Drei Tage zuvor hatte Ana jeden Winkel ihres Hauses so gründlich gesäubert, als wäre Staub nicht der Feind, sondern die Zeit, die sie von ihrem Sohn getrennt hatte. Die Nacht lag ihr schwer im Kopf, obwohl der Bus erst am Nachmittag im Dorf ankommen sollte. Schlafen blieb ihr unmöglich. Costel kehrte nach fünf Jahren in Italien zurück. In diesen fünf Jahren sah sie ihn nur selten auf kaum gesendeten Fotos und in Videoanrufen, die ständig wegen schlechter Internetverbindung abbrachen.
In der Küche ruhte der Teig für die Cozonaci unter einem sauberen Tuch. Am Vorabend hatte sie das Fleisch für die Sarmale vorbereitet, rollte die Röllchen eine nach der anderen bis tief in die Nacht. Die kleinen Röllchen köchelten stundenlang bei schwacher Flamme und erfüllten das Haus mit dem Duft von Costels Kindheit. Sie hatte außerdem einen Käsekuchen gebacken, den er als kleiner Junge liebte.
Ana stand nun vor dem Spiegel im Schlafzimmer. Sie hatte ihr Haar sorgfältig gekämmt, ein neues Kopftuch angelegt, das sie speziell auf dem Markt gekauft hatte. Ihre Augenfalten betrachtete sie aufmerksam 58 Jahre hatten ihre Spuren hinterlassen, ebenso die Feldarbeit, die Haushaltsverantwortung und die Sehnsucht nach ihrem einzigen Sohn.
Wird er mich wiedererkennen?, fragte sie sich und lachte über diesen dummen Gedanken. Sie war seine Mutter, doch was hatte Italien mit ihm gemacht? Spricht er noch so, wie sie? Schämt er sich für das alte Haus und die staubigen Gassen des Dorfes?
Den ganzen Morgen kamen Nachbarinnen an das Tor, taten so, als hätten sie etwas zu erledigen, kamen aber eigentliche, um die Vorbereitungen zu sehen. Der Junge von Ana kommt zurück, flüsterten sie. Er ist bei den Italienern zu einem richtigen Herrn geworden.
Nur Eltern, die ihre Kinder gehen sahen, verstehen, dass jeder Wartetag sich wie eine kleine Ewigkeit anfühlt.
Kurz vor Mittag begann sie, den Tisch im großen Festsaal zu decken, der sonst nur zu besonderen Anlässen benutzt wird. Auf das bestickte Tischtuch wurden polierte Bestecke und feines Porzellan gestellt, das das ganze Jahr über im Schrank lag. In einer Kristallvase in der Mitte standen frische Blumen aus dem Garten.
Als sie fertig war, trat sie in den Hof und setzte sich auf die Bank unter dem Nussbaum. Von dort sah sie die Hauptstraße, hörte das Rattern des Busses, wenn er im Dorfzentrum hielt. Noch einige Stunden musste sie warten, doch ihr Herz schlug wie das einer jungen Frau vor dem ersten Treffen.
Wie viele Eltern im ländlichen Rumänien warten wie sie? Wie viele Mütter zählen die Tage zwischen den Besuchen ihrer fernen Kinder? Kein Opfer schien zu groß, damit ihr Sohn ein besseres Leben haben könnte, doch die Einsamkeit hatte ihren Preis.
Kurz vor viertel vor vier hörte sie das entfernte Hupen des Busses. Sie richtete ihr Kleid, kämmte ihr Haar. Einen Moment still, als würde sie Kraft aus der Erde ziehen, dann ging sie zur Tür.
Der Bus hielt im Dorfzentrum und wirbelte Staub auf. Einige Menschen stiegen aus eine alte Frau mit Taschen, zwei Jugendliche, ein Mann mittleren Alters. Dann kam schließlich ein hochgewachsener junger Mann in marineblauem Anzug, eine Koffertasche in der einen Hand und einen Blumenstrauß in der anderen.
Ana schluckte. Er war es, doch irgendwie auch nicht. Größer, schlanker, mit kurzem Haar und einer eleganten Kleidung, die ihn fremd wirken ließ im Dorf. Ein kurzer Moment der Unsicherheit überkam sie.
Dann hob der Anzugträger den Blick. Seine Augen leuchteten, ein Lächeln verzog sein Gesicht. Er ließ die Koffertasche fallen und rannte zu ihr.
Mama!, rief er aus der Ferne.
Plötzlich zählte der elegante Anzug nichts mehr. Er war ihr kleiner Junge, der von der Schule nach Hause rannte, der Jugendliche, der ihr im Garten half, der junge Mann, der versprach, zurückzukehren, egal wie weit er ging. In seinen Augen sah Ana dieselbe Wärme, dieselbe Liebe.
Als er vor ihr stand, blieb er einen Augenblick stehen, als wolle er sicherstellen, dass sie wirklich sie war. Dann schlang er sie fest in die Arme, so fest, dass ihr Atem stockte.
Mama, flüsterte er, sein Gesicht im Schulterbereich vergraben. Meine Mama.
Tränen liefen Ana über die Wangen. Sie konnte nicht mehr sprechen. Sie hielt ihn fest, wie einst, als er klein war und sie fürchtete, ihn in der Menge zu verlieren. Der Duft war anders teurer Aftershave und fremde Länder doch er war immer noch ihr Sohn.
Komm, wir gehen nach Hause, sagte Ana schließlich, wischte die Tränen weg. Ich habe auf dich gewartet.
Costel reichte ihr den Blumenstrauß weiße Rosen hob die Koffertasche und bot ihr seinen Arm an. Gemeinsam gingen sie die Dorfgasse hinunter zum Haus, dessen Fenster weit offen standen und dessen Tisch bereits für die Rückkehr des Sohnes gedeckt war.
Während sie langsam den staubigen Weg entlanggingen, spürte Ana, wie die Jahre der Einsamkeit schmolzen wie Schnee unter Frühlingssonne. Es spielte keine Rolle, wie lange er bleiben würde. Es spielte keine Rolle, ob er wieder gehen würde. Jetzt war er hier, bei ihr, und in diesem Moment war die Welt vollkommen.




