Das Papierhaus
Leni, wir kommen zu spät!
Papa, gleich! rief Leni, während sie hüpfend einen Strumpf überstreifte.
Die Socken waren lustig. Unterschiedliche Farben. Einer rosa, der andere grün. Tante Leni, Gisela, hatte sie ihr geschenkt. Auch die Turnschuhe, ebenfalls nicht zusammenpassend. Gisela behauptete, das sei gerade in Mode.
Leni glaubte Gisela. Ihre Tante war eine ausgesprochene Modekönigin. Sie meinte, wenn die Natur es mit dem Aussehen nicht gut meine, müsse man eben auf anderen Wegen aufholen, was man kann.
Was das Äußere betraf, war Leni anderer Meinung als Gisela. Na und? Nach den heutigen Schönheitsidealen entsprach Gisela zwar nicht dem Maßstab. Dünn wie ein Grashalm, wie die Oma sagte, dunkelhaarig und mit stechend grauen Augen Gisela war so auffällig, dass Leni oft schmunzeln musste, wenn sie nebeneinander über die Straße liefen.
Dich bemerkt niemand, ja klar! Sieh nur, wie sie sich nach dir umdrehen!
Wer? Gisela blieb dann stehen und drehte sich neckisch um.
Leni musste in solchen Momenten immer herzlich lachen. Im Grunde, dachte sie, blieb Gisela selbst ein Kind. Obwohl älter als ihre Nichte, fühlte sich Leni mit ihrer Tante immer wie eine Erwachsene.
Diese Naivität von Gisela wunderte Leni oft.
Er hat gesagt, ich gefalle ihm! Leni, ich weiß nicht, was ich machen soll!
Und du? Gefällt er dir?
Sehr! Aber ich habe Angst!
Wovor denn?
Er ist zu schön. Alle Frauen im Büro himmeln ihn an. Und trotzdem beachtet er ausgerechnet mich. Das passt alles nicht!
Gisela, du bist kein Zufallstreffer! Du bist klug und schön! Warum solltest du ihm nicht gefallen?
Die Frage war rhetorisch. Leni prallte an Giselas Unsicherheit immer wieder ab, egal wie sehr sie versuchte, diese Mauer zu durchbrechen. Das machte sie oft wütend, manchmal bis zum Weinen, doch sie konnte nichts dagegen tun.
Tochter, es ist schwer, etwas zu ändern, was so lange eingetrichtert wurde. Ihr Vater, Herr Jäger, schüttelte mitfühlend den Kopf, um Leni zu beruhigen.
Von wem, Papa? Und warum? Wieso zwingt man ein hübsches Mädchen in so ein Gehäuse? So hast du mich nicht erzogen!
Ich nicht, nein. Aber Lehrer sind auch wichtig.
Und Gisela? Papa, du redest von Oma, stimmt’s? Aber warum immer nur indirekt?
Was soll ich dir sagen, Tochter? Dass meine Mutter falsch erzogen hat? Wär das besser? Du bist erwachsen und weißt, was es bedeutet, Eltern zu achten. Meine Mutter hat mich allein großgezogen, ohne Vater. Später kam Herr Berger dazu weißt du, ich habe ihn immer respektiert wie einen Vater. Geduldig war er, hat mich akzeptiert und mir beigebracht, ein Mann zu sein. Wichtig war ihm, dass Männer Jungs begleiten.
Papa, warum aber hat er bei Gisela da nicht eingegriffen?
Hat er, doch sein Grundsatz lief gegen ihn selbst. Sie war ja ein Mädchen. Also hat Mutter Gisela ganz nach ihrem Kopf geprägt. Aber verurteile sie nicht auch sie hatte ihre Gründe.
Welche, Papa? Ich sehe Gisela an und könnte weinen. Sie ist zu gut! Aber so… ich finde kein besseres Wort… unsicher, fast schon unglücklich sie hat Angst, vor allem und jedem! Warum?
