Vögelchen

Vögelchen

Hilde! Warum brauchst du so lange?! Ich warte schon ewig! Komm, setz dich! Anna, Hildes Nachbarin, ruckelt auf der Bank herum, bis sie es sich bequem gemacht hat.

Und warum auch nicht? Was für ein schöner Abend heute! Was bringt es, zu Hause zu hocken? Da ist bloß der Fernseher und ihre Katze Mieze. Langweilig! Aber draußen auf dem Hof da ist der Frühling schon zu spüren! Es ist zwar noch früh im Jahr, erst April, aber die Luft ist schon angenehm warm. Sogar das Kirschbäumchen, das Annas verstorbener Mann Johann einst unter dem Wohnzimmerfenster gepflanzt hat, ist erwacht überall weiße Blüten. Und die Bank darunter, auch von Johann gebaut, ist frisch gestrichen und bereit für lange Nachbarschaftsgespräche. Anna hat sie letzte Woche lackiert, jetzt sieht sie wie neu aus. Sie wartet nur darauf, dass sich die Nachbarinnen nebeneinander setzen und der übliche Tratsch losgeht. Über Kinder, Krankheiten, das Leben, die Liebe.

Worüber reden Frauen sonst? Selbst wenn sie sich schon seit Jahrzehnten kennen, überrascht immer wieder jemand mit einer Neuigkeit. Es gibt immer einen Grund für ein Gespräch. Die Kinder werden älter, es gibt neue Zipperlein und mit der Liebe? Ach, Liebe gibt es sowieso nie genug. Meistens eher zu wenig. Und so wartet man gespannt auf ein Geständnis, wie es ist, wenn man geliebt wird. Man hört zu und das Herz wird leichter. Auch wenn im eigenen Herzen nur Stille und Leere herrschen wenn es irgendwo Liebe gibt, dann ist sie nicht aus der Welt verschwunden. Sie wärmt, gibt Kraft zu leben

Anna Maria, im Dorf schlicht Annchen genannt, kennt ihre Nachbarin Hilde schon, solange sie denken kann. Über ein halbes Jahrhundert wohnen sie Tür an Tür. Damals, als sie kleine Mädchen waren, ließen die Mütter die Wohnungstüren unverschlossen, damit sie nicht ständig rüberrennen mussten, um die Tür aufzuschließen. Jeder wusste: Spielen sie nicht daheim, so sitzen sie eben im Wohnzimmer der Nachbarn. Später wurden die Türen dann aber doch abgeschlossen nach jener berühmten Suche nach dem Glück.

Damals waren sie sechs Jahre alt.

Als Annchens Oma zu Besuch kam, erzählte sie den beiden Mädchen, das Wichtigste im Leben sei, den Glücksvogel zu erwischen und bei sich zu behalten. Dann regle sich alles zum Guten und die Welt werde freundlich.

Die Mädchen verstanden damals nicht viel vom Leben, aber dass alle um sie herum glücklich sein sollten, das blieb hängen. Wer wollte nicht, dass die Eltern sich nicht dauernd streiten und in Harmonie miteinander auskommen? Also beschlossen sie, diesen Glücksvogel zu suchen.

Zumal Annchen meinte, genau zu wissen, wo dieser Vogel lebt: im Nachbarhaus! Dort wohnte ein kauziger, brummiger Opa, der seine große bunte Vogel-Dame manchmal in den Hof trug. Schön war die! Riesig, buntgefiedert, rief seltsame Laute. Sicherlich das musste der Glücksvogel sein! Denn selbst im Zoo, wo sie manchmal mit den Eltern hinfuhren, hatten die Mädchen so einen nicht gesehen.

Sie planten ihre Aktion gründlich.

Auf Annas Balkon fanden sie einen alten Käfig, in dem früher ihr Kaninchen aus dem Dorf gelebt hatte, das die Oma gebracht hatte.

Wohin sonst mit dem Vogel? Man kann ihn ja nicht ständig am Schwanz festhalten davon werden die Arme müde und das Eis, das man sicher bekommen muss, wenn man endlich glücklich wird, kriegt man dann ja nicht mehr gegriffen.

Sie nahmen auch Brot und Kekse mit. Wer kann schon ahnen, was so ein Vogel mag? Nach kurzem Überlegen packte Hilde noch eine richtig leckere Praline ein. Man weiß ja nie! Und Süßigkeiten lieben doch alle! Peinlich wäre nur, wenn sie dem Vogel mit ihrem Brot gar nicht gefallen würden.

