Meine Familie
Ach du meine Güte, Anneli, wie schön du aussiehst! rief Sabine bewundernd aus, als sie das Zimmer ihrer Tochter betrat.
Anneli stand vor dem großen Spiegel, während ihre beste Freundin und Stylistin, Johanna, noch die letzten Haarnadeln in die Frisur steckte und den Schleier befestigte. Sabine blieb an der Türschwelle stehen und ihr Blick wurde ganz weich.
Wirklich, Mama? Bin ich in Ordnung?
Du bist zauberhaft, mein Schatz! Die schönste Braut, die je durch München gelaufen ist! sagte Sabine und ihr wurde bei diesen Worten ganz warm ums Herz. Genau so hatte ihre eigene Mutter das damals auch gesagt. Wahrscheinlich sagt das jede Mutter an so einem Tag.
Das Brautkleid zu finden, war nicht leicht gewesen. Anneli hatte genaue Vorstellungen und ließ sich weder von Trends noch von den Meinungen anderer beirren. Sie wollte etwas, das zu ihr passte. Stil hatte sie immer, und ihre Figur erlaubte ihr ohnehin fast alles. Am Ende half Ursula, die Inhaberin des Brautmodengeschäfts, weiter.
Ich glaube, ich habe genau das, was du suchst, Anneli.
Mit diesen Worten verschwand sie kurz und kam mit einem schlichten, eleganten Kleid zurück, das noch im Schutzhüllen verborgen war. Anneli war sofort hin und weg. Genau so hatte sie es sich vorgestellt! Klare Linien, kein Schnickschnack, nur edler Stoff, es saß wie angegossen.
Und, wie findest du es? fragte Ursula.
Ich nehme es! strahlte Anneli.
Ursula lächelte kurz, und für einen Moment huschte Traurigkeit durch ihr Gesicht. Anneli sollte lieber nicht wissen, dass sie das Kleid ursprünglich selbst hatte tragen wollen. Nur kam ihre eigene Hochzeit niemals zustande. Vertrauen und Liebe beides musste stimmen, hatte ihr Leben ihr gezeigt. Und wenn das eine fehlt Na ja. Jetzt gehörte das Kleid Anneli, und Ursula schüttelte die alten Gedanken ab.
Der Schleier dazu ist traumhaft. Ich hole ihn sofort.
Anneli warf ihrer Mutter einen Blick zu.
Siehst du, Mama, ich habs dir doch gesagt. Ich finde immer, was ich mir in den Kopf setze.
Sabine schmunzelte. Sie fühlte sich so leicht und glücklich wie schon lange nicht mehr. Diese Tage würden ihr immer in Erinnerung bleiben Sabine erinnerte sich daran, wie es bei ihrer eigenen Hochzeit war. Da konnte man nicht einfach in eine Boutique spazieren und wählen. Damals nähte eine Freundin das Kleid, den Stoff hatte eine Cousine organisiert, Knöpfe und Spitze kamen von sonstwo. Am Ende war es wunderschön nur das Glück war nicht von Dauer. Sabines Ehe zerbrach, noch bevor Anneli zwei Jahre alt wurde, und der Vater kümmerte sich allenfalls um den Unterhalt. Hauptsache, niemand konnte ihm was nachsagen. Sabine machte Anneli nie Vorwürfe darüber.
Du bist für mich wichtiger als alles andere, mein Schatz, sagte sie damals zu Anneli. Und Anneli merkte sich das, sie wusste immer, dass ihre Mama zu ihr stand. Vielleicht deshalb war das Verhältnis zwischen ihnen so herzlich und unkompliziert, sogar durch alle Pubertätshürden und bis ins Erwachsenenalter.
Anneli, es ist Zeit! Ihr wollt doch nicht zu spät kommen, Sabine rückte den Schleier zurecht und drückte ihrer Tochter einen Kuss auf die Stirn: Sei glücklich, mein Herz!
Anneli lachte und schwenkte die Arme.
