Mutters Ausbruch
Bleib bitte, bitte zu Hause, hast du verstanden? Glatteis überall, niemand räumt den Gehweg, und in der U-Bahn hat mittlerweile jeder Zweite Viren und hustet, und jeder Erste niest! Bei uns ist schon die halbe Firma krankgeschrieben! ordnete Michael streng am Telefon seiner Mutter an.
Jeden Abend rief er sie an, fragte nach ihrem Befinden, nach Lebensmitteln, und dann wieder nach ihrer Gesundheit. Danach redeten sie über ihn, darüber, wann wirst du dich denn endlich trauen, Michael, und deiner Verena einen Antrag machen, über das Ferienhaus in der Lüneburger Heide und dass dort im Frühjahr die Terrasse repariert werden muss
Hannelore Otto hörte ihrem Sohn immer sehr aufmerksam zu, sie erkannte seine Stimmungen sofort an seinen Seufzern, an seinen Pausen im Satz, merkte gleich, ob er selbst krank war, ob ihn etwas störte, ob er aufgebracht oder einfach nur müde war.
Ja, mein Junge, ja ich habs verstanden. Ich pass ganz bestimmt auf, antwortete Hannelore diesmal ein wenig ausweichend auf das nächste Gebot, zu Hause zu bleiben.
Mam, du planst doch nicht etwa etwas? Ich wiederhole mich jetzt nochmal: es ist besser, zu Hause zu bleiben. Kein Unsinn, verstanden? Mishaels Stimme war schon ganz erschöpft.
Lächelnd nickte Hannelore in die Luft.
Kein Unsinn … aber so lässt sich doch Leben kaum aushalten! Sie war nicht wie manche ihrer Altersgenossinnen, die tagein, tagaus stricken oder fernsehen, Tomatensprösslinge auf dem Fensterbrett ziehen und Kreuzworträtsel lösen. Ihr war langweilig schrecklich langweilig!
Wie gern wäre sie in einer stürmischen Winternacht einfach mit ihrer Freundin Friederike, die fünf Jahre älter war als sie und Fotografien sammelte, in den Zug gestiegen, nach Hamburg gefahren, durch die Stadt gebummelt, in einem Café Glühwein getrunken, an einem fremden Tisch bis zum frühen Morgen gesessen und den Lärm der Stadt bestaunt … Am nächsten Tag zu Hause zurück sein das war wie ein großes Abenteuer für sie.
In ihrer verwitweten Zeit war es noch aufregender gewesen: Nachtfahrten mit dem Schiff oder Bus, Kartenspielabende bei den Seiberts, das Theater einmal im Monat, zweimal im Monat Spaziergänge durch Einkaufszentren, nicht zum Vergnügen, sondern zur Nützlichkeit, wie Hannelores Mann immer sagte. Und andere schöne Dinge, die sie Michael nie erzählte. Er hätte es sicher nicht verstanden, vielleicht sogar geschimpft.
Michael sorgte sich sehr und rührend um sie, das muss man sagen. Besonders um ihre Gesundheit.
Kontrollen, zwei Mal pro Jahr große Untersuchungen, Medikamente, Vitamine, Tinkturen er kümmerte sich um alles.
Nur leider mit ihr in Arztpraxen zu sitzen, war die pure Herausforderung.
Kaum war sie im Wartezimmer, kamen sie unvermeidlich ins Gespräch egal, ob sie dieselben Beschwerden teilten oder nicht. Sie fand immer schnell Gemeinsamkeiten, bekannte Orte oder Geschichten, sehr bald nickten alle im Flur zur Begrüßung, während sie zwitscherte und dabei ihren Aufruf verpasste.
Mama! Warum bist du nicht reingegangen? Mama, ich sagte doch um fünf bist du dran! Michael stürmte mit einem Pappbecher Wasser hinterher.
Ach, entschuldige, mein Lieber! Ich hab mich so verquatscht! Danke, auf Wiedersehen! Sie kniff die Augen zu, als ob sie mit alten Verschwörern ein geheimes Zeichen gemacht hätte, und schwebte ins Behandlungszimmer.
Mit den Ärzten das gleiche Spiel: der Hund, die Enkelkinder, Ferien an der Nordsee, der Schwarzwald, Kirschmarmelade, Brecht, Oper und Regie sie schien in allem zu Hause zu sein und schweifte dennoch vom eigentlichen Grund ab.
