Ich bin nicht mehr da

Ich bin nicht da

Hast du wieder diesen Kram gekauft? Günter schleuderte die Tüte auf den Tisch, dass irgendetwas in ihr klirrte. Ich habe doch gesagt: keinen Samthauch mehr. Zu teuer und völlig überflüssig.

Irmgard stand am Fenster und blickte hinunter in den Hof. Draußen jagte ein Mädchen, vielleicht sieben Jahre alt, die Tauben auf, sodass sie wie ein graues, aufflatterndes Kissen auseinanderstoben, nur um wenig später wieder gelassen auf dem Pflaster zu sitzen, als sei alles nichts gewesen. Irmgard beobachtete das und dachte, dass sie gar nicht mehr wusste, wann sie sich selbst zuletzt etwas einfach so gegönnt hatte. Einfach, weil sie es wollte.

Das ist Handcreme, Günter. Fünf Euro fünfzig.

Fünf Euro fünfzig, das sind fünf Euro fünfzig. Kannst du nicht mehr rechnen?

Sie antwortete nicht. Sie drehte sich um, nahm die Tüte, holte ein kleines Döschen mit goldenem Deckel heraus, stellte es auf das Fensterbrett, gleich neben die Geranie. Die Geranie hatte schon lange nicht mehr geblüht. Irmgard wollte immer mal herausfinden, warum, kam aber nie dazu.

Irmgard. Ich rede mit dir.

Ich höre dich, Günter.

Sie ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank, dachte an das Abendessen. Hinter ihr hörte sie seine schweren Schritte, dann die Tür zu seinem Arbeitszimmer fiel ins Schloss. Sie atmete aus.

Sie war achtundfünfzig. Sie lebte in Nürnberg, in einer Dreizimmerwohnung in der Wilhelmstraße, verheiratet mit Günter Paul Lehmann seit neunundzwanzig Jahren. Ihr Sohn Sebastian lebte in Hamburg, rief sonntags an, manchmal vergaß er es auch. Sie hatte einen Garten außerhalb der Stadt und ein Auto, das nur Günter fuhr. Sie arbeitete in der Stadtbibliothek seit achtzehn Jahren als leitende Bibliothekarin.

Leben war da. Das konnte ihr keiner nehmen.

Sie holte Hähnchenfilet aus dem Kühlschrank, legte es auf das Schneidebrett, griff nach dem Messer. Draußen war das Kind verschwunden, auch die Tauben fort. Der Hof lag leer, grau, aus den Rissen im Asphalt spross altes Gras.

Irmgard merkte, dass sie immer noch mit dem Messer in der Hand dastand, ohne etwas zu schneiden. Sie stellte das Messer hin, ging zum Fensterbrett und öffnete das Cremedöschen. Der Duft war leise, mit etwas Blumigem darin. Sie trug ein wenig auf ihren Handrücken auf, rieb es ein. Die Haut sog es ein, und es war fast so, als hätte jemand ihre Hand genommen und gehalten.

Irmgard schloss das Döschen, ging wieder an die Arbeit.

Die Nacht war wie immer. Günter aß schweigend, sah Nachrichten, legte sich schließlich hin. Irmgard saß noch lange mit einer kalten Tasse Tee in der Küche und blätterte in einer alten Zeitschrift über Gärten. Sie las nicht wirklich. Sie saß nur da.

Am Morgen kam sie zur Arbeit und erwischte Lieselotte Kranz weinend zwischen den Zeitungsregalen.

Lieselotte, was ist denn los?

Lieselotte war drei Jahre älter als Irmgard, arbeitete am längsten in der Bibliothek, kannte den Standort jedes Buches auswendig. Irmgard hatte sie noch nie weinen gesehen.

Ach, nichts Lieselotte winkte ab, holte ein Stofftaschentuch hervor. Entschuldige. Privat.

Wenn du erzählen magst

Es gibt nichts zu erzählen. Sie putzte sich die Nase, steckte das Taschentuch weg. Meine Tochter hat gestern angerufen. Sie sagt, ich bin altmodisch. Hat sie genau so gesagt. Altmodisch.

Inwiefern?

Habe ihr einen Rat zur Ehe gegeben. Wie man halt redet, menschlich eben. Da sagt sie: Mama, deine Ratschläge sind aus dem letzten Jahrhundert, du verstehst nicht mehr, wie Menschen heute leben. Lieselotte sortierte die Zeitschriften ordentlich. Vielleicht hat sie recht.

Hat sie nicht, sagte Irmgard.

Woher willst du das wissen?

Irmgard fand keine Antwort. Sie standen einfach einen Moment da, eingerahmt vom Geruch von Papier und altem Holz. Dann gingen sie wortlos auseinander.

In der Mittagspause ging Irmgard hinaus. Es war ein kühler, sonniger Apriltag. Sie lief bis zum Stadtpark, setzte sich auf eine Bank, schloss die Augen. Durch die Lider glühte orangefarbenes Licht. Sie dachte an Lieselotte, ihre Tochter, an dieses Wort altmodisch. Dann dachte sie an sich selbst.

