Fee
Und wenn ich groß bin, werde ich eine Fee!
Anna-Lena, warum denn eine Fee?
Weil ich es so will!
Anna-Lena schwang sich von den Armen ihrer Mutter, auf denen sie eben noch die Glückwünsche zu ihrem fünften Geburtstag entgegengenommen hatte, und breitete stolz ihr bauschiges Rockteil aus.
Mama, Feen sind immer schön und klug! Und außerdem können sie alles! Ich kann das auch!
Natürlich kannst du das! Julia beugte sich nach vorne, um ihre Tochter zu umarmen, doch die wich ihr aus und hüpfte einen Schritt zur Seite.
Und die Torte?
Die gibts gleich! Geh doch noch ein bisschen mit den anderen Kindern spielen. Ich ruf dich dann, ja?
Okay!
Julia lächelte, als sie sah, wie die mit viel Mühe am Morgen gedrehten Locken fröhlich auf den Schultern ihrer Tochter tanzten:
So ein zielstrebiges Kind! Und so klug! Welche Fünfjährige formuliert ihre Wünsche so klar? Ich schaff das alles!
Hauptsache, du brichst ihr diesen Glauben nicht, nickte ihre beste Freundin Katrin. Manche Eltern hören solche Sachen und kommen gleich mit Du musst realistisch sein, es ist ein langer Weg, bla bla bla. Dabei muss man dem Kind einfach nur vertrauen dann ist alles möglich! Weißt du noch, als meine Marleen das erste Mal im Ballettstudio stand
Jaja, deine Marleen ist wirklich ein Schatz! Mädels, helft ihr mir? Die Torte ist fertig. Julia drehte sich elegant auf ihren Pumps und verschwand in Richtung Küche.
Das große, helle Haus dröhnte von Kinderstimmen. Auf dem Boden lagen bunte Konfetti und die Reste geplatzter Luftballons. Ein zerzauster Strauß Tulpen war achtlos in die Ecke geworfen worden, und Julia runzelte die Stirn, als sie daran vorbeiging. Diese Blumen hatte Julias Mutter, Renate, bestellt, um ihrer Enkelin zu gratulieren. Heute lebte sie hier, aber früher besuchte Renate nur selten ihre Tochter, lieber passte sie in ihrer eigenen Wohnung auf das Mädchen auf.
Es ist so ungemütlich bei euch, mein Kind. Ich habe immer Angst, etwas kaputtzumachen. Das ist alles zu vornehm für mich.
Mama, was ist das für ein Unsinn? Julia war empört. Vornehm! Genau so, wie wir es uns leisten können! Michael arbeitet Tag und Nacht, und ich auch. Wir dürfen es uns ruhig gut gehen lassen.
Trotzdem fühle ich mich bei mir wohler.
Von mir aus, Hauptsache, Anna-Lena gehts gut.
Seit Anna-Lenas Geburt kümmerte Renate sich um sie.
Ich habe keine Zeit, Mama. Julia tupfte sich hastig Make-up ins Gesicht, bevor sie zur Arbeit musste. Wenn ich jetzt stehenbleibe, kann ich alles vergessen, was wir in den letzten Jahren geschafft haben. Es ist so viel Hektik Und da hängen Jobs dran, das sind nicht nur meine Euro, sondern da stehen auch Menschen dahinter. Trotzdem: Am meisten muss ich an Anna-Lenas Zukunft denken.
Aber ist es nicht wichtiger für sie, dass ihre Mama bei ihr ist, solange sie noch so klein ist?
Mama, fang nicht an! Ich weiß, was ich tue! Wer kümmert sich sonst um mein Kind? Wer sorgt für sie?
Und Michael?
Ach Mama, bitte! Natürlich macht er das als Vater, aber er ist und bleibt ein Mann. Heute ist er da, morgen geht er vielleicht zu einer anderen. Und dann?
Warum denkst du so, mein Schatz? flüsterte Renate bestürzt. Hat er jemand anders?
