Sie begrub ihren Mann, stand ganz allein durch, hielt den Hof am Laufen und dann öffnete die Nachbarin den Mund.
Nachrichten und E-Mails
Und jetzt sagen Sie mir bitte, Frau Gisela Bauer, wandte ich mich ihr zu, sagen Sie es vor allen, warum Sie Lügen über mich verbreitet haben! Was habe ich Ihnen denn angetan? Womit habe ich das verdient? Was ich darauf zu hören bekam, veränderte alles.
Sie hatte ihren Mann zu Grabe getragen, sich ganz allein bewährt, den Hof aufrechterhalten und dann fingen die Nachbarn zu reden an.
Ein Gerücht nur eins. Schon schaut die Verkäuferin im Dorfladen mich mitleidig an, die Sprechstundenhilfe drückt mir die Hand und sagt: Halte durch. Alle scheinen etwas zu wissen, nur du selbst verstehst nicht, worum es geht.
Klara hätte schweigen können. Doch sie trat vor das ganze Dorf und fragte direkt:
Warum tut ihr mir das an?
Die Antwort darauf änderte alles.
***
Die Erde roch an diesem Morgen scharf und unruhig, als kündige sich großes Unheil oder eine große Veränderung an.
Ich war noch vor Sonnenaufgang auf den Beinen die Kühe warten nicht auf dich, sie kümmern sich nicht um Steine oder Festtage, die du im Herzen trägst. Die Milch kommt, wann sie kommt versuche nur, nicht rechtzeitig da zu sein!
Der Tau lag noch wie silberne Perlen auf dem Gras und ich dachte bei mir: Jeden Morgen wäscht sich die Erde, fängt noch einmal von vorne an, als hätte der gestrige Tag gar nicht stattgefunden. Nur dem Menschen ist so etwas nicht gegeben.
Der Mensch trägt alles Erlebte mit sich, wie ein Pferd seinen vollgepackten Wagen und meistens ist es leider mehr Bitteres als Schönes, was sich da ansammelt: Groll, ungeklärte Worte, boshafte Blicke.
Jetzt lebe ich im vierten Jahr allein in Wiesenrode, wenn man die Tiere nicht mitzählt.
Mein Mann, Heinrich, starb ganz plötzlich ein Herzinfarkt, mitten auf dem Feld, während er das Heu wendete. Man fand ihn erst gegen Abend, als die Sonne unterging; sein Gesicht war friedlich, als wäre er nach getaner Arbeit eingenickt.
Vielleicht war es so besser: Er musste nicht leiden und hat nicht miterlebt, wie ihm das Leben entgleitet.
Nach Heinrich blieb ich allein mit dem Hof zwanzig Milchkühe, Kälber, Felder. Viele sagten damals: Verkauf alles, Klara, geh zu deiner Tochter in die Stadt, was willst du hier noch? Aber ich konnte nicht.
Nicht nur, weil ich stur bin (obwohl, das bin ich auch). Es war, weil Heinrich hier in jedem Balken, jedem Brett, jeder Furche unseres Gartens noch zu spüren ist. Hier ist unser gemeinsames Leben geblieben, all die Jahre zusammen wie sollte ich das einfach verlassen? Also mach ich weiter.
Ich stehe um vier auf, gehe um zehn ins Bett, der Rücken schmerzt, die Hände werden im Herbst von der Kälte taub und trotzdem lebe ich. Freue mich über jedes Kalb, jeden Eimer Milch, jeden Sonnenaufgang über unserem kleinen Fluss.
An Gisela Bauer, meine Nachbarin, wollte ich eigentlich gar nicht denken.
Sie wohnte drei Häuser weiter in einem alten Nachkriegsbau, schon lange Witwe, zog ihren Sohn Matthias alleine groß. Der ist inzwischen auch schon über dreißig, doch für alle hier bleibt er Giselas Matthias.
Ein guter Kerl, fleißig aber so richtig glücklich war er nie. Verheiratet war er kurz, aber seine Frau ist nach zwei Jahren in die Stadt gezogen; Ich dreh hier durch, auf dem Land, sagte sie. Er hat sie gehen lassen.
Und Gisela, die konnte ohne Klatsch einfach nicht leben.
Sie hat jedem im Dorf die Knochen gewaschen und erst dann war sie zufrieden, fühlte sich wichtig, gebraucht. Früher hat mich das wenig gekümmert, wer hört schon auf Dorfklatsch, ich hatte genug zu tun. Doch letzten Monat war irgendetwas anders.
