Ich war fast ein Jahr lang mit einer Frau zusammen, habe großzügig für sie und ihren Enkel ausgegeben. Doch als ich sie bat, mir ein paar Frikadellen für zu Hause mitzugeben, wurde mir plötzlich klar, welchen Stellenwert ich wirklich für sie hatte.

Der Kellner stellte vorsichtig den Plastikbehälter vor uns auf den Tisch, in dem ein fast unberührtes Stück Schokoladenkuchen verpackt war. Helga, mit sichtlicher Zufriedenheit, zog die Box zu sich heran. Wir saßen in einem gepflegten Café mitten in München, dezente Musik umgab uns, während in mir leise eine dichte Verärgerung aufstieg.

Wir sind seit fast einem Jahr zusammen. Ich bin achtundfünfzig, sie vierundfünfzig beide mit reichlich Lebenserfahrung, Scheidungen, erwachsenen Kindern und natürlich Enkeln. Ich habe zwei ein Junge und ein Mädchen. Sie hat einen über alles geliebten Enkel, Linus, sechs Jahre alt, ihr Augenstern, den ich nur ein paar Mal flüchtig gesehen habe, aber ich habe das Gefühl, mehr über ihn zu wissen als über meine eigenen Gesundheitswerte.

Helga steckte den Behälter in ihre Handtasche und lächelte mich mit genau jenem sanften Lächeln an, dem ich einst nicht widerstehen konnte.

Linus liebt alles, was mit Schokolade zu tun hat, sagte sie. Und ich bin sowieso satt, wollte nichts mehr. Soll doch nicht verloren gehen, oder?

Ich nickte schweigend, winkte dem Kellner und beglich die Rechnung. Natürlich waren darin das Stück Kuchen, mein Kaffee und ihr Salat enthalten. Das Geld spielte keine Rolle ich kam schon klar. Aber es ging gar nicht um den Betrag, sondern um das Prinzip, das sich im Verborgenen in den letzten Monaten eingeschlichen hatte. Ich hatte es stets unter Oma-Liebe verbucht, alles war ja für den kleinen Linus. Bei jeder Gelegenheit und eher auf meine Kosten nahm Helga alles mit, was man einpacken konnte, um ihrem Enkel eine Freude zu machen.

Der erste Ton der Alarmglocke erklang vor drei Monaten, als wir zur Premiere ins Kino gingen. Ich besorgte die Karten, und an der Theke wünschte sich Helga das größte Karamellpopcorn und ein Cola.

Ich war überrascht: Eigentlich achtete sie immer auf ihre Linie und hielt sich bei Süßem zurück. Ich dachte, sie gönnt sich mal was. Wir setzten uns, das Licht ging aus. Ich griff nach dem Popcorn, nahm mir eine Handvoll, kaute darauf herum. Helga hielt die Tüte auf ihrem Schoß, mit dem Deckel zu den hatte sie extra verlangt und sie selbst aß kein einziges Stück.

Wieso isst du nichts?, flüsterte ich. Schmeckt doch gut.

Ach, ich habe keinen Appetit, erwiderte sie leise. Das bringe ich Linus mit. Heute schläft er bei mir, und er liebt Popcorn aus dem Kino. Seine Eltern kaufen ihm das selten.

Ich verschluckte mich beinahe am Cola. Offenbar hatte ich eben für ihren Enkel Popcorn gekauft, und wir beide kamen nicht auf die Idee, darüber zu sprechen. Sie hatte es einfach so entschieden. Den ganzen Film über fühlte ich mich fehl am Platz: Popcorn unter strengem Schutz, nicht für mich bestimmt. Nach dem Kino brachte ich sie nach Hause, sie stieg mit dem Popcorn aus strahlend. Ich aber fühlte mich wie ein Lieferant, der den Einkauf auch noch aus eigener Tasche bezahlt hatte.

Es lag gewiss nicht an fehlendem Geld. Helga verdiente ordentlich, war stets gepflegt und hatte ein eigenes Auto. Es fehlte ihr an nichts.

