Ich habe dir so viele schlimme Dinge gesagt…
Birgit blickte ihre erwachsene Tochter an und spürte genau, warum Johanna sich so verhielt.
Weißt du, Johanna, ich sage dir jetzt eins: Du bist längst erwachsen. Bald hast du deine eigene Familie. Kümmer dich um dein Leben und lass mich meines gestalten.
Johanna warf ihrer Mutter einen grimmigen Blick zu:
Du wirst meine Füße nicht mehr in deinem Haus sehen!
Mit einem lauten Knall warf sie die Tür ins Schloss und verließ das Zuhause. Birgit konnte ihren Schmerz nicht zurückhalten, Tränen liefen ihr über die Wangen. Wie war es soweit gekommen, dass die Kluft zwischen ihr und ihrer ältesten Tochter zum Abgrund geworden war? Dabei war doch früher alles ganz anders
***
Birgit hatte Johanna mit achtzehn zur Welt gebracht, damals war sie im dritten Semester der Agrarwissenschaften in München. Der Vater Martin schien ihre erste und einzige große Liebe zu sein. Drei Jahre waren sie ein Paar, unzertrennlich. Die Schwangerschaft kam ungeplant, doch einen Abbruch zog keiner in Erwägung.
Birgit und Martin heirateten. Die Eltern beider Seiten standen hinter den jungen Leuten, unterstützten sie und übernahmen sogar die Miete für eine kleine Wohnung.
Als Johanna geboren wurde, half Birgits Mutter enorm. Birgit konnte weiterstudieren, besuchte die Uni nach individuellem Stundenplan. Dreimal die Woche ließ sie die Kleine bei ihrer Mutter und hetzte dann durch den Englischen Garten zur Uni.
Mama, ohne dich hätte ich das nie geschafft, sagte Birgit mit einem echten Lächeln, den Diplom in der Hand. Deine Hilfe mit Johanna war alles.
Dafür sind Mütter da, antwortete Ilse König mit Wärme im Blick auf Tochter und Enkelin.
Birgit war am Ende. Johanna war launisch und schlief schlecht. Müde balancierte Birgit zwischen der Rolle der strebsamen Studentin, fürsorgliche Mutter und liebende Frau.
Martins Leben veränderte sich kaum nach der Geburt. Der junge Vater kam abends von der Arbeit und versank prompt vor dem Fernseher. Am Wochenende verschwand er mit Freunden zum Volleyball was meist im Wirtshaus bei einer Maß Helles endete.
Birgit meldete Johanna im Kindergarten an und fing im Gewächshaus der Landgut GmbH als Agronomin an. Als Johanna fünf war, trennten sich Birgit und Martin.
Mama, ich kann das nicht mehr. Ich hab so lange gehofft, Martin würde erwachsen werden, aber das wird er nie Ich wünschte wirklich, ich hätte ihn nie geheiratet. Alle hatten Recht: Mit so einer frühen Ehe kommt nichts Gutes.
Ilse König sah Birgit streng an.
Alles geht vorbei, auch das. Du hast das Wertvollste: deine Tochter. Und ein Mann da hast du noch alles vor dir. Mit 23: Das Leben beginnt erst.
Birgit blickte ihre Mutter mit verweinten Augen skeptisch an. Sie konnte diese Worte kaum glauben. Ihr Herz war leer
Die nächsten zehn Jahre verbrachte Birgit allein. Attraktiv, schlank, klug und doch wollte das Glück nicht kommen. Männer gab es viele, manche traten in ihr Leben und gingen schnell wieder fort.
So manch einer wollte keine Verantwortung für eine Frau mit Kind übernehmen. Kaum hörten sie von Johanna, zogen sie sich zurück. Irgendwann gab Birgit die Hoffnung auf eine feste Partnerschaft ganz auf.
Ihren 35. Geburtstag verbrachte sie mit trübem Gemüt.
Mama, ich habe zum ersten Mal Angst. Ein Gefühl, als ob das Leben an mir vorüberzieht und ich stehe nur da und schaue zu.
Ilse König schaute die Tochter überrascht an.
Wo ist denn dein Optimismus hin? Spricht da wirklich meine starke, mutige Tochter?
Birgit lächelte gequält.
Johanna wird nächstes Jahr 18 und geht dann zum Studium nach Berlin. Und ich bleibe allein. Nicht gerade eine rosige Aussicht.
Vielleicht beginnt gerade dann dein neues Leben, mein Kind.
Birgit zuckte mit den Schultern. Damals wusste sie noch nicht, wie recht Mutter hatte.
