Die fremde Wohnadresse

Fremde Adresse

Hörst du mir überhaupt zu? Oder ist es wieder ein wichtiger Anruf, wieder dringend?

Katharina, ich höre dich. Es ist nur gerade kein guter Moment.

Wann ist denn ein guter Moment? Wann warst du das letzte Mal vor zehn Uhr abends zu Hause? Wann haben wir das letzte Mal normal zusammen Abendbrot gegessen?

Ich arbeite. Du arbeitest. Unsere Arbeitszeiten sind eben schwierig.

Du musst mir nichts erzählen von Schichten. Ich fahre seit zwanzig Jahren Rettungswagen und weiß, was Schichtarbeit heißt. Das ist keine Ausrede, Christoph. Das ist ein billiger Vorwand.

Ich antwortete damals nichts. Ich stellte die Tasse vorsichtig in die Spüle, zog mein Sakko an und ging. Ich schloss die Tür leise, fast lautlos, als müsste ich jemanden wecken, der gar nicht da war. Katharina blieb noch ein paar Minuten in der Küche stehen, blickte auf meinen halbvollen Kaffeebecher und verließ dann das Haus zu ihrer Nachtschicht. War dieser Streit am Mittwoch gewesen? Oder Dienstag? Sie wusste es schon nicht mehr, weil solche Gespräche oft vorkamen immer nach dem gleichen Ablauf: Sie redete, ich ging, sie fuhr zur Arbeit.

Das war ihre Art, damit umzugehen; eine Gewohnheit geworden durch zwanzig Jahre Rettungsdienst. Wenn sie etwas ärgerte oder verletzte, fuhr sie zum Dienst. Der Rettungsdienst fragt nicht nach Stimmungen, nach Familienproblemen man braucht dort einen ruhigen Kopf, geschickte Hände und den Willen, nicht an private Dinge zu denken. Das war es, was Katharina immer wieder rettete.

Sie war zweiundfünfzig und sah vielleicht nach Meinung anderer aus wie vierundvierzig, auch wenn sie selbst das nie dachte. Nicht besonders groß, kurzes dunkles Haar, seit Jahren schon mit einigen grauen Strähnen. Ihre Hände waren trocken und schnell, ihre Augen grau, ein wenig müde, aber immer ruhig auch wenn sie es innerlich nicht war. Die Kollegen respektierten sie sehr. Laut mochte sie niemand bejubeln oder auf Händen tragen, aber der Respekt war eindeutig. Sven, der Rettungssanitäter, mit dem sie die letzten drei Jahre im Team arbeitete, sagte immer: Mit Frau Albrecht kann man überall hinfahren. Die lässt dich nicht im Stich.

Ihr Mann, Christoph Albrecht, war im Baugewerbe. Was er dort genau machte, hatte Katharina schon lange nicht mehr ganz verstanden, denn seine Erklärungen waren vage: Projekte, Besprechungen, Investoren. Wir waren dreiundzwanzig Jahre verheiratet. Unser Sohn Lukas lebte in München, arbeitete dort als ITler, rief sonntags an und fragte: Alles gut, Mama? Katharina antwortete: Alles wie immer. Und das stimmte auch es war alles gewohnt. Und was man gewohnt ist, nennt man schnell normal.

Die Schicht, von der ich hier erzähle, war lang und zäh. Nicht, weil etwas Außergewöhnliches geschah gerade weil alles zusammenkam: Am Morgen ein Einsatz am anderen Ende der Stadt, ein älterer Herr mit Bluthochdruck, der partout nicht ins Krankenhaus wollte, eine Tochter, die gleichzeitig auf den Vater und auf Katharina schimpfte, als wäre sie schuld an seinem Dickkopf. Dann ein Junge von vielleicht acht Jahren mit einer allergischen Reaktion, eine völlig zerstörte Mutter, der Katharina dreimal alles erklären musste, bis sie es verstand. Dann eine alte Dame mit Bauchschmerzen, die sie in die Notaufnahme brachten und persönlich anmeldeten. Wieder Papier, noch ein Einsatz mit Bluthochdruck.