Der eigentliche Schlag traf mich letzten Samstag. Helga lud mich zum Mittagessen zu sich ein und versprach mir ihre berüchtigten Piroggen ihr heimliches Meisterwerk, von dem ich so oft gehört hatte. Ich wollte nicht mit leeren Händen kommen: Eine gute Flasche Weißwein, Obst und ein bisschen Räucherlachs ich wollte das Ganze abrunden. Die Wohnung roch so herrlich nach frischem Gebäck, dass mir fast schwindelig wurde.

In der Küche stand eine große Schüssel unter einem Tuch darunter eine wahre Piroggen-Berglandschaft, goldbraun, glänzend vom Butter. Wir setzten uns, Helga schenkte Tee ein und legte mir fünf Stück auf den Teller.

Bedien dich, Matthias, bevor sie kalt sind, sagte sie liebevoll.

Die Piroggen waren ein Gedicht. Ich aß drei mit Fleisch und zwei mit Kohl und war rundum satt, meine Stimmung hellte sich auf. Wir plauderten, tranken Wein dieses Gefühl von Geborgenheit, das Zuhause-Gefühl, war perfekt.

Helga, die sind himmlisch, lehnte ich mich zurück. Heute Abend kommen meine Kleinen, meine Tochter bringt die Enkel. Könnte ich vielleicht ein paar mitnehmen? Die kennen ja nur die tiefgekühlten vom Supermarkt, meine Tochter kocht leider selten traditionell.

Und da passierte es. Die Stimmung kippte.

Helga veränderte sich augenblicklich. Eben noch herzlich und freundlich, wurde ihr Blick eisig, sie spannte sich an, das ganze Gesicht war wie zugemacht.

Oh, Matthias … begann sie, plötzlich seltsam streng, wenn auch entschuldigend. Da kann ich kaum was weggeben. Linus kommt später, und eigentlich habe ich die für ihn gebacken.

Sie stand auf, griff zu der großen Schüssel es lagen noch mindestens dreißig Stück darin, ich schwöre kramte herum, zog ein kleines Tütchen heraus und packte … exakt drei Piroggen hinein. Zwei mit Kohl, eine mit Fleisch.

Hier, reichte sie mir das dürftige Päckchen. Können deine auch probieren. Für Linus muss noch genug für heute Abend übrig bleiben.

Ich sah die drei Piroggen im Tütchen und spürte, wie die Enttäuschung mir ins Gesicht stieg. Da stand dieser Piroggen-Mount-Everest; ich hatte gerade Wein, Obst und Fisch gebracht. Ich habe nie an ihr gespart und sie zählte ernsthaft die Piroggen für meine Enkel ab?

Helga, es sind doch mehr als genug da, versuchte ich die Situation zu retten, obwohl ich innerlich kochte. Linus kann doch gar nicht so viele essen. Gib meinen doch wenigstens zwei je Kind.

Sie presste die Lippen zusammen, deckte die Schüssel zu, fast wie eine Abwehr.

Matthias, ich hab eingeteilt. Linus freut sich doch so. Nimms mir nicht übel, aber ich kann nicht alles verteilen. Du hast gegessen, und es hat dir geschmeckt? Dann passt es ja. Das andere ist für meinen Enkel.

Sie sagte tatsächlich verteilen. Als wäre ich ein Bittsteller, nicht der Mann, mit dem sie eine Beziehung auffaute und der ihren Tisch gerade erst mit Leckereien bereichert hatte.

Warum stand ich in ihrer Weltordnung offenbar nicht über einem sechsjährigen Jungen?

Eine halbe Stunde später verabschiedete ich mich mit der Ausrede von einem Termin. Die drei Piroggen lagen auf dem Beifahrersitz, und der Duft, der eben noch nach Daheim roch, erschien mir plötzlich wie Hohn nicht nach Wärme, sondern nach Kälte. Ich zerbrach mir den Kopf, was in Helgas Denken los war, und die Antwort war enttäuschend.

Ich war immer überzeugt, in einer gesunden Beziehung stehen die beiden Erwachsenen an erster Stelle. Wir beide sind füreinander da. Kinder und Enkel sind wichtig aber eben danach. Bei Helga aber ist es anders. Zentrum ihrer Welt: Linus. Er ist das Maß aller Dinge. Wer bin ich dann? Nur der freundliche Geldgeber? Der Kerl, der fürs Café, Kino und Popcorn to go zahlt?

