Er war gerade über die siebzig geworden, hatte drei Kinder großgezogen. Seine Frau war vor dreißig Jahren im Koma gestorben und er hatte nie wieder geheiratet. Er fand nie die passende Partnerin das Schicksal, die Umstände, die eigenen Zweifel man könnte endlos Gründe aufzählen, doch das war nicht das Wesentliche.
Seine beiden Söhne, Fritz und Otto, waren launische Streithähne. Er schickte sie von einem Gymnasium zum nächsten, bis ein besonders engagierter Physiklehrer ihre Begabung erkannte. Plötzlich hörte das ständige Gezänk auf, und die beiden fanden ihre Leidenschaft im naturwissenschaftlichen Wettbewerb.
Auch die Tochter, Liesel, hatte Schwierigkeiten, sich mit Gleichaltrigen zu verständigen. Der Schulpsychologe wollte sie zum Kinderpsychiater überweisen, doch ein neuer Literaturlehrer gründete einen Schreibkreis für Anfänger. Liesel schrieb von morgens bis abends, ihre Kurzgeschichten erschienen zuerst in der Schülerzeitung, dann in den örtlichen Literaturclubs.
Kurz darauf erhalten Fritz und Otto Stipendien an einer renommierten Technischen Universität in München, während Liesel ein Studium der Literatur in Heidelberg begann. Der Vater blieb allein zurück. Plötzlich bemerkte er das Schweigen um sich herum kein Wolfsgeheul, nur das leise Rauschen des Flusses.
Er widmete sich dem Angeln, dem Gärtnern und der Schweinehaltung auf dem großen Hof seiner Eltern in Brandenburg, direkt an der Havel. Das Einkommen war gut, doch er erkannte, dass ein Ingenieur im Stahlwerk weniger verdiente als er. So konnte er seinen Kindern noch ein wenig helfen: günstige Autos, Taschengeld, ordentliche Kleidung.
Die Zeit verrannte, die Arbeit auf dem Hof nahm immer mehr in Anspruch, doch er genoss sie. Zehn weitere Jahre vergingen, und sein siebzigster Geburtstag stand bevor. Er wollte ihn allein feiern.
Seine Söhne waren in ein streng geheimes Projekt für das Verteidigungsministerium eingebunden und konnten nicht für ein Wochenende weg. Liesel reiste ständig zu LiteraturSymposien. Er dachte bei sich: Ich lasse sie nicht mit einer Einladung stören.
Am Morgen des Geburtstags stand er schon früh auf, um die Schweine zu füttern eine spezielle Aufzucht, wie er sie sich vorgenommen hatte. Beim Verlassen des Hauses bemerkte er auf der noch vom Sternenlicht erhellten Wiese hinter dem Haus einen seltsamen, länglichen Gegenstand, eingewickelt in ein braunes Tuch.
Was soll das denn sein?, fragte er verwundert, als plötzlich Scheinwerfer aufleuchteten. Das Licht erhellte die Wiese und die Menschen, die aus dem Haus hervorgingen seine Söhne mit Frauen und Kindern, einige Verwandte, und Liesel, begleitet von einem hochgewachsenen Mann mit dicken Brillengläsern. Jeder hielt Luftballons, blies in Tröten und drückte auf quietschende Druckluftdosen. Sie sprangen herum, jubelten und umarmten ihn:
Alles Gute zum Geburtstag, Papa!
Er vergaß das Tuch völlig, während die Kinder ihn daran hinderten, zurück ins Haus zu gehen, wo seine Frauen bereits den Tisch deckten.
Stopp, Papa, lass mich dir die Augen verbinden, sagte Liesel.
Na gut, erwiderte er. Sie band ihm ein festes Tuch um den Hinterkopf und drehte ihn mehrmals, während er fragte: Was habt ihr denn jetzt wieder ausgedacht?
Ein Geschenk, antwortete Fritz.