Angefangen hat es ganz harmlos: Ich ging in den Laden, um Brot zu holen, und die Verkäuferin, Roswitha, sah mich auf einmal so seltsam an mitleidig, als ob ich sterbenskrank wäre.
Ich fragte sie:
Roswitha, warum guckst du so?
Sie wich aus:
Ach, Klara, das ist schon gut
Dann, beim Gesundheitszentrum, drückte mir unsere Schwester Barbara fest die Hand und sagte:
Halt durch, Klara. Wir stehen hinter dir.
Ich verstand gar nichts was hab ich denn gemacht?
Und dann erfuhr ich es: Gisela Bauer hatte im ganzen Dorf herum erzählt, ich würde meine Milch panschen mit Wasser, mit gemahlenem Kalk, mit allen möglichen Sachen, um sie fetter erscheinen zu lassen.
Und mein Hofkäse, den ich zum Markt in Feldstadt bringe, der sei auch nicht frisch, sagte sie, die Etiketten seien nur überklebt.
Ich dachte erst: Ach, lass sie reden. Aber das ist keine kleine Gemeinheit das ist ein Schlag in die Magengrube! Da stellt jemand mit einem einzigen bösen Wort meine ganze Arbeit, alles, was ich aufgebaut habe, in Frage.
Eine Woche lang war ich wie betäubt, schlaflos, immerzu das Warum? im Kopf. Was habe ich dir getan, Gisela? Wir haben uns nie gestritten, grüßen uns immer nett.
Auf Heinrichs Beerdigung hat sie sogar geweint.
Dann kam die Wut. So eine richtige, ehrliche Wut, die einem Kraft gibt. Ich stand morgens auf und wusste: Nein! So einfach wird mich keiner ruinieren. Dafür habe ich nicht all die Jahre geschuftet!
Samstag war Dorfgemeinschaftsversammlung, es ging um die neue Straße nach Feldstadt. Fast das ganze Dorf war da Gisela im ersten Glied, die Lippen schmal, Augen zufrieden.
Und als das Thema durch war, hab ich mich aufgerichtet. Die Knie haben gezittert, die Stimme war belegt aber ich stand.
Leute, sagte ich, und alle blickten zu mir, darf ich auch kurz etwas sagen?
Der Bürgermeister nickte, und ich fing an. Zuerst etwas wirr, aber langsam fand ich meine Worte. Ich erzählte, was ich den letzten Monat erlebt und gehört hatte.
Dieses Gerede ist vom Anfang bis zum Ende erstunken und erlogen! Meine Milch wird jede Woche im Labor kontrolliert hier sind die Nachweise!
Meinen Käse nehmen drei Läden nie hat jemand reklamieren müssen!
Und jetzt frage ich Sie, Frau Bauer jetzt vor allen: Warum haben Sie das über mich erzählt? Was habe ich Ihnen getan? Womit habe ich das verdient?
Man sah, wie Giselas Gesicht die Farbe wechselte von rosa zu weiß, von weiß zu fleckigem Grau.
Ich hab doch nur gesagt was man so sagt, stammelte sie.
Von wem hast du’s gehört? ließ ich nicht locker. Nenn die Person, die das behauptet hat!
Es war so still im Gemeindesaal, man hätte eine Fliege summen hören können. Alle starrten auf Gisela, und ihre Blicke wurden spürbar schwer.
Ach, Leute reden halt
Völlig verunsichert, murmelte sie noch:
Und warum schaut ihr mich alle so an? Bin ich etwa schuld, dass ihr Mann tot ist und sie jetzt mit einem Galan angeblich zusammenlebt?
Mir blieb die Luft weg.
Was für ein Galan, was erzählst du da? Ich lebe seit Jahren alleine.
Ist das etwa dein Matthias, der Galan? rief plötzlich Oma Frieda aus dem hinteren Eck.
Matthias geht da nur helfen auf dem Hof, das ist jetzt also ein Galan?
Da stand Matthias tatsächlich auf. Ich hatte ihn zuerst gar nicht bemerkt groß, breitschultrig, das Gesicht tiefrot, Hände zu Fäusten geballt.
Mutter, sagte er leise, was hast du getan?
Gisela ging zu ihm, wollte ihn umarmen:
Matthias, mein Junge, ich wollte doch nur das Beste für dich, diese Frau will dich nur ausnützen
Jetzt reicht’s! donnerte Matthias, dass alle zusammenschraken. Hör auf, verstehst du? Du hast eine anständige Frau runtergemacht! Klara arbeitet wie verrückt, schuftet ganz allein, und du trittst sie in den Dreck!
