Ich habe auch kaum Luft bekommen
Thomas verkündete es an einem Sonntagabend, als Annegret gerade fein säuberlich gebügelte Hemden nach Farben sortierte. Er trat ins Schlafzimmer, setzte sich auf die Bettkante und sagte es so nüchtern, als würde er den tropfenden Wasserhahn erwähnen.
Anne, ich bekomme keine Luft mehr.
Sie hob den Kopf nicht. Legte ein Hemd ab, griff zum nächsten.
Wovon?
Von allem. Von dieser ewigen Routine. Jeden Tag das Gleiche. Aufstehen, Frühstück, ins Büro, zurück, Essen, schlafen. Wieder von vorn. Und immer weiter so.
Annegret strich geduldig die Manschetten glatt, ordnete den Kragen. Sie war einundfünfzig, Thomas dreiundfünfzig. Seit sechsundzwanzig Jahren lebten sie in derselben Wohnung in der Lindenstraße. Ihren Sohn Alexander hatten sie gemeinsam großgezogen, der wohnte nun schon seit fünf Jahren in München und rief zu Weihnachten oder an Geburtstagen an.
Was schlägst du vor? Ihr Ton war ruhig.
Ich möchte ausziehen.
Nun stockte sie. Nicht vor Schreck sie schaute ihn so an wie man jemanden ansieht, von dem man längst so etwas erwartet hatte.
Wohin ausziehen?
Eine Wohnung mieten. Allein sein. Durchatmen.
Gut, sagte Annegret und nahm das nächste Hemd.
Thomas hatte wohl mit einer anderen Reaktion gerechnet. Er beugte sich etwas vor.
Willst du gar nichts dazu sagen?
Was soll ich sagen? Du bist erwachsen, Thomas. Wenn du gehen willst, geh.
Gibts kein Drama?
Sie legte das Hemd zusammen, legte es auf den Stapel, sah ihn diesmal direkt an.
Nein. Aber ich habe eine Bedingung.
Welche?
Ruf mich nicht an wegen Kleinkram. Wo dies liegt, wie das funktioniert, wo ich jenes hingetan habe. Wenn du gehst, regle es selbst.
Er schwieg.
Das ist alles?
Das ist alles.
Thomas wusste nicht recht, was er mit dieser Antwort anfangen sollte. Er hatte mit Tränen gerechnet, Vorwürfen, vielleicht, dass sie ihn am Ärmel festhalten würde und von der gemeinsamen Zeit und Alexander reden würde. Er hatte sich sogar schon Ausreden zurechtgelegt. Doch sie stand einfach da und bügelte gelassen weiter.
Gut, sagte er schließlich. Dann packe ich meine Sachen.
Pack ein.
Er ging in die kleine Abstellkammer und stand erst eine Weile da, starrte die Regalbretter an. Dann legte er Jeans, T-Shirts und Socken in die Sporttasche. Rasierer, Handy-Ladekabel, das Buch, das er eh ein halbes Jahr nicht angerührt hatte. Im Flur angekommen, polterte aus der Küche das Geräusch von Töpfen Annegret war inzwischen am Spülen.
Ich geh dann, rief er zur Küche.
Viel Glück, kam es zurück.
Die Tür fiel ins Schloss. Auf dem Treppenabsatz wartete er kurz. Nichts. Keine eilenden Schritte, kein Rascheln. Ruhe.
Er drückte auf den Knopf für den Aufzug.
***
Die Wohnung hatte er in zwei Tagen über einen Bekannten gefunden. Ein kleines Einzimmerapartment im benachbarten Stadtteil, vierter Stock, mit Blick in den Innenhof. Der Eigentümer, ein älterer Herr mit buschigen Schnauzer, zeigte ihm rasch die Zimmer, nahm die Miete für zwei Monate im Voraus in bar knapp 1.500 Euro , dann verschwand er. Das Apartment hatte ein Schlafsofa, einen Tisch, zwei Stühle, einen altmodischen Kühlschrank und einen Gasherd. Senfgelbe Gardinen hingen am Fenster.
Thomas stellte die Tasche ab, setzte sich aufs Sofa und schaute sich um.
Absolute Stille. Niemand tappte in einem anderen Zimmer, niemand, der den Fernseher anschaltete oder ihn zum Essen rief. Er legte sich auf den Rücken, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und dachte: So. Das ist jetzt also Freiheit.
Die ersten beiden Tage waren fast angenehm. Er stand auf, wann er wollte, aß, worauf er Lust hatte, oder vielmehr das, was er aus dem REWE mitgebracht hatte. Lief in Socken durch die Wohnung, ohne sich zu erklären. Am Abend rief er seinen alten Freund Michael an, sie plauderten lange, Michael lachte: Richtig so, Thomas, das hättest du schon vor Jahren machen sollen.