Woher soll ich das wissen? Ich hatte gar keine Zeit, mich darüber zu sorgen! Vielleicht ja, vielleicht nein. Seit der Schwangerschaft bin ich völlig raus aus meinem Leben. Ich muss das alles wieder aufholen, Mama. Und du hilfst mir dabei, oder?
Natürlich helfe ich dir. Renate beugte sich liebevoll über das Kinderbettchen. So klein Du warst kräftiger.
Ist doch egal. Klein wächst noch.
Anna-Lena war ein schwaches, ständig kränkelndes Kind. Kaum war die eine Erkältung vorbei, kündigte sich schon die nächste an, und Renate verfiel nicht mehr in Panik wie früher, sondern wählte routiniert die Nummer von ihrem Kinderarzt. Die stets beschäftigte Julia hatte für sowas kein Ohr.
Mama, sie hat doch keine vierzig Grad Fieber! Kümmert euch drum, ich hab ein Meeting.
Anna-Lena klammerte sich fiebrig an den Hals der Oma, schmiegte ihre Nase an Renates Schulter und schluchzte leise.
Schon gut, mein Spatz. Gleich gibts etwas Saft, dann schlafen wir eine Runde und alles ist gut. Willst du eine Geschichte hören?
Von der Fee?
Von mir aus, gerne.
Ja!
Das hübsche Buch mit den bunten Bildern hatte Anna-Lena von ihrem Vater aus London mitgebracht bekommen.
Michael, das ist doch alles auf Englisch! Renate blätterte durch die Seiten.
Und? Sie soll doch ruhig an einen zweiten Sprachrhythmus gewöhnt werden. Du hast doch so lange an der Uni unterrichtet ein Kinderbuch ist ja wohl kein Problem.
Das nicht. Aber ich werde wohl früher als gedacht mit ihr Englisch lernen.
Die Stunden mit der Enkelin, ihre kleinen Freuden und Traurigkeiten, füllten Renates gesamtes Leben aus. Endlich hatte das Leben wieder einen Sinn, ein Ziel, für das es sich zu leben lohnte.
Die letzten zehn Jahre, seit Julia ihr Studium beendet und Michael geheiratet hatte, waren für Renate irgendwie verschwommen. Die Tochter sah sie selten zu viel zu tun, zu wenig Zeit. Weil Julia auf ihre vorsichtigen Besuche oft genervt reagierte, hatte Renate irgendwann aufgehört zu bitten. Sie fühlte eine schwere Sehnsucht nach den Zeiten, in denen Julia von der Schule oder aus der Uni kam, sich mit untergeschlagenen Beinen auf das kleine Sofa in der Küche setzte und, während sie den extra für sie gebrühten Minztee trank, aus ihrem Tag erzählte. Für Renate war Julia ihr ganzer Lebensinhalt.
Sie hatte ihr Kind früh bekommen. Gerade neunzehn war sie damals gewesen. Die überhastete Ehe mit ihrem Kommilitonen brachte niemandem Glück. Nach einem Jahr war er weg, und die kleine Julia wurde das einzige Andenken an die emotionale Sturmzeit ihrer Mutter. Als Julia zwei Jahre alt war, wurde Renates Mutter pflegebedürftig und die kommenden zwölf Jahre wurden zum Albtraum. Eine pflegebedürftige Mutter, die langsam ihr Gedächtnis verlor, dazu ein kleines Kind, das Aufmerksamkeit brauchte Wann sollte man da noch an sich denken? Renate konnte sich im Spiegel kaum ansehen und wandte sich ab. Eine Schönheit war sie nie gewesen, aber da war etwas Markantes an den klaren Wangenknochen und der langen Nase etwas, das einen zwang, sich dieses Gesicht zu merken.
Was bei ihr kaum sichtbar war, wurde bei Julia zu echter Schönheit. Wenn Renate auf ihr Mädchen sah, musste sie immer das Lächeln unterdrücken: Wirklich gelungen! Sie wollte, dass diese Schönheit nicht umsonst war. Sie förderte Julia mit allem, was sie konnte: Ballett, Musikschule, Englisch, Französisch. Bis zum Abitur konnte Renate mit Recht sagen, dass ihr Kind das beste war, was sie je zuwege gebracht hatte. Nur Julias eiserner Egoismus machte ihr Sorgen. Die Tochter ließ sich nichts gefallen und wenn jemand grob zu ihr war, wusste sie genau, wie man schlagfertig kontert. Ihre Wünsche waren für Julia immer oberstes Gebot, selbst wenn alle den Gürtel enger schnallen mussten.