Mutter hatte immer Angst um Gisela. Vielleicht kommt daher alles. Sie klammerte sich fast panisch an ihr Kind, führte sie, bis kurz bevor sie Abitur machte, immer an der Hand. Gisela war ihr sehr schweres Kind, da sie eine schwierige Schwangerschaft hatte. Damals entstand die Bindung zu meinem Stiefvater. Während Mutter im Krankenhaus lag, kochte er Brühe und besorgte frische Leber vom Markt. Erst da begriff ich, wie sehr er sie liebte und wie man als Mann handeln sollte. Er sprach nicht viel. Dich hat er nicht mehr erlebt.
Nein, Papa… Aber das Schaukelpferd, das er für mich gebaut hat, das erinnere ich.
Genau! Während wir auf dich warteten, baute er es. Er war immer geschickt mit den Händen. Oben auf dem Dachboden liegt es noch. Wenn ich Enkelkinder habe, hole ich es runter.
Papa!
Was? Irgendwann wirst du mich doch zum Opa machen?
Nicht so bald!
Zum Glück!
Papa!
Was mache ich denn schon wieder falsch?
Herr Jäger witzelte, während er insgeheim erleichtert war. Er wusste, dass die Fragen nicht weniger würden, doch erklären wollte er längst nicht alles.
In unserer Familie war noch nie alles unkompliziert. Sogar Gisela nannte unser Haus als Kind das Papierhaus.
Warum denn Papierhaus, Giselchen?
Herr Jäger, damals noch dürres Pickelgesicht und Gymnasiast, nahm sich immer Zeit, mit seiner kleinen Schwester zu sprechen. Gisela amüsierte ihn.
Weil es so ist wie diese Papierblume! Sie drehte den selbstgebastelten Tulpenstiel des Bruders zwischen den Fingern. So hübsch und schau mal so!
Sie legte die Blume auf ihre Handfläche und schlug plötzlich mit der anderen darauf.
Warum!? Herr Jäger erschrak über das Geräusch und blickte sie entsetzt an.
Sieh, innen ist sie hohl. Sie ist ganz leer. Mach noch eine!
Du willst die auch zerstören?
Nein. Ich will dir etwas zeigen.
Knetmasse, die sie mühsam durch eine kleine Öffnung im Papier stopfte, füllte sie so lange in den Tulpen, bis innen kein Hohlraum mehr war.
Jetzt kann ich sie nicht mehr zerdrücken. Papier, aber fest. Unser Haus ist wie das. Es fehlt ihm Füllung, weißt du?
Herr Jäger drehte nachdenklich die gefüllte Papierblume wie tief Gisela doch alles verstand, was in unserer Familie vorging.
Dasselbe Origami hatte ihm die Nachbarin in der Schulbank, Annika, beigebracht. Ein ernstes Mädchen, das nie stillsitzen konnte.
Ich muss immer was in den Händen haben, während ich nachdenke.
Unter ihren schnellen Fingern entstand aus Papier ein Kranich, ein Frosch oder ein ganzer Strauß. Die Lehrer akzeptierten ihre Marotten sie war ohnehin Klassenbeste. Hauptsache, sie schrieb ihre Einser.
Herr Jäger sammelte die Figuren und brachte sie der kleinen Schwester. Gisela war immer fasziniert und fragte:
Wie macht sie das?
Willst du, dass sie es dir zeigt? Ich frage sie!
Mama erlaubte nur gemeinsames Spazieren im Park Freundinnen zu Hause einladen, undenkbar. Er wusste, dass Mutter das nie erlaubt hätte.
Frau Jäger, damals eine strenge Frau, manchmal sogar zu streng, hatte er geliebt und ihr Verhalten lange mit Angst ums Kind entschuldigt.
Du musst an die Zukunft denken! Selber! Niemand schuldet dir was! Ich hab getan, was ich konnte geboren und großgezogen. Jetzt bist du selbst verantwortlich. Und auf Herrn Berger, deinen Stiefvater, sollst du dich nicht verlassen.
Mit solcher Strenge diskutierte Herr Jäger nie. Aber er wusste: Käme es hart, würde sein Ziehvater ihn stützen. Er nannte ihn längst schon Vater.