Sie ließen sich Zeit. Die Sache war schließlich ernst! Annas Oma fuhr irgendwann wieder heim, versprach aber, ihre Enkelin im Sommer zu sich zu holen. Die Eltern planten schon ihren Sommerurlaub wie üblich gemeinsam mit den Nachbarn, zwei Familien in einem Auto, damit’s günstiger wurde. Bis ans Meer war es ja nicht weit. Zwei, drei Stunden. Man schlief kaum, so aufgeregt war man. Und dort war es herrlich! Das alte, aber stabile Ferienhaus, der große Hof, die Schaukeln und bis zum Meer ein Katzensprung. Fast wie in einem Bilderbuch.

Anna freute sich auf die Reise, genauso wie auf die Zeit bei der Oma.

Am meisten dachte sie aber an ihre Freundin. Hilde hatte nämlich keine einzige Oma. Wie ist das möglich? Ein Kind ohne Oma? Wer verwöhnt einen denn dann heimlich? Wer erzählt lange Märchen, nicht bloß darum, dass das Geschirr noch gespült werden muss und morgen wieder Wäsche wartet? Wer häkelt so eine schöne Sommermütze mit Schleife?

Anna dachte: Wenn wir den Glücksvogel finden, dann hat auch Hilde eine Oma. Vielleicht ist sie sogar aus dem gleichen Dorf wie meine. Dann könnten sie sogar im Sommer zusammenbleiben. Dafür lohnt es sich zu kämpfen!

Einen Tag vor der Abfahrt ans Meer riefen beide den Müttern zu, sie gehen zu Hilde spielen, und schlichen heimlich hinaus. Sie schlossen sachte die Tür, damit der Wind sie nicht zuschlug, schüttelten kichernd den Kopf, um das Lachen zu unterdrücken, und trotteten die Treppe runter.

Ihr Hof, der nächste, und schon standen sie vor dem grauen, tristen Haus, in dem ihr Glücksvogel lebte.

Aber im Hof war es still. Die Sommerhitze war gekommen, alle hielten sich drinnen auf oder waren arbeiten.

Die Mädchen warfen sich einen Blick zu. Wie sollen sie jetzt den Vogel finden? Niemand da, den man fragen könnte Hilde schmollte schon, war kurz vorm Weinen. Doch Anna war nicht der Typ, bei Problemen Tränen zu vergießen. Was sein muss, muss sein! Sonst war es das mit den Träumen keine Oma für Hilde, kein Eis, keine neuen gepunkteten Sommerkleider dabei wollten sie doch Partnerlook tragen! Und die Eltern die würden wieder streiten, wenn sie diesen sturen Glücksvogel nicht finden!

Warum stur? Nun, weil ein netter Vogel sich jetzt auf den Baum vor dem Haus setzen und sichtbar wäre! Aber nein

Anna blickte entschlossen um sich, packte Hilde fest am Arm und stapfte zum Hauseingang. Was bringt es, rumzustehen? Man kann ja an Türen klopfen und fragen, wo der Glücksvogel wohnt.

So viele Wohnungen in dem Haus Und sie waren erst im ersten Treppenhaus! Manche Türen blieben verschlossen, da war wohl niemand. Andere öffneten sich, und die Erwachsenen meckerten oder foppten sie.

Aber Anna und Hilde klapperten weiter von Tür zu Tür, wo sie nicht an die Klingel reichten, hämmerten sie eben.

Wo wohnt hier der Glücksvogel?

Was für eigentümliche Menschen diese Erwachsenen doch sind! Eine einfache Frage! Warum kann keiner einfach antworten? Stattdessen wüten sie herum, schimpfen, drohen sogar mit Hausarrest. Anna und Hilde flohen schnell vor einer besonders unfreundlichen Frau die grüne Tür mit der seltsamen Klinke merkten sie sich. Dort würden sie nie wieder anklopfen. Bei so bösen Menschen lebt sicher kein Glücksvogel.

In einer Wohnung aber hatten sie Glück. Ein etwa älterer Junge öffnete, hörte sich ihre Frage an und zuckte einfach mit den Schultern:

Kommt rein!

Aber auch hier gab es keinen Vogel. Dafür alles Mögliche, das so spannend war, dass Anna und Hilde die Zeit und ihr Anliegen vergaßen.

Sie bestaunten unheimliche Masken an den Wänden, lauschten den Muscheln, in denen das Meer rauschte, und bestaunten ein großes Schiffsmodell Santa Anna nannte es der Junge.