Mama, ich brauche diese Schuhe. Ich kann nicht zum Vorstellungsgespräch in alten treten. Ein gutes Outfit ist wichtig!
Renate kramte das für den Urlaub gesparte Geld raus und gab es ihr. Was ist schon Urlaub Hauptsache, Julia schafft es.
Die Hochzeit mit Michael war der Höhepunkt all dieser Bemühungen. Während sie sich verstohlen die süßen Tränen abwischte, beobachtete Renate ihre wunderschöne Tochter, strahlend im Arm des Bräutigams im feinsten Restaurant der Stadt. Michael war ihr nicht von Anfang an sympathisch. Er war ihr zu glatt. Aber sie beruhigte sich mit Julias pragmatischen Worten vor der Hochzeit:
Mama, in dieser Ehe gehts nicht nur um Gefühle. Wir haben auch eine Vereinbarung. Das ist wichtig. Eine Ehe aus Vernunft ist stabiler als bloßes Herzklopfen.
Findest du?
Ja.
Worum geht es in der Vereinbarung, Kind?
Wir sind gleichberechtigte Partner ab dem Hochzeitstag. Um seine Vermögenswerte von vorher geht es mir nicht. Von mir wird nur eines verlangt.
Und das wäre?
Einen Sohn gebären. Dann wird das Abkommen zu meinen Gunsten neu verhandelt.
Das klingt seltsam
Aber es ist richtig, Mama. Die Welt ändert sich und wir uns mit ihr.
Hauptsache, du wirst glücklich.
Ganz bestimmt!
Danach redeten sie nicht mehr drüber. Julia entfernte sich, baute das von Michael finanzierte Geschäft auf und kämpfte mit gesundheitlichen Problemen, die ihr den wichtigsten Vertragsbestandteil erschwerten.
Dass Anna-Lena dann zur Welt kam, überraschte Julia.
Was soll man auf diese modernen wissenschaftlichen Methoden noch geben?! Sie faltete das hellblaue Deckchen zusammen, das sie fest davon überzeugt für einen Jungen gekauft hatte. Drei Mal, Mama! Drei Mal haben sie gesagt, es wird ein Junge! Und? Sieht sie nach Junge aus?
Kind, aber ist ein Mädchen denn so schlimm?
Ach Quatsch, Mama, aber ich hab halt was anderes erwartet. Deshalb bin ich wohl sauer. Und dann noch diese Zeit
Es kommt sicher noch ein Sohn, Julia. Etwas später vielleicht, aber er kommt.
Hoffentlich
Doch es hakte. Julia lief zwischen Arztterminen und Meetings hin und her, verzweifelt auf der Suche nach dieser Zeit. Es half alles nichts. Nach unzähligen Klinikwechseln zuckte sie ratlos mit den Schultern:
Ich hab alles versucht, Mama. Ich weiß nicht mehr weiter.
Vielleicht solltest du dich auf das Kind konzentrieren, das du schon hast?
Mama!
Was hab ich gesagt? Anna-Lena ist jetzt vier, bald fünf. Ein wunderbares Kind. Und wer sagt, dass der Vater nur Söhne lieben kann? Du bist doch klug! Dann passt halt eure Vereinbarung an.
Julia grübelte. Die Worte hatten ihre Logik.
Dann muss Anna-Lena zu Hause wohnen.
Julia
Keine Diskussion, Mama. Sie ist zu oft bei dir.
Aber sie liebt es doch!
Aber niemand verlangt, dass sie das verlernen soll. Julia blätterte im Skizzenbuch der Tochter. Sie zeichnet gut. Vielleicht sollte sie auf eine Kunstschule?
Sie nimmt schon seit einem Jahr Unterricht Renate kämpfte mit den Tränen.