Wenn ich für ihren Enkel bezahle, ist das selbstverständlich, wir sind ja eine Familie. Nach einem Jahr? Aber wenn ich für meine Enkel drei Piroggen bitte, heißt es: Ich kann nicht alles verteilen. Das alles ist sehr einseitig. Ihr Enkel ist der privilegierte Erbe, meine bekommen den Rest drei Piroggen für zwei Kinder. Dass sie mir als erwachsenem Mann so demonstrativ nur ein winziges Tütchen gab und den Rest abdeckte, schien ihr gar nicht aufzufallen.

Zu Hause warteten die Kleinen schon. Meine Tochter, erschöpft nach der Arbeit, durchforstete die Einkaufstüten.

Oh, Papa! Das riecht nach Piroggen!

Ich holte das besagte Tütchen hervor und schämte mich fast.

Die sind von Tante Helga, murmelte ich und wich ihrem Blick aus. Probiert mal.

In einer Minute waren sie weg. Natürlich, sie schmeckten fantastisch.

Gibts noch mehr?, fragte mein Enkelkind und leckte sich die Finger.

Nein, mein Schatz, das wars leider, antwortete ich und ging auf den Balkon zum Rauchen.

Ich stand in der Kälte, sah in die Münchner Lichter und fragte mich: Wofür mache ich das alles? Wozu eine Frau, für die mein Geld nur dann gemeinsam ist, wenn es um ihren Enkel geht, während ihre Piroggen plötzlich unantastbar sind? Es geht ja nicht um das Essen ich könnte jederzeit eine Mahlzeit bestellen. Es geht um Wertschätzung.

Sie hat nicht einmal gemerkt, wie sehr es mich getroffen hat. Am Abend rief sie an, zwitscherte munter: Linus ist da, hat sich den Bauch vollgeschlagen und schaut jetzt seine Lieblingsserie. Ich hörte nur schweigend zu. Ich wollte sagen: Meine haben auch gefragt, und ich musste sagen, es gibt nichts mehr. Aber ich sagte nichts.

Wer kennt solche Doppelstandards? Wenn das Beste immer nur für einen reserviert ist? Soll ich das ansprechen? Oder ist das wirklich nur normale Großmütter-Sparsamkeit und ich bin einfach zu empfindlich?