Am dritten Tag gingen ihm die Socken aus.
Er betrachtete die Waschmaschine im gekachelten Minibad. So ein kleines, rundes Modell. Er öffnete und schloss mehrmals die Klappe, suchte das Waschmittel. Der Eigentümer hatte was von einem Schrank unter dem Waschbecken gesagt. Er fand ein kleines Paket, auf Deutsch stand Für Weißes und Buntes darauf. Er kippte was in ein Fach, das hoffentlich das richtige war, wählte ein Programm und drückte Start.
Die Trommel brummte.
Eine Stunde später holte er die Socken heraus. Klitschnass, leicht rosa. Da wusste er noch nicht warum, erinnerte sich dann: Er hatte ein neues rotes T-Shirt mit in die Maschine gestopft.
Die Socken hängte er auf die Heizung. Sie brauchten bis zum nächsten Abend.
Am vierten Tag wollte er endlich richtig kochen. Im Supermarkt kaufte er Hähnchenbrust, Kartoffeln, Zwiebeln. Im Schrank fand er eine Pfanne mit abblätternder Beschichtung. Öl rein, Pfanne auf die Flamme. Das Fett zischte laut, er warf das rohe Filet ungeschnitten hinein, es klebte sofort an. Kartoffeln schälte er langsam, ungleichmäßig, die Hälfte landete im Müll. Die Zwiebel trieb ihm Wasser in die Augen.
Am Ende lag etwas Zähes, Außen Braunweißes und Innen noch halbroh auf dem Teller.
Die Hälfte aß er, der Rest wanderte in den Müll. Er bestellte Essen aus der Dorfkneipe.
Nach einer Woche rechnete er zusammen, was er für Lieferessen ausgegeben hatte. Es war fast so viel, wie sie bei Annegret monatlich für den Einkauf ausgaben. Er nahm sich vor, sich zusammenzureißen. Kocht Grießbrei. Der wurde akzeptabel. Das beruhigte ihn kurz.
Doch insgesamt schnürte ihn der Alltag immer mehr ein. Langsam, aber unaufhaltsam, wie ein steigendes Hochwasser.
***
Der Durchbruch kam am zehnten Tag.
Thomas stand unter der Dusche und merkte plötzlich, wie das Wasser sich am Boden sammelte. Er stellte ab die Pfütze wich nicht. Er stochert mit dem Zeh am Abfluss, Wasser steht weiter.
Irgendwo im Hinterkopf tauchte das Wort Siphon auf. Annegret hatte das hin und wieder benutzt, den Siphon durchspülen, sonst bleibt das Wasser stehen. Er hatte dann genickt und es ignoriert.
Thomas hockte sich hin, schaute unter die Badewanne. Rohr, ein Rohr, dann ein weißes Plastikteil. Er griff danach es ging spielend leicht ab, sofort strömte eine Flut eiskalten, trüben Wassers auf den Fliesenboden.
Thomas sprang auf, rutschte aus, riss das Handtuch von der Stange, das fiel und saugte sich voll. Er versuchte, das Verbindungsstück wieder festzudrehen doch das Wasser strömte weiter, fraß sich bis zum Badvorleger, der triefend nass war.
Barfuß tappte er, tropfend, in den Flur, suchte das Handy, googelte hektisch, wie man das Wasser abstellt. Dann fiel ihm ein, was der Eigentümer zum Absperrhahn unter der Spüle gesagt hatte. Er rannte in die Küche, fand das Ventil, schloss es. Das Wasser stoppte.
Das Bad glich einer Szene nach einem kleinen Hochwasser. Nasses Handtuch, nasser Vorleger, nasse Fliesen. Aus dem Siphon tropfte es noch.
Thomas setzte sich im Flur auf die Fliesen, in nasser Unterhose, und starrte die Wand an.
Der erste Gedanke war ein Reflex: Annegret anrufen, die weiß, was zu tun ist. Er griff schon zum Handy, wollte schon auf ihren Kontakt drücken. Dann erinnerte er sich an ihre Stimme: Keine Anrufe wegen Alltagssachen.
Er legte das Handy wieder weg.
Geschlagen rief er Michael an.
Du, Michael, weißt du, wie man einen Siphon repariert?
Wer, ich? Im Hintergrund Lärm, Michael war wohl unter Leuten. Nein, ich rufe immer den Handwerker. Ich geb dir eine Nummer, mein Klempner ist super.
Am nächsten Tag kam der Klempner. Schraubte ein bisschen, wechselte eine Dichtung. Nahm für fünfundsiebzig Euro sein Geld und war nach fünfzehn Minuten fertig.