Mama, bitte, ein bisschen weniger reden? Michael verzweifelte, trank selbst das mitgebrachte Wasser aus und rieb sich angespannt den Nacken. Die Ärztin fragt, ob dir die Hände einschlafen!
Ach, Michael! In meinem Alter kann mir selbst der Schwanz einschlafen wenn ich einen hätte , aber das hindert mich nicht daran, mit der Ärztin über florentinisches Glas zu fachsimpeln! ereiferte sich Hannelore.
Sie war belesen, wortgewandt und überaus kontaktfreudig.
Und manchmal wurde das ein kleines Drama.
Nachdem Hannelore das Gespräch mit Michael beendet hatte, zog sie ihren Mantel an, um den Müll hinunterzubringen. Sie stieg ein Stockwerk hinab, um nach den Geranien auf dem Fensterbrett des Hausflurs zu schauen, und begegnete dabei ihrem Nachbarn, Eduard Albrecht.
Michael mochte diesen Eduard nicht. Viel zu still, zu mürrisch, einfach wortkarg.
Eduard wühlte gern in den Beeten am Vorgarten, dann nahm er seine Angel und fuhr an die Alster.
Auf Brassenjagd! verkündete er gelegentlich Michael, der dazu nur schulterzuckend nickte. Fischen in der Alster? Ein Reinfall!
Im Winter fuhr Eduard, wie Hannelore ihn nannte, quer durch den Stadtpark auf Skiern, fütterte die Eichhörnchen, schmückte den Baum im Innenhof und blieb für Michael trotzdem ein Griesgram.
Eduard, guten Abend! Ganz schön, wie der Sturm tobt, winkte Hannelore durchs Fenster. Mein Sohn hat mich eben angerufen, hat gebeten, dass ich zuhause bleibe. Aber … Sie neigte verlegen den Kopf. Aber ich muss ehrlich gesagt … weg. Nur, wie sagt man es ihm?
Wem? Eduard brummte farblos.
Dem Michael. Verstehst du, er hat mich gebeten, nicht rauszugehen, aber ich … oh, ich bin schon spät dran. Auf Wiedersehen! Und zack, war sie davongeeilt, ließ Eduard im Grübeln zurück.
Hannelore hatte zu viel Cholesterin und manchmal Schwankungen im Blutdruck, die Gelenke spürten Wetterwechsel nach, der Ballen beim rechten Fuß machte Mucken. Doch bitte hält das jemanden mit Herz für die Schönheit des Lebens auf? Niemals!
Eduard blieb noch einen Moment gedankenverloren, schaute, wie seine Nachbarin ins Taxi kletterte, das, zwischen Schneehaufen hindurchtastend und die Rücklichter aufblitzend, auf die Hauptstraße rollte und im bunten Schwarm verschwunden war.
Eduard Albrecht fuhr sich nachdenklich durch die ergrauende Mähne, zupfte am Kinn und zog die Gardine zu
Hannelore tanzte und fühlte sich so leicht und aufgedreht. Ihr Tanzpartner, Herr Dr. Oskar Vogler, hochgewachsen, ein Mann mit strenger Haltung, Schnurrbart und einer roten, geäderten Nase, hatte ihr schon Komplimente gemacht, zitierte manchmal, verworrene Verse von Rilke, das war zwar alles verquast, aber sie störte sich nicht daran. Ganz ihr Typ war er nicht. Aber was soll’s man muss ihn nicht kochen oder aufs Standesamt schleifen, Hauptsache tanzen!
Sie hatte so genug von Kontrolle und Fürsorge und diesen ständigen Geboten, brav und artig, ruhig und zufrieden zu sein. Sie wollte Unsinn machen, tanzen bis ihr schwindelig wurde, lachen, sich treiben lassen wie früher.
Sie war nicht verrückt. Sie war einfach eine Frau, mit vielen Sorgen und Verlusten, einem Sohn, der die ganze Welt aus lauter Fürsorge für sie abschottete, vielleicht weil er selbst noch nicht verheiratet war mit der Aussicht, mit achtzig eine Pflegerin zu haben und all diese Freuden des Alters zu kennen.
Aber heute, am Vorabend des Neujahrs, im hellen Festsaal voll Musik, war sie jung und frei. Sie war weggeschlichen, hatte ihren Jungen ein bisschen hintergangen. Aber wie wunderschön war das!