Mama! Wenn du mich weiter so anschaust, heule ich gleich los und Johanna bringt mich um, weil das ganze Make-up ruiniert wird. Sie hat sich solche Mühe gegeben!
Anneli umarmte ihre Mutter und flüsterte:
Ich gebe mein Bestes
Der Tag der Hochzeit verging wie im Flug. Am Abend saß Sabine allein in der leeren Wohnung, ließ die Tür ins Schloss fallen und setzte sich auf die Bank im Flur. Anneli würde nun mit ihrem Mann, Frederik, in die Wohnung von Sabines Mutter ziehen ein großzügiges Geschenk. Frederik hatte kein eigenes Zuhause und als Anneli andeutete, Fredericks Eltern hätten gerne, sie würden zu ihnen ziehen, zögerte Sabine nicht lang und übergab den Schlüssel.
Ihr braucht eure eigenen vier Wände. Zieh mit ihm dorthin, Kind.
Aber Mama, was ist mit den Mietern?
Die sind längst informiert, das klappt. Und wegen dem Geld mach dir keine Sorgen, mir fehlt es an nichts.
Anneli hüpfte vor Freude und drückte die Schlüssel.
Mama, danke! Damit bin ich dem eigenen kleinen Haus ein Schritt näher.
Haus?
Ein großes, helles, in dem Platz für alle ist! Mindestens drei Kinderzimmer! Das Mädchen wurde rot.
Sabine lachte.
So viele, wie du willst, Hauptsache ihr seid glücklich.
Ein bisschen erinnerte sich Sabine an das Gespräch, das sie kurz vor der Hochzeit mit Frederiks Eltern geführt hatte. Das Verlobungsessen stieg wie es sich gehört bei der Braut, Sabine stand Stunden in der Küche. Die Eltern erschienen zunächst nett, doch Frederiks Mutter, Marianne, schnippelte nach wenigen Bissen am Essen herum.
Hm. Irgendwie ganz anders als bei uns zu Hause
Sabine war erstaunt. Ihr berühmtes Fischgericht nach Omas Rezept kam immer gut an. Auch das zarte Fleisch war eine Spezialität. Aber der Schwiegervater aß still und zufrieden weiter, füllte sich sogar nach.
Kann Anneli überhaupt kochen? fragte Marianne, Ich werde sie schon nach und nach alles beibringen. Bei uns ist genug Platz. Ist ja vielleicht besser, wenn sie erst einmal bei uns mit lebt. So lernt sie gleich, wie sie sich um Frederik kümmern muss. Er ist mein einziger Sohn, da ist man schon verwöhnt. Und Anneli ist doch auch dein einziges Kind?
Ja, antwortete Sabine.
Sie ist also ohne Vater groß geworden?
Es kam nun einmal so.
Siehste, ein vollständiges Familienbild ist wichtig für so ein Mädchen. Wo hätte sie sonst lernen sollen, wie man es richtig macht? Ihr fehlt der Mann im Haus …
Sabine hörte es sich an Anneli hatte sie mit einem leichten Tritt unterm Tisch längst gewarnt und riss sich zusammen. Nach dem Essen zog Marianne Sabine in die Küche.
Sabine, ich bin halt Mutter, wie du auch, und will nur das Beste für mein Kind. Ich muss sichergehen, dass alles stimmt und Anneli auch wirklich dazu passt Sagt, bei A n n e l i s Vater, gab es da Krankheiten? Seid ihr vielleicht deshalb auseinandergegangen? War da Alkohol im Spiel?
Nein, gar nichts davon.
Aber wissen Sie, wie wichtig Erbgut ist, gerade wenn mal Kinder kommen Ich kann drüber hinwegsehen, dass Anneli ohne Vater aufwuchs und du oft wenig Zeit hattest. Aber bitte, sie kommt in UNSERE Familie Ich muss schon wissen, was uns erwartet.
