Möge dieser Abend der letzte sein, er wird ihn schön verbringen. Er blickt auf seine Geliebte, wünscht ihr ein langes Leben. Dann rollt er sich wie ein Knäulchen an ihrem Fenster zusammen und verschwindet in seine Träume, um nie zurückzukehren…

02.November2026 Eintrag im Tagebuch

Ich habe drei harte Winter hinter mir und das ist kein Übertreibung. Für ein Straßenleben ist solch eine Lebensdauer fast ein Wunder: nur wenige Hauskatzen überstehen so lange.

Geboren wurde ich in einem ganz normalen Mietshaus, neben meiner Mutter, einer vertrauensvollen Hauskatze, die Menschen noch zutraute. Doch das Schicksal änderte sich plötzlich.

Die Besitzer des Hauses kamen bei einem Autounfall ums Leben, und ihr erwachsener Sohn ein junger Mann aus dem Berliner Stadtteil Kreuzberg, der Katzen verabscheute und seinen zornigen Schäferhund Rex immer an der Leine führte beschloss, die überschüssigen Mitbewohner loszuwerden. Ohne lange zu überlegen, vertrieb er die ganze Katzenfamilie auf die Straße.

Die erste kalte Jahreszeit überlebte niemand weder die Mutter noch die Brüder und Schwestern. Einige wurden von Hunger verschlungen, andere vom eisigen Frost erstickt, wieder andere von Hunden zerfleischt oder von Autos überfahren. Ein einziger Kater blieb übrig ein rotbrauner Streuner.

Ein Hausmeister nahm ihn auf. Aufnehmen ist hier zu stark gesagt: Er bemerkte nur den kleinen orangefarbenen Knäuel, schob ihn von der Mutter weg, brachte ihn in den Keller und stellte ihn neben die warmen Heizungsrohre. Dort fütterte er ihn den ganzen Winter über.

So blieb ich am Leben.

Man nannte mich nie. Durch das zerbrochene Kellerfenster schlich ich nach draußen, lernte die Kunst des Straßenlebens: fern von Hunden bleiben, Menschen aus dem Weg gehen, in Mülltonnen nach Futter suchen, den Hunger austricksen.

Den zweiten Winter verbrachte ich bereits ganz allein. Der alte Hausmeister wurde wegen Trunkenheit gefeuert, und sein Nachfolger, ein strenger Typ aus Hamburg, fütterte mich nicht mehr, ließ das Fenster aber wenigstens intakt. Das reichte: Ich überlebte erneut im Keller, lernte zu kämpfen um Futter und um mein Leben.

Der dritte Winter war der grausamste. Alle Kellerfenster wurden verglast. Wohin sollte ich mich zurückziehen? Wo vor den eisigen Nächten Schutz finden?

Ich musste ein neues Versteck suchen. Die Keller waren verschlossen. Doch in einem Hinterhof entdeckte ich eine vergessene Grube, die einst für eine Wärmeleitung ausgehoben worden war. Heiße Rohre verliefen gerade unter der Erdoberfläche. Die Grube war von dichtem Gestrüpp verdeckt, und niemand kannte sie.

Ich stopfte alte Lumpen und abgenutzte Kleidungsstücke hinein und baute mir ein Nest. Über mir ragten Balkone, und weniger Schnee fiel dort, doch die Heizungsrohre schmolzen den Schnee, und die Feuchte zusammen mit dem eisigen Wind drang bis in die Knochen

Ich überstand den Winter, doch kam ich wie ein Gespenst daraus: ausgemergelt bis auf die Knochen, das Fell in Fetzen, die Augen stets wachsam. Nach den Straßenmaßstäben gilt man früh als Alt, und ich galt bereits als Greis. Nahrung bekam ich nur noch in Form von mickrigen Essensresten.

Dann wurde die Grube entdeckt. Kurz vor den ersten Herbstregen bemerkte jemand das hässliche Loch und beschloss, es zu verfüllen.

Wie immer kam ich zur alten Heizungsrohr-Stelle, um die Nacht zu verbringen, und sah frische, gerade aufgeschaufelte Erde. Ich setzte mich vor einen kleinen Hügel und starrte lange hinauf. Es war gewissermaßen mein Todesurteil. Ich begriff sofort: Einen solchen Ort wird es nie wieder geben. Und die wenigen Plätze, die noch existieren, sind längst von anderen Katzen besetzt.

Ich nahm ein nasses Bündel herabgefallener Blätter als Schlafplatz, fror, hielt mich aber noch. Und gerade in diesem Zustand, am Rande des Aufgebens, verliebte ich mich.

Ja, Sie haben richtig gelesen: Ich verliebte mich.

Ich schenkte mir keine Hoffnungen. Sie war eine außergewöhnlich schöne Katze, ein gepflegtes Weibchen namens Lotte, das in einer Wohnung im ersten Stock einer Altbauwohnung in München lebte. Sie saß gern am Fensterbrett und blickte hinaus. Und ich saß unten und sah zu ihr hinauf. In meinem Inneren, trotz der Kälte, wurde etwas warm.