Um acht Uhr abends war Katharina an dem Punkt, den sie nicht müde nannte, sondern eher Leere in den Beinen und Schwere hinter den Augen. Sie saß im Wagen, trank ihren grünen, zuckerlosen, lauwarmen Tee aus dem Thermobecher und schaute hinaus. Sven schlief auf dem Beifahrersitz, Kopf nach hinten gelehnt er konnte in jeder Lage fünf Minuten schlafen und dann topfit sein. Katharina beneidete ihn darum, leise und ohne Ärger.

Das Funkgerät knackte.

Albrecht, hören Sie mich?

Ja, bin dran.

Einsatz. Sonnenscheinweg 4, Wohnung 21. Junge Frau, achtundzwanzig Jahre, klagt über Herzrasen, Atemnot, Taubheitsgefühle in den Händen. Zum ersten Mal. Sehr verängstigt.

Verstanden.

Sven war sofort wach, als das Funkgerät rauschte. Reiner Profireflex.

Wohin?

Sonnenscheinweg, Nummer vier. Wahrscheinlich panisch.

Junge Frau?

Achtundzwanzig.

Er nickte, startete den Motor. Katharina verstaute ihren Tee. Der Sonnenscheinweg lag im sogenannten Glasviertel: moderne Hochhäuser mit Panoramafenstern, Tiefgaragen, Video-Gegensprechanlagen. Teure Wohnungen, gedämpfte Stille im Treppenhaus, der Geruch nach neuem Aufzug. Katharina kannte das schon, die Einsätze dort: Stress, Druck, vor allem Panikattacken junger Frauen. Viel Geld ändert wenig an den Nerven.

Haus Nummer vier entsprach diesem Bild: Hoch, heller Putz, breite Stufen am Eingang. Die Gegensprechanlage reagierte sofort, eine weibliche Stimme keuchte am anderen Ende, kommen Sie bitte hoch. Der Lift verspiegelt, warm ausgeleuchtet. Sven trug die Einsatzrucksäcke, Katharina dachte nebenher daran, gleich noch Brot zu kaufen, und ob der Quark wohl alle war.

Wohnung 21 lag am Ende des Flurs. Die Tür öffnete sich schon, ehe sie klingelten. Eine junge Frau im cremefarbenen Seidenmorgenmantel, zerzaustes blondes Haar. Schön, stellte Katharina sachlich fest, ohne Neid oder Wertung einfach als Fakt. Jung, schön, sichtlich verängstigt. Die Arme fest um den Oberkörper geschlungen, als müsste sie sich wärmen.

Gott sei Dank, ich dachte, Sie kommen nie, stammelte sie.

Wir sind da, murmelte Sven. Dürfen wir?

Ja, natürlich.

Die Wohnung groß, hohe Decken, geschmackvoll eingerichtet, alles hochwertig, aber nicht protzig. Helle Wände, ein graues Sofa, ein halb ausgetrunkener Wasserglas auf dem Couchtisch. Eine Stehlampe brannte, ansonsten war es ruhig und trotzdem etwas angespannt.

Wie heißen Sie? fragte Katharina, während sie die Tasche öffnete.

Maren. Maren Becker.

Setzen Sie sich, Frau Becker. Seit wann haben Sie das?

Vor etwa vierzig Minuten hat es begonnen. Ich habe gelesen, plötzlich raste mein Herz. Und atmen fiel schwer. Ich hatte Angst, dass es wirklich das Herz ist.

Lassen Sie mich mal sehen. Schmerzen in der Brust?

Nein, es schlägt nur heftig.

Gut. Geben Sie mir Ihre Hand.

Katharina legte die Blutdruckmanschette an, fühlte den Puls schnell, aber gleichmäßig. Sven bereitete bereits das EKG vor, routiniert. Maren ließ die beiden abwechselnd nicht aus den Augen: Erleichterung, dass jemand da war, aber auch Angst vor einer schlimmen Diagnose. Katharina kannte diesen Blick.

Blutdruck 120 zu 80. Alles normal, sagte sie.

Wirklich?

Ganz sicher. Nur der Puls ist hoch. Leben Sie allein?

Routinemäßige Frage; manchmal war es wichtig, ob nachts jemand helfen konnte.

Nein, meinte Maren und zögerte. Nicht allein.

