Ehemann auf dem letzten Willen

Ehemann auf Testament

Eine große, stimmgewaltige Dame stiefelte aus dem Abteil und sorgt in Windeseile für Ruhe. Wer hier noch den Fahrgästen beim Entspannen im Weg war, wurde mit drei Worten ins Nirgendwo verabschiedet selbst die ansonsten so selbstbewussten und kräftigen Herren gehorchten wie Schuljungen, wenn die Deutschlehrerin nach der Ferienordnung fragt.

Um ihren Kopf waren blonde Zöpfe geschlungen wie ein kunstvolles Bauernbrot, ihre Augen strahlten so blau wie die Seen im Allgäu, und die roten Backen hätten jedes bayerische Bierfest-Plakat geziert. Ihr Blick wanderte in Richtung der Zugtoilette. Just in dem Moment tippelte ein kleiner, drahtiger Mann hinaus, Haare fein und weiß, fast flaumig wie ein Osterküken, mit diesem unschuldig-kindlichen Blick.

Ach, Jürgen! Du bist ja doch noch da! Ich hör hier den Tumult, die Schaffnerin hat schon Angst, reinzugehen. Dacht schon, da liegt was im Argen. Mensch, du bist doch wie gemacht dafür, einfach mal überrannt zu werden! rief die Dame.

Ach Gudrunchen! Ich hätt mich schon zu helfen gewusst! Aber sag mal, warum gehst du hier raus, Gudi? Du bist doch eine feine Dame!, lächelte Jürgen und verschwand flink ins Abteil.

Gudrun, wie sie sich einmal quer durchs Abteil musterte, mich und zwei gelangweilte Mitfahrer inklusive, schätzte scheinbar, dass keine Gefahr drohte, weder ihr noch dem zerbrechlichen Gatten. Dann war sie auch weg.

Später, im Bordbistro, kreuzten sich unsere Wege erneut. Die Plätze waren rar, also setzte ich mich zu ihr. Ihr Ehemann war nicht in Sicht. Nachdem sie sich über Schweinshaxe und Kartoffelbrei gemacht hatte, ließ sie verlauten:

Gudrun Engelhardt. Einfach Gudrun reicht.

Sie reisen allein? Kommt Ihr Mann später?

Der ruht. Kommt nicht. Ich hab ihm den Hals mit Schal umwickelt, Preiselbeersaft zum Trinken gebracht. Stell dir vor, da plant man eine Reise und der Jürgen beschließt, krank zu werden! Der war doch glatt in Pulli raus vor die Tür, Teppich ausschütteln, bei den Temperaturen. Hab ich wohl nicht richtig hingeschaut!

Sie müssen ihn aber sehr lieben. Sie wollten ihn doch abholen, dachten, es gibt Ärger. Das ist richtig fürsorglich!

Ach was, der Jürgen kam mir sozusagen ins Testament. Nicht meiner, jedenfalls nicht ursprünglich. Wir wohnen halt zusammen. Der trauert noch seine erste Frau, die Barbara, ist gerade erst gestorben. Eine Heilige, sag ich dir! So ein lieber Mensch!, seufzte Gudrun.

Wie jetzt? Ins Testament?

Da begann Gudrun zu erzählen.

Jürgen und Barbara sie kannten sich schon von der Grundschule in Münster, studierten in Bonn zusammen und heirateten. Jürgen, ein Genie mit Goldhirn, erfand und bastelte wie am Band. Die Aufträge von Firmen trudelten ins Haus, sie lebten ganz gut zumindest finanziell. Aber im Alltag? Katastrophe! Im Supermarkt starrte er die Erdbeeren an und vergaß die Rückgabe vom Wechselgeld. Ampeln? Überquert er nach Gefühl, nicht nach Farbe. Kaufen? Er hätte einem wildfremden Typen sein letztes Hemd gegeben.

Der ist doch von einem anderen Planeten, dein Mann! Wie son Professor in einem Kinderkörper. Wir rackern und rackern, und der zieht das Geld scheinbar aus dem Hut!, riefen ihre Freunde bei jeder Geburtstagsfeier.

Barbara beschwerte sich nie. Ihr Pragmatismus reichte locker für zwei. Sie kleidete Jürgen morgens ein, prüfte Schal und Handschuhe, kaufte später ein Auto, um ihn selbst ins Büro zu fahren zu oft hatte er in Münster das Taxi in den Harz bestellt, weil er vom Grübeln die Adresse vergessen hatte. Sie ergänzten sich perfekt.

Bis Barbara eines Tages ins Krankenhaus musste, nur für eine Woche. Als sie zurückkam, war alles im Chaos. Jürgen hatte tagein, tagaus trockene Mie-Nudeln geknabbert und Leitungswasser getrunken. Nicht mal den Wasserkocher eingeschaltet. Alles, was sie für ihn eingefroren hatte, lag noch brav im Frost.

Ohne dich schmeckts halt nicht. Kein Appetit!, lächelte Jürgen.

Sohn Max? Ein Ebenbild von Jürgen: Hochbegabt, aber so verplant! Max Intelligenz wurde bewundert, aber auch er heiratete wie der Vater eine sanfte, ländliche Hanna. Das Familienoberhaupt blieb natürlich Barbara, und mit dem Enkel Jonas zog sie erst recht das große Betreuungslos. Doch dann traf sie die Krankheit.

Das Haus wurde still, Jürgen wusste nicht ein noch aus. Einen Facharzt nach dem anderen kontaktierte er und wollte jeden Cent springen lassen. Aber manche Dinge helfen weder Euro noch Beziehung und Barbaras Herz blutete. Nicht für sich, sondern für ihren Mann und Sohn: Ohne mich gehen die unter wie Palmwedel im Bayrischen Winter!