Mach kein Drama draus, Mama. Du kümmerst dich weiter um sie. Ich will doch keine fremde Nanny, wenn es Oma gibt. Es gibt einen Fahrer und alles, was du brauchst. Oder willst du nicht vielleicht ganz zu uns ziehen? Das Haus ist groß.
Nein! Renate schüttelte den Kopf. Das ist keine gute Idee. Aber mit Anna-Lena will ich so viel Zeit wie bisher verbringen.
Natürlich machte das Leben seine eigenen Pläne. Kaum hatten die Eltern beschlossen, dass Anna-Lena jetzt immer zu Hause wohnen soll, bekam sie prompt Fieber. So zog Renate mit Sack und Pack zu ihnen.
Mama, hier hast du alles. Viel Platz. Und das Kind ganz nah da musst du dir keine Sorgen machen!
Renate betrachtete das Zimmer, in dem sie nun wohnte, und nickte zögernd.
Ja Anna-Lena ist nah
Sie versuchte, sich ganz auf ihre Enkelin zu konzentrieren, nicht auf die Spannungen zwischen Julia und Michael. Natürlich merkte sie, dass die Ehe der beiden längst auf der Kippe stand, aber sie schwieg. Das mussten die Erwachsenen allein klären. Niemand interessiert sich hier richtig für die kleine, immer etwas zerzauste Anna-Lena, die unermüdlich durchs große Haus tobte.
Oma, hier ist noch mehr Platz als bei dir! Anna-Lena drehte Pirouetten im Wohnzimmer. Darf ich dann endlich einen Hund haben?
Das kann ich nicht entscheiden, mein Schatz. Das musst du deine Eltern fragen.
Aber warum? Ist das nicht auch dein Haus?
Nein, mein Kind. Das ist das Haus von Mama und Papa. Ich habe meine eigene Wohnung, da darf ich entscheiden. Hier nicht.
Und verbieten kannst du hier auch nicht?
Kommt drauf an. Milch auf dem Tisch verschütten, wie heute früh das kann ich verbieten. Aber einen Hund anschaffen, das müsste jemand anderer entscheiden.
Versteh ich
Gedankenverloren kauerte sich Anna-Lena auf den Boden. Renate wurde hellhörig: Ein ähnlicher Ausdruck erschien immer bei Julia, wenn sie sich etwas ganz Besonderes in den Kopf gesetzt hatte. Meist setzte sie es dann auch durch.
Ich rede mit Papa! Anna-Lena sprang auf.
Das Gespräch fand noch am selben Abend statt. Anna-Lena platzte ohne Begrüßung in Michaels Büro:
Liebst du mich?
Michael war verdattert. Das kleine Mädchen mitten im Arbeitszimmer war ihm fremd. Er sah sie selten, ihr Umgang beschränkte sich auf ein knappes Hallo, Mäuschen!. Auf die Bitten seiner Schwiegermutter, Zeit mit ihr zu verbringen, reagierte er oft zerstreut und vergaß es gleich wieder. Die Frage überraschte ihn.
Natürlich. Alle Eltern lieben ihre Kinder.
Mir reicht das nicht. Ich will, dass du mich liebst.
Was möchtest du? Ein neues Spielzeug?
Nein! Anna-Lena schob die Unterlippe vor. Ich will einen Hund!
Einen Roboterhund etwa?
Ihre Augenbrauen flogen überrascht in die Höhe:
Warum ein Roboter? Nein, einen echten Hund!
Michael schloss die Augen, nahm seine Brille ab und rieb sich die Stirn:
Einen großen?
Kann auch ein kleiner sein. Hauptsache, lieb.
Du suchst einen aus. Dann bekommst du einen Hund.
Julia war gar nicht begeistert von der Idee. Die Eltern diskutierten lautstark hinter verschlossener Schlafzimmertür, während Anna-Lena im Flur horchte. Renate bekam davon Herzrasen und schob das Kind früh ins Bett, nicht ahnend, dass Anna-Lena gar nicht schlafen wollte.