Also könnte jemand Hilfe holen, falls es nötig ist.

Sven befestigte die EKG-Elektroden, Maren hob den Morgenmantel ein Stück. Katharina notierte die Werte. Halb neun abends. Sie dachte kurz daran, ob ich, Christoph, wohl daheim war oder noch bei meinen Verhandlungen , schob den Gedanken beiseite. Hier war Patientin und Arbeit.

In diesem Moment hörte man leise Schritte aus dem Flur, der zu den Schlafzimmern führte. Die Tür ging auf.

Katharina hob erst nicht den Kopf; sie schrieb routiniert ihre Werte zu Ende. Dann sah sie hin.

Im Türrahmen stand ich, Christoph.

Haushemd, Jeans, kein Sakko. Ich sah aus, als hätte ich einfach nur den Raum gewechselt. Das Haar zerzaust, das Handy in der Hand, entspanntes Gesicht, als wüsste ich nicht, dass ich gleich starr werden würde.

Dann blickte ich auf, sah sie.

Sie sah mich zwei Sekunden lang an. Sie erzählte später, dass sie oft versucht hat, nachzuspüren, was sie in diesem Moment dachte. Nicht Leere, nicht Schock, sondern etwas ganz Leises, das in ihr umschaltete, wie ein Schalter, der in einer Ecke alles dunkel machte, während woanders noch Licht brannte.

Ich wurde blass, selbst im schwachen Licht gut zu sehen.

Katharina schaute weg, wandte sich Sven und dem EKG-Papier zu.

Darf ich mal sehen? Ihre Stimme ruhig sie selbst wunderte sich über diese Ruhe.

Sven reichte ihr das EKG. Sie betrachtete die Kurve genau. Sinustachykardie, also einfach schneller Herzschlag, keine gefährliche Störung, keine Notwendigkeit für einen Klinikaufenthalt. Genau das, was sie erwartet hatte.

Frau Becker, Ihr Herz ist vollkommen gesund. Das ist eine Panikattacke. Sehr unangenehm, aber nicht gefährlich. Das Herz ist stark.

Wirklich? Maren blickte an Katharina vorbei in den Flur, dorthin, wo ich stand. Die Frage klang stockend, irgendwie verkrampft.

Hundertprozentig. Trinken Sie am besten Wasser, atmen Sie ruhig auf vier Zählen ein, auf sechs aus. Wenn es wiederkommt, ist es nicht gefährlich, Sie sollten dann aber mal einen Neurologen oder Psychotherapeuten aufsuchen. Das kann man heute gut behandeln.

Während sie das erklärte, packte sie das Equipment ein, verstaute Blutdruckmanschette und EKG sorgfältig. Alles nach Schema.

Danke, sagte Maren leise.

Keine Ursache, erwiderte Katharina. Sven, fertig?

Fertig.

Ich stand immer noch in der Tür. Katharina blickte mich nicht an. Nicht, weil sie es nicht konnte, einfach sie tat es nicht. Sie schulterte die Tasche, griff zu ihrem Tablet.

Wir dokumentieren alles wie gewohnt, sagte sie an Maren gewandt das war ihr Standardsatz, bevor sie ging.

Sie und Sven warteten auf den Aufzug. Sven schwieg, so wie er es konnte ohne die Stille künstlich zu füllen. Im Aufzug dann:

Alles in Ordnung? fragte Sven, während er nach vorne sah.

Ja. Bin nur erschöpft. Lange Schicht.

Er nickte und fragte nicht weiter.

Draußen war es frisch. Der April hatte sich in diesem Jahr nicht entscheiden können: mal warm, dann plötzlich wieder kalter Wind von der Elbe. Sie stiegen ein. Sven kümmerte sich um den Schriftkram, Katharina schaute an die hell erleuchteten Fenster. Vierter Stock, achte Wohnung von der Ecke dort brannte Licht.

Sie checkte das Handy: fünf verpasste Anrufe, alle von mir, Christoph. In den letzten zehn Minuten. Sie steckte das Handy weg.

Sven, noch weitere Einsätze heute?

Schaue gerade. Bisher nicht. Aber Frau Schuster vom Dienst meinte, ab zehn abends gehts meist los.