Vogler tupfte sich die Stirn mit einem Tüchlein, ließ sie kurz am Pfeiler verschnaufen und holte losen Brausewein.
Hannelore trank keinen Sekt und keinen Wein, sie hatte Angst, ihr würde schwindlig, und sie müsste den Zauberabend vorzeitig beenden. Dabei war heute alles perfekt: Michael hatte gerade angerufen, weitere Kontrolle war also ausgeschlossen. Sie hatte ihn angerufen, war überzeugend aufgetreten na gut, ein wenig geflunkert, aber das wird schon nicht so schlimm sein! Der Abend war wie gemacht für sie und wer immer nur Angst hat, verpasst das Leben!
Von dieser Tanzveranstaltung für Leute ü 60, hatte sie aus einem Flyer erfahren. Das brandneue Fitnesszentrum organisierte sie, sauber war es, mit einem riesigen Spiegelsaal und bodentiefen Scheiben. Die Gebühr war gering, die Leute freuten sich, denn im Kiez war sonst kaum etwas los, und ins Zentrum war es weit aber hier gab’s Fitness und Tanzabende.
Und fürs Fitnesscenter war es ein schönes Zubrot ein Euro ist ein Euro!
Hannelore hatte nicht lange überlegt: ein Kleid gewählt, Frisur gerichtet, Make-up und schon schwebte sie im Walzertakt.
Oskar kam mit zwei Gläsern Brause zurück, gab Hannelore ihr Glas, kippte sein eigenes in einem Zug runter und murmelte noch auf Wohlsein.
Verzeihung, ich kann einfach nicht widerstehen … ich meine, zu trinken! Und Sie sollten auch! Trinken Sie nur! Er tippte ihr Glas an.
Hannelore runzelte, kaum merklich, die Stirn. Dieser Oskar war schon seltsam
Ja gleich … Ach, schau nur, wie es schneit! Schön, wie im Märchen, sie blickte zum Fenster. Und der Baum draußen ist auch wunderschön! Toll gemacht!
Wer? Vogler stellte sich an ihre Seite. Aber warum trinken Sie denn nicht?
Ich trinke doch schon, Hannelore verengte die Augen, nippte am Glas.
Schmeckt? Na? Er beugte sich vor. Die haben hier immer die gleiche Plörre, sage ich Ihnen!
Plörre? Hannelore kannte solche Worte von ihren Philosophieabenden nicht.
Ich bin jetzt fünfmal schon hier. Diese Bälle finden immer Dienstag und Donnerstag statt, da bin ich natürlich dabei. Ich schlucke die Brause. Saufen hab ich aufgegeben, Sie verstehen … Vogler zog bedeutungsvoll die Braue hoch. Bin ja jetzt Autor. Kennen Sie das, Image?
Er stellte es so hin, als wäre Hannelore ein Höhlenmensch.
Natürlich kenne ich das, murmelte sie gekränkt.
Ach, erzählen Sie das den Puppen! Die Damen hier, aufgetakelt und leer, auf der Jagd … er schnalzte, wandte sich ab, musterte sie dann plötzlich scharf. Und Sie! Sie haben doch gleich gemerkt, dass ich ein guter Fang bin!
Am liebsten hätte er wohl lässig den Schal geschwenkt nur fehlte ihm dafür der passende.
Sie wollen mir alles abjagen, stimmt’s? Ja, ich habe eine Eigentumswohnung, ein Auto, ein Wochenendhaus von meinem Vater. Aber das teile ich ganz sicher nicht! Er fuchtelte wild auf Hannelores Nasenspitze mit dem Zeigefinger. Kriegen Sie nicht! Niemals!
Vogler war inzwischen tiefrot im Gesicht, die Wildheit in den Augenbrauen wurde bedrohlich.
Was ich? Mir sind Ihre Immobilien völlig gleich! Ich wollte einfach nur tanzen! Lassen Sie mich vorbei! Hannelore wollte schon ausweichen, aber Vogler versperrte ihr die Bahn.
Er hatte eindeutig zu viel getrunken. Oder gar was ins Glas gemischt Hauptsache, nicht in ihres!
Lassen Sie mich bitte durch! ordnete Hannelore streng an.
Das war zwecklos.
Vogler grinste nur dreckig.