Ist das der normale Preis? fragte Thomas am Ende.
Klar doch, sagte der Handwerker ohne Regung und verschwand.
Thomas dachte: Annegret hatte nie für solchen Kleinkram den Installateur geholt. Sie hat das selbst gemacht irgendwo Ersatzdichtungen gekauft, geschraubt, organisiert. Wann und wie, wusste er nie. Das war halt einfach immer erledigt, wie das Wetter draußen.
***
Währenddessen kam Thomas eine Idee, die ihm stimmig erschien.
Er rief Claudia an. Sie kannten sich von vor zwanzig Jahren, bevor er Annegret kennenlernte. Claudia war seit sieben Jahren geschieden er wusste es von gemeinsamen Bekannten. Sie hatten sich lange nicht gesehen.
Claudia, hier ist Thomas Faber.
Thomas? Sie klang überrascht, aber nicht abweisend. Das ist ja eine Ewigkeit her.
Ich… wohne gerade allein. Dachte, vielleicht könnten wir mal essen gehen.
Sie zögerte.
Allein von wem?
Von meiner Frau.
Getrennt?
Noch im Prozess.
Verstehe, ihr Ton wurde vorsichtiger. Lass uns mal treffen, warum nicht.
Sie trafen sich in einem Café in der Innenstadt. Claudia kam im schicken Mantel, sportlich, kurze Haare. Sie sah gut aus. Sie nahmen ein Glas Wein und redeten über gemeinsame Freunde. Irgendwann fragte sie:
Und du so? Was machst du?
Bauleitung, wie früher auch. Leiter Materialbeschaffung.
Und wo jetzt?
Wohnung in der Eichenstraße gemietet.
Schön da?
Er wollte Ja sagen, antwortete aber bloß:
Geht so. Die Waschmaschine schleudert schlecht. Und der Herd spinnt etwas.
Claudia musterte ihn mit einem Ausdruck, den er erst nicht deuten konnte. Dann verstand er: Mitleid. Kein romantisches, sondern das für einen, dem nicht so recht was gelingt.
Verstehe, sagte sie wieder.
Das Gespräch kam nicht wirklich in Gang. Sie fragte nach Alexander; er erzählte, sie von ihrer Tochter, die jetzt verheiratet war. Nach dem zweiten Glas sagte Claudia, sie müsse morgen früh raus. Am Café verabschiedeten sie sich förmlich.
Er fuhr zurück in die Eichenstraße. Kühlschrank leer, die Läden machten gerade zu, er fand eine Packung Instantnudeln im Schrank, übergoss sie mit Wasser aus dem Wasserkocher.
Claudia meldete sich nicht mehr. Er sich auch nicht.
***
Um dieselbe Zeit versuchte er, mit Michael und Lukas was zu machen. Michael schlug Freitagabend vor, aber nur bis acht, seine Frau hatte Elternabend. Lukas sagte, geht, aber Thomas soll ihn zurückfahren, er trinke nichts, weil er am Samstag zu den Schwiegereltern müsse.
Sie trafen sich zu dritt in einer kleinen Kneipe nahe U-Bahn. Tranken zwei Bier, redeten über Fußball und Arbeit. Dann fragte Michael:
Na, wie läufts so alleine?
Ganz okay, sagte Thomas.
Annegret ruft nicht an?
Nein.
Michael und Lukas schauten sich an.
Gar nicht? fragte Lukas nach.
Gar nicht.
Noch ein Blick zwischen den beiden. Michael drehte sein Glas.
Komisch. Meine würde schon dreimal am Tag kontrollieren.
Annegret ruft nicht an, wiederholte Thomas.
Entweder ein gutes Zeichen. Oder ein schlechtes, überlegte Lukas.
Wie meinst du das?
Eben, dass es ihr auch ohne dich gutgeht.
Thomas trank aus. Darüber wollte er nicht reden. Oder besser gesagt er dachte sowieso dauernd darüber nach, wollte es sich aber nicht eingestehen.
Um halb acht schaute Michael auf die Uhr, zog sich an, Lukas ebenso. Sie klopften ihm freundschaftlich auf die Schulter und gingen. Zu ihren Frauen, Elternabenden, Schwiegereltern.
Thomas blieb allein, bestellte sich noch ein Bier, saß dort bis zum Schluss.
***
Annegret fühlte in den ersten Tagen eine seltsame Sorte Leere, aber völlig anders als erwartet. Es war nicht der Schmerz über seinen Weggang, eher ein zu groß gewordener Raum. Als hätte jemand Möbel verrückt, und man weiß erst später, ob das gut war.