Frau Schuster war die Disponentin. Und sie hatte Recht: ab zehn fingen die Notrufe an. Ältere Leute mit Sorgen, junge Leute nach stressigen Tagen der Notdienst kannte keine Pausen wegen privater Krisen.

Dann zurück zur Wache, einen Tee trinken, sagte Katharina.

Sie fuhren los.

Katharina schaute in die von Laternen und Schaufenstern erhellte Stadt. Alles am Platz. Sie dachte an die dreiundzwanzig Jahre Ehe: mehr als eine Spanne es war Leben. Lukas, jetzt 27, der sonntags anrief. Das Wochenendhäuschen hinter Lüneburg, das sie vor zehn Jahren kauften, damals unser Projekt genannt. Der gestrickte Plaid von der Mutter auf dem Sofa. Feste zusammen, Krankheiten, langweilige Abende vor dem Tatort.

Sie dachte darüber nach, genauso, wie man ein bekanntes Objekt plötzlich anders sieht, weil das Licht anders fällt.

Auf der Wache kochte Sven Tee, beide saßen schweigend in dem kleinen Aufenthaltsraum. Nach ein paar Minuten sagte er:

Katharina, wir kennen uns lange.

Tun wir.

Ich sehe, dass heute etwas passiert ist. Willst du nicht reden kein Problem. Wenn ich dich fahren soll, irgendwo hin oder sonst was, sag Bescheid.

Katharina schaute ihn an. Achtunddreißig Jahre, verheiratet mit Tanja, zwei Schulkinder, auch er immer unterwegs. Verlässlicher Typ.

Danke, Sven. Brauch ich gerade nicht.

Schon gut.

Er wandte sich zum Fenster sie schätzte diese Geste.

Das Telefon vibrierte wieder. Von mir, Christoph. Sie drückte Ablehnen, schrieb: Ich bin im Dienst. Bitte nicht anrufen. Weggelegt. Die Tasse fest in beiden Händen, spürte sie die Wärme des Porzellans. Ein gutes Gefühl, verlässlich.

Sie dachte daran, wie lange sich das schon zog: Wann war ich nicht nur gelegentlich, sondern fast immer spät zuhause? Wann wurden meine Erklärungen so ausweichend, dass sie nicht mehr nachfragen wollte? Früher hatte ich von der Arbeit erzählt jetzt nur noch allgemein. Sie hatte es als Erschöpfung abgetan, als männlichen Rückzug nach Feierabend.

Männer eben. Sie stoppte den Gedanken, legte ihn innerlich beiseite wie einen Aktenordner, den man noch nicht aufschlägt.

Bis elf Uhr kam kein Einsatz. Dann ein älterer Mann mit Knieschmerzen. Eigentlich kein Notfall, aber der Disponent sagte: er hat niemanden und bittet dringend um Hilfe. Katharina schaute sich das Bein an, berichtete richtigerweise, ein Chirurg sei nötig, erklärte, wie er einen Termin bekommen konnte. Dankbar, verlegen, entschuldigend so war der Mann. Sie sagte, er solle sich nicht schämen, dass er angerufen hatte.

Auf dem Rückweg lief leise das Radio, eine Frau sang langsam und ein bisschen traurig. Katharina hörte zu und dachte daran, wie sie am Morgen nach Hause fahren würde. Was sie sagen würde. Was ich sagen würde. Oder ob wir einfach nichts sagen würden und sie für sich durchdachte: Vielleicht missverstehe ich ja alles. Vielleicht hatte ich wirklich nur was dort zu erledigen. Vielleicht war diese Wohnung gar nicht meins, vielleicht bloß Zufall.

Sie war Meisterin im Erfinden von Erklärungen dreiundzwanzig Jahre lang geübt.

Die Schicht endete halb eins. Der letzte Notruf, ein junger Mann mit Fieber, war schnell routiniert abgewickelt. Papiere, Rückgabe des Equipments, ein paar Worte mit der Nachtschicht. Das Übliche.

Soll ich dich fahren? fragte Sven.

Nein, hab meinen Wagen hier.

Sicher, dass alles

Sven.

Schon gut, ich sag nix mehr.

