborgenheit, sondern gleich wieder eine zweite Schicht. Holen-hinstellen-spülen-wegbringen.
Ist noch was da? Marcel griff schon nach der nächsten Bierdose im Kühlschrank. Warum nichts mehr da?
Du hast doch alles ausgetrunken! Soll ich das etwa auch noch besorgen?! Hast du keinen Anstand, Marcel?! fuhr Jutta jetzt aus der Haut.
Ach, wie empfindlich wir sind kommentierte Marcel spöttisch und knallte wütend die Tür hinter sich zu, um Nachschub für das nächste Spiel zu holen.
Jutta beschloss, schlafen zu gehen, weil der nächste Tag wieder voll Arbeit war. Doch sie wälzte sich hin und her. Sorgen um die Tochter wo trieb sie sich nur herum, mit wem? Es war längst dunkel draußen, und Frauke noch nicht zurück. Anrufen traute sie sich nicht mehr, denn dann schrie Frauke immer ins Telefon:
Blamier mich doch nicht vor meinen Freunden! Hör auf, anzurufen! brüllte Frauke dann oft. Nach solchen Gesprächen rief Jutta nicht mehr an und redete sich ein, dass ihre Tochter ja inzwischen volljährig war. Arbeiten wollte sie nicht, studieren auch nicht. Sie hatte die Schule beendet und sich eine Selbstfindungspause gegönnt.
Irgendwann döste Jutta ein und wurde von Marcels johlenden Jubelschreien geweckt als wäre gerade ein Tor gefallen. Dann diskutierte er lautstark das Spiel mit dem Nachbarn, der vorbeigekommen war und einfach geblieben ist. Später brachte der Nachbar noch seine Freundin mit, und die drei machten die Nacht zum Tag. Spät in der Nacht kam Frauke nach Hause, wühlte in den Tellern, klopfte auf den Kühlschrank und verschwand dann ins Bett. Und kaum war endlich alles ruhig und Jutta war eingeschlafen, kratzte die Katze lautstark an der Tür und wollte Futter.
Gibt es in diesem Haus außer mir eigentlich jemanden, der die Katze füttern kann?! wütend und mit Kopfschmerzen sowie schlaflos stürmte Jutta aus dem Zimmer. Sie wollte unbedingt, dass man sie hört, aber Frauke hatte Kopfhörer auf und drehte sich nur genervt weg. Und Marcel war auf dem Sofa eingeschlafen, die Dose fest in der Hand.
Ich hab die Nase voll… Ich hab einfach nur die Nase voll! dachte sich Jutta.
Am nächsten Tag wurde sie von einem Anruf der Schwiegermutter geweckt.
Jutta, mein Liebes, hast du dran gedacht, dass jetzt die Zeit ist, im Garten zu pflanzen? Und es wäre auch an der Zeit, ins Dorf zu fahren Es gibt einiges zu erledigen.
Ich weiß, seufzte Jutta.
Dann fahren wir morgen.
Ihren einzigen freien Tag verbrachte Jutta schuften im Schrebergarten unter der Aufsicht ihrer Schwiegermutter.
So fegst du? Das muss man anders machen! kommandierte diese vom Bänkchen aus.
Ich werde bald fünfzig, Vera, ich schaffe das schon alleine, wagte Jutta, der Schwiegermutter entgegenzuhalten.
Und Marcel
Ja, wo ist denn Ihr Marcel? Warum ist er nicht gekommen? Hat er seine Mutter etwa nicht hergefahren? Warum sind wir zwei stundenlang mit dem Bus gerumpelt? Immer nur Marcel, Marcel
Er ist halt erschöpft.
Und ich? Glauben Sie, ich bin nie müde?
Und damit fing es natürlich an Jutta bereute sofort, etwas gesagt zu haben. Vera war wortgewaltig und bestand stets auf Ihre Gerechtigkeit. Aber diese Gerechtigkeit galt niemals für Jutta. Das ganze Leben lang hatte Vera ihren Sohn gehätschelt, und für Jutta blieb höchstens der Platz der duldsamen Magd.
Zurück fuhren die beiden Frauen im Bus jede so weit auseinander wie möglich. Am nächsten Tag beschwerte sich Vera sofort bei Marcel und der ging an die Decke.