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Homy
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Ich war fast ein Jahr lang mit einer Frau zusammen, habe großzügig für sie und ihren Enkel ausgegeben. Doch als ich sie bat, mir ein paar Frikadellen für zu Hause mitzugeben, wurde mir plötzlich klar, welchen Stellenwert ich wirklich für sie hatte.
„Ich habe dir so viele Gemeinheiten gesagt…“ Als Oksana ihre erwachsene Tochter ansah, verstand sie, warum Tanja sich ihr gegenüber so verhielt. — Weißt du, Tanja, ich sage dir jetzt eins. Du bist alt genug. Bald hast du deine eigene Familie. Kümmere dich um dein Leben und lass mich meines leben. Tanja warf ihrer Mutter einen bösen Blick zu: — Ich betrete dein Haus nie wieder! Mit Schwung schlug die Tochter die Tür hinter sich zu und ging. Oksana konnte ihren Tränen nicht mehr zurückhalten. Wie war es dazu gekommen, dass zwischen ihr und ihrer ältesten Tochter eine Kluft der Unverständnis entstanden war? Noch vor wenigen Jahren war alles ganz anders… * * * Oksana bekam Tanja im Alter von achtzehn Jahren, als sie im dritten Semester an der Universität Hohenheim studierte. Der Vater – Anton, ihre erste und damals scheinbar einzige große Liebe. Drei Jahre waren sie ein Paar – unzertrennlich. Die Schwangerschaft war nicht geplant, abbrechen wollten sie jedoch beide nicht. Oksana und Anton heirateten. Die Eltern auf beiden Seiten reagierten verständnisvoll, unterstützten die jungen Leute bei ihrem Wunsch nach einer Familie und zahlten die Miete für die erste gemeinsame Wohnung. Nach Tanjas Geburt half Oksanas Mutter viel bei der Betreuung. Oksana studierte weiter, konnte sogar im Präsenzstudium bleiben und organisierte den Stundenplan individuell. Dreimal pro Woche brachte sie ihre Tochter zu ihrer Mutter und eilte zur Vorlesung. — Mama, danke dir so sehr, — sagte Oksana, als sie ihr Diplom überreichte. — Ohne deine Hilfe mit Tanja hätte ich nie das Studium abgeschlossen. — Dafür sind Mütter ja da, — lächelte Olga Petrowna herzlich ihre Tochter und Enkelin an. Die letzten zwei Jahre hatten Oksana sehr erschöpft. Die Tochter war oft quengelig, schlief schlecht. Oksana war ständig am Limit, versuchte, Studentin, fürsorgliche Mutter und liebende Ehefrau gleichzeitig zu sein. Antons Leben änderte sich durch die Geburt kaum. Nach der Arbeit saß der junge Vater am Fernseher. Am Wochenende spielte Anton mit seinen Freunden Volleyball – was meist bei Bier endete. Oksana gab ihre Tochter in den Kindergarten und begann als Agraringenieurin im Gewächshauskomplex zu arbeiten. Als Tanja fünf wurde, ließen sich Anton und Oksana scheiden. — Mama, ich halte das nicht mehr aus, — weinte Oksana ihrer Mutter. — So viele Jahre habe ich gehofft, dass Anton erwachsen wird, aber dieser Mensch ist nicht zu ändern. Ich hätte nie gedacht, das zu sagen… aber… — Oksana seufzte laut — Ich bereue sehr, dass ich ihn geheiratet habe. Die Leute, die sagen, dass frühe Ehen selten gut ausgehen, haben recht. Die Mutter sah Oksana streng an. — Alles geht vorbei. Auch das. Glaub mir. Du hast das Wichtigste, deine Tochter. Und Männer… da kommt noch was. Du bist dreiundzwanzig – dein Leben fängt gerade erst an. Oksana sah ihre Mutter mit verweinten Augen skeptisch an. Ihr fiel es schwer, daran zu glauben. Es fühlte sich leer an… Die nächsten zehn Jahre verbrachte Oksana allein. Attraktiv, mit schlanker Figur und clever, aber ihr Privatleben wollte einfach nicht klappen. Viele Männer tauchten in ihrem Leben auf und verschwanden wieder. Kaum einer war bereit, Verantwortung nicht nur für eine Frau, sondern auch für ein fremdes Kind zu übernehmen. Sobald die Männer von der Tochter erfuhren, waren sie weg. Irgendwann gab Oksana die Hoffnung auf eine feste Beziehung, erst recht auf eine Ehe, auf. Ihren fünfunddreißigsten Geburtstag beging sie ziemlich niedergeschlagen. — Mama, ich habe zum ersten Mal richtige Angst, — gestand sie. — Ich habe das Gefühl, das Leben geht einfach an mir vorbei und ich stehe nur am