Am zweiten Tag rief sie ihre Freundin Gisela an.
Er ist weg, sagte Annegret.
Wie, weg? Wohin denn?
Hat sich eine Wohnung genommen. Sagt, er kriegt keine Luft mehr.
Gisela schwieg einen Moment, atmete dann tief aus.
Wie geht’s dir?
Ich bin erstaunt, wie ruhig ich bin. Ehrlich.
Weinst du?
Nein. Komisch, was?
Vielleicht kommt das noch?
Sehen wir mal.
Kurz darauf rief Judith an, die sie seit der Schwangerschaftsberatung vor 25 Jahren kannte. Judith war immer etwas schärfer in ihren Urteilen.
Gott sei Dank, sagte Judith trocken. Anne, ich hab dir das zehn Jahre gesagt.
Was denn?
Dass du das Hausmädchen spielst, nur halt ohne Lohn.
Ach, Judith…
Wann hast du das letzte Mal etwas für dich selbst gemacht?
Annegret überlegte. Eine Weile fiel ihr nichts ein.
Letztes Jahr war ich beim Friseur.
Na eben.
In der nächsten Woche überredete Judith sie zum Yoga. Zunächst sagte Annegret nein, dann überlegte sie es sich anders. Sie gingen in ein Studio um die Ecke, Annegret zog einen verstaubten Trainingsanzug aus dem Schrank, der seit Ewigkeiten dort lag, und stellte fest, dass sie völlig unbeweglich war.
Das ist normal, sagte die Trainerin, eine junge Frau im Zopf. So fangen alle an.
Nach zwei Wochen schaffte sie schon ein bisschen mehr. Ging dreimal die Woche hin. Danach gingen sie und Judith öfter in ein nettes Café, saßen dort lange, redeten. Annegret merkte, wie lange sie das nicht mehr gemacht hatte, einfach nur sitzen und reden ohne schlechtes Gewissen, weil Thomas bald heimkommt und Essen erwartet.
Abends las sie viel. Früher war das Buch auf dem Nachttisch, vor dem Einschlafen schlief sie nach 20 Seiten ein. Jetzt las sie eine Stunde, anderthalb, ohne Zeitdruck.
Einmal rief Alexander an.
Mama, Papa meint, er wohne jetzt allein.
Ja, das stimmt.
Und, wie läufts?
Unterschiedlich, sagte Annegret. Mir geht es ehrlich gesagt gut.
Alexander wurde still.
Trennt ihr euch?
Weiß ich noch nicht. Habe ich nicht drüber nachgedacht.
Bist du nicht traurig?
Ich bin überrascht. Aber nicht traurig.
Lange Pause. Alexander war schon immer einer, der Dinge langsam verdaute.
Na gut, meinte er schließlich. Ruf mich an, ja?
Mach du auch mal. Und nicht nur an Weihnachten.
***
Einmal stand Annegret in der Küche, hielt inne und blickte minutenlang aus dem Fenster.
Beim Spülen der morgendlichen Kaffeetasse schlich sich der Gedanke: Sechsundzwanzig Jahre. Das ist viel. Mehr als die Hälfte des eigenen Lebens. Es war nicht alles schlecht. Die erste, gemeinsam renovierte Wohnung, blutige Hände. Alexander als Kind, grüne Knie von der Wiese. Die Reise ans Meer vor 15 Jahren, als sie drei Tage lang lachten und sie später nicht mehr wusste, worüber aber das Lachen erinnerte sie gut.
Das alles gibt es nicht mehr nicht wirklich, es bleibt nur noch in der Vergangenheit, wie Fotos im Album.
Sie wartete, bis das Gefühl vorbei war. Nach drei, vier Minuten ging es.
Dann stellte sie die Tasse ins Regal, zog sich um und ging zum Yoga.
***
Johannes tauchte zufällig auf.
Eigentlich war es Frau Berger, die Nachbarin unter ihr, achtzig, mit erstaunlichem Gedächtnis und Hang zu halbstündigen Gesprächen im Hausflur. Sie bat Annegret, die Flurlampe zu wechseln, Sohn kommt erst nächste Woche und der Flur sei stockfinster. Annegret wechselte, trank noch einen Tee, genau in dem Moment kam Frau Bergers Sohn aber nicht der Erwartete, ein anderer, der Überraschungssohn.
Johannes, um die achtundvierzig, Bartträger, teure Jacke, müder Blick vom Arbeiten.
Mama, jetzt nutzt du schon wieder nette Leute aus, neckte er als er Annegret mit der Glühbirne sah.
Anne macht das gern, erwiderte Frau Berger würdevoll.
Johannes lächelte.