Wie kannst du es wagen, so mit meiner Mutter zu reden?! fauchte Marcel. Ohne sie
Was? verschränkte Jutta die Arme und sah ihn fest an. Sie spürte, dass es nicht mehr ging mit diesem ausbeuterischen Verhalten.
Dann würdest du ja immer noch in der Praxis arbeiten! spielte Marcel sein Ass aus und erinnerte daran, dass Vera ihr den Job im Landeskrankenhaus vermittelt hatte. Das Gehalt war besser, aber die Nerven und die grauen Haare waren es nicht wert. Jutta hatte es schon oft bereut, die ruhige Praxis für das stressige Krankenhaus eingetauscht zu haben. Wo gehst du jetzt hin?
Marcel war völlig perplex, als er sah, was Jutta machte.
So etwas hätte Marcel sich niemals vorstellen können.

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Homy
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Was ist denn hier los? Wohin willst du? Und wer kocht jetzt das Essen? — Warum rennst du denn so weg? Irgendjemand muss doch das Essen machen! — fragte der Mann besorgt, als er sah, was Antonina nach dem Streit mit seiner Mutter tat. Antonina blickte aus dem Fenster. Trübe Wolken, obwohl es schon Frühlingsanfang war. In ihrer kleinen Stadt im Norden Deutschlands gab es fast nie sonnige Tage. Vielleicht wirkten deshalb die Menschen hier oft mürrisch und kühl. Auch Antonina bemerkte immer öfter, dass sie überhaupt nicht mehr lächelte, und die ständige Sorgenfalte auf ihrer Stirn ließ sie mindestens zehn Jahre älter erscheinen. — Mama! Ich gehe spazieren, — rief ihre Tochter Lena. — Ja, ja, — nickte Antonina. — Was soll das „ja, ja“? Gib mir Geld. — Seit wann kosten Spaziergänge Geld? — seufzte Antonina. — Mama! Warum diese Fragen? Los, jetzt! Was, so wenig? — Das reicht für ein Eis. — Du bist so geizig, — meckerte Lena, aber ihre Mutter hörte das nicht mehr, denn Lena war schon zur Tür raus. Unglaublich… — schüttelte Antonina den Kopf und erinnerte sich daran, wie süß Lena war, bevor die Pubertät einsetzte. — Toni, ich habe Hunger! Dauert das noch lange?! — rief der Mann, Markus, unzufrieden. — Bediene dich selbst, — meinte sie gleichgültig und stellte ihm den Teller auf den Tisch. — Kannst du ihn mir bringen? Antonina hätte den Topf beinahe fallen lassen. Was denkt der sich eigentlich… — Gegessen wird in der Küche, Markus. Willst du — iss, willst du nicht — lass es, — sagte sie und setzte sich allein an den Tisch. Nach etwa fünfzehn Minuten kam Markus in die Küche. — Kalt… Igitt… — Ich hab’s länger stehen lassen. — Ich hab dich doch gebeten! Keine Spur von Zuneigung! Du weißt doch, dass ich Fußball schaue! — schlang Markus hastig das Hähnchen hinunter. — Schmeckt nicht. Antonina verdrehte nur die Augen. Mit dem Fußball war Markus wie ein ganz anderer Mensch. Wetten, Fanartikel, teure Tickets… In der Jugend war an Sport gar nicht zu denken. Ohne sich an den Tisch zu setzen, schnappte Markus sich eine Bierdose, „Frische-Knusper“-Chips und verschwand wieder vor dem Fernseher. Toni blieb allein in der Küche, um das schmutzige Geschirr zu spülen. Alles umsonst. Niemand weiß es zu schätzen. Nach ihrer anstrengenden Schicht als Stationsschwester war sie total erschöpft. Ständig kamen die Leute mit ihren Problemen in die Klinik. Stress im Job und zu Hause keine Ecke Wärme, sondern die zweite Schicht. Servieren–Abräumen–Spülen–Putzen. — Gibt’s noch welches? — Markus griff sich eine neue Büchse aus dem Kühlschrank. — Warum ist nichts mehr da? — Du hast ja alles leergetrunken! Soll ich das auch noch besorgen?! Sei mal ehrlich, Markus! — platze es aus Antonina. — So