Liebes Tagebuch,
ich wurde heute früh aus dem Schlaf gerissen, und das an einem Sonntag. Es war gerade mal sieben Uhr, als das Telefon schrillte. Kaum hatte ich abgenommen, hörte ich schon Frau Hildegard Schuster aufgebracht rufen: Herr Hauptmeister Weber, kommen Sie bitte sofort! Ich halte das nicht mehr aus!
Ich hatte noch verschlafene Augen und spürte, wie ein weiterer langer Tag auf mich wartete. Doch wie immer blieb ich äußerlich ruhig, denn der Beruf verlangt das von einem. Guten Morgen, was gibt es denn? fragte ich, während ich einen Blick auf die Küchenuhr warf.
Hildegard redete schon aufgebracht weiter: Sie fragen noch, was los ist? Die Nachbarn über mir ihr Hund kläfft die ganze Nacht und den ganzen Morgen! Mein Blutdruck macht das nicht mehr mit! Ich brauche Ruhe, verstehen Sie? Sie schimpfte weiter über die Familie Klose, die seit Tagen laute Partys feierte. Ich konnte sie kaum beruhigen.
Na gut, dachte ich also wieder im Einsatz in meinem Revier in Hamburg-Barmbek, auch an meinem freien Tag. Ich war gerade erst vor vier Wochen aus Heidelberg in diese Ecke von Hamburg versetzt worden und kannte längst noch nicht alle Eigenheiten der Bewohner. Aber von Hildegard Schuster hatte ich schon am ersten Tag erfahren, dass sie immer alles wusste und kein Blatt vor den Mund nahm.
Als ich dann durch den kühlen Morgen zu ihrem Haus lief, ließ ich meine Gedanken schweifen. Dieser Job verlangt mehr als pünktliches Erscheinen und Formulare. Ich bin der Kummerkasten des Viertels Zuhörer, Streitschlichter und Kummerbewältiger in einer Person. Sonntagsruhe gibt es da nicht. Aber ich habe mir meine Berufung ja selbst ausgesucht, und Ruhe finden wir nur im Traum, wie Rilke es so schön schrieb.
Vor ihrem Altbau stand Hildegard bereits mit ihrem beigen Wollmantel und fixierte mich mit entschiedener Miene. Gott sei Dank! Endlich! Die machen mich hier krank, Herr Weber! Wissen Sie, was da los ist?
Ich hörte mir ihre Klagen an: Die Nachbarn hätten seit dem Einzug des Enkels von Frau Klose Niklas Klose, um genau zu sein keine Rücksicht mehr auf andere genommen und jetzt auch noch einen Hund angeschleppt, der Tag und Nacht jault. Und aus dem Obergeschoss dröhne laute Musik, viel zu auffällig für ein Mietshaus im Norden Hamburgs.
Nachdem ich sie bestärkt hatte, in ihre Wohnung zurückzugehen, machte ich mich an die Arbeit. Ich war gespannt, diesen besagten Niklas nun endlich kennenzulernen schließlich hatte Hildegard bereits mehrfach betont, dass man auf ihn achten müsse.
Als ich im vierten Stock ankam, drang laute Musik und Hundejaulen durch die Wohnungstür. Ich klopfte dreimal kräftig. Nichts. Erst, als ich die losen Klingeldrähte berührte, erscholl ein ohrenbetäubender Summton. Kurz darauf riss Niklas die Tür auf, wollte mir wie ich schon befürchtet hatte unverschämt begegnen, verstummte aber sofort, als er meine Uniform sah.
Guten Morgen, Polizei Hamburg. Gegen Sie liegt eine Beschwerde von den Nachbarn vor, erklärte ich sachlich und trat ein.
Im Flur kauerte ein zotteliger Welpe, offensichtlich verängstigt. Niklas wollte gerade loslegen: Die Alte spinnt doch, wir machen gar nichts, sitzen mit einem Kumpel in der Küche
Ich war aber schon bei dem Hund. In dem Moment, als Niklas den Welpen grob am Nacken packte, schritt ich ein und legte meine Hand bestimmt über sein Handgelenk. Fassen Sie Tiere nie grob an!, sagte ich scharf.
Sein Freund tauchte in diesem Moment im Flur auf, und die Situation wurde für die beiden sichtlich unangenehm. Ich nahm den Hund an mich. Nach kurzem Disput mit den beiden, in dem sie behaupteten, das Tier vor drei Tagen aufgelesen zu haben, teilte ich ihnen in klarem Ton mit: Die Party ist hiermit beendet, und der Hund bleibt vorerst bei mir. Morgen, zwischen acht und zwölf Uhr, können Sie ihn auf der Wache am Stadtpark abholen. Bei weiteren Beschwerden: Gewahrsam für 15 Tage!
Entschlossen lief ich mit dem Welpen die Treppen hinunter. Draußen wartete schon Hildegard voller Erwartung. Haben Sie das geregelt, Herr Weber? Ruhe ist vorerst gesichert, antwortete ich knapp.
Danach brachte ich den kleinen Racker ich taufte ihn spontan auf den Namen Bruno zu mir in den Streifenposten am Stadtpark. Auf dem Weg kaufte ich ihm im nahen Fressnapf Futter und einen Napf. Es war zwar nicht billig, aber was tut man nicht alles, wenn man für ein Lebewesen Verantwortung übernimmt
Am nächsten Morgen sah mein Büro aus wie ein Tornado Papierfetzen, umgeworfene Stühle… Bruno hatte die Nacht zum Tag gemacht. Ich fegte schnell durch, ehe sich jemand beschweren konnte.
