Also, diese Tür ist nicht für dich: eine Geschichte von Liebe, Verrat und Erbe
Lena wollte gerade ins Bett gehen, als es unerwartet an der Tür klopfte. Widerwillig warf sie sich einen Morgenmantel über, ging hin und öffnete. Da stand er ihr Ex-Mann, Markus.
Du?, fragte sie überrascht und kniff die Augen zusammen. Was willst du?
Wir müssen reden. Kann ich reinkommen?, sagte er mit einem aufgesetzten Lächeln. Immerhin bin ich hier kein Fremder.
Lena trat unwillig einen Schritt zurück. Markus kam herein, ging ins Wohnzimmer, setzte sich aufs Sofa und schaute sich um.
Scheint, als hätte sich nichts geändert, murmelte er. Keine Renovierung, kein bisschen Gemütlichkeit. Als wäre die Zeit stehen geblieben.
Mir gefällts so. Bist du gekommen, um alles zu kontrollieren? Oder willst du vielleicht Farbe und Putz sponsern?
Sie hatte längst keine Angst mehr, direkt mit ihm zu sein. Früher ja, da hatte sie es ertragen, runtergeschluckt, zu seinen Kommentaren geschwiegen. Aber jetzt? Wozu? Sie waren längst Fremde, wenn nicht sogar Feinde. Und ihre Tochter, Sophie, war schon erwachsen lebte ihr eigenes Leben und sprach kaum noch mit den Eltern.
Riecht gut, wechselte Markus abrupt das Thema. Kochst du? Ladest du mich ein?
Lena lachte innerlich. Sie wusste, dass er sich vor ein paar Monaten von seiner neuen Frau getrennt hatte derselben Johanna, für die er die Familie vor anderthalb Jahren verlassen hatte. Familienspiele
Dieser Abend hatte sich in ihr Gedächtnis gebrannt. Markus war von der Arbeit gekommen und hatte still seine Sachen gepackt.
Ich gehe. Ich hab schon lange was mit einer anderen. Du wusstest es, hast aber so getan, als würdest du nichts sehen. Ich habe genug.
Damals war Lena wie erstarrt, konnte es nicht glauben. Aber sie hatte es gewusst. Johanna, die zwanzigjährige Praktikantin aus seinem Büro, hatte ihn in ein paar Wochen um den Finger gewickelt. Lenas beste Freundin, die in derselben Firma arbeitete, hatte ihr alles erzählt. Aber sie, ihren Stolz runterschluckend, hatte beschlossen, die Familie nicht wegen einer kurzen Affäre zu zerstören. Sie hatte geglaubt, es würde vorübergehen. Es ging nicht vorbei.
Markus war gegangen, hatte eine Wohnung gemietet und die Scheidung eingereicht. Als ehrlicher Mann hatte er auf seinen Anteil an der gemeinsamen Wohnung verzichtet.
Bleib du mit Sophie hier. Ich brauche nichts. Familienspiele
Lena hatte Nächte lang geweint. Sie hatte versucht, ihn zurückzuholen. Doch er blieb kalt und selbstzufrieden.
Endlich bin ich verliebt, hatte er geantwortet. Das ist echt. Bei uns war nur Leere.
In dieser schweren Zeit hatte nur ihre Schwiegermutter, Helga Schmidt, zu ihr gehalten. Sie war schon krank, und Lena hatte geholfen, wo sie konnte: bei Ärzten, im Haushalt, in der Apotheke. Markus tauchte selten auf er hatte eine neue Familie.
Helga Schmidt hatte Lena offen unterstützt. Sie war von ihrem Sohn enttäuscht, wollte ihn nicht mehr sehen. Dann starb sie. Lena war bis zum letzten Atemzug bei ihr, organisierte die Beerdigung. Markus erschien nur zur Trauerfeier.
Zwei Wochen nach der Beerdigung erfuhr sie vom Testament. Die Mutter hatte die Wohnung nicht ihm, sondern Lena hinterlassen. Familienspiele
Du hast dich bei ihr eingeschmeichelt! Hast ihr Essen gebracht, dich als Heilige aufgespielt! Schauspielerin!, hatte Markus damals geschrien.
Lena schwieg. Die Entscheidung war Helgas gewesen. Sie wandte ihren Blick zum Fenster, wo sich das fahle Mondlicht spiegelte, und begriff, dass sie endlich frei atmen konnte.