Sabine fühlte, wie ihr der Geduldsfaden riss, aber bevor sie etwas Erwiderte, stand Anneli auf einmal in der Tür und bat Sabine, ihr beim Aufdecken für den Tee zu helfen. Sabine nickte, fasste sich und drehte sich noch einmal zu Marianne:
Keine Sorge, Anneli ist kerngesund. Und ich werde Sie nicht nach den Krankheiten in Ihrer Familie fragen, das dürfen ruhig die jungen Leute unter sich klären. Ihre Ängste verstehe ich, aber lassen wir sie ihre Entscheidung treffen.
Sabine legte die Kuchenplatte in Mariannes Hände und lächelte. Für den Rest des Abends ließ sie kein weiteres Gespräch dieser Art zu.
Bis zur Hochzeit sahen sie sich nicht mehr so intim. Anneli und Frederik planten und finanzierten alles selbst.
Zwei Jahre später bauten Anneli und Frederik ein Haus in der Nähe von Augsburg. Sie verkauften die Wohnung, um sich ein kleines Grundstück zu leisten. Anneli war schwanger und hatte sich so richtig in die Rolle der Bauleiterin eingefunden. Die Bauarbeiter grummelten und grinsten; am Ende machten sie, was “die Chefin” wollte. Bis zur Geburt war das Haus nicht fertig, so brachte Frederik Anneli und die neugeborene Johanna erstmal zu Sabine nach Hause.
Es tut mir leid, dass ihr jetzt zu dir müsst, Sabine, nicht zu uns, murmelte Frederik verlegen, als er das Bündel ins Schlafzimmer legte.
Ach Quatsch, lächelte Sabine, du hast alles richtig gemacht. Und jetzt los, beruhig dich, wickel die Kleine. Dir kann nichts passieren, du bist ihr Papa!
Anneli beobachtete lächelnd, wie sogar das erste Baden und der erste Spaziergang Frederik gut gelangen. Mariannes Kommentar, als sie zu Besuch kam: “So was ist eigentlich Männersache, hmmm ?” doch Sabine konterte: “Das ist ein Stereotyp”. Sie erzählte Marianne nicht, wie sehr ihre Finger zuckten, als sie am liebsten alles selbst in die Hand nehmen wollte.
Johanna entwickelte sich prächtig, und nach dem Einzug ins neue Haus überlegten Anneli und Frederik bald schon, ein zweites Kind zu bekommen. Doch das Schicksal hatte Zwischenpläne.
Mama, Johanna hat Fieber … Sabine spürte die Panik in der Stimme ihrer Tochter durchs Telefon.
Hoch?
Ja, und es geht nicht runter!
Ruf den Notarzt! Ich komme sofort.
Sabine fuhr wie im Rausch durch das nächtliche Augsburg und betete, dass alles gutgehen würde Stunden voller Hoffnung und Warten, bis Johanna nach zwei endlosen Tagen auf der Intensivstation endlich durch die Tür zur normalen Station rollen durfte. Sabine brachte Anneli Tee, zwang sie zu essen, hielt Frederik, wenn ihm die Nerven zu flattern drohten.
Auch Marianne kam und stellte direkt Fragen.
Was ist das? Woher? Ist das erblich?
Marianne, jetzt reicht’s! platzte es aus Sabine heraus, spielt das eine Rolle?
Ich wollte doch nur
Doch sie merkte, wie unangebracht ihre Fragen waren, als sie Anneli und Frederik und Sabine ansah. Sie murmelte eine Entschuldigung.
Als Johanna wieder besser ging, bat Anneli ihre Mutter um Unterstützung.
Mama, hilfst du uns? Jetzt mit den zwei Kindern und dem, was noch bleibt ?
Natürlich, mein Schatz! Aber ich werde nicht bei euch einziehen. Nur solange, bis Johanna wieder fest im Sattel sitzt, dann zurück nach Hause. Ihr braucht euren eigenen Raum als Familie!
Anneli lächelte und war auch darüber froh. Nur kurz darauf rief Marianne durch.
Sag mal, Sabine, warum hilfst du und nicht ich? Frederik hat mich nicht einmal gefragt!