Das ist kein Spielzeug! Man kann nicht allen Kinderwünschen nachgeben. Ein Hund ist lebendig! Jemand muss sich kümmern.
Deine Mutter ist doch da. Und die Haushälterin kannst du extra bezahlen. Wo ein Kind Platz findet, ist für einen Hund auch Platz. Sollen sie zusammen rausgehen ist doch gesund.
Und zum Tierarzt? Ausstellungen? Und alles Weitere?
Gibt doch genug Tierärzte. Oder eröffne selber eine Praxis. Ausstellungen Dann nehmt halt einen Mischling. Julia, was willst du denn noch? Ich habe kaum Zeit für die Tochter aber einen Hund kann ich besorgen. Warum nicht?
Es ist aber keine Kleinigkeit. Es ist Verantwortung. Und der Wunsch, immer alles sofort zu bekommen.
Und ist das so schlimm? Für mein Kind? Warum kann sie nicht alles, was sie will, gleich haben?
Julia schwieg. Anna-Lena zog sich leise von der Tür zurück. Einen Hund würde sie bekommen, das war klar. Alles andere interessierte sie nicht mehr.
Wenige Tage später holten sie ihr einen kleinen Zwergspitz. Zwei Monate später, eine Woche nach Anna-Lenas Geburtstag, zogen sie und Renate zurück in deren Wohnung. Julia, ungewöhnlich still und wie fremd, trank morgens wortlos einen starken Kaffee und verschwand für den Rest des Tages. Mit Renate und Anna-Lena sprach sie kaum.
Oma, was ist mit Mama los?
Das kann ich dir noch nicht sagen, mein Schatz. Sie wird es dir erklären. Renate streichelte mal die Enkelin, mal den Hund.
Warum wohnen wir wieder bei dir? Oder ist das nur für zwei Tage?
Nein, Anna-Lena, es wird länger dauern
Renate wusste selbst nicht, was geschehen war. Als Julia wenige Tage nach dem rauschenden Kindergeburtstag in Renates Zimmer trat, wurde ihr ganz bang. Ohne ein Wort holte Julia den kleinen Koffer, mit dem Renate gekommen war, und stellte ihn mitten ins Zimmer:
Pack bitte, Mama. Wir fahren. Und pack auch Anna-Lenas Sachen. Ich habe keine Zeit.
Renate wollte eine Frage stellen, doch als sie Julias Augen sah, blieb sie still.
Ich mach das, mein Kind
Am Abend stellte sie der Tochter Tee hin und setzte sich mit dem alten, vertrauten Blick zu ihr. Julia hockte mit untergeschlagenen Beinen auf dem Sofa und starrte ins Leere.
Frag mich nicht, Mama. Wir lassen uns scheiden.
Renate schnappte leise nach Luft und sah zur Tür. Doch Anna-Lena sah einen Trickfilm und bekam nichts mit.
Er hat eine andere. Und einen Sohn
Julia vergrub das Gesicht in den Knien, und Renate wollte sie tröstend in den Arm nehmen, blieb aber stehen, als sie sah, dass ihre Tochter lachte.
Ich dachte, du weinst
Das wäre ja noch schöner, Mama. Es hat nicht geklappt für mich
Wie und warum Michael eine andere Familie wählte, blieb Renate rätselhaft. Wenigstens war er anständig genug, die Scheidung schnell und unkompliziert durchzuziehen. Nach einem halben Jahr zog Julia in ein renoviertes, großes Apartment im Nachbarhaus, und das Leben der drei Frauen lief wieder in einer Art abgespecktem Normalmodus ein bisschen enger, ein bisschen unbequemer, aber immerhin überschaubar.
Anna-Lena wuchs heran, zeigte Lern- und Durchsetzungsfähigkeit. Alles, was ihr wichtig war, das musste im kleinen Frauenhaushalt oberste Priorität haben keine Diskussion. Julia erfüllte fast alle Wünsche, ohne große Erziehungsmühe.
Julia, das geht so nicht.
Mama, was willst du denn? Sie ist klug, ehrgeizig, das ist heute wichtig! Wer nicht für sich einsteht, geht unter.