Er wusste auch, dass Vater diese Gespräche, die Mutter nur mit ihm führte, nicht dulden würde. Für ihn war Familie das höchste Gut.
Und doch verstand Herr Jäger bald: Gut bedeutet in jeder Familie etwas anderes. Die Mutter hielt Strenge und Angst für notwendig.
Um ihre Kinder fürchtete sich Frau Jäger mehr als rund um die Uhr mindestens eine Stunde mehr sicherheitshalber. Das war bei ihm schon so, bei Gisela wurde es zur Alltagshymne:
Wer weiß, ob nicht jemand Gisela etwas antut!
Das galt für alle, auch für Freundinnen, die nie als geeignete Freundin für Gisela erschienen. Lehrer? Nichts als Arbeitsbeziehungen, bloß keine innigen Kontakte. Nur Familie reichte. Außenstehende bedeuteten nur Gefahr.
Warum Mutter von solchen Ängsten besessen war, wusste Herr Jäger lange Zeit nicht. Er sah bloß, wie sie rotierte, leitete Jobwechsel ein, um Gisela überall abholen zu können, lernte Auto fahren, um sie zu begleiten. Herr Jäger half, wo er konnte, doch mit der Zeit hatte er ein eigenes Leben.
Und in dem gab es vieles… darunter Annika… und bald ihre gemeinsame kleine Tochter Leni für Frau Jäger ein Schock, viel zu früh in ihren Augen.
Oleg äh, Entschuldigung, Herr Jäger! Warum das alles? So unüberlegt, und jetzt steht der Abschluss an! Frau Jäger zitterte in der Küche beim Blick aus dem Fenster.
Mama, ich bin kein Kind mehr. Ich übernehme Verantwortung. Annika bekommt ein Kind mein Kind, verstehst du?
Aber das hätte auch verhindert werden können! Sogar jetzt…
Hör auf, Mama. Sag das nicht. Ich habe schon mehr als genug gehört. Aber ich weiß, du bist einfach überfordert. Überleg mal, was ich gesagt habe.
Er verabschiedete sich, besuchte Gisela und dann noch den Ziehvater im Schlafzimmer.
Herr Berger war schwer krank. Schwieg tapfer, ersparte Frau Jäger Belastung nur Herrn Jäger zeigte er manchmal die Verzweiflung. Diesmal drückte er seine Hand, übergab ihm die Schlüssel zur neuen Wohnung:
Die Papiere erledigen wir diese Woche. Für Mutter und Schwester lasse ich das Haus im Dorf die Grundstückswerte steigen. Ihr sollt nicht zu kurz kommen. Und ihr zieht in die Wohnung. Dein Kind braucht ein festes Zuhause. Du verstehst?
Ja, Vater. Danke
Leni sah Herr Berger nie. Sie wurde eine Woche nach dessen Tod geboren. Keine Klage, kein Laut, als sein Weg zu Ende war.
Herr Jäger übernahm die Familie, ohne erneut gebeten zu werden, stellte sich als Stütze für alle auf. Gisela wusste längst, dass er auf dem Regal über seinem Schreibtisch den kleinen mit Plastilin gefüllten Papier-Tulpen aufbewahrte.
Warum? fragte Gisela und tastete die inzwischen harte Blume.
Er erinnert mich daran, dass ich euch Halt geben muss, Gisela. Nicht nur Annika und Leni, auch euch beiden.
Das wird schwer, Oleg… Gisela stöhnte und wechselte das Thema.
Konflikt mit der Mutter wollte sie um jeden Preis vermeiden.
Mit Frau Jäger blieb es schwierig: Nach dem Tod von Herrn Berger schien sie ihr Herz verschlossen zu haben. Gisela verstand die Mutter nicht mehr, Herr Jäger erkannte das wieder wie es war, als sein Vater die Familie verlassen hatte. Er war vier, er erinnerte sich lebhaft an die zerbrochene Kristallvase und Mamas Tränen. Die Ecke wurde sein Stammplatz, Mama schwankte zwischen Schimpfen und Umarmungen.
