Zu einem besseren Leben
Jahre sind vergangen, dennoch sehe ich ihn noch vor mir: Jannik, wie er an dem Zigaretten-Kiosk an der Straßenecke in Friedrichshain stand. Es war ein eiskalter Februartag, der Wind blies scharf durch die Häuserschluchten von Berlin, zerrte an den Oberleitungen, wirbelte den lockeren Schnee über den Gehweg. Jannik hatte die Kapuze seines abgetragenen Parkas tief ins Gesicht gezogen und rieb sich die eiskalten, rissigen Hände mit den abgekauten Nägeln.
Oma Margarethe hat ihn dafür immer getadelt, seine ungepflegten Katorzhnik-Hände, wie sie scherzhaft sagte.
Jannik! Du bist doch ein kluger Junge, du bist auf dem Gymnasium, nicht auf dem Bau! Hör auf, an deinen Nägeln zu kauen! Ich nehm gleich den Knoblauch!, schimpfte sie und drohte spielerisch mit dem Finger. Solche Scherze machte sie nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus Sorge, seit Janniks Mutter Katharina sich von seinem Vater Martin getrennt hatte.
Martin wohnte weiterhin in seiner stillen, großen Altbauwohnung im Prenzlauer Bergim sogenannten Beamtenhaus. Er schlenderte durch die sonnigen Zimmer, runzelte die Stirn, wenn Frau Marianne, die Haushälterin, Staub wischte und die mächtigen Blätter der alten Dattelpalme zum Glänzen brachte. Marianne nannte ihren Arbeitgeber oft verschmitzt Martinchen, weil sie noch seine Mutter kannte, und war überzeugt, er stamme von einer berühmten Adelsfamilie ab. Zwar war nichts geblieben aus den alten Zeiten, kein Erbstück, nur der Nimbus. Aber das war Marianne egal Hauptsache, die Nachbarn wussten Bescheid.
Auch Großmutter Margarethe wusste es und war tief betrübt, dass sie jetzt, zusammen mit ihrer Tochter Katharina, ihrer Enkeltochter Anne und Jannik, keine Verbindung mehr zu so einer Sippe hatten.
Nach der Trennung lebten sie wieder gedrängt in der kleinen Wohnung in Marzahn zusammen mit Katherinas Bruder Konstantin, der mehr und mehr dem Alkohol verfiel. Margarethe war es peinlich, dass es keine Geschenke mehr vom reichen Schwiegersohn gab und dass sie sich nicht mehr rühmen konnte, ihre Tochter hätte es zu etwas gebracht, verheiratet mit einem Abkömmling.
Katharina litt lange still nach der Scheidung, saß viele Abende weinend hinter verschlossener Tür. Jannik, zwölf Jahre alt, verstand zu viel, um zu stören, und es tat ihm weh, seine Mutter so zu sehen. Er hasste seinen Vater, und gegen das Gefühl, nichts ändern zu können, half nur: die Zähne zusammenbeißen.
Selber schuld bist du!, schimpfte Margarethe oft in der Küche, wenn Jannik nicht da war. Hättest beim Martin bleiben müssen! Er ist ein guter Mann, vor allem aber mit Geld! Jetzt schiebst du wieder Semmeln und Zigaretten, dabei hättest du es gut haben können!
Manchmal rührte sie den stinkenden Suppentopf auf dem Herd um, immer für den Hund ihrer Kollegin oder für Konstantin, den Sohn, damit wenigstens einer satt wurde. Überhaupt stand Margarethe die ganze Zeit mit verbissener Haltung ihren Mann, verlangte mehr Disziplin von allen und litt stumm weiter.
Nach dem Tod von Katharinas Vater, kurz nachdem sie vier geworden war, kämpfte sich Margarethe durch, hielt alles zusammen. Als Katharina dann aufs Gymnasium kam, später an der Humboldt-Uni angenommen wurde, schien endlich Licht am Ende des Tunnels. Nun hätte Katharina sie und Konstantin retten sollen, zumindest träumte Margarethe davon.
An einem trüben Novemberabend schlenderte Katharina durch die nasskalten Straßen, den Kopf voller Sorgen. Erst Studium, dann der Halbtagsjob im Bauamt, jetzt nur noch ins Wohnheim, Tee trinken und schlafen. Der Magen rebelliertewie immer.
Kind, du musst ordentlich essen!, mahnte ihre Ärztin Frau Doktor Schröder mahnend, doch Katharina winkte ab. Sie konnte ohnehin den größten Teil ihres Gehalts nicht selbst ausgeben, schickte alles nach Hause. Konstantin vertrödelte das Wenige beim Trinken und Phantasieren vom großen Leben. Arbeit, meinte er, fände sich morgen oder spätestens übermorgen.
