**Tagebucheintrag**
Ich fand ein verlorenes Handy und gab es seinem Besitzer zurück. Doch als dieser das Amulett an ihrem Hals sah, erstarrte er
Aliska! Die raue Stimme des Stiefvaters drang aus der Tiefe der Wohnung.
Wach auf, dachte das Mädchen traurig. Da kommt er wieder
Schnell blickte sie sich um, griff nach einer Kapuzenjacke und stürmte aus dem Haus in den Innenhof.
Ali, wo gehst du hin? Die schwache Stimme der Großmutter. Nicht lange, Oma!
Im Eingang beobachteten zwei Nachbinnen das Mädchen misstrauisch: Macht sie wieder Ärger?
Alisa erwiderte nur höflich ihren Gruß. Vielleicht konnte sie einfach draußen warten, bis seine morgendliche Laune verflogen war.
Langsam ging sie den Gehweg entlang, trat ab und zu kleine Steinchen. Immer wieder kreisten ihre Gedanken: Wenn Mama noch leben würde dann würde er mich nicht so behandeln.
Alisas Mutter, Anna, war vor einem Jahr gestorben. Ein betrunkener Fahrer war am Steuer eingeschlafen und mit voller Wucht in eine Bushaltestelle gekracht. Anna und drei weitere Menschen starben sofort. Der Täter wachte erst auf, als die Rettungskräfte ihn umringten.
Nach der Beerdigung stellte sich die Frage: Wer würde sich um das Mädchen kümmern? Die Großeltern lehnten ab.
Wir sind zu alt, um ein Teenager-Mädchen großzuziehen, sagte die Oma. Die Kinder von heute sind nicht einfach. Und unsere Gesundheit Sie wandte sich an ihren Mann: Sag doch auch was. Wir schaffen das nicht. Sie soll bei Dima bleiben, er hat sie ohnehin adoptiert.
Dmitrij, Annas Ehemann, hatte Alisa zwar offiziell adoptiert, doch er sah sie nie als seine Tochter an. Er tat ihr nichts, er ignorierte sie einfach. Anfangs nannte sie ihn Papa, bis er eines Tages streng sagte:
Ich bin nicht dein Vater. Nenn mich Onkel Dima, verstanden?
Alisa wollte ihre Mutter fragen, wer ihr echter Vater war, doch Anna wich der Frage aus. Nach ihrem Tod begann Dmitrij häufiger zu trinken.
Als Alisa sieben wurde, stand die Einschulung an.
Mehr als die Hälfte meines Lohns geht für dich drauf, brummte der Stiefvater und warf einen neuen Schulranzen mit Büchern und Heften auf ihr Bett. Jetzt musst du helfen. Kochen, putzen der Haushalt ist deine Aufgabe.
Klar, wer denn sonst? dachte Alisa, nickte aber schweigend, um Streit zu vermeiden.
Dann schickte er sie regelmäßig zum Einkaufen, nachdem er mit der Kassiererin vereinbart hatte, nicht zu viele Fragen zu stellen. Anfangs schämte sich Alisa, doch sie gewöhnte sich daran. Auch daran, dass die Kassiererin manchmal etwas Süßes für sie übrig hatte.
Und jetzt ging sie wieder den vertrauten Weg zum Laden. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie etwas ein Handy.
Vorsichtig hob sie es auf. Wow! Nicht mal zerkratzt!
Sie drückte den Einschaltknopf ein Wunder! Das Handy sprang an, nicht gesperrt. Alisa setzte sich auf eine Bank und durchsuchte die Kontakte. Meist Firmennamen, dann plötzlich: Ehefrau. Sie rief an.
Nach einigen Klingeltönen meldete sich eine Frau.
Hallo, guten Tag! Ich habe das Handy Ihres Mannes gefunden. Woher wussten Sie, wen Sie anrufen? Es war nicht gesperrt. Ich hab Sie so gefunden. Gut, wo sind Sie? Ich komme. Aber schauen Sie bitte nichts anderes an, okay? Alisa war leicht gekränkt.
Sie gab die Adresse und legte auf. Das Handy vibrierte. Auf dem Display: Knolle. Alisa musste lachen. Sie erinnerte sich an einen Kindergartenjungen mit großer Nase, den ihr Stiefvater Knolle, die Nasenwanze nannte.
Hallo? Das ist mein Handy! Ich rufe über eine Freundin. Ah, von Knolle? Genau! Ihre Frau kommt? Ja, gleich. Warten Sie, wie heißen Sie? Alisa. Alisa, geben Sie das Handy nicht her. Ich bin gleich da.
Die Leitung brach ab. Alisa versteckte das Handy unter ihrer Jacke. Kurz darauf hielt ein rotes Auto. Eine elegante Frau stieg aus. Alisa erstarrte vor Bewunderung.
Hallo, haben Sie mich angerufen? Nein, er ist weg. Sagte, er kommt gleich. Na toll! schnaubte die Frau.