Irmgard Lehmann, geborene Fuchs, 1966 in Fürth geboren. Lehramtsstudium, Deutsch und Literatur. Mit neunundzwanzig verheiratet spät, damals jedenfalls. Günter war Ingenieur, ernst, schien zuverlässig. Ein Jahr später kam Sebastian. Irmgard nahm Mutterschutz, stieg dann halbtags wieder ein, holte ihre Mutter zu sich, pflegte sie, bis sie starb, arbeitete danach wieder. Das Leben verlief. Gewissenhaft, aber ohne Ausschläge.

In diesem Verlauf war etwas verloren gegangen, das Irmgard nicht mehr benennen konnte. Sie spürte, dass es da gewesen war. Und dass es schon lange fehlte.

Sie öffnete die Augen. Gegenüber blühte eine Pflaume, klein und weiß, mit irreal zarten Blüten. Irmgard merkte, dass sie wohl seit dreißig Jahren nicht mehr gemalt hatte. Damals, im Studium, malte sie. Pastell. Dann wurde es zu hektisch, dann zu seltsam, dann war es vergessen.

Sie nahm ihr Handy und rief Sebastian an. Er hob beim dritten Klingeln ab, klang beschäftigt.

Mama, hi. Alles ok?

Alles gut. Ich wollte nur mal hören.

Bin fast in einer Besprechung, kann ich später zurückrufen?

Klar, ruf an.

Er rief nicht zurück. Das war auch schon gewohnt.

Irmgard kehrte in die Bibliothek zurück, arbeitete bis sechs, kaufte dann Brot in der Bäckerei und ging den Weg nach Hause den gleichen wie seit achtzehn Jahren. Sie kannte jede Stolperfalle im Gehsteig, jede Biegung.

Zuhause war Günter vor ihr angekommen. Er saß am Computer. Sie zog sich aus, ging in die Küche.

Willst du zu Abend essen?

Später.

Sie stellte Wasser auf, fand noch Restesuppe. Beim Aufwärmen blickte sie wieder auf die Creme auf der Fensterbank. Das Döschen war klein, hübsch. Irmgard dachte, Günter hätte recht. Fünf Euro fünfzig. Wozu eigentlich?

Aber der Duft war schön.

Sie ließ das Döschen stehen.

Zwei Wochen vergingen. Es passierte nichts Besonderes. Dann kam Swetlana.

Sie fiel Irmgard sofort auf: etwa fünfundvierzig, Mantel in reifem Kirschrot, kurzgeschnittenes Haar, auffallend aufrechte Haltung. Sie trat an den Tresen und sagte, sie wolle sich anmelden und suche Bücher über Psychologie, und ob es auch etwas über Aquarellmalerei gäbe.

Aquarell? fragte Irmgard nach.

Ja. Habe früher als Kind ein wenig gemalt, möchte es nochmal versuchen.

Irmgard stellte den Leserausweis aus, zeigte ihr den Weg zu den Regalen. Swetlana bewegte sich sicher durch die Reihen, nahm Bücher, blätterte, stellte zurück, suchte weiter. Irmgard beobachtete sie aus dem Augenwinkel, versuchte zu identifizieren, was sie an ihr berührte. Es war eine gewisse Sammlung, als gehöre sie ganz zu sich selbst und das reiche ihr.

Nach einer halben Stunde kam Swetlana mit zwei Büchern.

Lesen Sie selbst eigentlich aus dem Regal da drüben? Sie deutete auf die Psychologie.

Ab und zu.

Arbeiten Sie schon lange hier?

Achtzehn Jahre.

Swetlana sah sie an, aber nicht prüfend, eher lauschend. Wie jemand, der wirklich zuhört.

Das ist lange, sagte sie.

Ja.

Und gefällt es Ihnen?

Irmgard zögerte kurz. Die Frage war einfach, die Antwort nicht.

Es gefällt mir, sagte sie. Die Bücher mag ich. Die Menschen auch. Der Ort ist vertraut.

Vertraut, wiederholte Swetlana achtsam. Verstehe.

Sie nahm die Bücher und ging.

In der nächsten Woche kam sie wieder, gab ein Buch zurück und bat um noch etwas zum Thema Aquarell. Irmgard fand einen dünnen Bildband mit Reproduktionen; Swetlana griff zu, fragte dann:

Haben Sie nicht Lust, es auch mal zu versuchen?

Versuchen?

Zu malen. Ich gehe jeden Samstag zu einem Kurs für Aquarell. Kleine Gruppe, ganz unkompliziert. Kommen Sie doch mit.

Irmgard wollte sofort absagen, der Gedanke war reflexhaft. Doch statt eines Neins fragte sie:

Wo denn?

Swetlana schrieb die Adresse auf einen Zettel. KunstRaum Weißes Licht, Galgenbergstraße, Samstag um elf.