Himmel, so viele Fransen, so bunte Schuhe! Und zu viel Farbe, als hätten Sie sich in einer Farbwanne gewälzt! Schrecklich, Maria … oder wie war nochmal Ihr Name? Lotte? Nun gut. Schauen Sie, Sie sind schrecklich, Sie hätten besser gar nicht kommen sollen, an mein Haus oder Grundstück rühre ich Sie nicht ran! Verstanden?
Er schrie schon, der Tanzhörsaal kam ins Murmeln.
Da brach es aus Hannelore heraus.
Alles war plötzlich so kränkend und beleidigend. Sie hatte sich zurechtgemacht, die Haare zurechtgelegt was schwierig war bei schmerzendem Arm , kam voller Hoffnung, und dann sowas … Sie wollte nur noch weglaufen, sich verstecken, verschwinden. Michael hatte recht, draußen sind zu viele Gefahren. Daheim ist es doch besser!
Sie flüchtete hinaus zur Damentoilette.
Lieber Himmel, nur noch nach Hause!
Tränen liefen, Wimperntusche zog dunkle Bahnen übers Gesicht, Lidschatten und Rouge zerliefen.
In der Handtasche vibrierte das Handy. Michael.
Ja? Die Stimme war brüchig, kaum hörbar.
Mama, wo steckst du? Ich bin bei dir und klingel! Wolltest du nicht zu Hause bleiben? Was, wenn du Grippe oder eine Bronchitis holst? Ich erklär dir das doch ständig … schimpfte ihr Sohn.
Michael, Liebling, ich musste einfach kurz raus. Zu Hause wird’s mir eng. Nur ein frischer Luftzug … Sie schluchzte, beim Gedanken an Daheim. Geh zurück, mein Lieber. Ich bin weit weg, ich laufe nicht zurück. Und …
Lass mich dich abholen! Wo bist du? Ich find dich doch mit dem Handy!
Nein! Nein, komm nicht! Bitte! flehte Hannelore.
Mama, ich weiß Bescheid. Ich steh auf dem Parkplatz, links vom Eingang. Komm … ich warte … Michael seufzte.
Ich kann nicht … schluchzte Hannelore und blickte in den Spiegel. Ein Graus! Das ganze Make-up verschmiert, wie ein Panda.
Mama, ich warte. Dein Nachbar Eduard … der hat dich gesucht, dann mich angerufen. Er sagte, sein Herz wäre unruhig. Was habt ihr denn für ein Verhältnis?
Hannelore beendete wortlos das Gespräch. Die nächste Träne rollte.
Was machen Sie hier? Eine Putzfrau aus der modernen Zeit, aber mit Blick wie aus der Nachkriegszeit stand plötzlich hinter ihr.
Wie in einer Zeitmaschine, nagelneues Studio, aber die Putzfrauen sind aus der alten Bundesrepublik!, dachte Hannelore.
Ich … ich mach mich zurecht. Mein Sohn ist da, und der Nachbar. Wie soll ich nur vor die treten?
Nachbar? Welcher? Der, der eben Vogler aus der Halle gezerrt hat? Der war heute zum ersten Mal hier! Gibts was zwischen Ihnen? fragte die Putzfrau. Nicht die Augen reiben, Tränen helfen eh nicht! Ich hab Spezialtücher, das hat mir meine Enkelin geschenkt. Warte mal!
Die Frau wühlte einen blauen Päckchen hervor, zog ein Tuch heraus und reichte es Hannelore.
Vorsichtig auftragen, mein Fräulein! In eurem Alter weiß man eigentlich, dass man für Männer nicht weinen muss … Sünde! Aber bitte, NEURO WAVE Tücher, eine Seite weich, entfernt alles Make-up, Lidschatten, diese ganzen Frauenzauber. Meine Eva, die Enkelin, ist auch so eitel und nutzt nur das Beste.
Hannelore roch an dem Tuch Aloe und irgendetwas anderes. Auf der Verpackung stand Hamamelis. Richtig, das beruhigt. Die Kosmetikerin hatte davon erzählt …
Vorsichtig streichelte sie sich mit dem Tuch übers Gesicht.
Interessant, wirklich angenehm, sie lächelte, eine Seite rauer, nicht wie Schmirgel, aber mit Sandkorngefühl.
Solche kleinen Details taten jetzt gut, lenkten ab vom gruseligen Vogler.