Als Junge war er bald zum Dickhäuter geworden.
Du bist wie ein Panzer, Sohn! Keine Träne! Ob dir deine arme Mama nicht leid tut? Aber warf er doch einmal ein Beben des Kinns in den Raum, war Mama beruhigt: Siehst du, ich habe recht ich liebe dich trotzdem!
Herr Jäger hatte die Manipulationen erkannt und Gisela soweit möglich davon geschützt. Aber dazu hätte er bei der Mutter wohnen müssen das hätte Annika nicht verkraftet.
Sohn, hab ich dir nicht gesagt… Gut, dass Leni gesund ist! Arme Annika, mit solchem Herzleiden schon als junge Frau! Das sollte es doch gar nicht geben… Und du zerreißt dich für Beruf und Familie. Wie wichtig doch richtige Entscheidungen sind…
Herr Jäger biss die Zähne zusammen.
Mama, bitte sonst streiten wir wirklich!
Was denn? Ich habs doch nie böse gemeint…
Ach Mama… schnappte er die Tochter, die am Wochenende bei der Oma war, und fuhr heim. Manchmal vergaß er dann sogar, die Schwester zu fragen, wie es ihr ging.
Gisela aber klagte nie. Sie ähnelte ihrem Vater: ruhig, verschlossen, nur den Nächsten gegenüber offen.
Mit Mama verband sie ein unsichtbarer, dünner Grat zwischen Liebe und Angst vor Verlust. Ein falscher Schritt, und das Eis brach…
Annika verstarb, als Leni fünf war. Eines Morgens wachte sie einfach nicht mehr auf. Herr Jäger stand schon auf, hatte den Wasserkessel geholt, als der Lärm Leni aus dem Schlaf riss … Der Kessel kippte, kochendes Wasser spritzte, der Kater flitzte ängstlich davon. Doch Eile war unnötig. Als er die Schlafzimmertür öffnete, wusste er sofort Bescheid. Die Welt hielt an, sein einziger Gedanke: Leni!
Langsam betrat er das Kinderzimmer. Lenis Plüschkater lag auf dem Kopfkissen. Leni übernachtete bei der Oma. Er hatte sie direkt nach dem Kindergarten fortgebracht. Mit dem Kuscheltier in der Hand begann Herr Jäger zu heulen, tierisch, fast schon unheimlich so sehr schmerzte es.
Wie lange er da saß, wusste er hinterher nicht mehr. Irgendwann hob sich der Nebel, er konnte aufstehen, griff zum Telefon.
Mama? Leni bleibt bitte noch etwas bei dir. Ja, ich weiß. Ich rufe nochmal an…
Von zwei Monaten danach erinnert sich Herr Jäger an wenig. Er erledigte Sachen, kochte, kümmerte sich um Leni, die eng an ihn gerückt immer weniger sprach, auch nicht von Annika redete. Erst als er Leni heimlich ins Schlafzimmer der Verstorbenen schleichen sah, wo sie mit dem alten Plüschkater vor Annikas Foto saß und leise redete, begriff er, dass sie alles wusste.
Er ließ sie gewähren, wartete an der Tür auf sie und schloss sie fest in die Arme, streichelte ihre lockigen Zöpfe:
Wer hat es dir gesagt?
Oma! Die meinte, dich muss man jetzt schonen. Sonst wirds für dich zu schwer, wenn ich von Mama spreche…
Zu fest drückte Herr Jäger die Tochter, sie quietschte leise. Er ließ sofort los:
Verzeih! Ab jetzt darfst du immer über Mama sprechen! Immer mit mir! Hör nie mehr auf andere, ja?
Als Leni heulend zusammenbrach, wusste Herr Jäger, wie schwer ihr alles gefallen war. Und er verfluchte sich dafür, sein Kind allein gelassen zu haben.
Doch der Ärger wurde noch größer, als kurz darauf Gisela spät abends und nass vom Regen bei ihm erschien. Ohne Worte fiel sie ihm um den Hals, und er merkte sofort, dass etwas Schlimmes passiert war.