Den ganzen Abend starrte Irmgard diesen Zettel an, den sie erst in der Schürzentasche, dann auf das Fensterbrett zur Creme legte. Günter fragte nicht, was es damit auf sich hatte. Im Grunde fragte er nie nach ihren Angelegenheiten, es sei denn, es ging ums Geld oder das Haus.

Am Freitag beim Abendessen sagte sie:

Ich gehe morgen früh zu einem Malkurs.

Günter hob den Blick vom Teller.

Wohin?

Galgenbergstraße. Aquarell. Eine neue Bekannte aus der Bibliothek hat mich eingeladen.

Er kaute langsam.

Was kostet das?

Weiß ich noch nicht.

Naja, wenn du sonst nichts zu tun hast.

Sie sah ihn an. Er schaute zurück auf seinen Teller. Irmgard dachte, dass sie seit neunundzwanzig Jahren so etwas hörte. Schon wieder. Wozu. Was kostet das. Wenn du nichts zu tun hast.

Schon gut, sagte sie. Ich gehe hin.

Am nächsten Morgen stand sie um acht auf, wusch sich, zog einen grauen Pullover und marineblaue Hose an. Schaute in den Spiegel. Sie bemerkte, dass sie sich schon lange nicht mehr wirklich angeschaut hatte. Normalerweise huschte sie daran vorbei. Jetzt betrachtete sie sich. Ihr Gesicht war nicht mehr jung, doch nicht schlecht. Graue, lebhafte Augen. Das Haar zunehmend grau, aber dicht. Sie fuhr hindurch, band es diesmal anders. Dann trug sie den Creme auf auf die Hände, ein bisschen auf den Hals.

Sie ging um neun los, um Zeit zu haben.

Der KunstRaum Weißes Licht lag im zweiten Stock eines alten Kaufmannshauses, unauffällig von außen, innen mit weißen Wänden, Holzfußboden und großen Fenstern sehr einladend renoviert. Irmgard stieg die knarrende Treppe hinauf, schob die Tür auf.

Swetlana war bereits da. Und vier weitere Frauen verschiedenen Alters und ein Mann, etwa fünfzig, etwas rundlich, kariertes Hemd. Sie saßen an einem langen Tisch, vor jedem lag Papier und stand Wasserglas.

Irmgard! Swetlana winkte. Sie sind gekommen!

Irmgard setzte sich neben sie. Die Kursleiterin, eine junge Frau namens Johanna, erklärte, dass heute ein Fliederzweig gemalt werden solle. Irmgard nahm den Pinsel, ihre Hand zitterte leise aber nicht vor Nervosität, eher aus Ungeübtheit.

Denkt nicht an Schönheit, sagte Johanna. Denkt an Wasser und Farbe. Sonst an nichts.

Irmgard setzte den ersten Strich. Lila breitete sich aufs nasse Papier, mischte sich ins Blau. Noch ein Strich, und noch einer. Sie beobachtete, wie die Farbe dorthin wanderte, wo sie selbst es gar nicht geplant hatte und es war eigenartig spannend. Swetlana schaute konzentriert, der dicke Mann werkelte mit einem winzigen Pinsel und war mit dem Ergebnis deutlich unzufrieden.

Nach einer Stunde betrachtete Irmgard ihr Bild. Es kam keinem Fliederzweig nahe. Eher etwas Verschwommenes, Lila mit Blau, voller Flecken. Aber es lebte. Etwas davon hatte sie selbst gemacht.

Schön, sagte die ältere Dame gegenüber, sie hieß Gerda.

Ich glaube nicht, sagte Irmgard.

Doch, das hat Stimmung.

Vielleicht hatte sie recht.

Nach dem Kurs schlug Swetlana einen Kaffee in einem Café nebenan vor. Sie nahmen am Fenster Platz, bestellten, Swetlana fragte unvermittelt:

Hat es Ihnen gefallen?

Ja. Unerwartet.

Ich wusste es. Swetlana hielt die Tasse in beiden Händen. Sie haben manchmal so einen Blick, als sähen Sie in die Welt, aber nur halb, noch nicht ganz.

Irmgard schwieg. Dann fragte sie:

Sie sind schon lange in Nürnberg?

Drei Jahre. Nach der Scheidung aus Dresden hergezogen.

Verstehe.

Erst war es schwer, dann leichter. Später sogar spannend.

Spannend?

Für sich selbst leben. Ich wusste so vieles nicht über mich. Sie lächelte, ohne Ironie, herzlich. Sind Sie verheiratet?

Neunundzwanzig Jahre.

Und glücklich?

Irmgard nahm einen Löffel, rührte in ihrem Kaffee, obwohl er schon kalt war.

Mal so, mal so.

Swetlana nickte. Fragte nicht weiter. Das war angenehm.

Irmgard kehrte halb zwei nach Hause zurück. Günter sah Fußball, fragte kein Wort über den Kurs. Sie wärmte Suppe auf, aß alleine in der Küche. Ihr verschwommener Fliederzweig lag, von Johanna mitgegeben, neben der Geranie.