Eines Tages wagte ich es: Ich kletterte einen Baum hinauf, sprang auf den breiten Metallvorsprung unter ihrem Fenster. Dieser Vorsprung war einst im Winter zum Lagern von Lebensmitteln gebaut worden und stand seitdem leer. Seitdem kehrte ich öfter dorthin, setzte mich hin, sah durch das Glas zu Lotte und seufzte.

Ich verlangte nichts. Ich betrachtete nur. Manchmal sprang Lotte zu ihrer Futternapf und ich schluckte heimlich, nicht aus Neid, sondern aus einer reinen, animalischen Leere.

Ich entschied: Sollte das Schicksal mich doch noch in diesem Winter holen, dann soll es hier, vor ihrem Fenster, geschehen. Ich rolle mich zu einem Knäuel zusammen, schaue sie an und gehe nicht aus Angst, sondern aus Wärme.

Ich lächelte sogar bei dem Gedanken: ein dünner, roter Kater, still sterbend auf seinem Lieblingsfensterbrett.

Einmal bemerkte die Bewohnerin mich, schrie und winkte wild. Ich rannte davon, kam aber zurück und wieder zurück.

Der Mann, der mit ihr zusammenlebte, sah mich und trieb mich nicht fort. Er schaute mir in die Augen und dort war alles: Hoffnung, Schmerz, Müdigkeit und Bewunderung für die Hauskatze. Er konnte mich nicht vertreiben. Stattdessen legte er heimlich ein Stück Fleisch, eine kleine Frikadelle, eine Wurst hinter das Fenster. Lotte schnurrte, ich mahlte. Eines Abends trat er zum Glas, und ich, leicht zitternd, hob die Pfote, berührte das Glas und miaute.

Lotte sah zuerst den Mann, dann mich. In ihren Augen lag Verwunderung.

Du weißt doch, sagte er leise, sie mag keinen zweiten Kater. Ich bat um ein Kätzchen sie lehnte ab.

Ich senkte den Kopf. Lotte verstand. Und sie ließ mich gehen. Das Haus war nicht für solche wie mich. Das Haus war für reinrassige, junge, kuschelige Tiere.

An diesem Abend war es besonders bitter kalt. Ich war durchnässt, fror bis in die Glieder, und plötzlich erkannte ich: Es gibt keinen Sinn mehr. Weder in den Blättern, noch beim Suchen nach einer Ecke, noch im ewigen Kampf ums Überleben.

Wenn das Ende unvermeidlich ist dann soll es hier sein, neben dem Fenster, von dem aus meine kleine Wunderkatze schaut. Und ich beschloss, dass diese Nacht mein letztes Kapitel sein soll.

Ich wollte meinen Abschied würdevoll erleben: ein letztes Aufblitzen zu Lotte, ein leises, warmes Miauen, als würde ich ihr Glück wünschen, und dann verschwinden. Zuerst würde ich das restliche Futter verzehren, das der Mann mir hinterlassen hatte, und sobald Lotte in ihr gemütliches Nest zurückkehrte, würde ich mich zu einem Knäuel zusammenrollen und in den Schlaf gleiten, wo es weder Kälte noch Hunger gibt, sondern nur Ruhe, aus der man nicht mehr erwacht.

Plötzlich fiel dichter Schnee, und Lotte beobachtete fasziniert, wie die weißen Flocken vor dem Glas tanzten und auf meinen Rücken niederlagen. Ihr Blick erfreute sich an dem Schauspiel, doch sie ahnte nicht, dass diese Schönheit langsam denjenigen tötet, der durch das Eis des Glases zu ihr hinaufschaut. Sie kannte weder Frost noch das Aushallen der Kälte im Inneren.

Ich jedoch erstarrte immer mehr. Die zuletzt gegessene Wurst spendete noch ein winziges Restwärme, doch diese schmolz zusammen mit meinen letzten Kräften. Der Wind brannte, der Frost bohrte sich in die Knochen, und selbst das Aufrechtstehen fiel mir schwer. Ich blickte noch immer zu Lotte, doch ich wusste, dass ich nicht mehr lange durchhalten würde.

Ich bereitete mich auf den Abschied vor, als wäre er das wichtigste Ereignis meines Lebens. Ich wollte gehen mit Anmut: noch einmal Lotte ansehen, leise ihr etwas Gutes zuflüstern, ihr ein langes, warmes Leben wünschen, und dann als kleiner, harter Ball aus Fell zum kalten Glas hinübergleiten, wo ich meine letzte Ruhestätte finden würde.

Der Schneefall begann, und Lotte, die auf dem warmen Fensterbrett saß, verfolgte gebannt den langsamen Tanz der Flocken. Sie liebte, wie das weiße Pulver auf meinen Rücken fiel für sie ein schönes Schauspiel, fast ein Spiel. Sie ahnte nicht, dass hinter diesem Muster der Tod lauerte.