Genau. Die raue Seite macht Ihr Gesicht wie einen Pfirsich, sagte meine Enkelin. Ich hab da nicht das passende Vokabular.
Ach, ich verstehe Sie ganz gut! berührte Hannelore zart ihre Hand. Schöne Worte sind nicht alles Das mit dem Sand heißt übrigens Peeling. Das mache ich abends manchmal.
Also, aufhören zu weinen! ermahnte die Putzfrau. Ihr Kleid ist schön und Sie tanzten wie ein Schwan. Und der Typ, naja, war ein Schurke, stand ihm ins Gesicht geschrieben.
Echt? Habe ich nicht bemerkt, murmelte Hannelore betreten.
Sie wollten ja auch nur Glücksgefühle, sich ablenken. Ich arbeite, und seh anderes. Das Leben ist wie es ist!
Sie beendeten gemeinsam die Schminkentfernung.
Alles blieb auf dem Tuch zurück. Nun war Hannelore wieder ganz einfach und freundlich und das stand ihr sogar besser, fand sie.
Draußen im Gang wartete Eduard Albrecht.
Hier, im Glitzerland der Tanzmusik, fehlte er abgetragenes Jackett, Fäustlinge, Strickmütze. Aber ihm war das egal. Er wartete.
Mit Vogler hatte er schon aufgeräumt. Das Ende von deres Gespräch hatte er noch mitbekommen, wie zufällig.
Jetzt rieb sich Oskar vermutlich draußen die Backe mit Schnee denn Eduard hatte schwere Hände, früher kämpfte er wohl im Ringerverein.
Sie? Was machen Sie hier? Hannelore runzelte die Stirn.
Ich? Ich habe mir Sorgen gemacht, erklärte Eduard ruhig.
Wie haben Sie mich gefunden?
Das Taxi hatte ich gemerkt, die Zentrale angerufen, ein nettes Mädel war am Apparat, und sie hat es mir gesagt. Hannelore, Sie haben geweint? Wegen IHM? Er deutete zur Tür. Sie waren so schön, und er …! Eduard ballte die Fäuste. Jetzt sind Sie natürlich auch schön. Nur anders, irgendwie heimelig … damals waren Sie … Er errötete.
Wie denn? fragte Hannelore leise, nestelte am kleinen Aventurin-Armband an ihrem Handgelenk.
Grandios. Gehen wir, Michael wartet! schob Eduard an.
Stimmt, Michael … einen Moment noch! Hannelore huschte zu der Putzfrau. Danke Ihnen, liebe Dame! Ich kenne noch nicht mal Ihren Namen!
Irmgard, die Frau zuckte die Schultern.
Ein urdeutscher Name. Vielen, vielen Dank! sagte Hannelore, drückte ihre Hand.
Schon gut. Frauensolidarität! Die Tücher können Sie behalten, es sind genug. Mir bringt meine Enkelin immer neue. Ach, und schön rausputzen mag ich mich auch noch manchmal! Hier im Haus wird ja dauernd das warme Wasser abgestellt, dann brauch ich sowas. Alles Gute!
Irmgard drückte ihr die Packung in die Hand hundert Stück und verschwand.
Endlich, Mutter! Michael tadelte sie wieder, stand beschützend und groß da, während sie ganz klein und schuldbewusst wirkte, wie ein Kind. Was machst du nur? Ich mach mir doch Sorgen, Mama! Ich hab dich doch lieb.
Ich weiß, mein Junge. Verzeih Nur, ich kann nicht aufhören zu leben, weißt du? Ich bin keine Feldmaus, kann nicht nur im Loch hocken und Freunde meiden, Straßen meiden Kurz gesagt, ich will Freude haben und nicht immer nur Angst, dass was passieren könnte. Michael
Sie strich behutsam über seinen Ärmel.
Michael runzelte die Stirn, presste die Lippen zusammen.
Komm, setzt euch, es ist schon kalt, er half ihr beim Anschnallen, nickte Eduard Albrecht dankend zu. Was verheimlichst du sonst noch? Tanzen, Partys, Verehrer, Schlägereien was noch?
Also gut … ich spiele Karten mit den Damen und gehe ab und zu zum Yoga.
Es wurde ruhig, Michael drehte die Heizleistung hoch, weil Hannelore fröstelte.
Ich hoffe, du kannst mogeln sonst nehmen sie dir noch die Rente ab!
Hannelore lächelte still. Ein guter Sohn.