Das haben Papa und ich gebaut.

Oh, wie ich! Anna zog schnell den Finger zurück und lachte.

Du heißt Anna? Hübscher Name! Wie meine Mutter.

Wo ist sie denn?

Mama? Bei der Arbeit. Kommt gleich heim. Warum seid ihr allein unterwegs? Gibts keinen Ärger?

Da fiel den Mädchen plötzlich wieder ihr Glücksvogel ein, das Mittagessen und die wohl berechtigte Sorge, ob sie schon gesucht werden und bald in der Ecke stehen müssen, weil die Mutter böse ist.

Hilde! Los, wir müssen heim!

Anna zog die Freundin mit sich, vergaß sogar den Käfig, und rannte zur Tür.

Wartet! Der Junge holte sie am Flur ein. Hier!

Die Federn waren so wunderschön, dass die Mädchen sprachlos die Arme ausstreckten.

Was ist das?

Pfauenfedern! Meine Mutter arbeitet im Tierpark. Nehmt sie ruhig!

Die beiden hielten den Schatz wie ein Wunder und rannten ohne Abschied nach Hause.

Dort wartete das Donnerwetter!

Die aufgelösten Mütter liefen durch den Hof, riefen nach ihren Töchtern. Die Väter rauchten nervös vor dem Haus und warteten auf die Polizei, die schon geraten hatte, niemanden fortzuschicken, bevor klar sei, was passiert war.

Als sie die Mädchen sahen, sackte Hildes Mutter mitten auf dem Spielplatz auf den Boden.

Gefunden

Dann gab es alles: Tränen, Küsse und auch den Gürtel. Gut, dass die Eltern nicht mehr genug Zeit hatten, um ordentlich zu strafen.

Ein paar Tage später saßen die Mädchen im Ferienhaus bei der Schaukel, ruckelten auf dem Brett, suchten die beste Sitzposition und tuschelten:

Weißt du, Hilde, eigentlich brauchen wir gar keinen Glücksvogel!

Wieso?

Oma hat immer gesagt, das größte Glück ist, wenn man geliebt wird.

Und?

Eben! Wären wir nicht geliebt, hätten sie nicht so geweint, als wir weg waren, oder? Und hätten keine Angst gehabt, dass wir ganz verschwinden. Oder?

Stimmt

Also sind wir doch glücklich, oder nicht?

Ich weiß nicht.

Ich schon!

Was ist mit den Eltern?

Hast du gesehen, dass sie in diesen zwei Tagen einmal gestritten haben?

Nein

Siehst du! Sie könnten also auch freundlich sein. Der Vogel kann ihnen dabei eh nicht helfen. Verstehst du?

Ja.

Dieser Sommer wurde der schönste in ihren beider Kindheitserinnerungen.

Anna Maria denkt oft an ihr Leben und ist dankbar, dass sie jemanden hat, mit dem sie Erinnerungen teilen kann. Nicht nur das sie kann Hilde fragen, wenn sie etwas vergisst. Zu zweit erinnert man sich leichter.

Hilde hat ohnehin das bessere Gedächtnis. Vielleicht, weil sie ruhiger ist? Anna ist immer quirlig, wie Quecksilber stets in Bewegung. Hilde sitzt, denkt nach, geht behutsam ihren Weg, überlegt alles in Ruhe. Eile bringt Spott, sagt man in Bayern. Und sie erinnert sich an alles, als wäre es gerade erst passiert.

Als Anna dann ihren zukünftigen Mann kennenlernte, fiel ihr der Junge aus dem Haus mit dem Schiffsmodell erst viel später wieder ein. Sie trafen sich über einen Monat, bis sie erstmals zu ihm nach Hause kam.

Die Santa Anna…

Das Schiffsmodell stand immer noch an derselben Stelle, an der einst zwei kleine Mädchen es bestaunten. Und obwohl die Mädchen längst erwachsen und Hilde schon verheiratet war, fühlte Anna sich wieder wie damals: ängstlich, die Matrosenfigur zu berühren, aus Angst, etwas zu zerstören.

Nach der Hochzeit holte Anna eine Pfauenfeder aus ihrem Lieblingsbuch, sorgfältig eingeschnürt all die Jahre, und zeigte sie ihrem Mann.

Erinnerst du dich?

Und sie lachten herzlich, als der Mann angestrengt versuchte, sich zu erinnern, was damals war.