***
Max stürmte wie ein Orkan direkt in Birgits Leben. Im wahrsten Sinne: Er fuhr unachtsam gegen ihren Wagen, der friedlich auf dem Parkplatz stand. Es folgten tausend Entschuldigungen und das inständige Bitten, nicht die Polizei zu rufen.
Keine Sorge, ich zahle alles, versprach Max. Wir tauschen Kontakte aus. Ich bringe Ihr Auto nach Feierabend zur Lackierung, Sie werden es nicht wiedererkennen.
Birgit, sonst skeptisch und vorsichtig, ließ sich diesmal auf den Charme des Unfallverursachers ein. Max war so überzeugend und freundlich, dass sie keine Kraft hatte, zu widerstehen.
Ab jenem Tag begannen zwischen den beiden Treffen. Alles ging schnell: Birgit war hin und weg.
Max war ernsthaft, selbstbewusst, arbeitete bei einer Firma für Fenster und Türen in Nürnberg und hatte ein gutes Gehalt. Seine Fürsorge und Liebe gaben Birgit das Gefühl zu ertrinken diesmal in Glück.
Nach zwei Monaten erzählte Birgit dem neuen Freund von ihrer erwachsenen Tochter. Max zuckte nur die Schultern: Es störte ihn nicht.
Dann offenbarte Max ihr, er sei zehn Jahre jünger als Birgit.
Du bist fünfundzwanzig? Birgit starrte fassungslos. Aber du wirkst älter Hätte ich das gewusst …
Gut, dass dus nicht wusstest, lächelte Max. Ich wirke älter, du jünger. Wir sind gleichalt, wie wunderbar!
Er nahm sie fest in die Arme und küsste sie.
Max, das ist doch komisch, stammelte Birgit. Was werden die Leute sagen? Die Eltern?
Alles gut. Das Alter sind Zahlen auf Papier. Ich liebe dich und will, dass du meine Frau wirst.
Birgit war sichtlich irritiert. Sie wusste nicht, wie ihre Eltern und Johanna auf den jungen Mann reagieren würden. Zehn Jahre Unterschied eine große Zahl. Doch ihr Herz sprach eine andere Sprache.
***
Am nächsten Tag berichtete sie alles ihren Eltern und Johanna.
Das ist deine Entscheidung und dein Leben. Mach, was das Herz dir rät, unterstützte Ilse König ihr Kind. Papa und ich stehen hinter dir.
Birgit blickte ihre Mutter liebevoll an, dann Johanna.
Du spinnst doch!, meckerte diese. Du könntest dich auch gleich mit einem aus meiner Klasse zusammentun! Mama, du bist doch erwachsen und benimmst dich wie ein Teenager Ziehst du etwa auch noch ein weißes Hochzeitskleid an?
Birgit traf dieses erste Mal der abfällige Ton der Tochter mitten ins Herz.
Sprich so nicht mit deiner Mutter!, fiel Ilse König entschieden ein. Überleg immer, was du sagst und zu wem.
Mir egal, murmelte Johanna und verließ die Wohnung. In acht Monaten ziehe ich eh nach Berlin. Macht, was ihr wollt.
Birgit spürte die Tränen aufsteigen.
Wie kann sie nur, Mama? Ich habe mein gesamtes Leben ihr gewidmet.
Du hast Johanna zu viel durchgehen lassen, antwortete Ilse König. Darum ist sie so geworden. Aber sie wird sich schon beruhigen. Du hast deinen Anteil Glück verdient und es ist egal, wie alt er ist.
Die Eltern fuhren weiter zur Datsche, während Birgit noch lange wie versteinert in der Küche saß. Da ahnte sie nicht, dass die Tochter in ihrem Zimmer Pläne schmiedete, um Birgits Privatleben zu ruinieren.
***
Zwei Wochen später zog Max aus seiner Wohnung zu Birgit und Johanna. Eine Heirat wollte Birgit noch nicht. Sie bat Max, erst einmal zusammen zu leben.
Die nächsten sechs Monate wurden zäh und schwer. Die Eltern von Max waren vom Lebensweg des Sohnes wenig begeistert. Sie versteckten ihre Enttäuschung jedoch hinter einem höflichen Lächeln. Birgit merkte es trotzdem. Sie begegneten sich höchstens fünf Mal.
Doch zuhause war es am schlimmsten. Johanna war wie ausgewechselt. Respektlos und aufmüpfig, wie nie zuvor, begegnete sie ihrer Mutter. Sie sprach herausfordernd mit Birgit und ignorierte Max.