Marianne, das ist nicht meine Entscheidung. Vielleicht fragst du besser Frederik oder Anneli.
Unverschämt, einfach! Die eigene Mutter, und dann so was …
Sabine legte nach dem Telefonat das Handy weg und dachte nach. Es ist so leicht, Harmonie zu zerstören. Und so schwer, sie wieder aufzubauen. Aber Kinder und Enkel sind das Wichtigste der Welt. Sie musste einfach nach vorne schauen … Nach dem Gespräch vereinbarte sie ein Treffen mit Frederik, um die Wogen zu glätten und Regeln festzulegen.
Drei Jahre später.
Oma, bringst du mich heute zum Ballett oder Oma Marianne?
Heute bin ich dran. Oma Marianne ist gerade mit Paul im Park.
Und Mittagessen?
Na klar, gibt es bei mir. Und was Besonderes!
Wieder deine leckeren Quarktaschen?
Na, sicher! Wenn sie dir so geschmeckt haben
Oma ?
Ja, meine Süße?
Gehen wir am Wochenende alle zusammen in den Zoo du, Oma Marianne, Opa und wir?
Auf jeden Fall. Und du bekommst nicht nur Ballons, sondern auch ein Eis und Zuckerwatte!
Und Paul bekommt auch einen Ballon?
Natürlich!
Oma ?
Na, was?
Darf ich dir ein ganz großes Geheimnis verraten?
Immer!
Bald bekomme ich noch ein Geschwisterchen.
Sabine hob überrascht die Augenbrauen. Na so was! Anneli hatte wohl in letzter Zeit wieder so ein geheimnisvolles Lächeln, aber nichts gesagt. Seitdem Sabine sich entschieden hatte, Anneli und Frederik nicht ins Haus zu ziehen, sondern eher “flexibel” zu helfen, war alles entspannter Anneli teilte Neuigkeiten zuerst mit Frederik.
Es war nicht immer einfach, manchmal gab’s auch Krach, aber sie haben es miteinander geschafft: jetzt haben Johanna und Paul zwei Omas und einen wunderbaren Opa.
Woher weißt du das?
Mama und Papa haben gestern geredet, sie dachten, ich schlafe.
Willst du denn lieber eine Schwester?
Ich wünsche es mir. Nicht, dass Paul nachher traurig wird, wenn er merkt, ich wollte eigentlich lieber ein Mädchen
Sabine lachte: Aber du hast Paul doch auch ganz doll lieb!
Klar!!
Siehst du, dann wirst du das neue Baby egal, ob Bruder oder Schwester genauso lieben. Kommt Zeit, kommt Rat. Und weißt du was? Das wird wie ein Geschenk zu Weihnachten: Du weißt erst, was drin ist, wenn du das Päckchen aufmachst!
Hast du mir schon ein Geburtstagsgeschenk gekauft, Oma?
Für Silvester ist es noch zu früh. Aber zum Geburtstag, da hab ich schon was! Aber was, verrat ich nicht. Oma Marianne hat übrigens auch was gekauft aber ich plaudere nichts aus!
Ach menno! Johanna schmollte.
Bald hast du Geburtstag und dann siehst du es ja, lachte Sabine.
Sie bog in die kleine Straße ein, wo Anneli und Frederik jetzt wohnten. Im Rückspiegel sah sie, wie Johanna ihren Lieblingshasen von Oma Sabine und den Bären von Oma Marianne zurechtrückte.
Schau, da kommt schon Oma Marianne mit Paul!
Hallo, Oma! rief Paul.
Hallo, mein Schatz!
Wir gehen spazieren, und ihr tanzen?
Sabine beobachtete das lustige Getuschel zwischen Johanna und Marianne und dachte: Es ist manchmal so einfach und doch so schwer, Familie zu sein. Aber es ist das Wichtigste auf der Welt einfach da zu sein, zu lieben, zuzuhören, gebraucht zu werden und selbst zu brauchen. Familie eben.