Und es kam ein langes Glück, das fast dreißig Jahre dauerte. Mit Sorgen, Mühen, dem ersten Schritt der Tochter, dann des Sohnes. Mit Krankheit, gegen die Johann kämpft und Anna festhält, während die Zukunft an der Tür wartet, sich aber nicht traut einzutreten. Und es kam ein Tag, an dem die Zeit stillstand, Anna aufhörte zu atmen, weil ihr Lebensatem mit Johann ging. Hilde war in diesem Moment zur Stelle, brachte sie mit festen, freundschaftlichen Backpfeifen zu sich, drückte sie wie ein Kind an sich.

Halt durch, Annchen! Du hast Kinder

Und Anna kommt durch. Denn auch so bleibt ein Stück Glück. Nicht ganz, aber das, was Johann ihr hinterließ. Die Kinder sind erwachsen, aber Mutter und Vater darf man nicht zu schnell verlieren. Wer hilft ihnen dann? Und wie sagte die Oma immer?

Solange jemand zwischen Kind und Himmel steht, ist das Kind kein Waisenkind. Glücklich ist dieses Kind

Wie recht sie hatte! Also weiterleben für die Kinder, für die Enkel. Auch wenn am Ende alle wegziehen, eigene Wege gehen Anna weiß, sie wird gebraucht und geliebt. Sie packt den Koffer voller Geschenke und besucht Sohn und Tochter. Sie ist überall willkommen. Und sie weiß, sie kann auf die Sommerferien warten: Dann versammeln sich Enkel in ihrem Haus, es gibt wieder Trubel, sleepless Nächte mit Kinderatmung am Ohr, und das große Ehebett bleibt nicht leer. Sogar die älteste Enkelin schleicht scheu heran, setzt sich zu den Kleinen, lauscht wie alle der Märchenstunde, tut erstaunt, als wüsste sie die Geschichte nicht längst auswendig.

So kommt Frieden ins Herz zurück. Und Freude. Still und federleicht. Vielleicht nicht so bunt wie damals, aber genauso ersehnt.

Nicht jeder hat so ein Glück. Manche sehnen sich, bitten den Himmel vergeblich. Anna und Hilde sind Glückskinder. Den Glücksvogel fingen sie einst zwar nicht, aber ihr Glück erkannten sie. Sie wussten früh, was es für eine Frau bedeutet. Bei jeder ist es anders sie haben ihres gefunden. Hauptsache, die Kinder sind gesund der Rest kommt, wenn man sich Mühe gibt.

Auch Hilde hat gekämpft. Fast hätte sie keine Kinder bekommen. Mit ihrem Mann hat es nicht geklappt. Doch sie liebten sich so sehr, dass selbst die Nachbarinnen staunten. Immer zusammen, immer ein Team. Andere klagten über ihre Männer, aber Hilde schwieg zufrieden. Nicht, weil sie nicht teilen wollte, sondern weil es nichts Schlechtes zu erzählen gab.

Sie lebten harmonisch.

Anna glaubte früher, sowas gäbe es nicht. Dann traf sie Johann. Und einen Blick auf Hilde genügte, um zu sehen, was Liebe ist.

Auch in Hildes Familie war nicht alles einfach: Ihr Mann Paul hatte sieben Tanten! Noch zwei leibliche Schwestern beide anstrengend. Ständig wollten sie alles wissen: wohin sie gingen, was sie einkauften Immer mischten sie sich ein. Und Hilde war angeblich nie richtig. Nicht so aufgestanden, nicht freundlich genug gegrüßt.

Nur Hildes Schwiegermutter Maria war ein Schatz. Die einzige, die sie von Anfang an aufnahm und nie tadelte. Wieso ihre eigenen Töchter so zänkisch waren, wusste niemand. Den Sohn hatte sie jedenfalls gut erzogen.

Maria war sanft zu sanft. Konnte niemandem etwas abschlagen, wusste nicht zu schimpfen. Sogleich flossen Tränen. Hilde hatte Mitleid, nannte sie fast von Anfang an Mama.

So waren alle miteinander verbunden.

Es gab großen Aufruhr, als Pauls Mutter ihre Wohnung verkaufte und in die Nähe des Sohns zog. Die Töchter protestierten heftig. Mit Hilde wollte Maria nicht zusammenziehen, obwohl Paul das vorschlug. Sie kaufte eine eigene kleine Wohnung im Nachbarhaus wollte niemandem zur Last fallen.

Von Hildes und Pauls Plänen wusste sie längst. Sie sagte nie ein Wort zur Verwandtschaft.