Vielen Dank. Ich hätte es auch gemacht, aber ich komme nicht auf die Idee, dass meine Mutter im Dunkeln sitzt.
Kein Problem, sagte Annegret.
Sie redeten zehn Minuten im Türrahmen. Er arbeitet auch in der Baubranche, andere Firma. Sie erzählte, dass sie Buchhalterin sei. Er bedankte sich und verschwand wieder.
Drei Tage später klingelte er bei ihr brachte seiner Mutter Lebensmittel und als Dank Pralinen für Annegret.
Ach, das wäre nicht nötig, wehrte sie ab, nahm sie aber an.
Darf ich Ihnen eine Frage stellen? fragte er dann. Ihr Mann war doch mal in der Materialbeschaffung? Ich hätte da was Geschäftliches…
Anne zögerte.
Thomas wohnt jetzt allein. Aber ich kann Ihnen seine Nummer geben.
Alles klar, meinte er, sein Gesicht ließ offen, ob er sich wunderte oder nicht. Dann belästige ich Sie nicht.
Eine Woche darauf klingelte er erneut, erzählte, dass sich alles geklärt habe, lud sie zum Kaffee ein einfach mal so, als Nachbarn. Annegret überlegte und sagte ja.
Sie gingen in ein Café die Straße weiter. Redeten über Arbeit, über Frau Berger, den geänderten Kiez. Johannes war aufmerksam, hörte gut zu, lachte manchmal über die eigenen Witze, bevor der Satz zu Ende war.
Lange verheiratet? fragte er beiläufig.
Sechsundzwanzig Jahre. Oder war es jedenfalls. Im Moment ists unklar.
Kenn ich, antwortete er einfach.
Sie mochte das.
Sie trafen sich wieder, dann nochmal. Kein Drängen, keine schnellen Vorschläge. Manchmal rief er an, fragte, wie es ihr gehe. Anne gefiel diese Unverbindlichkeit. Nach sechsundzwanzig Jahren Verpflichtung fühlte sich das an wie ein Fenster in einem stickigen Raum.
***
Unterdessen bemerkte Thomas an sich Dinge, die ihm vorher nie auffielen.
Zum Beispiel, dass er überhaupt nicht warten konnte. Früher war nie Zeit zum Warten gewesen, alles passierte irgendwie: das Essen stand da, saubere Wäsche lag bereit, wenn etwas kaputtging, war es plötzlich wieder heile. Jetzt musste er auf alles warten bis die Socken trocken, das Wasser kocht, der Handwerker kommt, bis die Erkältung rum ist, die ihn in der zweiten Woche niederstreckte, allein mit Fieber im stickigen Zimmer.
Zum Beispiel, dass er kein Frühstück in Stille kannte. Sechsundzwanzig Jahre saß beim Essen immer jemand dabei. Erst Alexander, dann ging der, dann Annegret. Redete, oder schwieg aber ein lebendiges Schweigen. Nun war es ein leeres Schweigen.
Er fing an, während des Essens den Fernseher laufen zu lassen. Das half ein bisschen.
In der dritten Woche rief er Alexander an.
Hallo, mein Sohn.
Hallo, Papa. Wie läuft’s?
Ganz gut. Wohne jetzt in der Eichenstraße.
Weiß ich, Mama hats erzählt.
Und Mama?
Kurze Pause.
Ihr geht’s gut. Sie sagt, sie geht zum Yoga, trifft Freundinnen.
Thomas musste das erstmal verdauen.
Vermisst sie mich nicht?
Papa, sagte Alexander vorsichtig, rufst du eigentlich an, um zu hören, ob Mama dich vermisst?
Nein, nur neugierig.
Sie kommt klar, Papa. Du kommst klar. Das ist doch gut.
Thomas legte auf und saß noch auf dem Sofa mit einer Stimmung, die keinen Namen hatte. Es war keine Kränkung. Eher wie das Gefühl, wenn man in einen Raum geht und nicht mehr weiß, warum.
***
Am dreiundzwanzigsten Tag begegnete er im Aufzug einer Hausnachbarin Mitte dreißig, die er manchmal im Treppenhaus gesehen hatte. Sie hieß Beate, sie nannte ihren Namen direkt.
Neu hier? fragte sie.
Vorübergehend, meinte er.
Ah, Beziehungspause?
Die direkte Art überraschte ihn.
Genau.
Kommt vor, sagte sie locker. Sie wohnen auf dem Dritten? Da war früher Herr Ulrich, der nachts gesungen hat.
Nein, auf dem Vierten. Da mit den senfgelben Gardinen.
Ach, die Wohnung von Herrn Danzer. Der vermietet immer an Einzelmänner. Mit Familien will er nichts zu tun haben.