Wir spielen nicht um Geld, Michael. Unsere Renten sind zu knapp für große Risiken, sie öffnete das Fenster einen Spalt und atmete durch.
Schön Alles war so gut der Sohn war da und schimpfte nicht, draußen Schnee und bald Silvester Und Eduard hatte heute für sie gehandelt. Fast wie Romantik!
Vogler schleuderte ihren Wagen noch einen Schneeball hinterher, traf nicht und zog wütend ab.
Zu Hause, nach Tee und Sandwiches, legte Hannelore Michael die NEURO WAVE-Tücher auf den Tisch.
Was ist das? fragte er skeptisch.
Michael, das ist fürs Gesicht. Gib sie doch bitte deiner Verena. Da steht alles, ganz einfach, ganz neu eine Seite sanft, die andere mit Peeling. Entfernt Schminke, macht Poren sauber
Schon gut, diese Frauentricks, schüttelte Michael den Kopf. Wirst du jemals ruhiger?
Ich weiß es nicht, mein Junge Ach, unser Nachbar ist ein interessanter Herr! Er hat mich morgen zum Spaziergang eingeladen. Darf ich, Michael?
Michael tat so, als müsste er husten, winkte dann ab.
Mach, was du willst! Vielleicht muss ich dich wirklich in Ruhe lassen, heiraten und endlich selbst leben!
Michael, ich würde mich freuen! Ich mag Verena. Und ich habe dich lieb! flüsterte Hannelore, umarmte ihren Sohn und schmiegte sich an seinen warmen Pullover
Silvester feierten sie zu viert Hannelore, Eduard, Verena und Michael. Ein besonderes Fest, voller Wärme und Freude.
Die Tücher sind klasse! flüsterte Verena ihrer Schwiegermutter in Spe zu. Funktionieren großartig! Hab sie schon den Mädels empfohlen.
Schön, Kind, freut mich, sagte Hannelore.
Sie tuschelten noch, dann schlugen die Uhren, der Sekt floss, Geschenke wurden überreicht. Durchs Fenster strahlte ein Baum funkelnd, behangen mit Lichterketten und gläsernen Kugeln, ein besonderer Baum für eine besondere Frau. Das hatte Eduard gesagt und sich verlegen abgewandt. Hannelore strich über seinen Arm. Sie war glücklich Draußen explodierten goldene Lichter am Himmel, Rufe, Gelächter und das ferne Dröhnen von Feuerwerk mischten sich mit dem leisen Klirren der Gläser. Hannelore stand am Fenster und sog den Augenblick tief in sich auf die Kälte auf ihren Wangen, das Prickeln der kommenden Zeit, das Bewusstsein, dass das Leben, wie brüchig es auch manchmal wirkte, immer weiter schimmerte.
Eduard stellte sich leise neben sie, eine seiner groben, warmen Hände legte sich zögernd auf ihre. Kein Wort war nötig; sie spürte einfach, dass beides Fürsorge und Freiheit nebeneinander existieren durfte.
Von der Garderobe her hörte man Verena lachen und Michael ein fröhliches Prosit, Mama, auf ein bisschen mehr Unsinn im neuen Jahr!, während die letzten Raketen den Nachthimmel in gleißendes Licht tauchten.
Hannelore lächelte. Sie wusste plötzlich: Vielleicht bestand Glück nicht darin, immer artig zu sein oder den Unfug zu meiden, sondern darin, manchmal einfach loszutanzen Schminke, Fehler und Peelingtücher inklusive.
Mit einem winzigen Knicks, nur für sich selbst, entschied sie, dass sie diesen Abend niemals bereuen würde. Sie presste Eduards Hand, wandte sich den anderen zu und lachte:
Kommt, lasst uns rausgehen mitten hinein ins neue Jahr!
Und als sie wenig später alle zu viert, Hand in Hand, im knisternden Schnee standen, während über ihnen das Feuerwerk strahlte, spürte Hannelore in sich das leichte, wilde Herz eines Mädchens. Das Leben, dachte sie, war doch immer dann am schönsten, wenn man dem Mut vertraute und mit Menschen feierte, die einen manchmal einfach hinter sich herzogen.
Und so begann für Hannelore ein neues Jahr mit Hoffnung, Wärme und dem festen Vorsatz, niemals wieder den leisen Ruf des Abenteuers zu überhören.