Sie wusste, wie schwer es ist, Frieden in der Familie zu bewahren. Sie hatte es erlebt, als ihr Mann sie mit drei Kindern nahm und verließ. Er half zwar, aber was ist das für ein Leben, wenn der Liebste einen so sitzen lässt, ohne Erklärung? Später redeten sie. Hilde half dabei. Sie sah, wie sehr Maria litt. Auch wenn viele Jahre vergangen waren, heilt so ein Herz schwer. So viele Jahre mit einem Menschen und dann geht er einfach?

Und der Grund? Eine neue Liebe die offenbar im Kopf ihres Exmannes von der alten Liebe nichts wegnahm. Ein Sultan musste er sein!

Natürlich weigerte sich Maria, im Harem zu leben. Aber sie fand zu sich. Dank Hilde. Sie baute ihr Leben neu auf.

Maria half Hilde und Paul, einen Sohn zu bekommen. Sie wechselte von der Klinik in die Geburtsstation, suchte dort ihr Enkelkind aus.

Sie überlegten und machten alles mit Bedacht. Ohne Maria hätten sie es nicht geschafft. Wie hätte man es der Verwandtschaft erklären sollen, dass sie fast ein Jahr weg waren? Sie zogen mit dem Kind und kamen zurück. Woher das Kind kam und ob Hilde selbst geboren hatte das erklärte sie nicht. Anna wusste: Das war das erste Mal, dass Hilde klare Grenzen zog. Die Verwandten schimpften, aber als sie sahen, wie sehr Maria ihren Enkel liebte, akzeptierten sie das. Sie war eben die Oma.

Die schwierigen Schwägerinnen hatten ihren Verdacht, aber wagten nun nichts mehr. Nicht wegen Hilde sondern wegen Maria, die plötzlich eine klare Kante zeigte: Lippen schmal, Telefon aufgelegt. Wo war ihre Sanftheit?

Sie war da! Aber sie wusste, ein Kind in Not braucht noch mehr Liebe. Sie gab alles. Übernahm das Wickeln, half Hilde um die Familie zu erhalten. Und welche Frau versteht das nicht?

So lebte Hilde mit Mann und Sohn. Und Anna ebenso in ihrer eigenen Familie.

Es war gut!

Die Freundinnen verreisten gemeinsam, ihre Kinder spielten zusammen. Die Türen standen offen wer will schon immer Schlüssel umdrehen? Aber sie passten auf, dass die Geschichte mit dem Glücksvogel sich nicht wiederholte.

Dann verstarb Johann, eine Lücke und Trauer blieben. Nach Jahren traf es Paul ganz plötzlich: Thrombose. Obwohl Arzt, übersehen. Hilde verzweifelte. Nun war es Anna, die zur Seite stand.

Du hast deinen Sohn, Hilde! Deine Eltern! Maria! Du darfst nicht so traurig sein. Wer hält jetzt alles zusammen, wenn nicht wir? Was würde Paul sagen, wenn er dich so sähe? Er liebte dich mehr als sich selbst. Gib seine Liebe nicht her! Das ist nicht richtig, Hilde! Paul hätte das so nicht gewollt

Ob die Worte halfen oder die Verantwortung, irgendwann stand Hilde wieder auf und lernte, weiterzuleben. Und bewahrte ihre Liebe, so gut sie konnte.

Ihr Sohn Thomas studierte, wurde Offizier. Er ist in der Welt unterwegs, aber vergisst sie nicht. Bringt die Enkel, mindestens zwei Mal im Jahr. Wenn nicht er, dann seine Frau Laura, mit der Hilde sich blendend versteht. Gute Schwiegermutter-Schule bei Hilde! Sie zog die richtigen Schlüsse, akzeptierte den Sohns Lebensweg.

Natürlich gab es Fragen: Thomas brachte nicht nur eine Frau mit, sondern auch deren Kind aus erster Beziehung mit. Der Vater hatte Laura im Stich gelassen, als sie im sechsten Monat war. Und gut, dass er später zustimmte, dass Thomas das Kind adoptieren durfte.

Und Hilde? Sie schob Thomas sanft zur Seite, als er Laura das erste Mal vorstellte, griff ohne Zögern das zweijährige Kind auf den Arm:

Hallo, ich bin deine Oma Hilde! Möchtest du einen Keks? Nein? Vielleicht liegt unter der Tanne schon ein Geschenk vom Christkind. Ich hab es gesehen! Komm, wir schauen mal!