Die Geranie wirkte frischer als letzte Woche. Irmgard entdeckte einen winzigen roten Trieb, den sie nie bemerkt hatte.

Eine Woche später ging sie wieder zum Malkurs. Und noch eine. Swetlana war immer dabei. Nach dem Kurs trafen sie sich länger zum Erzählen. Irmgard sprach von der Bibliothek, von den Menschen, von den Büchern, die ihr wichtig waren. Swetlana sprach von ihrer Arbeit (sie war Buchhalterin in einer kleinen Baugesellschaft), von Dresden, von ihrer Tochter, die dort bei dem Vater lebte und Englisch lernte.

Eines Tages fragte Irmgard:

Fühlen Sie sich hier nicht einsam?

Manchmal. Aber es ist eine andere Einsamkeit als früher.

Wie anders?

Swetlana faltete die Hände auf dem Tisch.

Früher war ich neben jemandem und trotzdem allein. Das ist das schlimmste Alleinsein, das es gibt. Jetzt bin ich allein, aber nicht einsam. Das ist ein Unterschied. Verstehen Sie?

Irmgard verstand. Sie sagte nichts, aber in ihr schob sich etwas fort, wie im Frühling langsam das Eis auf der Pegnitz bricht.

Im Mai kündigte die Bibliothek einen Wettbewerb an. Die Stadtverwaltung wollte eine kulturelle Veranstaltung für die Einwohner etwas Neues. Die Leiterin, Frau Dr. Mahlke, versammelte das Team:

Hat jemand Vorschläge?

Alle schwiegen. Irmgard auch. Doch innerlich arbeitete es.

Vielleicht ein Literaturabend? schlug Lieselotte vor. Vorlesen, diskutieren.

Machen wir jedes Jahr. Etwas anderes!

Über Frauen? sagte Irmgard plötzlich.

Alle sahen sie an.

Inwiefern Frauen? fragte Frau Dr. Mahlke.

Ihre Geschichten. Keine literarischen, echte. Wir laden Frauen aus der Nachbarschaft ein, aller Altersgruppen. Sie erzählen, wie ihr Leben war, was sich verändert hat. Ohne Pathos. Wenn sie künstlerisch aktiv sind, zeigen sie ihre Werke. Bilder, Handarbeit, Keramik.

Schweigen.

Ungewöhnlich, sagte Dr. Mahlke.

Aber lebendig.

Wer übernimmt das?

Ich, sagte Irmgard, und war selbst erstaunt.

Dr. Mahlke musterte sie.

Gut, Frau Lehmann. Versuchen wir es.

Irmgard rief sofort Swetlana an. Die lachte.

Na, das hätte ich Ihnen nicht zugetraut. Sie?

Ja, ich. Weiß nicht, wies rausgerutscht ist.

Das sind die besten Entscheidungen. Ich mache mit. Und Gerda fragen wir auch, die mit der Keramik aus unserem Kurs.

Gerda war zweiundsechzig, seit drei Jahren in Rente, machte kleine Vogel-Figuren aus Ton und verkaufte sie manchmal auf Märkten. Irmgard fragte sie, und Gerda sagte direkt zu.

Irmgard erarbeitete das Programm. Abends, wenn Günter im Arbeitszimmer war, saß sie in der Küche, schrieb in ihr Heft, strich wieder durch, schrieb von Neuem. Sie merkte, wie besonders das Gefühl war, etwas zu erschaffen. Nicht nur zu bewahren, sondern wirklich zu machen.

Abends kam Günter in die Küche, holte Wasser.

Was schreibst du da?

Arbeit. Programm für die Bibliothek.

Wieder so ein Quatsch.

Ja, wieder Bibliothek.

Er zuckte die Schultern.

Das Abendessen war heute kalt.

Entschuldige. Nächstes Mal mache ichs warm.

Er ging hinaus. Irmgard sah ihm nach. Dachte, dass er nicht sagt, dass sie lebendiger wirkt. Nur dass das Essen kalt ist.

Sie schrieb weiter.

Der Termin fiel auf den dritten Samstag im Juni. Vier Frauen hatte Irmgard schon, mit Swetlana und Gerda. Fünfte wurde Frau Schröder, pensionierte Geografie-Lehrerin, die Gedichte schrieb, sie aber nie zeigte. Die sechste war Johanna, ihre Malkursleiterin.

Irmgard entwarf Plakate, hing sie im Viertel auf, gab eine Anzeige in der Stadtzeitung auf. Sie hatte Sorge, dass niemand kommt. Doch der Saal war voll: über dreißig Frauen plus eine sehr alte Dame, die ihre Tochter gebracht hatte.

Sie eröffnete selbst. Kein großes Vorwort: Wir sind hier, um einander zuzuhören das ist das Wichtigste. Dann übergab sie an Gerda.

Gerda sprach darüber, wie sie in Ruhestand ging und sich nutzlos fühlte, monatelang. Dann nahm sie durch Zufall Ton in die Hand und dachte: Ich habe ja Hände. Die Anwesenden lachten, warm, nicht spöttisch.