Hoffentlich nicht zu teuer?, stieß er ein.
Mach dir keine Sorgen, Papa, meinte Otto. Nur ein kleines, preiswertes Zeichen unserer Wertschätzung.
Sie führten ihn zu dem verhüllten Gegenstand, rissen das Tuch weg, und plötzlich kam das grelle Licht einer alten OldsmobileF888 zum Vorschein. Der Vater blieb erstarrt, fast bewusstlos vor Überraschung, wurde aber von den Kindern auf einen Stuhl gesetzt.
Herrgott, Herrgott, murmelte er.
Liesel spritzte ihm Wasser ins Gesicht: Du wolltest das Auto dein ganzes Leben.
Aber das ist doch viel zu teuer, stöhnte er.
Nicht teurer als das Glück, sagte einer seiner Söhne.
Liesel zog ihn zur Tür: Steig ein, wir wollen Fotos machen.
Als er die Tür öffnete, stand eine Kartonbox im Inneren.
Was ist das?, fragte er.
Öffne es, rief Liesel.
Er zog die Kiste hervor, öffnete sie und blickte hinein: Zwei Augen starrten ihn aus dem Inneren. Er zog ein kleines, flauschiges Wesen heraus und drückte es an sich:
Ein echter Thai-Kater! So wie der, den wir früher mit deiner Mutter hatten. Erinnerst du dich, Mama?
Natürlich, Papa, riefen die Kinder.
Er setzte sich nicht ins Auto, sondern ging nach oben in sein Schlafzimmer, hielt das Kätzchen an ein Foto seiner verstorbenen Frau und weinte:
Siehst du, Marta, siehst du? Ich habe es geschafft. Sie haben nichts vergessen
Die Kinder ließen ihn nicht lange allein. Der Tisch war gedeckt, es gab Trinksprüche, und Liesel flüsterte ihm ins Ohr, dass sie im vierten Monat schwanger sei und ihr Verlobter aus New England zu Besuch komme. Sie wolle dort bleiben, weil ihr neues Buch überall geschrieben werden könne, und ihr Verlobter würde nach ein paar Wochen in ihrer Heimatkirche heiraten.
Stimmst du zu, Papa?, fragte Liesel.
Das ist ein märchenhafter Traum, antwortete er und küsste sie auf die Stirn.
Der Tag verging mit Gesprächen, Essen, ein paar Gläsern Wein und vielen Erinnerungen. Am Abend ging er zum Grab seiner Frau, setzte sich lange hin und redete mit ihr.
Das Leben bekam wieder Sinn nicht nur wegen des Autos, sondern weil er nun wusste, dass er nicht allein war. Auf seinem Bett schlief das kleine Thai-Kätzchen, das er Tomka nannte.
Tomka, murmelte er, streichelte das weiche Fell, und das Kätzchen schnurrte zufrieden.
Am nächsten Morgen musste er früh aufstehen, die Schweine füttern, im Garten arbeiten und zum Angeln gehen das ließ er nicht aus. Im Zimmer unten schlief Liesel mit ihrem Verlobten.
Als die Söhne mit ihren Familien wieder abreisten, kehrte wieder Stille ein. Tomka folgte ihm überall hin, fiel in den Schweinefutterbehälter, verhedderte sich im Angelnetz und versuchte, das Fischfutter zu naschen. Der Mann lachte und sprach mit dem kleinen Racker:
Es ist, als käme die Jugend zurück.
Tomka schnurrte, kratzte an seiner Hand und biss leicht mit den winzigen Zähnchen.
Du kleiner Schlingel! rief er lachend.
Diese Geschichte ist kein leeres Gerede. Sie soll allen, die noch zu ihren Eltern fahren können, sagen: Warte nicht auf morgen. Fahr jetzt sofort los! Und vergiss nie: Das wahre Geschenk sind die Menschen, die dich lieben, und die Erinnerungen, die du gemeinsam mit ihnen schaffst.