Ich lag da, das Fell in Stücke gerissen, die letzte Wärme der Wurst verglühte, jede Atemzugswelle wurde schwerer, die Pfoten erstarrten, der Schwanz erstarrte vor Kälte. Ich sah sie noch immer, doch mein Körper gab kaum noch Kraft.

Dann öffnete ich die Augen ein letztes Mal und sah ihr Gesicht das, zu dem ich jedes Mal den Metallvorsprung erklommen hatte, das, das mich am Leben gehalten hatte. Wie schön, dachte ich, wie könnte es besser sein? Was für ein leichter Tod.

Mein Kopf senkte sich, die Augen schlossen sich. Plötzlich schien ein Licht, als würden freundliche Hände mich sanft hochheben, streicheln und etwas Zärtliches flüstern. Neben mir stand Lotte, die Quelle meines Herzens, und wir schritten gemeinsam zu einer warmen Schüssel voll Nahrung.

Was für ein herrlicher Traum, flackerte ein Gedanke durch mich hindurch.

Lotte miaute weiter, leise und fragend, als wolle sie mich zum Bewegen bewegen. Sie klopfte mit der Pfote ans Glas, bekam jedoch keine Reaktion. Sie schrie lauter, bis das Fenster vom kalten Wind überschlagen wurde, doch ich war bereits in das weiße Schweigen verglimmt.

Einige Minuten später hörte ich eine Stimme aus der Wohnung:

Was macht die Katze da?, rief die Frau, die neben dem Mann saß, ärgerlich.

Der Mann sprang vom Sofa, sah das Fenster, das jetzt offen stand, sah die Katze im Schnee liegen und rief sofort:

Halt das Fenster! Schnell!

Er stürmte nach draußen, schob das Fenster zu, und fand im Garten einen kleinen, vom Schnee bedeckten Häufchen. Er hob das gefrorene, leichte Ding auf, trug es ins Bad. Lotte folgte ihm, die Frau hinterher.

Im Bad wusch er das nasse, erfrorene Fell des Katers mit warmem Wasser. Lotte setzte sich daneben, schnurrte leise.

Ich tue, was ich kann, murmelte er, während er die kleine Brust massierte und versuchte, Leben in den Atem des Katers zu pumpen. Die Frau stand schweigend im Türrahmen und sah zu.

Ich hörte plötzlich eine ferne Stimme, die mich zurückrufen wollte. Warum? Dort ist es so friedlich. Warum zurück in das Leiden? Doch dann hörte ich Lottes Stimme, die mich stets zum Weitermachen angetrieben hatte.

Vielleicht vielleicht ist das das Ende, aber es war ein schöner Abschied, dachte ich, während meine Augen schwer wurden.

Der Mann rief jubelnd:
Da! Hier ist er! er drückte mich an sich, während Lotte freudig um ihn herumsprang.

Sie trockneten mich mit weichen Handtüchern, wärmten mich mit dem Fön, streichelten mich, flüsterten liebe Worte. Ich lag da und fragte mich, ob das alles ein Traum sei. Lotte schnupperte, leckte meine Nase und schnurrte.

Der Mann schenkte mir eine Schale warme Milch. Ich trank, und ein wohliges Feuer zog durch meinen Hals.

Er wird leben, sagte der Mann zu seiner Frau.

Die Frau fragte: Wie heißt er denn?

Der Mann lächelte: Er heißt Liebling.

Lotte miaute zustimmend.

Jetzt lebt LieLie, wie er heißt, in dieser Wohnung. Sein Fell glänzt, sein Schwanz ist buschig und stolz, seine Augen sind ruhig und dankbar. Sie sitzen gemeinsam am Fensterbrett und schauen nach draußen. LieLie erinnert sich an das Leben jenseits des Glases. Manchmal seufzt er schwer. Dann legt Lotte ihre Pfote auf seine Schulter und sagt still: Jetzt bist du im Haus. Jetzt bist du unser.

Unten in den Gassen laufen weiterhin die Katzen, denen das Tor verwehrt blieb. Sie hoffen immer noch, den nächsten Winter zu überstehen.

**Lehre des Tages:** Auch wenn das Leben dich in eisige Kälte wirft und die Straße hart ist, ein kleiner Funke Hoffnung sei es ein warmes Fenster, ein Wort der Freundlichkeit oder ein heimlicher Akt der Liebe kann das Herz erwärmen und selbst das härteste Jahr erträglich machen.

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Homy
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Möge dieser Abend der letzte sein, er wird ihn schön verbringen. Er blickt auf seine Geliebte, wünscht ihr ein langes Leben. Dann rollt er sich wie ein Knäulchen an ihrem Fenster zusammen und verschwindet in seine Träume, um nie zurückzukehren…
„Du wolltest doch beide, dann zieh sie jetzt auch beide groß! Ich habe genug – ich gehe!“, sagte ihr Mann kalt und verließ sie, ohne einen Blick zurückzuwerfen. Die Tür fiel leise ins Schloss, aber der Schmerz blieb in Alinas Herz wie ein Echo, das nicht vergehen wollte…