Dann sah er mich an da war etwas Neues in seinem Blick.
Klara Schulze, sagte er leise, verzeihen Sie meiner Mutter. Sie meint es nicht aus Bosheit. Sie ist nur eifersüchtig, hat Angst, dass ich zu Ihnen gehe. Und
Er stockte, fuhr sich übers Gesicht.
Ich ich liebe Sie. Schon lange. Seit Sie damals mit Heinrich hierher gekommen sind, Gott hab ihn selig. Ich war damals vierzehn, Sie fünfundzwanzig. Ich habe Sie bewundert, habe mir immer gewünscht, so eine Frau zu haben. Später habe ich geheiratet, weil Sie verheiratet waren. Aber die Gefühle sind geblieben ich konnte es nicht abschütteln, und meine Frau ist deshalb gegangen, glaube ich.
Im Saal war es ganz still. Gisela saß wie versteinert, zehn Jahre älter binnen Minuten.
Und nach Heinrichs Tod konnte ich nicht anders, ich musste Ihnen helfen. Nicht nur aus Mitleid. Sondern weil ich gern bei Ihnen bin. Weil ich mich an Ihrer Seite richtig fühle, am richtigen Platz.
Er verstummte. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Im Kopf war nur ein Rauschen, die Augen feucht.
Matthias, ich bin elf Jahre älter als du.
Das weiß ich, antwortete er ruhig. Und? Ist das wichtig?
Ist doch egal, rief Oma Frieda. Mein Ludwig war acht Jahre jünger, wir waren 43 Jahre glücklich. Die Jahre zählen nicht, nur der Mensch ist wichtig!
Die Leute tuschelten, lachten, schüttelten die Köpfe. Manche klopften Matthias auf die Schulter. Gisela blieb sitzen, ganz kleinlaut niemand sah sie an, niemand sprach sie an.
Auf einmal tat sie mir leid.
Nicht sofort, aber dann doch. Ich begriff: Es ist die Angst, der Kummer einer einsamen Frau, die Angst, den Sohn, ihre einzige Stütze, zu verlieren.
Es war kein böser Wille, sondern die Dunkelheit des Herzens, das nicht weiß, wie man richtig liebt, ohne zu erdrücken, ohne an sich zu binden.
Ich ging zu ihr, kniete mich neben sie.
Frau Bauer, sagte ich leise, haben Sie keine Angst. Niemand nimmt Ihnen Ihren Sohn. Er liebt Sie, Sie sind seine Mutter. Aber hören Sie auf mit dem Gerede, ja? Lügen zerstören wie Gift im Boden. Wer Lüge sät, wird Unheil ernten.
Sie hob die Augen rot, verweint, zutiefst unglücklich.
Es tut mir leid, Klara, flüsterte sie. Verzeih mir, ich war töricht.
Ich nickte. Ob ich wirklich verziehen hatte, wusste ich selbst nicht. Das zeigt erst die Zeit, wenn die Wunde heilt oder auch nicht.
Wir verließen den Saal ich und Matthias. Er ging neben mir, schwieg. Die Sonne stand tief, der Himmel rosa wie die Blüte einer Wildrose.
Matthias, sagte ich, meinst du das ernst? Was du da gesagt hast?
Das meine ich wirklich so, erwiderte er. Ich würde das nie vor allen behaupten, wenn es nicht wahr wäre.
Ich blieb stehen, schaute ihn an ein guter Mensch, warmherzig wie ein Ofen an einem kalten Winterabend.
Dann komm, sagte ich. Die Kühe müssen gemolken werden. Hilfst du?
Er lächelte jung, offen wie ein Junge.
Natürlich helfe ich dir.
So gingen wir zusammen zurück. Unter den Füßen roch die Erde bitter, frisch nach Gras und Beifuß, der überall wächst. Doch in dieser Bitterkeit lag auch Hoffnung vielleicht ist das das eigentliche Leben.
Oder einfach das Leben an sich, das weitergeht, ganz gleich, was passiert. Das stärker ist als jede Lüge, jeder Hass, jede menschliche Dunkelheit.
Matthias nahm meine Hand groß, rau, warm. Und ich entzog mich nicht. Drückte nur fester.
Vielleicht ist das Schicksal.
Und wissen Sie? Manchmal kommt das Glück ganz leise. Und oft hat es das Gesicht eines Menschen, der einfach bleibt, wenn alle anderen schon gegangen sind.
Das Leben geht immer weiter und Ehrlichkeit ist wie ein guter Same: Wer sie sät, der wird am Ende Früchte ernten.