Das sehe ich anders. Es macht mir Angst, was aus ihr wird.
Mir nicht. Wäre ich egoistischer gewesen, wäre ich vielleicht noch mit Michael verheiratet. Aber ich habe immer an die anderen gedacht. Blödsinn
Blödsinn ist, wenn du dein eigenes Kind nicht siehst! fuhr Renate auf. Sie hat nicht nur Wünsche, sondern auch Bedürfnisse. Und das wichtigste ist: Mama!
Sie hat dich doch.
Zum Glück! Aber sie braucht dich auch!
Wofür? Sie hört nur auf dich!
Weil ich ihr auch mal Nein sagen kann. Das tust du nie.
Ich will ihr vermitteln, dass sie alles haben kann, wenn sie will. Ich will nicht die Böse sein. Lieber Freundin als Cerberus, oder?
Renate ließ mit einem Seufzer die Schultern sinken:
Und wenn es mal schiefgeht? Wenn sie nicht bekommt, was sie will?
Das passiert nicht. Sie weiß, was sie will und ist klug. Echt, Mama. Was soll ich noch sagen.
Ich sehe Nur, man bekommt im Leben nicht immer alles nach Wunsch. Da gibt’s noch äußere Umstände, das weißt du doch
Danke, Mama! Julias Stimme wurde eisig, und Renate verstummte erschrocken. Ich weiß das sehr genau. Und ich will, dass Anna-Lena es nie erfahren muss.
Das Thema war für Renate erledigt. Julia zog ihren Stiefel durch, Anna-Lena ging ihren eigenen Weg umgeben von Mamas Unterstützung und Großmutters Liebe. Da war nichts zu befürchten.
Julia kümmerte sich kaum um Anna-Lena. Nur manchmal nahm sie sie zum Shoppen mit.
Du sollst nicht schlechter sein als andere. Gut, das Aussehen ist nicht gerade auf deiner Seite, aber das ist egal. Wer die richtigen Klamotten und guten Make-up trägt, der wird immer gesehen. Merke dir das!
Hier hörte Anna-Lena ihrer Mutter genau zu. Julia hatte unbestreitbar Stil. Zwar ähnelte Anna-Lenas Gesicht kaum dem der Mutter, aber die Figur war eindeutig die ihrer Mutter, und schon bald wurde Julias Kleiderschrank eine Fundgrube für Anna-Lena.
Das, das, vielleicht noch das. Mehr nicht, der Rest ist nicht altersgerecht. Julia sortierte mit sicherem Griff die Outfits aus. Immer schön dosieren.
Die Mädchen in der Schule beneideten Anna-Lena um ihre Schminktasche und verstanden nicht, warum ihre Mutter ihr so teure Kosmetik kaufte.
Deine Haut ist alles, was du hast. Verwöhn sie, sonst dankt sie dir das nicht Julia warf billige Mascara, die Freundinnen geschenkt hatten, raus. Was ist das?
Ein Geschenk.
Geschenke gibt’s und Geschenke. Bedank dich und wirf es weg. Wertschätze dich, Anna-Lena.
Renate beobachtete das alles, aber versuchte nicht mehr, in die Erziehung einzugreifen. Sie bemühte sich, die Launen der Enkelin etwas zu mildern, aber wirklich gelingen wollte es ihr nicht. Nach dem Abitur ging Anna-Lena an die Uni auf denselben Fachbereich wie Mutter und Großmutter. Sie war kaum mehr zu Hause und tauchte ein in das wilde Universitätsleben. Renate sah sie kaum, Julia sowieso nicht, und erfuhr deshalb erst ganz zuletzt von Anna-Lenas Neuigkeiten.
Du heiratest? Wen denn? Ihre Hände zitterten, die Lieblingstasse fiel zu Boden und zerbrach klirrend in tausend Scherben.
Sebastian von Hohenberg trällerte Anna-Lena und sprang auf das kleine Sofa, während die Großmutter die Scherben aufsammelte. Aber Sebastian reicht. Mein Sebastian!
Wer ist er denn, Anna-Lena?