Katharina fuhr in zwanzig Minuten nach Hause. Nachts war Hamburg ruhig, die Straßen leer. Sie mochte diese Zeit da hatte sie die Gedanken für sich.

Im Flur brannte Licht. Ich war wach, das wusste sie schon, bevor sie die Tür aufschloss.

Ich trat aus dem Wohnzimmer, als sie die Schuhe auszog. Stand im Gang, mit der Miene von jemandem, der Gleichzeitigkeit von Reue und Unsicherheit zeigt.

Katharina

Nicht jetzt.

Lass mich das erklären.

Ich komme gerade von der Schicht. Ich bin müde. Nicht jetzt.

Du verstehst das falsch

Sie blickte mich lange an. Dann ging sie ins Bad, wusch sich, putzte sich die Zähne. Als sie wiederkam, stand ich immer noch da.

Katharina, bitte rede mit mir.

Morgen.

Im Schlafzimmer blieb sie wach. Lag auf dem Rücken und schaute in die Decke. Es war leise, irgendwann hörte sie das Sofa knarzen offenbar schlief ich dort. Das war gut. Ich kam nicht dazu. Das war angenehm.

Sie lag da, ordnete ruhig wie ein Sanitäter die Fakten: Ich, Christoph, stand in dieser Wohnung. Nicht als Besucher, der nur käme, um etwas abzugeben, sondern in Hausklamotten, ganz selbstverständlich, mit meinem Handy in der Hand. Bei einer jungen, hübschen Frau, die selbst gesagt hatte, sie wohne nicht allein.

Weitere Fakten: seit vielleicht anderthalb Jahren kam ich oft spät. Geschäftsreisen, von denen sie kaum Details erfuhr. Ein Handy, das ich nie unbeaufsichtigt ließ. So schleichend vertraut, dass ihr das gar nicht mehr auffiel.

Sie dachte daran, dass Geschichten über fremdgehende Männer aus Sicht der Zuhörer immer offensichtlich sind. Wie kann sie das nicht gesehen haben? Doch die Wahrheit ist: Von innen ist vieles nicht sichtbar. Aus Gewohnheit, aus Bequemlichkeit, vielleicht, weil man nicht wissen will.

Eine lange Ehe besteht nicht nur aus Alltag. Sie ist ein Geflecht aus Gemeinsamen, aus Gutem wie Schlechtem, aus Jahren, aus kleinen Dingen, die das Leben ausmachen.

Katharina lag da, stellte fest, dass sie nicht weinte das überraschte sie. Nicht, weil sie Tränen erwartet hätte, sondern weil sie annahm, es müsste sofort schmerzen. Aber der Schmerz war leise wie Müdigkeit, mehr dumpf als brennend.

Sie schlief im Morgengrauen ein.

Um neun wachte sie auf. Es war still. Sie wusch sich, zog sich an ordentliche Hose, grauer Pullover. Sie ging in die Küche.

Ich, Christoph, saß am Tisch mit Kaffee. Als sie hereinkam, blickte ich auf.

Guten Morgen, Katharina.

Morgen, sagte sie und schenkte sich Wasser ein.

Wir sollten reden.

Können wir machen.

Sie setzte sich ihr gegenüber. Gerade Rücken, die Hände auf dem Tisch, den Blick fest auf mich gerichtet.

Ich höre.

Ich sprach, lange. Viel war dabei: Dass es nicht das sei, was sie denke, dass nichts Ernsthaftes passiere, dass Maren nur eine Bekannte sei, dass ich ihr mit ein paar Sachen helfen würde, manchmal dort arbeitete, weil die Atmosphäre zu Hause so angespannt war. Während ich redete, bemerkte ich, dass ich offensichtlich auf eine Reaktion wartete: Weinen? Schreien? Ein Streit? Fragen nach Details, ein Streit, der sich über Tage hinzog?

Katharina unterbrach mich nicht. Ließ mich ausreden.

War’s das? fragte sie, als ich endete.

Katharina, ich bitte dich versteh doch

Christoph. Ihre Stimme war ruhig. Ich werde mit dir keine Diskussion darüber führen, was du in dieser Wohnung gemacht hast. Das ist für mich nicht wichtig.

Wie nicht wichtig? Das überraschte mich offenbar.