Johanna, was soll das? Willst du mir eins auswischen? Wofür? Du bist volljährig, bald fort zum Studium. Und trotzdem glaubst du, du könntest mich meines Glücks berauben. So ein Verhalten habe ich nicht verdient schon gar nicht von dir.
Johanna blickte ihre Mutter an und zuckte die Schultern.
Ihr nervt mich einfach, sagte sie leise. Er ist jünger als du, das ist lächerlich. Du hättest einen Gleichaltrigen nehmen sollen. Vielleicht könnte ich es dann akzeptieren.
Da gebe ich dir ein bisschen recht, erwiderte Birgit. Aber als ich Max kennenlernte, wusste ich nicht, wie jung er ist. Und jetzt was bringt es, darüber zu grübeln?
Birgit holte tief Luft.
Johanna, ich liebe dich, du bist meine Tochter. Aber Max ist mein Partner, ich bitte dich, ihn zu akzeptieren wenigstens für mich.
Nach diesem offenen Gespräch entspannte sich die Stimmung etwas. Doch eher, weil Johanna bald ihren Platz im Studium hatte und der Abschied bevorstand.
Die Ruhe war schnell vorbei, als Birgit erfuhr, dass sie ein Kind von Max erwartete. Johanna war außer sich, schimpfte Mutter und Max aus und packte die Koffer fürs Studium.
Birgit, bitte bleib gelassen du musst auf dich achten, sagte Max und nahm sie in den Arm. Johanna wird verstehen, dass sie alles falsch sieht, sie braucht nur Zeit. Sie muss erst lernen, dich zu teilen. Bald lebt sie in einer fremden Stadt dann wird sie umdenken.
Doch alles war komplizierter.
Birgit und Max heirateten. Nach sieben Monaten wurde ihr Sohn Paul geboren. Max war ein fürsorglicher Partner und kümmerte sich leidenschaftlich um Frau und Kind. Er unterstützte Johanna in Berlin und schickte ihr monatlich 450 Euro. Birgit hätte sich für vollkommen glücklich halten können, wenn nicht das zerrüttete Verhältnis zu ihrer Tochter gewesen wäre.
Johanna verweigerte jeglichen Kontakt. Die Telefonate waren kurz angebunden, Gespräche unmöglich. Birgit vermisste sie schmerzhaft, liebevoll trotz allem.
Die wenigen Male, die Johanna in München war, wohnte sie bei Oma und Opa. Den kleinen Paul ignorierte sie völlig. So vergingen zwei Jahre.
***
Eines Samstag morgens hörte Birgit das Knarzen der Haustür. Sie zuckte zusammen. Max und Paul schliefen noch.
Leise trat Birgit in den Flur. Dort hockte Johanna.
Johanna, was machst du denn hier? Solltest du nicht in Berlin sein? Was ist los?
Johanna sackte auf den Boden und brach in Tränen aus. Birgit lief erschrocken hin und schüttelte sie.
Mein Gott! Was ist passiert?
Mama, es tut mir so leid ich bin so dumm ich hab niemanden mehr ich bin schwanger schon vier Monate wollte abtreiben, aber die Ärzte sagen, es ist zu spät Er will das Kind nicht, alles meine Sache Was soll ich tun? Wie soll ich das allein schaffen?
Tränen strömten. Max kam verschlafen aus dem Schlafzimmer und starrte die Szene an.
Birgit sammelte sich und nahm Johanna in den Arm.
Johanna, du wirst es schaffen. Weine nicht, ich bin da.
Ich habe dir so viele Gemeinheiten gesagt. Max und Paul auch verletzt. Jetzt merke ich, ich habe nur euch und Oma und Opa.
Birgit konnte ihre Tränen nicht halten. Mutter und Tochter saßen im Flur und weinten gemeinsam.
Mädels , ertönte Max Stimme, ich will nicht stören, aber ihr bringt noch die Nachbarn zum Meer. Steht auf. Ab ins Bad mit euch und dann Frühstück, sonst erschreckt ihr Paul.
Birgit und Johanna warfen sich einen langen Blick zu, standen auf und gingen ins Bad. Birgit blickte mit Dankbarkeit zu ihrem Mann und Max verstand ihre Gefühle ganz ohne Worte. Lächelnd ging er in die Küche, das Frühstück vorzubereiten. Johanna schmiegte sich an ihre Mutter und dachte: Wie falsch sie beide doch eingeschätzt hatte und wie wunderbar, dass sie alles reparieren konnte.