Swetlana erzählte, wie schwer der Neustart in Dresden nach der Scheidung war, und dass sie nicht Angst vor Neuem, sondern Angst vor dem Gewohnten hatte. Irmgard horchte auf diesen Satz wollte sie sich merken.

Frau Schröder las zwei Gedichte vor, ihre Stimme zitterte zunächst, dann wurde sie fester. Am Ende wurde geklatscht.

Nachher räumte Irmgard mit Lieselotte auf.

Das war richtig gut, Irmgard, sagte Lieselotte. Wirklich.

Besser als gedacht.

Gar nicht überraschend. Du kannst mit Menschen. War immer so, hast dich nur zurückgehalten.

Irmgard hängte einen vergessenen Schal an die Garderobe. Dachte: Lieselotte hat recht. Und fragte sich: Warum hatte sie das in all den Jahren nie gewagt?

Zu Hause schlief Günter schon. Leise, in der Küche, Wasser getrunken. Auf dem Fensterbrett standen die Creme und die Fliederzeichnung. Die Geranie blühte kräftig, vier rote Dolden.

Irmgard cremte langsam die Hände ein. Sah auf die Geranie und dachte an Swetlana: Ich hatte Angst vor dem Gewohnten, nicht vor dem Neuen.

Am Morgen fragte Günter:

Und, wie wars bei eurem Frauenabend?

Gut. Es waren viele Leute da.

Gabs was zu essen?

Tee nur.

Tee ist kein Essen, murmelte er und vertiefte sich ins Handy.

Irmgard holte sich Kaffee und ging mit der Tasse auf den Balkon. Früher Morgen, der Hof leer, es roch nach Linden. Sie dachte, dass Günter gefragt hatte, ob sie gegessen hatte wohl seine Art zu sorgen. Neunundzwanzig Jahre hielt sie die Form für den Inhalt, hatte nicht bemerkt, dass es längst nur noch Form war. Oder dass der Inhalt fehlte.

Sie wusste es nicht. Sie fing erst an, geradeaus zu sehen.

Im Juli rief Sebastian an. Nicht am Sonntag, sondern am Mittwoch, was ungewöhnlich war.

Mama, wie gehts?

Gut, Basti. Was gibts?

Ach, nur so. Swetlana hat mir geschrieben.

Irmgard blieb stehen, eine Hand am Kühlschrank.

Wer?

Deine Bekannte. Sie hat mich über Facebook gefunden, schrieb, dass du Veranstaltungen machst, die super gelaufen sind. Das wusste ich gar nicht.

Du hast ja auch nie gefragt.

Schweigen.

Tut mir leid, Mama. Wirklich. Erzähl mal.

Irmgard erzählte. Vom Malkurs, Gerda mit den Vögeln, Schröder mit Gedichten, dass der Saal voll war. Sebastian hörte zu, unterbrach nicht. Dann sagte er:

Du bist großartig. Ehrlich.

Danke.

Machst du das schon länger?

Nein. Zum ersten Mal.

Hättest du früher machen sollen.

Ja, hätte ich.

Pause.

Ist mit Papa alles ok?

Irmgard trat ans Fenster. Der Hof unten, sonnendurchflutet, zwei Jungs schossen Ball.

Gewohnt, sagte sie.

Gut oder schlecht?

Ich weiß es noch nicht.

Er fragte nicht weiter. Sagte, dass er im August vorbei komme, sie verabredeten sich. Sie legte auf, stand lange am Fenster.

Sebastian kam im August für vier Tage. Er glich Günter äußerlich, aber in seiner Art war er Irmgard ähnlich aufmerksam zu den Menschen. Er brachte Käse und Nüsse mit, saß am Küchentisch und hörte zu, richtig zu.

Eines Morgens, Günter war im Schrebergarten, sagte Sebastian:

Mama, du hast dich verändert.

Wie meinst du?

Schwer zu beschreiben Als wärst du mehr geworden. Er grinste über sich selbst. Klingt komisch.

Nein, klingt verständlich.

Freust du dich?

Irmgard umfasste die Tasse mit den Händen. Kaffee war heiß.

Ja, sagte sie. Es macht auch ein bisschen Angst.

Warum Angst?

Wenn du dich selbst klarer siehst, siehst du alles klarer. Das ist nicht immer bequem.

Sebastian nickte.

Sieht Papa das?

Papa sieht den kalten Eintopf, sagte Irmgard, erschrak darüber und fügte schnell hinzu: Tut mir leid, das war unfair.

Nein, war ehrlich. Er sah sie an. Hast du mit ihm gesprochen?

Worüber?

Was du wirklich brauchst.

Irmgard sah aufs Fenster, der August draußen, das Gras am Rand der Wege schon gelblich.

Ich kann das nicht so gut.

Versuch es.