Was braucht es, um eine Mutter glücklich zu machen? Nicht viel. Akzeptiere ihr Kind und du hast einen Menschen gewonnen, der dir das Herz schenkt.

Hilde hatte das verstanden und setzte es um.

Deshalb zählt Laura heute auch als Tochter, und Hilde alle Enkel dazu, den ältesten sowieso, der ihr zwar nicht blutsverwandt, aber ihr Herzenskind ist.

Hilde, wann fahren wir wieder auf unser Schrebergarten-Grundstück? Es ist schon warm! Anna legt den Kopf in den Nacken und sucht in der Dämmerung die ersten Kirschblüten über sich.

Am Wochenende! Noch Fenster putzen, dann geht’s los.

Stimmt ja, Ostern ist dieses Jahr früh. Zeit für den Frühjahrsputz!

Ja, und ich muss noch fürs Essen sorgen.

Kommen deine Kinder vorbei?

Für zwei Tage, auf der Durchreise. Der Älteste will sich in Berlin umsehen, wegen der Uni. Jetzt schauen sie nur kurz vorbei, auf dem Rückweg bleiben sie länger. Vielleicht lassen sie die Kleinen bei mir für ein paar Wochen schauen wir mal, noch ist nichts entschieden. Und deine?

Meine erst im Sommer. Die sind jetzt in der Schule, nicht mehr im Kindergarten, deshalb haben sie erst Ferien, wenns richtig Sommer ist. Muss ich mich gedulden.

Nur noch sechs Wochen!

Mir kommt das ewig lang vor

Das ist immer so, wenn du auf etwas Schönes wartest. Die Zeit zieht sich, zieht sich und dann ist sie auf einmal um, ganz schnell. Aber weißt du was, Annchen?

Was?

Für so einen Moment würde ich alles geben. So klein wie er ist, lebt man davon, sammelt die Freude wie Perlen auf einer Kette. Glück ist so. Es ist selten viel, aber es ist nur dann wenig, wenn man es nicht erkennt.

Das stimmt! Erinnerst du dich, wie wir den Glücksvogel gesucht haben?

Klar erinnere ich mich! Hilde lacht und verschränkt die Hände vor der Brust. Ich konnte eine Woche kaum sitzen, so sehr hatte sich meine Mutter erschrocken, da hat Papa durchgegriffen. Aber dir gings genauso!

Ja, ja! Aber weißt du, was, Hilde?

Was?

Ich glaube, den Glücksvogel haben wir damals doch schon erwischt. Wir haben es bloß nicht gemerkt. Die ganze Zeit war er bei uns. Sonst hätten wir all das nicht bekommen, um das so viele Frauen bitten: diese Familien, solche Ehen, wundervolle Kinder und die Enkelkinder erst! Willst du sagen, wir sind nicht glücklich?

Doch, du hast recht! Und unser Vögelchen darf ruhig nochmal mit den Flügeln schlagen und mit dem schönen Schwanz wedeln. Dass die auch glücklich werden, die wir liebenDa flattert tatsächlich im Kirschbaum ein kleiner Spatz auf, hopst von Zweig zu Zweig, schüttelt Blüten ab, so dass ein paar weiße Schneeflocken auf Annas Knie tanzen. Anna schaut nach oben, kneift die Augen zu, lacht herzlich.

Siehst du, Hilde! Da ist er doch, unser Glücksvogel! Nur eben ein ganz gewöhnlicher. Kein Pfau. Aber dafür immer da.

Hilde schaut auch, ihre Augen glänzen träumerisch im letzten Licht des Tages.

Vielleicht sind die gewöhnlichen Vögel die glücklichsten. Und wir, die sie sehen.

Sie sitzen schweigend, bis die Dämmerung sich lila über den Hof legt, und lauschen dem ersten Lied in der warmen Frühlingsnacht. Annas Katze Mieze schleicht heran, springt leise auf die Bank und rollt sich zwischen ihnen ein. Für einen Moment scheint es, als hielte die Zeit den Atem an alles ist einfach, friedlich, genau so richtig.

Dann greift Anna nach Hildes Hand. Und im Schweigen, das voller alter Geschichten und neuer Träume ist, wissen sie beide: So lange sie einander haben, wird das Glück immer einen Platz auf ihrer Bank finden.

Und wenn morgen ein Kind im Hof einen Vogel fangen will, werden die beiden alten Freundinnen nur lächeln und sich heimlich zublinzeln denn sie wissen, das Glück fliegt nirgendwohin. Es sitzt zwischen ihnen, ganz nah.

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Homy
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