Genau so. Ich sah dich dort. Du sahst mich. Du hast mich nicht angerufen, nicht geschrieben, nichts gesagt. Bist nach Hause gekommen und hast dich schlafen gelegt. Das ist entscheidend. Nicht die Details deiner Ausflüchte. Die interessieren mich nicht.

Ich schwieg, blickte sie verwirrt an, als spreche sie nicht das von mir erwartete Drehbuch.

Ich gehe, sagte sie ruhig. Nicht jetzt, aber heute. Ich packe mir das Nötigste und fahre. Den Rest regeln wir später, ohne Krach.

Katharina, warte

Keine Eile. Sie erhob sich. Nur dass du verstehst: Das ist kein Impuls, sondern durchdacht. Ich habe geschlafen, bin aufgestanden, habe nachgedacht. Das ist mein Entschluss.

Sie holte die große, schon etwas abgenutzte, dunkelblaue Reisetasche vom Schrank. Schweigend begann sie zu packen: Kleidung, Unterlagen, Ladekabel, ein paar Lieblingsbücher, Mamas Decke den Rest später. Man nimmt als Rettungskraft immer nur das, was sofort gebraucht wird.

Ich trat in die Schlafzimmertür.

Du meinst das ernst?

Ja.

Nach dreiundzwanzig Jahren. Einfach so

Nach dreiundzwanzig Jahren gerade deshalb. Ich will keinen Krach, keine Tränen, keine Vorwürfe mehr. Ich bin einfach müde. Nicht nur von dir. Von allem.

Ich ging weg. Sie hörte mich in der Küche, dann wieder Stille. Tasche zu, noch mal alle Papiere geprüft. Alles da.

Im Flur zog sie ihre Jacke an.

Wohin? fragte ich.

Zu Hildegard. Ihre Freundin am anderen Ende der Stadt, Lehrerin, allein lebend, die immer sagte: Komm, wann du willst.

Wie lange?

Keine Ahnung.

Katharina Das, was ich im Ton hatte, hätte sie früher als Reue interpretiert. Jetzt hörte sie nur die Stimme.

Mach das nicht schwerer, als es ist. Ich verschwinde nicht. Ich bin bei meiner Freundin. Zeit für Besprechungen über Wohnung und alles Weitere finden wir noch. Kein Streit das will ich wirklich nicht.

Sie öffnete die Tür.

Warte bist du kommst du klar?

Sie hielt inne, dachte kurz nach.

Ich glaube schon, antwortete sie. Noch ja.

Sie ging.

Im Aufzug sah sie ihr Spiegelbild: Das Gesicht gewöhnlich, leicht erschöpft nach einer Nachtschicht wie sonst auch. Sie strich durchs Haar, die blaue Tasche stand zu ihren Füßen.

Draußen: klar und frisch, ein ehrlicher Aprilmorgen. Sie lud die Tasche ins Auto, setzte sich, legte das Handy bereit, schrieb Hildegard: Kann ich für ein paar Tage kommen? Abschicken. Blick in den Rückspiegel: die Straße leer.

Hildegard antwortete fast sofort: Natürlich. Ich bin da. Freue mich.

Katharina startete den Wagen.

Sie dachte darüber nach, wie viel über den Verrat naher Menschen immer so dramatisch klingt als gäbe es einen großen Moment, in dem alles kippt. Aber oft ist der Moment leise. Irgendwo schaltet ein Licht aus, der Rest bleibt hell.

An der Ampel stand ein Wagen mit kleinem Jungen hinten, der mit ernster Miene hinausschaute. Katharina lächelte ihm zu, er lächelte zurück; ganz ernsthaft, wie Kinder das können.

Grün weiterfahren.

Dreißig Minuten bis Hildegard. Katharina fuhr langsam, keine Musik. Sie dachte, dass sie Lukas anrufen müsste. Nicht heute, nicht sofort. Was sagen? Ihr fehlten die Worte. Das hatte noch Zeit.

Ihr kam der Gedanke, dass Maren nicht schuld an ihrer Panikattacke war. So seltsam das klingt Panikattacken sind keine Seltenheit, entstehen nicht aus Charakterfehlern. Jeder kann so etwas haben.