Rand und schaue zu. Olga Petrowna sah Oksana überrascht an. — Wo ist dein Optimismus hin? Spricht da wirklich meine starke, selbstbewusste Tochter? Oksana lächelte traurig: — Denk mal nach, Tanja wird nächstes Jahr achtzehn und geht zum Studium weg. Dann bin ich allein. Keine rosigen Aussichten. — Oder vielleicht das Gegenteil! Vielleicht ist das der Anfang eines neuen Lebens? Oksana zuckte mit den Schultern. Sie wusste damals noch nicht, dass ihre Mutter zu hundert Prozent recht behalten sollte. * * * Dmitrij stürmte in Oksanas Leben wie ein Wirbelwind – im wahrsten Sinne. Er fuhr ihr Auto auf dem Parkplatz an. Es folgte eine Tirade an Entschuldigungen und die Bitte, auf die Polizei zu verzichten. — Machen Sie sich keine Sorgen, ich bezahle alles, — versicherte Dima. — Wir tauschen unsere Kontakte aus, und ich hole ihr Auto heute Abend persönlich zur Lackierung ab. Ihr Wagen ist dann wie neu, versprochen! Obwohl Oksana immer vorsichtig war, ließ sie sich von der Überzeugungskraft und Herzlichkeit des Unfallverursachers einnehmen. Von diesem Tag an wurden Oksana und Dima ein Paar. Alles ging rasend schnell. Oksana verlor den Kopf. Dima war ernsthaft und selbstsicher, arbeitete in einer Firma für Fenster und Türen und verdiente gut. Er umgab Oksana mit so viel Zuneigung und Fürsorge, dass sie in dieser Liebe versank. Nach zwei Monaten wagte Oksana, Dima von ihrer erwachsenen Tochter zu erzählen. Er reagierte gelassen und sagte, dass ihn das überhaupt nicht störe. Stattdessen überraschte Dima mit seiner eigenen Offenbarung: Er war zehn Jahre jünger als Oksana. — Du bist fünfundzwanzig? — Oksana starrte ihn schockiert an. — Du siehst viel älter aus, hätte ich das gewusst… — Zum Glück hast du es nicht gewusst, — lächelte Dima charmant. — Ich sehe aus wie 35, du wie 25 – das passt perfekt. Wir sind ein Traumpaar! Er nahm Oksana in die Arme und küsste sie. — Dima, das ist doch komisch irgendwie, — sagte Oksana verunsichert. — Was werden die Leute sagen? Die Eltern? — Es wird alles gut! Alter sind nur Zahlen. Ich liebe dich und möchte, dass du meine Frau wirst! Oksana war verunsichert. Wie würden Eltern und Tochter auf den jungen Mann reagieren? Verstand und Herz stritten heftig miteinander. * * * Am nächsten Tag erzählte sie alles ihren Eltern und Tanja. — Das ist deine Entscheidung und dein Leben. Mach das, was dir das Herz sagt, — unterstützte Olga Petrowna ihre Tochter. — Papa und ich stehen immer hinter dir. Oksana lächelte ihre Mutter liebevoll an und wandte sich dann an Tanja. — Du bist echt krass, — meinte diese missmutig. — Hättest ja gleich was mit meinem Mitschüler anfangen können. Mama, du bist erwachsen und kannst trotzdem nicht anders… Ziehst du etwa ein weißes Hochzeitskleid an? Oksana zuckte innerlich zusammen. So hatte sie ihre Tochter noch nie sprechen hören. — Rede nicht so mit deiner Mutter, — schimpfte Olga Petrowna mit ihrer Enkelin. — Bevor du sprichst, denk an wen und was du sagst. — Mir doch egal, — Tanja stand auf und wollte gehen. — Ich bin eh in acht Monaten zum Studium weg, macht, was ihr wollt. Oksana spürte Tränen in den Augen. — Wie kann sie nur, Mama? Ich habe mein ganzes Leben ihr gewidmet, — die Stimme zitterte. — Du hast Tanja zu viel durchgehen lassen, — antwortete Olga Petrowna. — Deshalb ist sie so egoistisch geworden. Das geht vorbei. Du hast dein eigenes Glück verdient, egal wer er ist und wie alt. Papa und Mama fuhren ab, Oksana saß noch lange in der Küche und starrte ins Leere. Sie ahnte nicht, dass ihre einzige Tochter bereits Pläne schmiedete, ihre neue Beziehung zu ruinieren. * * * Zwei Wochen später zog Dima von seiner Mietwohnung zu Oksana und Tanja. Oksana wollte noch nicht heiraten und überredete Dima, erstmal einfach so zusammenzuleben. Die nächsten sechs Monate wurden sehr schwierig. Auch Dimas Eltern waren nicht begeistert von der Wahl ihres Sohnes. Zaghaft, aber doch – Oksana spürte deren Enttäuschung. Und das, obwohl sie sich höchstens fünfmal sahen. Doch das Schlimmste