Sebastian fuhr wieder. Irmgard machte sein Bett, dachte lange nach über das Gespräch, über das Wort versuchs. Sie hatte neunundzwanzig Jahre nie ganz versucht. Klar, geredet, aber nie das Wesentliche angesprochen. Denn das war ungewohnt, unsicher. Günter konnte schweigen, dass gar kein Gespräch begann.

Im September holte Frau Dr. Mahlke sie zu sich. Die Stadt will den Frauenabend wiederholen, größer, für das gesamte Netzwerk der Bibliotheken. Wieder soll Irmgard verantwortlich sein.

Das ist schon was, Frau Lehmann. Mehr Arbeit. Aber anders abrechenbar.

Ich mache es.

Dr. Mahlke lächelte schwach.

Sie haben sich verändert diesen Sommer. Nicht böse gemeint.

Bin nicht böse.

Sie sind besser geworden. Lebendiger.

Irmgard trat hinaus zu ihrem Platz. Sie begrüßte einen Leser, lieh Krimis aus, schrieb sie ins Journal. Dann schaute sie lange in den Raum: Bücherregale, Lesetische, das große Fenster mit Septemberlicht.

Achtzehn Jahre. Und erst jetzt fühlte es sich an, als sei es ihr Platz nicht nur ein Ort, an dem sie ist, sondern ein Ort, der sie ist.

Im Herbst veränderte sich Zuhause still. Irmgard konnte nicht sagen, was zuerst und was hinterher. Alles ging ineinander über.

Günter merkte, dass sie oft später kam, samstags weg war, zu fremden Frauen, die er nie gesehen hatte.

Wer ist diese Swetlana?

Eine Freundin.

Seit wann hast du denn Freunde?

Seit Februar. In der Bibliothek kennengelernt.

Und ihr trefft euch jede Woche?

Fast.

Günter sah sie an. In diesem Blick war etwas Neues, nicht Ärger, nicht gewohnte Geringschätzung. Etwas, das Irmgard nie bemerkt hatte. Da war Verunsicherung.

Ich verbiete es dir nicht, sagte er. Ich muss mich nur dran gewöhnen.

Woran?

Dass bei dir immer so viel los ist.

Irmgard setzte sich ihm gegenüber. Erstmals seit langem sah sie ihn direkt an, ohne inneren Schutz. Als wäre er ein völlig fremder Mensch.

Günter, sagte sie, freust du dich eigentlich, dass ich noch etwas mache? Außer Haushalt und Arbeit?

Er schwieg kurz.

Weiß ich nicht. Vielleicht.

Vielleicht?

Ungewohnt, sag ich doch. Er stand auf, stellte sich ans Fenster. Früher warst du immer greifbar. Jetzt bist du überall.

Ich bin nicht weg. Ich bin da.

Ja, aber anders.

Irmgard betrachtete seinen Rücken. Breit, schon gebeugt mit den Jahren. Einundsechzig. Er ist älter geworden, während sie es nie bemerkte.

Günter, wann haben wir zuletzt geredet? Nicht übers Essen oder das Auto. Einfach geredet.

Er drehte sich um.

Na, wir reden doch

Worüber?

Er schwieg, sah an ihr vorbei.

Eben, sagte Irmgard leise.

Der November brachte Frost und den nächsten großen Abend. Wochenlange Vorbereitung, acht Teilnehmerinnen, ein lokaler Künstler stellte aus. Swetlana half, oft trafen sie sich, mal im Café, mal spazierten sie entlang der Pegnitz, wenn das Wetter es erlaubte.

Eines Tages sagte Irmgard dort:

Ich weiß gar nicht mehr, wie ich früher lebte.

Man lebt halt, erwiderte Swetlana.

Nein, ich meine ich war wie in mir selbst versteckt. Warum?

Es ist kein Warum. Es ist eben so geworden.

Aber es hätte anders sein können.

Ja. Swetlana blieb stehen, blickte auf den Fluss. Die Pegnitz war im November grau, sturmschön. Aber anders beginnt eben, wenn es beginnt. Nicht früher.

Ich bin achtundfünfzig.

Und?

Das ist viel.

Irmgard. Swetlana drehte sich ihr zu. Im Ernst jetzt?

Ja.

Dann antworte ich ernst. Ich kenne Frauen, die mit fünfunddreißig schon innerlich fertig waren. Leben wie Museumsstücke. Sie dagegen fangen mit achtundfünfzig erst an. Das ist nicht viel. Das ist richtig so.

Irmgard blickte auf das Wasser. Eine Barke zog langsam vorbei.

Wissen Sie, sagte sie schließlich. Ich male jetzt jede Woche. Neun Monate schon.

Ich weiß.

Heute Morgen habe ich erstmals einen Veranstaltungstext selbst geschrieben.

Sie haben ihn mir vorgelesen.

Und er ist gut.

Er lebt. Das ist mehr als gut.

Der Abend war im November, an einem Freitag. Über siebzig Leute kamen. Der Saal reichte nicht, einige standen an den Wänden. Irmgard eröffnete, las ihren Text: Dass in jeder Frau etwas wartet, gesehen zu werden; dass Alter keine Tür schließt, sondern öffnen kann, was unbeachtet war. Sie sagte das nicht belehrend, sondern als jemand, der es gerade selbst zum ersten Mal begreift.