Sie war zufrieden, wie sie Maren versorgt hatte, ganz unabhängig von den Begleitumständen. Sie war im Job immer sie selbst was auch geschah.

Das war plötzlich wichtig, und sie verstand das erst in dem Moment Arbeit konnte Trost sein.

Lebensgeschichten, die Frauen sich erzählen, beginnen oft mit einem Ereignis und enden mit einem klaren Fazit. Sie tat dies, dann wurde es besser oder schlechter. Ihre eigene Geschichte dagegen hatte jetzt keinen Schluss, kein Resultat und vielleicht war das gar nicht nötig.

Wenn alles zusammenbricht, sucht man eine neue Stütze. Schnelle Entscheidungen sind oft übereilt, aber die erste Entscheidung, wegzugehen, war genug. Für jetzt.

Hildegards Haus, ein alter Backsteinbau in Eimsbüttel, mit Kastanien davor sie wurden gerade grün. Katharina parkte, holte die Tasche. Die war schwerer, als sie aussah, das war sie aber gewöhnt.

Klingel, Treppe hinauf, offene Tür, Hildegard im Bademantel, Kaffeetasse in der Hand, fünfzig Jahre, Deutschlehrerin eine, die schweigen kann.

Komm rein.

Bin ja schon da.

Sie stellte die Tasche ab, zog die Jacke aus. Es roch nach Kaffee und Büchern. Sie atmete durch sofort merkte sie, wie die Spannung abfiel.

Hunger? fragte Hildegard.

Später. Erst mal einfach sitzen.

Küche.

Sie saßen in der Küche. Hildegard schenkte Kaffee ein, stellte Brotschnittchen dazu, griff zur eigenen Tasse. Drei Minuten Stille.

Willst du erzählen? fragte Hildegard irgendwann.

Später. Jetzt einfach ein bisschen schweigen.

Natürlich.

Sie saßen still. Draußen Aprilhimmel mit kaum weißen Wolken. Katharina blickte nach draußen und dachte über Familienpsychologie, wie Worte so oft nicht zu Gefühlen passen. Man kennt Vokabeln, das Gefühl ist trotzdem neu, als sei es das erste Mal.

Scheidung nach Untreue es gibt dafür psychologische, juristische Begriffe. Jetzt war es einfach: Eine Tasche im Flur, ein Kaffee, Kastanien mit erstem Laub draußen. Sie war da, war in Ordnung, hatte eine Arbeit und eine Freundin. Und sonntags einen Sohn, der anrief.

Hildegard?

Hm?

Das Schlimmste an einer schweren Entscheidung ist nicht der Entschluss. Sondern das Danach. Wenn das Neue noch keinen Alltag hat.

Hildegard überlegte.

Hab ich erlebt. Nach der Scheidung von Holger. Die Entscheidung fiel im Februar, verstanden habe ich es erst im Mai.

Genau. Es ist ein Zwischenraum.

Ist okay so. Im Zwischenraum kann man die Zukunft akzeptieren.

Katharina nahm Brot mit Käse und Kräutern. Es schmeckte überraschend gut.

Danke, dass du aufgemacht hast.

Für dich immer.

Natürlich.

Draußen flatterten die ersten Blätter im Wind.

Katharina dachte an das Wort Frauenschicksal seltsam altmodisch und doch treffend. Schicksal ist nicht das, was dir passiert sondern was du daraus machst.

Sie wusste nicht, wie es weitergeht. Nicht, wie das Gespräch mit Lukas laufen würde, wie sie die Wohnung teilen, wohin sie zieht, wie lange der dumpfe Schmerz blieb. Sie wusste nicht, ob ich Christoph noch über irgendetwas anderes nachdachte.

Aber eines wusste sie: Morgen um drei ist ihre Schicht. Schlafen, essen, Kraft sammeln. Der Rettungsdienst wartet nicht auf persönliche Katastrophen und das war jetzt ein Trost. Einen guten Job zu haben, den man kann das war nicht nichts. Das zählte.

Geschichten von Stärke handeln meist von großen Taten. Vielleicht ist Stärke aber gerade, morgens in der Küche deiner Freundin zu sitzen, ein Käsebrot zu essen, auf frische Kastanien zu sehen und innerlich, wortlos, zu sagen: Es geht schon. Ich schaff das.