Der Notarzt kam in einer halben Stunde, Gisela schlief später ruhig auf dem Gäste-Matratze, hatte aber immer noch nicht gesagt, was passiert war.
Später erkannte Herr Jäger selbst, was los war, weil er die blauen Flecken an Gisela entdeckte.
Was ist das?
Trotz seines weiten T-Shirts konnte sie die blauen Flecke an den Armen nicht verstecken.
Gisela?
Ich will nicht reden, Oleg.
Musst du aber, Gisela. Sonst kann ich dir nicht helfen.
Ihre großen grauen Augen wurden feucht.
Es war… Mama? wagte Herr Jäger vorsichtig.
Gisela nickte stumm, hielt sich an seinen Händen fest.
Schick mich bitte nicht zu ihr zurück. Nicht jetzt. Ich habe Angst, Oleg…
Er überlegte fieberhaft: Ein Krach wäre jetzt fatal. Es musste nun wirklich Schlimmes passiert sein, wenn die Mutter die Grenze überschritten hatte.
Erzähl mir alles, dann finden wir eine Lösung. Ich verspreche dir, keiner wird dich mehr zum Weinen bringen! Glaubst du mir?
Schon ihr sofortiges Nicken reichte Herrn Jäger, um sich als echter Mann zu fühlen. Zum Glück verstand Gisela. Sie richtete sich tapfer auf und ähnelte so sehr ihrem Vater, dass Herrn Jäger ein frösteln kam.
Mama hat erfahren, dass ich mit Moritz zusammen war. Erinnerst du dich an ihn?
Der mit den langen Haaren? Herr Jäger lachte und reichte ihr ein belegtes Brot.
Iss!
Später. Selbst bist du zottelig! Aber ja, der ist es. Wir waren zweimal im Kino und sind im Park spaziert. Tagsüber! Er hat mich nicht einmal geküsst.
Gisela, langsam. Ich versteh dich! Sag, was ist dann passiert?
Sie hat geschrien, mich geschüttelt, Oleg! Und sie hat so schlimme Dinge gesagt… Gisela kauerte sich zusammen. Ich will das nicht wiederholen! Was hab ich ihr getan? War ich nicht immer brav? Bin ich wirklich so schlecht, bin ich das, was sie gesagt hat? Sie schrie, ich würde schwanger wie du… Entschuldige! Ich wollte nicht…
Gisela weinte so hilflos, dass Herr Jäger nicht gleich wusste, wie er sie beruhigen sollte.
Es kam von selbst: Gisela war in dem Moment wie Leni. Also setzte er sie einfach auf den Schoß, wiegte sie wie ein Kind.
Hey, lass gut sein! Niemand tut dir mehr weh! Ich gebs nicht zu!
Graue Augen, Zweifel. Herr Jäger wiederholte:
Niemand, auch Mama nicht! Versprochen, Gisela! Unser Vater ich habe ihm versprochen, dich zu beschützen. Kann ich es brechen?
Sie schüttelte den Kopf, schniefte.
Richtig so. Einen Mann hat er aus mir gemacht. Leni schläft noch, du kümmerst dich nachher um sie, ja? Ich muss zu Mama.
Nein, geh nicht…
Doch! Er setzte sie auf den Hocker und gab ihr das Brot. Iss und wasch dir das Gesicht, nicht dass Leni sich erschreckt.
Das Gespräch mit der Mutter war hart. Frau Jäger schrie, flehte, Oleg solle Gisela zurückbringen. Er hörte schweigend zu.
Sie bleibt bei mir, Mama. Bis sie sich beruhigt. Dir tut das vielleicht auch gut.
Aber, Oleg, sie hat doch Prüfungen! Das Quartal endet! Oleg!
Hörst du dich selbst? Sie ist die ganze Nacht nicht zu Hause, und du hast nicht mal gesucht! Was, wenn sie zu mir nicht gekommen wäre?
Ich dachte, sie schläft!