Ach, ein Dozent. Nicht bei mir! Was guckst du so? Der ist an der Uni.
Ist er
Nein, Oma, gar nicht alt. Ganz in Ordnung!
Dass Sebastian verheiratet war, erfuhr Renate erst von Julia.
Wie bitte sie griff sich an den Kopf. Und du sagst das so einfach?
Warum sollte mich seine Frau oder sein Kind kümmern? Mama, mich kümmert Anna-Lena! Sie liebt ihn. Sie will diesen Mann.
Julia Gott, was hab ich bei euch bloß versäumt? Renate stützte sich an den Tisch, vor den Augen flimmerte alles. So geht das nicht
Was soll nicht gehen?
Einen Mann einer anderen wegnehmen!
Als ob er ein Schaf ist, das weggenommen wird! Was redest du da, Mama! Julia stellte ihr wortlos ein Glas Wasser hin. Trink erstmal was und denk an das Glück deiner Enkelin, nicht an fremde Leute.
Aber was, wenn es gar kein Glück ist? Renate trank das Wasser, warf dann wütend das Glas an die Wand.
Die Hochzeit war freudlos. Sebastians Eltern blieben fern, wollten mit den künftigen Verwandten nichts zu tun haben. Michael, längst weggezogen, weigerte sich, abzureisen spendierte stattdessen eine neue Wohnung für Anna-Lena. Julia richtete sie mit Möbeln ein, ohne die Tochter zu fragen. Aber die bemühte sich um anderes.
Mama, sieh dir das Kleid an! Es ist ein Traum! Das will ich! Anna-Lena drehte sich singend vor dem Spiegel.
Das Kleid heißt Fee.
Die Verkäuferin holte den Schleier und zeigte ihn Julia. Sie hatte längst erkannt, wer hier die Wahl trifft.
Ein Zeichen, Anna-Lena! Erinnerst du dich an deinen Kindheitstraum?
Ja! Jetzt wird alles märchenhaft! Alles wird gut!
Es wird alles Julia drückte das feine Spitzentuch zwischen den Fingern zusammen.
Renate hielt es beim Standesamt kaum aus. Dann bestellte sie ein Taxi und fuhr heim.
Ich fühl mich nicht wohl. Ich will euch das Fest nicht verderben.
Sie drückte der Enkelin einen Kuss auf und zog zur wartenden Limousine. Beim Wegfahren drehte sie sich noch einmal um. Anna-Lena hüpfte neben ihrem Mann, bereit, die aus dem Märchen entsprungene weiße Taube freizulassen. Einen Moment lang glaubte Renate, ihre Enkelin sähe aus wie der erschrockene Vogel, der nur darauf wartet, endlich aus den festhaltenden Händen zu entkommen.
Was kann ich tun, Gott? Renate schluckte Tränen, riss sich aber zusammen. Gib mir Kraft. Ich werde sie brauchen
Schon nach einem Jahr war Anna-Lena wieder geschieden kurz nach der Geburt ihrer Tochter. Sebastians neue Geliebte war Anna-Lenas Kommilitonin. Schwanger fuhr Anna-Lena zur Uni, um Papiere zu holen, als sie Sebastian mit der neuen Liebe in leerer Vorlesung erwischte. Ohne ein Wort trat sie zurück, knallte dann doch die Tür so laut zu, dass die Fensterscheiben klirrten.
Was ist passiert? Was ist los?
Zeit für eine Desinfektion. Anna-Lena zeigte vage auf den Hörsaal. Da war ein Käfer
Nachdem sie ihre Unterlagen beisammen hatte, rief sie ihren Vater um Hilfe.
Was jetzt, verdrückst du dich? warf Julia vor. Warum setzt du dich nicht durch?
Wozu, Mama? antwortete Anna-Lena kalt und sortierte Babysachen.
Weil das dein Recht ist. Das ist richtig so.
Richtig? Was soll das heißen, Mama? Vielleicht ist es auch richtig, auf die Ohrfeige eine weitere zu bekommen? Ich dachte immer, alles läuft so, wie ich es will. Nur: Was, wenn mal wer anders etwas will
Wie meinst du das?