Das Handy vibrierte. Diesmal nicht ich, sondern Lukas. Sonntags rief er nie vorm Abend an heute war erst Samstagmorgen. Vielleicht ein Versehen. Vielleicht ein Gefühl, Kinder spüren so etwas.

Sie nahm ab.

Hallo Mama. Alles okay?

Sie schwieg kurz. Hildegard schaute hinaus. Hallo Lukas. Ich finde mich zurecht. Es passt. Und bei dir?

Gut. Musste einfach mal hören, wies dir geht.

Gut, dass du anrufst.

Zeichen gegeben, Moment, stand auf, ging in den Flur, lehnte sich an die Wand. Sie erzählte Lukas, was sie konnte nicht alles, nicht sofort, aber ehrlich. Die Stimme ruhig, ein wenig erschöpft, aber lebendig. Zum Schluss fragte Lukas wieder, ob alles wirklich passt. Sie sagte ja.

Kurz blieb sie stehen, bevor sie zurück in die Küche ging. Die blaue Tasche an der Tür, draußen Kastanien im ersten Laub.

Zurück in der Küche.

Sohn?, fragte Hildegard.

Ja.

Ein Guter.

Sehr.

Noch ein wenig Kaffee, dann sagte Hildegard:

Du bleibst, so lange du willst. Ich geb dir einen Schlüssel.

Danke.

Und erzählen kannst du, wenn dir danach ist.

Mach ich. Unbedingt. Es gibt Geschichten, die muss man laut erzählen. Damit man selbst begreift, wie sie wirklich war.

Hildegard nickte. Sie verstand das. Dafür war sie schließlich Lehrerin.

Wenn du so weit bist. Lass dir Zeit.Katharina lächelte. Es war kein großes Lächeln, keiner dieser triumphalen Neuanfänge, wie man sie aus Büchern kennt. Eher ein kleiner Riss im Alltag, durch den Luft kam, frisch und klar und überraschend kühl. Sie fühlte das eigene Herz, den festen Rhythmus gegen die Rippen, spürte ein Ziehen, als würde da Platz werden für etwas anderes, Neues, das noch keinen Namen hatte und keine Form.

Sie nahm den Schlüssel, legte ihn in ihre Tasche. Sie wusste, es würde Tage geben, an denen sich alles fremd anfühlte: das Kaffeegeschirr, das leise Summen in fremden Räumen, das Fehlen des eigenen Schlafzimmers, sogar das eigenartige Glück des ungeplanten Morgens. Und doch war da jetzt auch eine Möglichkeit nicht auf die Zukunft hin, sondern einfach: in ihr. Im Hier, mit Brotkrümeln auf dem Tisch, Schatten, die sich langsam über den Küchenboden schoben, Stimmen im Nebenzimmer, eine Freundin, die nicht fragte, wann man wieder geht.

Die Kastanien draußen wirbelten in einer Windböe, tanzen in dem Licht, das durchs Fenster fiel. Katharina griff nach ihrer Tasse. Weißt du, was ich heute will? Einfach spazieren gehen. Frische Luft und jemanden zum Schweigen.

Hildegard stand wortlos auf, holte ihre Jacke. Vor der Tür blieben sie stehen, kurz nur, und sahen einander an: Zwei Frauen, jede mit ihren eigenen Gespenstern, ihren eigenen Hoffnungen. Und in diesem Blick lag alles, was nicht gesagt werden musste.

Sie gingen. Schritt für Schritt, stöbernd durch den Morgen, in einem Hamburg, das nach Frühling roch und nach Neubeginn. Es gab keine Pläne zu fassen, keine endgültigen Entschlüsse. Nur den Trost, dass die eigenen Füße trugen und dass es Menschen gab, die den Weg daneben gingen, einfach so.

Und als Katharina unter den ersten grünen Zweigen stand, atmete sie einmal tief, dann noch tiefer. Sie war da. Noch immer müde, noch immer unsicher. Aber auf eine merkwürdige Weise auch: leicht.

Es gab keinen Schluss. Aber einen Anfang, der sacht, still und wirklich war.

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Homy
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