Sie stieg im ersten Stock aus. Sie arbeitet in einer Tierklinik, hat eine Katze und Küchenkräuter am Fenster.
Einmal half er ihr, schwere Tüten die Treppe hochzuschleppen. Sie lud ihn zu Tee ein. Ihre Wohnung war ordentlich, gemütlich, duftete nach Zimt. Sie unterhielten sich. Sie war klug, freundlich, hörte ihm aufmerksam zu. Doch er dachte: Bei ihr blitzblank, bei mir stapelt sich das Geschirr.
Mehrmals trafen sie sich im Hausflur, redeten über Belangloses. Es wurde nie mehr daraus aus ihm war selbst ein halber Gedanke geworden, angesetzt, nicht vollendet.
Einmal fragte sie:
Wie lange bleiben Sie hier?
Weiß ich nicht, ehrlich.
Sie schauen aus wie einer, der noch nicht weiß, in welche Richtung das Leben geht.
Wahrscheinlich.
Das geht vorbei. Ich hab nach der Scheidung auch zwei Jahre gebraucht. Im Nachhinein frage ich mich, wofür.
Das blieb ihm lange im Kopf.
***
Am einunddreißigsten Tag ging Thomas auf den Wochenmarkt und kaufte Blumen. Nicht, weil es einen Anlass gab, sondern weil er vorm Stand stand und Chrysanthemen sah, groß, weiß, und sich erinnerte: Annegret mochte immer diese, Rosen fand sie zu aufdringlich.
Er kaufte einen großen Strauß, bezahlte, stieg in die U-Bahn Richtung Lindenstraße.
Die ganze Fahrt hielt er die Chrysanthemen. Die Leute in der U-Bahn musterten ihn manche lächelnd, manche gleichgültig. Er überlegte, was er sagen würde. Wie Annegret die Tür öffnen würde, ob sie überrascht oder erfreut wäre. Sechsundzwanzig Jahre, dachte er, das bleibt ja.
Vor der Tür drückte er auf die Klingel. Neues Namensschild, bemerkte er, neue Türkette.
Drinnen Stimmen. Erst weiblich, dann männlich.
Die Tür öffnete sich auf einen Spalt, mit Kette. Ihr Gesicht erschien. Sah den Strauß, ihre Miene blieb ruhig.
Thomas.
Anne, ich bin da.
Ich seh’s.
Ich hab dir… Er hob den Strauß.
Sie sah ihn an ohne Zorn, ohne Tränen, ohne dieses Feuer, das er erwartet hatte.
Thomas, ich mach nicht auf.
Warum nicht?
Ich habe die Schlösser gewechselt.
Ja, seh ich. Aber warum?
Hinter ihr huschte jemand vorbei, ein männlicher Schatten. Thomas folgte dem Blick.
Wer ist das?
Das geht dich nichts mehr an, sagte sie ruhig.
Anne, bitte. Ich habe einiges verstanden.
Was denn?
Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Versuchte es noch einmal.
Dass ich es mit dir gut hatte. Dass ich es nicht wertgeschätzt habe. Dass das alles ein Fehler war.
Sie war einen Moment still, sah ihn weiter an.
Weißt du, Thomas, du hast verstanden, dass du es gut hattest. Aber du hast nicht verstanden, warum es dir gut ging. Du denkst, du vermisst mich. Aber eigentlich vermisst du, dass jemand dir die Hemden bügelt.
Das ist nicht fair.
Vielleicht nicht. Aber es ist wahr.
Anne, sechsundzwanzig Jahre.
Weiß ich. Es gab gute Jahre. Aber ich will keine weiteren sechsundzwanzig.
Gibst du mir noch eine Chance?
Sie sah ihn lange an.
Willst du wissen, was das Lustige ist? Ich kann auch wieder atmen. Es ist mir erst jetzt klar geworden ich hab auch keine Luft bekommen. Habs nur nie laut gesagt.
Er stand da mit den Chrysanthemen.
Anne…
Geh nach Hause, Thomas. Ruf Alexander an, redet ein bisschen. Nicht über mich, einfach so. Ruft euch mal an.
Die Tür schloss sich leise. Schloss klackte.
Thomas stand noch einen Moment. Der Strauß hing in der Hand herab, die Blumen waren frisch, als wüssten sie nicht, was passiert war.
Es war still im Hausflur. Aus einer Nachbarwohnung drang Fernseher.
Er drehte sich um und lief zum Aufzug.
***
Er drückte den Knopf, der Lift kam schnell. Im Spiegel sah er sich: ein Mann mit Blumen, guter Anorak, leicht zerknittert, einer, bei dem etwas soeben zu Ende gegangen war. Oder etwas Neues begonnen hatte. Oder vielleicht beides.