An diesem Abend hielt neben ihr ein auf Hochglanz polierter Wagen. Am Steuer ein junger Mann, drei Jahre älter als sie, gepflegt und ganz offensichtlich vermögend.
Er hieß Martin, Martin von Altenburg.
Darf ich Sie begleiten, Fräulein?, begann er galant. Katharina schüttelte den Kopf, wollte nur heim, Tee aufbrühen und schlafen. Doch Martin ließ nicht locker, schleppte die schwere Tasche mit Büchern, half ihr die glitschige Treppe hinauf und verabschiedete sich schließlich mit ehrlichen Worten. Es war schön, mit Ihnen zu schweigen. Und Sie sind sehr schön.
Katharina war der Umgang nicht gewohnt. Ihre Mutter kannte keine Zärtlichkeit, Freundinnen hatte sie kaum. Doch mit Martin taute sie unerwartet auf.
Sie gingen aus, aßen in schicken Kreuzberger Restaurants, tranken Rotwein, lachten im Halbdunkel eines alten Kinos. Ihr Magen knurrte zwar weiternach all den Jahren von Billigfutter war der Wechsel zu echter Kost für den Körper schwer, doch die neuen Gefühle ließen sie es vergessen. Bald zog sie zur Martin.
Martin mied Margarethe, seine Schwiegermutter, wo er nur konnte. In seinem glitzernden Leben war kein Platz für den muffigen Geruch alten Berliner Plattenbaus. Margarethe aber vergötterte ihren Schwiegersohn. Alles Gute, was Katharina zu ihr brachte, schrieb sie Martin zu. Selbst als sie ihren Sohn in die Entziehungskur schickte, tat sie es von dem Geld, das sie Martin zuschrieb.
Katharina verschwieg, dass Martin den Großteil ihrer Einkünfte einbehielt. Sie versteckte kleine Beträge, die sie der Mutter brachte, aus Schamum etwas gutzumachen? Oder aus Liebe?
Als sie das erste Mal Martins Wohnung betrat, musterte Frau Marianne sie abfällig. Der Junge ist was Besseres, du musst hier lernen, wie man sich zu benehmen hat!, schnarrte sie von oben herab. Und sie drangsalierte Katharina mit Haushaltsregeln, als müsse sie eine Prüfung bestehen. Martin war der Stammhalter. Der Nachkomme von Altenburgs. Der Kuchen musste perfekt sein.
Katharina, du veränderst dich!, merkte ihre einzige Freundin, Britta, einmal an. Was ist nur los mit dir? Du bist ein Roboter geworden, immer am Rennen, am Putzen. Setz dich, nimm dir eine Pause! Katharina duckte sich, verstummte und flüchtete nach Hause.
Katharina konnte nicht weg von Martin. Zu groß waren Angst und Scham, zurück zur Mutter und zu Konstantin zu müssen. Die Sucht, endlich wer zu sein, in einer Wohnung mit Perserteppichen und Kronleuchter, war zu stark. Möbel und Gemälde machten süchtig, auch wenn der Preis hoch war.
Später glaubte Katharina, ein Kind würde alles richten. Im Sommer brachte sie einen Sohn zur Welt. Margarethe war gerührt, beobachtete, wie Martin sie und den kleinen Jannik am Ausgang des Krankenhauses mit blau-weißen Luftballons begrüßte und auf das Pflaster schrieb: Danke für unseren Sohn, mein Schatz! Auch Margarethe musste lachenes war wirklich wie aus dem Bilderbuch.
Doch Martin verhielt sich wie immer reserviert gegenüber Margarethe und wies höflich ab: Fahren Sie heim, Frau Sander. Wir schaffen das. Margarethe seufzte, schob sich durch den U-Bahn-Schacht nach Hause.
Konstantin stand mit einem Blumenstrauß am Krankenhauszaun. Doch auch er wurde weggeschickt. Ins Auto!, blaffte Martin, als Irene ihren Sohn auf den Arm nehmen wollte.
Katharina begann früh wieder zu arbeiten. Die Kinderbetreuung übernahm Marianne, gewissenhaft, wenn auch streng. Katharina musste nun streng um sieben zu Hause sein. Jede Verspätung bedeutete eine Szene.
Du bist die Mutter, du hast rechtzeitig da zu sein!, bestimmte Martin. Und für die Überstunden bekommst du eh nichts, der Chef schätzt dich kein bisschen.
So ging es Jahr um Jahr.