Nachher kam zu ihr die sehr alte Dame, von ihrer Tochter gebracht. Sie hieß Hannelore, dreiundachtzig.

Kindchen, sagte sie, Sie haben über mich gesprochen, stimmts?

Über uns alle, erwiderte Irmgard.

Nein, genau mich. Das hab ich gespürt. Hannelore legte ihre warme, dünne Hand auf Irmgards. Ich habe früher gestickt. Dann aufgehört. Dachte, Unsinn. Heute denke ich: vielleicht noch mal versuchen. Dreiundachtzig, ist doch lächerlich?

Gar nicht lächerlich.

Wirklich?

Wirklich.

Hannelore ging langsam, gestützt von der Tochter, aber sie gingen mit etwas fort.

Der Dezember begann ruhig. Irmgard leitete selbst einen kleinen Literaturzirkel, mittwochs. Sechs, sieben Teilnehmer. Gelesen, diskutiert, manchmal so heftig, dass Irmgard kaum zu Wort kam.

Zu Hause war es angespannt. Lautlos, aber gespannt. Günter war schweigsamer als sonst. Sie spürte, er dachte nach, sprach es nicht aus. Sie wartete nicht mehr darauf.

Mitte Dezember, Sonntagabend, kam Irmgard ins Arbeitszimmer, setzte sich neben Günter:

Günter, ich muss mit dir sprechen.

Dann sprich doch.

Nicht so. Sie schloss die Tür, rückte den Stuhl zu seinem Sessel, setzte sich. Richtig.

Er legte das Buch weg, blickte sie an.

Was ist denn?

Nichts. Sie faltete die Hände. Ich will dir nur endlich einmal etwas sagen, was ich auch mir selbst nie wirklich gesagt habe.

Günter wartete.

Ich habe lange so gelebt, als wäre ich gar nicht richtig da. Habe alles erledigt gekocht, gearbeitet, Hof, Garten, alles. Aber innen drin war von mir fast nichts mehr. Das liegt auch an mir. Aber auch an uns. An der Art, wie wir nebeneinander her leben.

Günter sah auf den Tisch.

Willst du dich scheiden lassen?

Ich weiß nicht, was ich will. Aber ich weiß, dass wir reden müssen. Echt. Ich brauche, dass du mich siehst. Nicht das Essen oder das saubere Hemd. Mich.

Lange Stille. Draußen fiel Schnee.

Ich kann das nicht, Irmgard, sagte er dann, leise, ohne Abwehr. Ich kann nicht so. Hab ich nie gelernt.

Ich weiß. Sie blickte auf seine Hände. Ich mache dir keinen Vorwurf. Ich will nur versuchen. Anders. Und wissen, ob du es auch willst.

Er schwieg lange. Schaute dann zum Fenster, dann zu ihr. Da war die Unsicherheit wieder, unverstellt.

Du hast dich dieses Jahr sehr verändert, sagte er.

Ja.

Versteh dich nicht immer.

Ich weiß.

Aber ich will nicht Er suchte Worte. Ich will nicht, dass du gehst. Von hier. Oder ganz.

Irmgard sah ihn an. Einundsechzig, gebeugte Schultern, ein Gesicht voller Gewohnheiten, voller Unbekanntem.

Dann versuchen wir es, sagte sie. Es wird nicht leicht, aber wir versuchen es.

Der Januar kam mit Frost und klarem Licht. Irmgard ging in die Bibliothek, leitete die Gruppe, malte samstags. Sie hatte schon einiges gemalt Swetlana nahm mehrere Zeichnungen, einige hingen bei ihr neben der Geranie. Die Geranie blühte weiter, Irmgard hatte sie umgetopft.

Swetlana sah sie seltener, es gab Probleme im Büro, aber sie telefonierten.

Eines Tages sagte Swetlana:

Irmgard, denken Sie an eine Frühlingsveranstaltung?

Ja. Diesmal will ich mehr, ein kleines Festival, mehrere Tage.

Das ist viel Arbeit.

Ja. Irmgard hielt kurz inne. Große Arbeit gefällt mir.

Swetlana lachte.

Wer hätte das vor einem Jahr gedacht.

Niemand.

Mit Günter war es weiterhin schwierig. Sie redeten mehr. Manchmal lief es gut, manchmal zog er sich zurück, und Irmgard ließ ihn.

Im Februar, beim Abendessen, sagte Günter plötzlich:

Ich war letzte Woche beim Arzt. Vorsorge.

Alles in Ordnung?

Meistens. Blutdruck manchmal. Muss Tabletten nehmen.

Gut, dass du hingegangen bist.

Fragst gar nicht, warum ich es erst jetzt sage?

Irmgard legte den Löffel beiseite.

Warum?

Wollte dich nicht beunruhigen. Er sah auf. Gewohnheit.