feinfühlig… — meinte er sarkastisch und knallte wütend die Tür hinter sich zu, um sich „für das nächste Spiel“ im Kiosk zu bevorraten. Antonina beschloss, schlafen zu gehen, denn am nächsten Tag wartete wieder viel Arbeit. Aber sie konnte nicht einschlafen. Sie sorgte sich um ihre Tochter, wo sie wohl war, mit wem? Es war bereits dunkel draußen, doch von Lena keine Spur. Sie traute sich nicht anzurufen, weil Lena dann immer ausflippte. — Blamier mich nicht vor meinen Freunden! Hör auf anzurufen! — brüllte Lena ins Telefon. Nach solchen Anrufen hatte Toni es aufgegeben und redete sich ein, dass ihre Tochter kürzlich achtzehn geworden war. Arbeiten wollte sie nicht, fürs Studium fühlte sie sich auch nicht bereit. Nach dem Abi entschied Lena, erst mal eine Pause zu machen, um „sich selbst zu finden“. Nach einem kurzen Nickerchen hörte Antonina den Jubelschrei ihres Mannes — als hätte jemand ein Tor geschossen. Dann kam der Nachbar zum Fachsimpeln vorbei und brachte noch seine Freundin mit – gemeinsam „fieberten“ sie bis tief in die Nacht. Später kam Lena, klapperte mit den Tellern und ging ins Bett. Kaum war endlich alles ruhig und Toni schlief, heulte die Katze los, weil sie Futter wollte. — Gibt es in diesem Haus eigentlich jemanden außer mir, der die Katze füttert?! — genervt und mit Migräne schlich Antonina aus dem Zimmer. Sie wollte, dass man sie hört. Doch die Tochter saß mit Kopfhörern da und drehte nur mit dem Finger am Kopf, und Markus war vor dem Fernseher eingeschlafen, Bierdose noch in der Hand. „Ich hab die Nase voll… Mir reicht‘s einfach!“ — dachte Toni. Am nächsten Tag wurde sie vom Anruf der Schwiegermutter geweckt. — Antonina, mein Schatz, weißt du noch, dass es an der Zeit ist, Gemüse zu pflanzen? Und aufs Land sollten wir auch mal fahren… Ordnung im Garten machen. — Ich weiß, — seufzte Toni. — Dann fahren wir morgen. Ihren einzigen freien Tag verbrachte Antonina im Schrebergarten, kommandiert von der Schwiegermutter. — So kehrst du falsch! Du musst den Besen anders halten! — rief diese vom Bänkchen aus. — Ich bin fast fünfzig, Vera, ich schaff das schon allein, — wagte Toni zu antworten. — Und Markus… — Wo ist denn Ihr Markus? Warum ist er nicht mitgekommen? Warum musste ich Sie und mich stundenlang mit dem Linienbus herbringen? Und immer nur Ihr Markus, Ihr Markus… — Er ist halt müde. — Und ich? Glaube Sie, ich wäre nie müde? Dann ging es erst richtig los… Antonina bereute es, nicht geschwiegen zu haben. Vera war redselig und bestand immer auf Recht und Ordnung – ihre Ordnung. Ihr Leben lang hatte sie nur Markus gelobt, während Toni für sie stets „die duldbare Magd“ war. Zurück fuhren sie in verschiedenen Ecken des Busses. Am nächsten Tag beschwerte sich Vera beim Sohn über die Schwiegertochter – und Markus war außer sich. — Wie konntest du meiner Mutter so antworten?! — schimpfte Markus. — Wenn sie nicht wäre… — Was? — Antonina verschränkte die Arme. Sie wusste, sie konnte diesen ausbeuterischen Umgang nicht länger ertragen. — Dann hättest du nur in der Praxis gearbeitet! — meinte er und spielte sein Trumpf-Ass, um ihr einzubläuen, dass er und seine Mutter ihr zum Job in der Klinik verholfen hatten. Dort gab es mehr Geld, aber die Nerven zahlte sie obendrauf. Schon öfter hatte Toni bedauert, nicht in der ruhigen Arztpraxis geblieben zu sein. — Wo willst du hin? Markus war schockiert, als er sah, was Toni nun tat. Was Toni dann machte, hätte Markus sich nie vorstellen können!
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