Erst als Jannik zwölf war, entdeckte Katharina durch Zufall Fotos von Martin mit vielen anderen Frauen. Alles, was ihr Leben so schön erscheinen ließ, war eine Täuschung gewesen. Marianne verriet Martin, dass Katharina seine Sachen durchwühlt hatte. Ohne Streit, aber mit harter Kälte warf Martin sie aus der Wohnung, ihre Sachen polterten über den Marmorboden. Das Wenige, das sie mitnehmen wollte, war weg.
Gekommen wie eine Bettlerin, gehst du auch als Bettlerin!, rief Marianne. Katharina stand mit einer Handtasche, ein bisschen Bargeld, Janniks Geburtsurkunde, auf der Straße.
Jannik traf sie auf dem Heimweg vom Judotraining, hielt sie schweigend an der Hand. Sie fanden fürs Erste Unterschlupf bei Britta. Katharina war nur noch ein Schatten ihrer selbst.
Er hat alles genommen, Britta! Mein ganzes Geld, sogar das, was ich ihm nie überlassen habe, weinte sie. Und wohin hättest du gehen sollen? Zurück zur Mutter?, versuchte Britta sie, mit Kakaotasse und dicker Strickjacke aufzurichten. Komm zur Ruhe. Doch Katharina sah aus, als hätte ihr jemand den Lebensfaden abgeschnitten.
Dreizehnjährig, lebte Jannik nun mit seiner Mutter wieder bei Großmutter Margarethe. Konstantin kam noch manchmal vorbei, er war nun bei irgendeiner Frau untergekommen, vielleicht sogar vom Alkohol los. Margarethe rieb ihrer Tochter weiterhin ihre Fehler unter die Nase: Solange es dir gut ging, hast du dich nie gemeldet!
Katharina entgegnete leise: Ich habe immer Geld gebracht, Mama. So oft ich konnte. Aber am Ende hatte ich keinen Ort mehr.
Doch es war Liebe. Kranke Liebe, aber Liebe.
Jeden Abend holte Jannik seine Mutter von der S-Bahn ab, nahm ihr die Tasche ab, hörte ihr zu, wenn sie ihm einen Kuss auf die Wange gab. Im Sommer kickte er manchmal noch kurz mit den Jungs Fußball, während die beiden Frauen in der Küche redeten. Alles war wie immer.
Bis zu jenem frostigen Februarabend.
Jannik lauschte, als er seine Mutter mit einem fremden Mann lachen sah. Zuerst durchströmte ihn Angstnicht vor Alexander, sondern davor, dass sie wieder enttäuscht wird. All die Jahre hatte er sich geschworen, sie zu beschützen. Und jetzt?
Wütend sprang er hinter dem Zeitungskiosk hervor. Mutter, ich warte hier, und du du Mach doch, was du willst! Er rannte davon, durch den knirschenden Schnee.
Alexander nahm die Verfolgung auf, verlor dabei einen Schuh und robbte schließlich durch den Schnee, während Jannik kicherte, obwohl ihm auch die Tränen kamen.
Willst du, dass ich gehe? Sag’s nur, ich verstehe, sagte Alexander und blieb resigniert stehen.
Jannik schüttelte stumm den Kopf. Er wollte nicht, dass noch jemand wegging, seiner Mutter zuliebeund vielleicht auch seiner eigenen.
Wenig später saßen sie alle zusammen in Margarethes Küche. Margarethe blickte skeptisch auf Alexander, der von ihren Maultaschen schwärmte: Solche hat zuletzt meine Oma gemacht, als ich fünf war!
Margarethe wurde rot, dann lachte sie zum ersten Mal seit Langem wieder herzlich. Vielleicht, dachte sie im Stillen, fehlten in ihrer Familie einfach warme Worte. Hätten sie einander mehr gelobt, wäre vieles anders gekommen. Aber dann gäbe es Jannik nichtund das wäre nun wirklich unvorstellbar.
Man sollte weiterleben, immer weiter. Vielleicht würde Alexander ihnen zeigen, wie es geht. Vielleicht würden sie einfach gemeinsam den Weg finden. Zusammen ist das Leben ein wenig leichter zu ertragen.
Gott gebe, dass mit Alexander und Katharina endlich wieder etwas Gutes beginnt. Margarethe konnte lange nicht schlafen, wälzte sich von einer Seite auf die andere. Ihr Herz sorgte sich für immer um ihre Kinder und Enkelsie konnte nichts weiter tun als hoffen und glauben.
Und Katharina, Jannik, selbst Konstantin hatten doch noch ein bisschen Glück verdient. Sie alle, daran glaubte Margarethe fest, brauchten das so dringend damals wie heute.