Ich frage mich, wo ich hin soll, ertönte eine spöttische Stimme hinter ihnen.
Alisa drehte sich um. Ein großer, dunkelhaariger Mann stand da. Sein Blick war ernst, aber leicht amüsiert.
Hast du es auf meine Karte abgesehen? fragte er. Die Frau versuchte zu scherzen, doch es war klar er hatte sie durchschaut.
Er setzte sich neben Alisa.
Danke, dass du mein Handy gefunden hast. Erzähl deiner Mama davon, sie soll stolz auf dich sein. Ich habe keine Mama, flüsterte Alisa.
Sie öffnete den Reißverschluss ihrer Jacke und holte das Handy hervor. Der Mann griff danach doch plötzlich erstarrte er. Sein Blick fiel auf ihr Amulett: ein kleines Ahornblatt aus Harz mit einem Marienkäfer.
Sein Gesicht versteinerte. Die Frau beobachtete ihn misstrauisch.
Woher hast du das? fragte er kalt und berührte es vorsichtig. Alisa zuckte zurück.
Meine Mama hat es mir gegeben Ich muss nach Hause.
Sie sprang auf und rannte los. Doch er rief ihr nach: Warte! Ich heiße Roman Maksimowitsch. Wie kann ich dir danken? Brauchen Sie nicht. Tschüss.
Alisa ging nachdenklich weiter. Warum hatte er so seltsam reagiert?
Sie erinnerte sich, wie ihre Mutter ihr das Amulett mit fünf Jahren umgehängt hatte:
Füchslein, möge es dir so viel Glück bringen wie mir. Was für Glück? Dich, Dummchen! Du bist mein Glück!
Und Anna hatte sie lachend durchs Zimmer gewirbelt.
Unbemerkt folgte Roman ihr in einigem Abstand. Seine Frau schickte er nach Hause.
Als Alisa an alten Frauen vorbei in den Eingang verschwand, sprach er sie an:
Entschuldigung, in welcher Wohnung wohnt das Mädchen? Wer sind Sie? Ich wollte ihr Geld zurückgeben. Sie hat tausend Euro im Laden verloren.
Die Frauen wurden gesprächig. Die arme Aliska mit dem Stiefvater
Plötzlich klirrte Geschirr. Eine betrunkene Stimme brüllte: Aliska, wo steckst du?!
Roman stürmte hinauf. Dmitrij stand in der Tür blass, rotäugig, nach Alkohol stinkend.
Was willst du? knurrte er.
Roman schob ihn beiseite. Drinnen kauerte Alisa auf dem Sofa. Sie sah ihn an und in seinem Blick lag plötzlich so viel Zuneigung, dass sie aufstand und seine Hand nahm.
Doch Dmitrij versperrte ihnen den Weg. Wo willst du hin?!
Roman drückte ihm sanft die Hand gegen die Stirn. Dmitrij taumelte und sank zu Boden.
Hast du ihn getötet? flüsterte Alisa.
Roman lächelte. So leicht stirbt keiner. Er schläft nur.
Er brachte Alisa zu sich nach Hause. Seine Frau Irina empfing sie kühl.
Das ist dein Zimmer vorerst.
Das Wort vorerst traf Alisa wie ein Messer. Waisenhaus? dachte sie.
Später hörte sie, wie Irina mit Roman stritt:
Warum hast du sie hierhergebracht? Willst du jeden retten? Und wenn der Stiefvater die Polizei ruft?
Roman seufzte. Sieh dir an, wo sie lebt. Das ist unmenschlich.
Dann gib ihr Geld und schick sie weg!
Manchmal frage ich mich, warum ich dich geheiratet habe.
Weil ich klug, hübsch und praktisch bin. Jemand muss für uns beide denken.
Am Abend traf Roman sich mit Larisa, Alisas Tante. Sie erzählte ihm die Wahrheit: Anna hatte ihn geliebt, doch ihre Familie zwang sie, Dmitrij zu heiraten.
Alisa ist deine Tochter, sagte Larisa.
Roman war wie vom Donner gerührt.
Doch dann rief Irina an: Alisa war verschwunden. Sie suchten überall und fanden sie schließlich bei Larisa.
Roman fasste sich ein Herz. Alisa ich bin dein Vater.
Das Mädchen starrte ihn an. Zum ersten Mal hörte sie das Wort Papa und es fühlte sich richtig an.
Später ließ sich Dmitrij überreden, das Sorgerecht abzugeben. Roman erkannte die Vaterschaft an.
Möchtest du meinen Nachnamen tragen? fragte er Alisa.
Sie lächelte. Ja.
Monate später ließ sich Roman von Irina scheiden. Und eines Tages fragte er Larisa, ob sie ihn heiraten wolle.
Jetzt saßen sie zu dritt in einem warmen Zuhause endlich eine Familie.
**Was ich gelernt habe:** Manchmal findet das Glück uns, wenn wir es am wenigsten erwarten. Und manchmal ist es genau dort, wo wir nie gesucht hätten.