spielte sich zuhause ab. Tanja war wie ausgewechselt. Frech, provokant, ein Benehmen, das sie sich vorher nie erlaubt hätte. Sie sprach mit Oksana nur durch die Zähne und ignorierte Dima. — Tanja, ich verstehe dich nicht mehr! — protestierte Oksana eines Tages. — Willst du mir etwas heimzahlen? Wofür? Du bist erwachsen, bald ziehst du aus und beginnst dein eigenes Leben. Und trotzdem meinst du, du hast das Recht, mir mein Glück zu nehmen. Das habe ich nicht verdient! Tanja sah die Mutter an und schnaubte. — Ihr nervt mich beide, — sagte sie plötzlich. — Er ist jünger als du, das ist peinlich. Du hättest einen Gleichaltrigen suchen sollen, dann hätte ich vielleicht normal reagiert. — Teilweise gebe ich dir recht, — erwiderte Oksana. — Aber ich wusste nicht, dass Dima jünger ist, als wir uns verliebt haben. Und jetzt… bereue ich es nicht. Sie schwieg kurz: — Tanja, ich liebe dich. Du bist meine Tochter. Aber Dima ist mir sehr wichtig geworden, und ich bitte dich ihn zu akzeptieren. Tu das bitte für mich. Nach diesem offenen Gespräch entspannte sich die Lage etwas. Tanja wurde ruhiger – wahrscheinlich, weil sie nun fürs Studium angenommen war und ohnehin bald wegziehen würde. Doch das Ende der Ruhe kam, als Oksana erfuhr, dass sie von Dima schwanger war. Tanja rastete aus. Sie beschimpfte ihre Mutter und Dima aufs Übelste und fuhr zum Studium. — Oksana, reg dich nicht auf, bitte, — sagte Dima und nahm sie in den Arm. — Tanja wird merken, dass sie falsch liegt, es braucht Zeit. Sie ist es nicht gewohnt, dich mit jemandem zu teilen – daher ihr Verhalten. Wenn sie alleine in der anderen Stadt wohnt, wird sie vieles verstehen. Doch so einfach war es nicht. Dima und Oksana heirateten. Nach sieben Monaten kam Pasha auf die Welt. Dima wurde ein liebevoller Ehemann, übernahm Verantwortung für Frau und Sohn, unterstützte auch Tanja im Studium. Oksana hätte sich als absolut glücklich bezeichnen können – wären da nicht die zerstörten Beziehungen zur Tochter. Tanja blieb abweisend. Oksana hatte nur selten Kontakt zu ihr, was sie sehr traurig machte – obwohl Tanja sich furchtbar verhielt, liebte Oksana sie immer noch sehr. Die Gespräche mit Tanja beschränkten sich auf einsilbige Sätze, ein tiefes Gespräch war nie möglich. Bei seltenen Besuchen schlief Tanja lieber bei Oma und Opa. Den kleinen Pasha ignorierte sie völlig. So vergingen zwei Jahre. * * * Eines Samstagmorgens hörte Oksana die Wohnungstür. Sie erschrak. Dima und Pasha schliefen noch. Oksana ging in den Flur. Dort stand Tanja. — Tanja, was machst du hier? Du solltest im Seminar sein, — rief Oksana erstaunt. — Was ist passiert? Tanja sackte auf den Boden und begann zu weinen. Oksana sprang auf und schüttelte ihre Tochter. — Mein Gott! Was ist passiert? — Mama, verzeih mir. Ich bin so dumm, — schluchzte Tanja. — Ich habe niemanden außer euch… Ich bin schwanger… schon vier Monate… Wollte abtreiben… aber die Ärzte sagten, es sei zu spät… Und er meint, das Kind sei mein Problem… Was soll ich tun? Wie soll ich das allein schaffen? Tanja weinte laut. Dima kam schlaftrunken dazu und sah die Szene ungläubig. Oksana fasste sich und nahm die Tochter in den Arm. — Tanja, wein nicht, es wird alles gut, — beruhigte sie sie. — Ich bin bei dir. — Ich habe dir so viele Gemeinheiten gesagt. Dima habe ich verletzt, Pasha auch, — sagte Tanja. — Jetzt merke ich erst, wie allein ich ohne euch, Oma und Opa wäre. Oksana konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Beide saßen schluchzend im Flur. — So, Mädels, — ertönte Dimas Stimme, — ihr flutet gleich die Nachbarswohnung. Aufstehen, ab in die Badewanne, dann frühstücken. Sonst erschreckt ihr Pashka. Mutter und Tochter sahen sich an, standen schließlich auf und gingen ins Bad. Oksana blickte dankbar zu ihrem Mann. Dima verstand sie ohne Worte, lächelte und ging in die Küche. Tanja lehnte sich an die Mutter und dachte voller Dankbarkeit: Wie sehr hat sie sich in den beiden getäuscht – wie gut, dass man alles wieder gerade biegen kann!