Barbara betete nicht um Rettung für sich, sondern um Hilfe für ihre Männer. In dem Moment trat Gudrun in ihr Leben, als Pflegekraft, entfernt verwandt mit einem der Ärzte, die Barbara behandelten.

Beim ersten Betreten des Hauses traf Gudrun auf einen zarten Kulturmenschen mit Flüsterstimme, und überall lag das Elend: Schmutzwäscheberge, dreckiges Geschirr trotz Geschirrspüler die Luft zum Schneiden.

Im Schlafzimmer: eine großeäugige, federleichte, erschöpfte Barbara mit einem letzten Lächeln für Gudrun. Die krempelte die Ärmel hoch und abends blinkte die Wohnung wie ein Mercedes-Stern, die Luft frisch, es duftete nach Frikadellen, Streuselkuchen und Brathähnchen. Barbara schlief wie im Himmel. Jürgen, der schon abgehauen in Windjacke zur Tür schlich, wurde von Gudrun mit Donnerstimme eingefangen:

Halt! Sie wollen im Hochwinter im Shirt raus zum Einkaufen? Sie haben doch eine Verantwortung! Also, hier die dicke Jacke und der Schal, hoppla, und die Mütze. Schön über die Ohren! So, und ab gehts, mein Lieber, aber hurtig!

Barbara hatte Tränen in den Augen nicht vom Zwiebeln schneiden, sondern vom Glück. Gudrun polterte rum wie ein Elefant im Porzellanladen, aber mit Herz! Gott sei Dank, jetzt sind sie versorgt, flüsterte Barbara.

Und irgendwann, als klar war, dass ihr Lebensweg endete, sprach sie Gudrun auf ihr eigenes Leben an. Also: kleine Mietwohnung mit Mutter und Schwester samt deren Familie, zwei Zimmer, ein Dackel, vier Generationen und viel Trubel! Ohne Job? Kaum auszuhalten. Gudrun war 45, nie verheiratet, amouröse Abenteuer gehabt, aber nie einen Marsch zum Standesamt. Sie nimmt das Leben, wie es kommt. Und da äußerte Barbara ihren letzten Wunsch:

Gudrun, kümmer dich bitte um meinen Mann, wenn ich nicht mehr da bin. Ich vererbe ihn dir. Symbolisch, versteht sich du weißt, wie leicht er sich erkältet und allen vertraut!

Gudrun war erstmal sprachlos wie nach einer missglückten Linsensuppe. Doch als sie ablehnen wollte, bettelte Barbara fast. Gudrun sagte am Ende zu.

Nach Barbaras Tod dachte Gudrun: Ach, was soll’s. Sonst heißt es noch, ich will nur an seine Eigentumswohnung! Besonders toll fand ich den Jürgen auch nicht. Was für ein Mensch! Wie ein Marienkäfer auf menschlichen Beinen. Aber sie hattes versprochen und besuchte ihn doch.

Niemand öffnete. Tür nicht abgeschlossen. Im Wohnzimmer saß Jürgen, Barbaras Bademantel im Arm, tief vergraben, und heulte wie ein ausgesetzter Dackel. Als er Gudrun sah, packte er ihre Hand und schluchzte.

Na, du Armer. Die Barbara hatte wirklich recht. Nützt ja nix jetzt trinken wir erstmal einen Tee, halt durch, das wird schon!, begann Gudrun zu wuseln.

Und siehe da: Gudrun war das personifizierte Mitleid und Hilfsbereitschaft. Das Haus lebte wieder auf. Jürgen begleitete ihre Ankunft wie ein Hund sein Herrchen.

Irgendwann bin ich dann auch eingezogen. Mein Clan war eh froh über mehr Platz. Im Prinzip hab ich einen erwachsenen Sohn bekommen statt eines Ehemannes aber einen richtig gescheiten! Finanziell gibts nie Probleme. Mich hat er gezwungen, den gesamten Hauswirtschaftsjob an den Nagel zu hängen. Die Besserwisser im Haus tratschten, ich konnt’ sie aber mundtot machen. Manche retten Straßenkatzen, andere halt Ehemänner wie Jürgen das ist doch auch wertvoll! So ein unselbstständiger Mensch, wie eine auf den Rücken gedrehte Schildkröte. Wer soll dem denn helfen, wenn nicht ich? Wir brauchen einander!

Gerade wollten wir weiterreden, als Jürgen auftauchte mit riesigem Schal, wildem Strauß Feldblumen vom kleinen Bahnpausemarkt.

Bist ja schon wieder auf den Beinen! Du schwitzt doch wie verrückt, ab mit dir, umziehen! Oder willst du wieder krank werden?, tadelte Gudrun liebevoll und schob das lebendige Erbe Richtung Ausgang.

Jürgen raunte ihr zu: Gudrunchen, hab den Omas am Gleis ein paar Blümchen abgekauft gefallen sie dir? Gudruns Wangen rotierten in noch tieferem Rot, und sie legte ihm sanft die Hand auf die Schulter.

An der nächsten Station stiegen sie aus Gudrun mit einem monströsen Koffer, Jürgen mit einer kleinen Tasche. Sie hielt ihn wie einen Teddybären am Jackenkragen, mitten im Menschenstrom, damit er ihr nicht verloren ging. Und so liefen sie, zwei strahlende Sonnen im Bahnhofsgewimmel, und es war sonnenklar: Sie würde ihm wohl doch noch die zweite Ehefrau werden!

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Homy
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