Draußen war es schon dunkel, Laternen erleuchteten spärlich die Straße, ein paar Passanten hasteten vorbei. Thomas lief Richtung U-Bahn mit dem Strauß in der Hand.
Dann blieb er stehen.
Auf einer Bank saß eine alte Frau, fütterte Tauben mit Brötchenkrumen. Die Vögel flatterten um ihre Füße.
Thomas stellte die Chrysanthemen neben die Bank.
Nehmen Sie ruhig, wenn Sie wollen, meinte er.
Sie sah ihn an, auf die Blumen, dann wieder zu ihm.
Schöne Blumen. Niemand wollte sie?
Niemand, sagte er.
Passiert, sagte die Frau leise und widmete sich wieder den Tauben.
Thomas schlenderte weiter. Die Straße war wie immer, die Häuser standen, wie sie immer standen. Das Leben lief weiter. Irgendwo in der Stadt schloss Annegret ihre Tür und kehrte zu ihrem Abend, zu ihrem neuen Leben zurück, das dem Anschein nach ganz gut zu ihr passte.
Irgendwo fuhr Alexander heim vielleicht wäre es Zeit, ihn einfach mal anzurufen, grundlos.
Irgendwo wartete schmutziges Geschirr in einer Wohnung mit senfgelben Gardinen.
Er zog sein Handy aus der Tasche.
***
Später, schon in der U-Bahn, starrte er minutenlang ins dunkle Fensterglas, hinter dem nichts anderes zu sehen war als sein eigenes, verschwommenes Spiegelbild.
Seltsame Sache, dachte er, ohne eigentlich zu denken. Einfach seltsam.
Die Bahn fuhr weiter, Station um Station. Im Waggon Menschen junge, alte, müde, frische, mit Taschen, mit Büchern, mit Smartphones. Keiner kümmerte sich um ihn, seinen Blumenstrauß, seine sechsundzwanzig Jahre, seine geschlossene Tür.
Er stieg an seiner Station aus, ging an die Oberfläche.
Kalte Luft, leicht salzig, der erste Schnee lag in der Luft.
Er blieb kurz stehen, hob den Blick, schaute zum Himmel.
Der Himmel war ganz gewöhnlich und dunkel.
Dann ging er heim.
***
Spät in der Nacht, es war nach zwei, lag er wach und starrte die Zimmerdecke an. Die Wohnung war unverändert, die senfgelben Gardinen hielten das Laternenlicht ab, der Kühlschrank brummte. Alles wie gewohnt in diesen einunddreißig Tagen.
Da fiel ihm etwas ein.
Vor acht oder zehn Jahren waren sie bei Annegrets Eltern auf dem Land gewesen. Sie saßen abends auf der Veranda, tranken Tee, draußen dunkelte der Wald. Annegret schwieg, er auch, es war gutes Schweigen, lebendig und leicht.
Damals dachte er: So, jetzt ist es gut.
Er sagte nichts.
Nur gedacht. Und vergessen.
Jetzt lag er auf dem Sofa der Mietwohnung und versuchte, sich zu erinnern, wann er zuletzt so gedacht hatte. Es fiel ihm nicht ein.
Draußen setzte etwas wie Schnee ein noch zögerlich, die ersten Flocken.
Die Wohnung war still.
***
Am Morgen kochte er Wasser und dachte, er müsste sich endlich anständige Tassen kaufen die im Schrank hatten einen Sprung, aus denen trank es sich schlecht.
Er überlegte, Alexander anzurufen.
Er dachte an die Arbeit der Quartalsbericht stand an, er hinkte hinterher.
Dann fiel ihm Annegrets Satz ein: Sie atmet auch wieder. Sie hatte auch keine Luft bekommen.
Er hatte das nie gewusst. Oder nie für wichtig gehalten. Sie war immer da, hat immer alles gemacht. Er fragte nie, ob sie das wollte. Ob sie sich wohlfühlte. Für ihn war sie Teil des Alltags, den er als Käfig empfand dabei war es für sie einer ganz ähnlichen gewesen, nur dass sie darin saß und Hemden bügelte.
Der Wasserkessel pfiff.
Er goss sich Tee in die gesprungene Tasse, setzte sich.
Vor dem Fenster schneite es jetzt wirklich, weiß und gleichmäßig, der Schnee blieb auf dem Fensterbrett liegen.
Thomas nahm das Handy, suchte den Kontakt: Alexander.
Dann legte er es weg.
Dann nahm er es wieder hoch.
Alexander, hallo. Papa hier. Einfach so, kein Anlass. Störe ich?