Die Tage vergingen, aber weder Niklas noch sein Freund wollten ihren Hund zurück. Haben sie es vergessen? War es ihnen egal? Nach einer Woche wurde ich etwas unsicher sollte ich Bruno ins Tierheim bringen? Würde Niklas doch noch auftauchen und Ärger machen?
Wieder begegnete ich Hildegard vor dem Haus: Und, wollen Sie nicht einen Hund? Herr Weber! In meiner Wohnung? Mit Bluthochdruck? Sie winkte lachend ab, während ich seufzend weiterzog. Bruno wohnte weiterhin bei mir im Postenraum, und eine Veränderung trat ein, mit der ich nie gerechnet hätte: Ich wurde langsam richtig froh, nicht mehr allein zu sein.
Natürlich führte das Tier auch zu neuen Problemen besonders als mein Vorgesetzter, Herr Oberkommissar Brandt, überraschend zur Kontrolle kam. Er trat voll in eine Pfütze und Bruno bellte ihn aus seinem Revier… Die Standpauke war ordentlich, und ich zog am selben Abend mit dem Hund bei mir in die kleine Dienstwohnung ein.
Doch auch dort war das Chaos bald groß. Nachbarn beschwerten sich: Herr Weber, können Sie bitte was gegen das Hundegekläffe tun? Also ließ ich Bruno nie mehr allein. Von da an gingen wir gemeinsam Streife, Bruno wurde schnell eine kleine Legende, und all die Stamm-Trinker am Stadtpark zogen den Respekt vor uns besonders vor Bruno, der den Geruch von Hochprozentigem gar nicht leiden konnte.
Eines Abends auf dem Rückweg aus dem Rewe hörte ich einen markerschütternden Schrei einer Frau. Sofort raste Bruno los, ich ihm mit den Einkaufstüten hinterher. Hinter einer Plattenbauecke stand eine weinende Frau, Sabine war ihr Name, wie ich später erfuhr. Sie haben meine Tasche gestohlen! Alles ist weg Lohn, Schlüssel, Handy!
Ich schnappte mir Brunos Leine und wir folgten ihrer Beschreibung und ja, mein Hund schnüffelte zielstrebig Richtung stillgelegte Baustelle. Dort, zwischen den Garagen, fanden wir zwei junge Männer und zu meinem Erstaunen: Niklas und sein Kumpel. Oh, Herr Hauptmeister!, grinste Niklas und zückte sogleich ein Messer. In Sekunden war die Lage brenzlig, die beiden rückten auf mich zu. In letzter Sekunde sprang Bruno aus dem Schatten und stellte Niklas. Ich konnte die beiden Täter gemeinsam mit Bruno überwältigen.
Danach brachte ich Sabine ihre Tasche zurück. Sie konnte vor Erleichterung kaum sprechen und bedankte sich überschwänglich bei Bruno und mir. Sogar einen selbstgebackenen Apfelkuchen brachte sie am nächsten Tag zur Wache mit.
Niklas und sein Komplize wurden für die ganze Einbruchserie verurteilt und vor Gericht gestellt. Für mich gab es vom Chef eine Anerkennung, und tatsächlich einen kleinen Bonus, 250 Euro extra.
Aber das Schönste: Mit Sabine einer warmherzigen, klugen Frau entstand langsam eine zarte Freundschaft. Auch sie hatte niemanden, und so wuchs aus zwei Einsamkeiten etwas Neues, und Bruno, daran habe ich keinen Zweifel, fand das absolut in Ordnung.
Manchmal, wenn ich mit Bruno am Alsterufer spazieren gehe, denke ich: Es kommt eben immer anders, als man plant. Die große Liebe habe ich vielleicht nicht gefunden aber einen treuen Freund und ein bisschen familiäres Glück dafür allemal.
Man muss dankbar sein und ich bin es.
Dein
Bernd WeberUnd so schreibe ich heute Abend die letzten Zeilen dieses verrückten Kapitels: Bruno liegt zusammengerollt zu meinen Füßen, während Sabine fröhlich in der Küche zwei Becher mit Tee füllt. Von draußen klingt das gedämpfte Hupen der Busse, das Leben in Barmbek geht seinen Gang. Es ist keine große Stille, wie sie der Dichter meinte, aber es ist eine neue Sorte Sonntagsruhe, laut und leise zugleich.
Als Sabine mir den Becher reicht, lacht sie: Na, Herr Hauptmeister, wie fühlt es sich an, ein Held zu sein? Ich antworte lächelnd: Die wahren Helden kläffen und schnüffeln und stehlen manchmal Wurstsemmeln vom Tisch. In diesem Moment springt Bruno auf und schnappt sich eine halbe Leberwurststulle und Sabine und ich lachen, als wäre das Glück etwas ganz Einfaches.
Vielleicht ist es das sogar. Dies ist mein kleines Stück Zuhause geworden, mitten im Nordwind, unter Menschen, die ich inzwischen fast alle beim Vornamen kenne. Vielleicht weckt mich morgen früh wieder das Telefon, vielleicht gibt es Ärger und Trubel. Aber mit Bruno an meiner Seite und Freunden, die bleiben, habe ich endlich gespürt: Man findet mehr als Ordnung man findet Zugehörigkeit.
Danke, Liebes Tagebuch, dass du alles ausgehalten hast genau wie ich.
Bis zum nächsten Abenteuer.
Dein Hauptmeister Weber