Du bist gewohnt, mich nicht zu beunruhigen?

Ja. Du bist ja immer beschäftigt.

Irmgard betrachtete ihn. In den Worten lag etwas Wichtiges.

Günter. Ich will wissen, wenn es dir schlecht geht. Ich will von Arztbesuchen erfahren. Sag es mir, ja?

Ja. Er nickte. Mache ich.

Und ich sage dir auch alles.

Sie schwiegen. Draußen peitschte der Februarschnee, drinnen war es warm, es roch nach Essen. Auf dem Fensterbrett standen Creme und eine neue Zeichnung Apfelblütenzweig, weiß und fein.

Hübsches Bild, sagte Günter. Von dir?

Ja.

Er sah es an.

Kannst du wirklich.

Ich lerne noch.

Ende Februar rief Lieselotte an. Spät, gegen neun.

Irmgard, entschuldige die Uhrzeit meine Tochter ist da.

Schön?

Ja. Wir haben uns wieder gut. Man hörte ihr Lächeln durchs Telefon. Sie hat gesagt, es war falsch von ihr, dieses altmodisch.

Bist du froh?

Sehr. Und, Irmgard Darf ich mal zu deinem Malkurs kommen? Aquarell?

Natürlich. Samstag, elf Uhr.

Habe Angst, dass ichs nicht kann.

Beim ersten Mal kann es keiner. Darum gehts ja.

Am Samstag kam Lieselotte. Sie hielt den Pinsel etwas hilflos, Johanna zeigte es ihr. Der erste Strich war zu dunkel, der zweite zu wässrig. Lieselotte war enttäuscht.

Irmgard, schau mal, was für ein Murks.

Ja. Mir gefällt es.

Das ist kein Zweig, sondern ein Fleck.

Das ist der erste Versuch.

Ist dir nie peinlich, mich zu trösten?

Lieselotte, ich meine es ernst. Beim nächsten Mal wirds anders.

Sie kicherte plötzlich.

Na gut. Das nächste Mal.

März brachte erstes Tauwetter. Irmgard reichte die Bewerbung für das Frühlingsfestival ein; die Bibliothek gab grünes Licht. Sebastian schrieb, er wolle im April teilnehmen.

Eines Abends, Günter lag schon im Bett, schrieb sie in der Küche Ideen in ihr Heft. Draußen tropfte es vom Dach, Schnee schmolz, der Frühling tastete sich heran. Auf dem Fensterbrett stand die Geranie kräftig, drei rote Dolden, ein nächster Knospe fast offen.

Irmgard sah die Cremedose an. Sie war leer, aber sie ließ sie stehen. Sie hatte eine neue gekauft, Samthauch, fünf Euro fünfzig. Günter sagte nichts mehr dazu.

Sie schlug das Heft auf, schrieb oben: Was ich heute weiß, was ich vor einem Jahr nicht wusste. Sie betrachtete den Satz, dann schloss sie das Heft. Das braucht man nicht mehr aufschreiben. Das ist schon da.

Das Telefon klingelte spät, fast elf. Swetlana.

Alles in Ordnung? fragte Irmgard.

Ja, besser sogar. Swetlanas Stimme war verändert: lebendig, bewegt. Mir wurde ein Posten in Dresden angeboten. Gute Stelle, gutes Gehalt. Meine Tochter ist dort. Ich überlege.

Irmgard schwieg eine Sekunde.

Möchtest du hingehen?

Ich weiß es nicht. Deshalb rufe ich an. Sag du was.

Was denn?

Was du denkst.

Irmgard blickte durchs Fenster in die feuchte, lebendige Aprilnacht.

Ich denke, sagte sie langsam, du kennst die Antwort. Du hast sie dir nur noch nicht laut gesagt.

Es blieb nur kurz still.

Wahrscheinlich, ja.

Wovor hast du Angst?

Dass ich hier was zurücklasse. Den Kurs, dich, Gerda mit ihren Vögeln, Frau Schröder mit den Gedichten.

Wir bleiben da.

Nürnberg ist weit von Dresden, Irmgard.

Swetlana. Irmgard griff nach einem Stift. Weißt du noch, was du im Herbst am Fluss gesagt hast?

Was denn?

Anders beginnt, wenn es beginnt.

Swetlana lachte sanft.

Damals war ich klug.

Bist du immer noch.

Darf ich dich etwas fragen? Und ehrlich antworten.

Ja?

Bist du glücklich?

Irmgard sah auf die Geranie, die Creme, die Bilder an der Küchenwand, aufs geschlossene Heft.

Ich bin ich geworden, sagte sie. Das zählt wohl mehr.

Ist das die Antwort?

Ich denke schon.

Swetlana schwieg.

Dann freu ich mich für dich.

Und ich für dich.

Irmgard…

Ja?

Was machst du, wenn ich gehe?

Irmgard betrachtete die leere Seite im Heft.

Ich mache weiter, sagte sie.

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Homy
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Ich bin nicht mehr da
Du bist nicht meine Mutter