Du siehst vor lauter Kontrolle keine Menschen mehr, Mama! Hast du je gefragt, wie ich mich fühle, seit Annika gestorben ist? Ob ich klarkomme? Du hilfst mit Leni, danke, aber du siehst uns als Angestellte. Und Gisela träumt nicht von Medizin, sondern davon, Tierärztin zu werden wusstest du das? Jetzt weißt dus. Und sie wird es werden ich bezahle das Studium!
Du kannst nicht für sie bestimmen! Sie ist meine Tochter!
Gibt dir das das Recht, sie zu brechen?
Herr Jäger beruhigte sich. Vor ihm stand keine Löwin mehr, sondern eine ratlose Frau.
Mama, willst du ganz allein zurückbleiben? Ich drohe nicht, ich warne nur. Ist das dein Ziel?
Er küsste sie auf die Stirn, ging. Setzte sich auf die vertraute Treppe. Wie oft war er die hoch und runter gerannt? Jetzt kam er kaum klar, wusste weder vor noch zurück.
Das Handy riss ihn aus den Gedanken. Er zählte die Stufen, nickte und fuhr heim. Jetzt wusste er, was zu tun war.
Seine Taktik funktionierte. Frau Jäger hielt das Schweigen nicht lange aus. Nach zwei Tagen kam sie und versuchte, sich mit Gisela zu versöhnen.
Das dauerte: Vergebung war ein langer Weg fünf Jahre schaukelte die Beziehung auf und ab.
Frau Jäger strengte sich an. Sie verstand, die Kinder waren keine Kinder mehr. Sie warteten nicht auf ihre Reue. Im Kopf hatte sie immerzu: Die zwei sind zusammen und ich?
Gisela machte ihr Examen, fand eine gute Stelle in einer Tierklinik. Leni lachte über die seltsamen Tiere, die Gisela nach Hause brachte.
Gisela! Das ist eine Schlange!
Und? Oleg, schau, wie lieb sie ist! Fass mal an! Jetzt! Siehst du? Gar nicht schlimm. Der Besitzer holt sie bald. Für ein paar Tage bleibt sie hier.
Sie heißt Hugo? Gibts ja nicht…
Aber sicher!
Leni prustete und drohte Papa, eines Tages auch Tierärztin zu werden.
Nicht auch noch! Herr Jäger raufte sich scherzhaft die Haare.
Arbeit, Haus, vorsichtige Treffen mit der Mutter. Gisela lebte eher wie in Trance. Leni drängte Papa, die Tante zu verkuppeln vergeblich.
Dann kam die Nachricht:
Ich will euch jemand vorstellen… Gisela lächelte verlegen. Aber ihr müsst versprechen, nicht zu lachen!
Ach, Kathi, ich könnte schon fast weinen! Leni umarmte ihre Tante.
Der rechte Turnschuh, den ein Pflegepatient von Gisela gestern noch in der Wohnung verschleppt hatte, fand sich unter Vaters Bett. Leni zog die Schuhe über und flitzte in den Flur.
Ich bin fertig!
Na, immerhin jetzt können wirs gemächlich angehen, Gisela wird eh nicht böse sein!
Papa, übertreib nicht! Wir haben noch eine halbe Stunde.
Den Mann und Gisela entdeckten sie schon von weitem im Park.
Papa, ist er das? Der Zottelige?
Leni flüsterte so laut, dass selbst Gisela die Augen verdrehte.
Moritz.
Oleg.
Händedruck, Lächeln, Nicken.
Leni.
Der Zottelige! Moritz lachte. Gisela, lach doch! So will ich dich immer sehen! Was für Turnschuhe! Die will ich auch!
Leni und Oleg schauten sich an und lachten, da sah Leni, wie sich die Augen der Tante veränderten. Stahl wurde zu Silber. Es war wunderschön.
Was denn? Wir in unserer Familie sind halt besonders. Gewöhn dich dran!
Da bin ich ja beruhigt… Dann passe ich gut zu euch! In eure… Gruppe? Oder was sage ich besser?
Familie, Moritz, Familie! Augenzwinkernd nimmt Leni ihren Vater unter den Arm.