Die Frau vor mir wollte sicher auch, dass ihr Kind einen Vater hat und Liebe Dann kam die Zauberfee und nahm ihr alles weg. Und jetzt nimmt jemand mir alles weg So ist vielleicht richtig, Mama
So ein Unsinn! Ich hätte nicht gedacht, dass du im Ernstfall wie ein trotziges Kind reagierst.
Nein, Mama. Du verstehst es nur nicht. Ich bin einfach kein Kind mehr. Die Flügel der kleinen Fee tragen nicht mehr. Ich bin zu erwachsen geworden
Julia sprach weiter, doch Anna-Lena hörte nicht mehr zu. Sie musste überlegen, wie es weitergeht.
Renate packte ihre Sachen, wischte verstohlen die Tränen ab und kümmerte sich um ihre Urenkelin.
Alles wird gut, mein Schatz! Deine Mama ist stark. Wir schaffen das schon
Julia blieb zurück. Renate überließ ihr den Wohnungsschlüssel und wies bloß noch auf die Blumenpflege hin, bevor sie abwinkte:
Ist egal. Hauptsache, du bleibst gesund.
Jahre später ging eine junge Frau durch den alten Stadtpark. Das kleine Mädchen, das mal vorauseilte, dann wieder die Hand nahm und aufgeregt erzählte, konnte nur ihre Tochter sein so ähnlich sah sie ihr.
Und schau, was wir heute im Kindergarten gebastelt haben! Die Kleine kramte im Rucksack, den ihre Mutter trug, und zog einen Zauberstab mit einer silbernen, zerknitterten Sternspitze hervor. Oh! Kaputt
Was ist das, Maja?
Ein Zauberstab! Wie von einer Fee aus dem Märchen. Nur kaputt halt.
Und? Ist doch egal! Anna-Lena strich das Sternchen wieder glatt, schwang den Stab. Siehst du? Funktioniert trotzdem!
Woher weißt du das? Maja riss die Augen auf. Was hast du dir gewünscht?
Dass bei uns alles gut wird. Und alle gesund bleiben!
Funktioniert nicht Maja ließ den Kopf hängen. Oma ist doch im Krankenhaus.
Stimmt nicht. Sie ist wieder daheim.
Echt? Maja hüpfte vor Freude.
Ja, komm, wir gehen nach Hause, dann wirst du sehen.
Gib, darf ich? Bitte! Jetzt wünsch ich mir was. Sie nahm den Stab und murmelte geheimnisvoll.
Was hast du dir gewünscht?
Verrat ich nicht!
Das ist gemein! Anna-Lena lachte und strich ihrer Tochter die Korkenzieherlocken unter der Mütze aus dem Gesicht.
Na gut, eins verrat ich. Ich hab viele Wünsche.
Schön. Was denn?
Dass wir immer zusammenbleiben Maja flüsterte, und Anna-Lena ging vor ihr auf die Knie.
Maja Meinst du wegen Oma?
Das Mädchen nickte.
Das kann ich dir nicht versprechen. Ich bin ja keine richtige Fee. Nur ein bisschen. Und nicht alles im Leben hängt von uns ab. Aber zusammen sein können wir so viel wie möglich. Und lieb haben uns, auch wenn wir mal getrennt sind. Wenn du im Kindergarten bist und ich in der Arbeit wir denken immer aneinander, oder?
Maja nickte und schwenkte noch einmal den Stab.
Dann wünsch ichs mir einfach nochmal, okay?
Was immer du willst!
Dann wünsche ich, dass Oma ganz gesund wird und wir noch ganz, ganz lange zusammenbleiben. Geht das, Mama?
Anna-Lena stand auf, klopfte sich den Rock ab und nickte ernst.
Muss gehen! Das ist der beste Wunsch von allen! Jetzt gehen wir und zeigen Oma deinen Zauberstab. Sie hat bestimmt auch noch einen Wunsch. Sie ist schließlich eine echte Fee.
Echt?
Ja, die allerbeste Fee, die es gibt!