Nein, Alexander war sichtlich perplex. Hallo, Papa. Alles klar.
Wie gehts dir?
Gut. Arbeite. Liegt bei euch schon Schnee?
Gerade eben hats angefangen.
Hier auch.
Sie schwiegen. Ein schönes, lebendiges Schweigen.
Papa, fragte Alexander, wie gehts dir überhaupt?
Thomas schaute zum Fenster. Draußen fiel Schnee, ganz ruhig. Noch war alles offen.
Ich finds raus, sagte er.
Ruf an, wenn du magst.
Mach ich. Du auch, nicht nur zu Weihnachten.
Abgemacht, sagte Alexander.
Sie wünschten sich alles Gute. Thomas legte das Handy weg, trank den Tee aus. Der schmeckte ganz ordentlich.
Am Fenster fiel weiter Schnee.
***
Etwa zur selben Zeit saß Annegret am anderen Ende der Stadt am Fenster. Die Kaffeetasse in der Hand, das Zimmer warm und ruhig. Johannes war schon heimgegangen, sie hatten stillschweigend vereinbart, es langsam anzugehen.
Sie dachte an Thomas. Ohne Schmerz, ohne Freude einfach wie an jemanden, mit dem man viele Jahre geteilt hat. Sie sah ihn an der Tür stehen, groß, ein bisschen verloren, mit dem Blick eines Mannes, den das Leben etwas gelehrt hat, der aber noch nicht alles begriffen hat.
Sie war nicht mehr wütend. In den ersten Tagen nach seinem Auszug merkte sie, dass sie zornig war. Das hatte sie erstaunt. Nach außen gelassen, innen wütend leise, seit langem, auf die vielen unsichtbaren und banalen Dinge. Darauf, dass er nie gefragt hat, wie es ihr dabei geht. Dass ihn die Routine erstickte, sie die Routine aber getragen hatte. Darauf, dass er Langeweile spürte, sie nie Zeit für Langeweile hatte.
Dann verschwand die Wut. Übrig blieb etwas Körperliches, Ruhiges, Festes.
Sie nahm das Handy und schrieb Gisela: Morgen Yoga? Die Antwort kam prompt: Hab nur gewartet. Ja!
Annegret lächelte, stellte ihre Tasse ab.
Auch vor ihrem Fenster fiel Schnee.
***
Am selben Abend rief Thomas den Vermieter an und fragte, ob er noch zwei Monate verlängern könnte.
Klar, antwortete der. Bitte Vorauskasse.
Thomas ging noch am selben Tag zum Haushaltswarengeschäft, kaufte anständige Tassen zwei Stück, dann, nach kurzem Zögern, noch eine dritte dazu.
Im Supermarkt kaufte er Suppengrün, Hähnchen, Kartoffeln. Das Suppenrezept hatte er gefunden vier Schritte, beim vierten: nach Geschmack salzen. Er probierte, würzte, probierte nochmal etwas viel Salz, aber die Suppe war essbar.
Er füllte sie in einen tiefen Teller, setzte sich.
Es war ruhig.
In der Stille schmeckte die Suppe ganz annehmbar.
***
Das Leben ging weiter, wie immer ohne große Ankündigung, ohne Erklärungen. Annegret ging zum Yoga, traf ab und zu Johannes, den sie mochte, der sie aber nicht drängte. Thomas wohnte weiter in der Eichenstraße, kochte, rief manchmal Alexander an, sah Michael und Lukas einmal die Woche jetzt meist ohne die Frauen.
Die Scheidung reichten sie nie ein. Nicht aus Prinzip es war schlicht zu anstrengend im Moment.
Einmal begegnete sie ihm im Supermarkt, in dem auf der Lindenstraße, in den sie jahrelang gegangen waren. Er stand am Kühlregal, studierte angespannt die Inhaltsstoffe von Buttermilch.
Sie trat von hinten an ihn heran.
Thomas.
Er drehte sich um. Sie sahen sich einen Moment an. Er wirkte nicht unglücklich, war etwas schlanker, sein Blick ruhiger, vielleicht aufmerksamer.
Hallo, Anne.
Hallo. Du siehst gut aus.
Du auch.
Ein kurzer Moment Stille.
Nimmst du die Buttermilch? fragte sie.
Ja, bin mir nur unsicher.
Die hier ist gut, sie zeigte auf eine Marke.
Danke.
Er nahm sie. Sie holte ihre Sachen, ging weiter. Er in die andere Richtung.
An der Kasse standen sie nebeneinander, scannten ihre Einkäufe. Draußen trennten sich die Wege, sie sagte:
Machs gut.
Ebenfalls, sagte er.
Sie ging nach rechts. Er nach links.




