Wenn deine Schwiegermutter…

Klaus, Klaus was schläfst du noch? Hörst du? Steh auf, sonst verschläfst du noch dein ganzes Leben.
Nein, guck ihn dir an! Schläft Klaus, steh auf, ich sage es dir doch, du verschläfst noch dein Glück.

Adelheid Margarethe, lassen Sie mich doch endlich schlafen, zum Teufel nochmal!

Ich sags dir, steh auf! Schlafen in Rente kannst du dich ausschlafen.

Haha, sagen Sie bloß nicht, auf dem Friedhof werde ich mich ausschlafen.

Wirst du nicht, komm schon, steh auf na?

Klaus starrte sich im Spiegel an, unausgeschlafen, mit rotunterlaufenen Augen.

Na?

Kein Bock, was? Geh dich waschen, rasieren, mach dich fertig, du hast noch Zeit. Los.

Was für Zeit, Adelheid Margarethe?

Jetzt.

Klaus trottete ins Badezimmer, seufzte und fluchte leise vor sich hin. Widerstand war zwecklos sonst gabs gleich den Pantoffel gegen den Hinterkopf. Die alte Schachtel, verdammt nochmal, dachte er wütend.

Klaus, hab ich dir schon erzählt? Dass ich manchmal Gedanken lesen kann, hm? Hab ichs dir gesagt? Nein? Dann weißt dus jetzt. Die Schwiegermutter setzte sich im Lotussitz auf sein Bett. Son Nebeneffekt. Nun geh, wasch dich, putz dir die Zähne, schön gründlich, und vergiss nicht, dich zu rasieren. Siehst aus wien Waldmensch.

Klaus wusste, Diskutieren brachte nichts. Schon zu Lebzeiten hatte man mit ihr nicht streiten können.

Seine Schwiegermutter war übrigens nicht mehr unter den Lebenden. Nein, nichts Ungewöhnliches sie war ein Geist.

Jupp.

Nein, er war nicht verrückt geworden, hatte sich nicht bis zum Delirium betrunken Aber Adelheid Margarethe war eines Tages einfach in seiner Wohnung aufgetaucht.

Nachdem sie längst nun ja, beerdigt worden war.

Ich höre es, ja. Manchmal. Fast immer, was du denkst. Die Schwiegermutter nickte und schwebte langsam durch die Luft. Wie meine kleine Lieselotte nur mit dir leben konnte? Du Dinosaurier, mehr nicht.

Klaus winkte ab und ging ins Bad.

Mit Lieselotte hatte er sich vor einem Jahr scheiden lassen. Die Kinder waren erwachsen, hatten ihr eigenes Leben. Lieselotte war ausgerastet, hatte ihn einen Tyrannen genannt, behauptet, er lasse sie sich nicht entfalten, ihre Sachen in eine Tasche geworfen und war gegangen, die Tür knallend hinter sich.

Verwirrt war Klaus allein geblieben.

Er rief Lieselotte an, doch sie wollte nichts mehr mit einem solchen patriarchalischen Chauvi zu tun haben. So schlimme Worte hatte man Klaus noch nie an den Kopf geworfen.

Und wie, fragte Lieselotte, sollte er denn kein Patriarch sein? Wenn er doch Häuser baute, dazu noch Saunen, Schuppen und so weiter. Seltsame Frau, diese Lieselotte. Und dann noch die Schimpfwörter.

Kurzum, sie hatte sich von irgendwelchen Coaches beeinflussen lassen wer zum Teufel das auch sein mochte und entschieden, ihr Leben mit Klaus sei keine Ehe, sondern Folter gewesen. Er habe sie wie ein Ackergaul behandelt, gezwungen, Kohlsuppe zu kochen und Frikadellen zu braten.

Dabei war Lieselotte eine Meisterin darin, wie sie Frikadellen braten konnte

Klaus verschluckte sich fast an seinem eigenen Speichel, als ihm plötzlich ein Gedanke kam Mit halb rasiertem Gesicht stürmte er in den Flur.

Adelheid Margarethe Adelheid Margarethe

Was ist denn jetzt schon wieder? Warum schreist du so?

Adelheid Margarethe, könnten Sie mir bitte beibringen, Kohlsuppe zu kochen? Bitte?

Ach, klar doch Als ob ich jemandem das Geheimnis meiner Suppe verraten würde!

Wozu brauchen Sies denn da drüben? Wolln Sies den Teufeln vorsetzen?

Pfui, du!

Na, ist ja auch richtig Lieselotte kocht sie sowieso besser als Sie.

Haha, das willst du mir erzählen? Lieselotte kocht besser? Ich habs ihr beigebracht, weißt du?

Na und? Klaus rasierte sich weiter, die Badezimmertür offen lassend. Anständigkeit war ihm egal, ebenso wie die Tatsache, dass sein freier Tag so verlief, dass er um sieben aufstehen musste. Sie ließ nicht locker, die Alte.

Na und?! Die Schwiegermutter begann zu zittern, schwebte unruhig hin und her und setzte sich schließlich auf einen Stuhl. Anfangs war sie noch wie ein Akrobat durch die Luft getaumelt, hatte sich unter der Decke gedreht, aber mittlerweile konnte sie sogar Gegenstände greifen Pantoffel zum Beispiel. Ich habe Lieselotte alles beigebracht, verstehst du, du Dummkopf?

Ich streits ja nicht ab. Nur ist das hier mal ein Fall, wo die Schülerin die Lehrerin übertrifft.

Was?! Sag das noch mal! Welches Fleisch nimmt Lieselotte für die Suppe, hm?

Schwein natürlich.

Ach, du Es muss Rind sein!

Aha, und jetzt sagen Sie bestimmt noch, man soll sie nicht in diesem Topf kochen, sondern in dem da.

Bist du bescheuert? Natürlich in dem da!

So kochte Klaus schließlich mit vereinten Kräften eine Kohlsuppe und schrieb alles gewissenhaft in ein Notizbuch.

Sauber rasiert saß er in der Küche und aß eine himmlische Suppe

Mmm, Mama Sie sind ein Genie.

Was?

Ihre Suppe unglaublich.

Und Lieselottes?

Pfff, Mama, die kann da nicht mithalten Heulen Sie etwa? Können Geister das überhaupt?

Keine Ahnung , schluchzte die Schwiegermutter. Du bist echt ein Fiesling, Klaus.

Na, vielen Dank auch. Was hab ich denn jetzt schon wieder falsch gemacht?

Ach, nichts Du hast mich Mama genannt, du Drecksack. Und jetzt heul ich hier rum. Klaus, ich wollte doch eigentlich dein Schicksal lenken.

Wie das?

Na Ich sollte dich zwingen, den Müll rauszubringen gewaschen, rasiert, um sechs Uhr fünfundvierzig. Gleichzeitig wäre Gerda aus dem Nachbarhaus gekommen, alte Jungfer, siebenundvierzig, erst kürzlich hierhergezogen. Ihr wärt zusammengestoßen, im wahrsten Sinne des Wortes, und dann

Aha Und dann?

Nichts, Klaus , die Augen der Schwiegermutter rollten wild, wie es nur Geisteraugen können. Ihr hättet euch na, du weißt schon und ich ich hätte gehen dürfen. Das war die Bedingung.

Welche Bedingung?

Na damit du glücklich wirst.

Sie meinen, seit Sie vor fast einem Jahr aufgetaucht sind, wussten Sie das alles schon?

Ja.

Warum haben Sies dann nicht durchgezogen?

Na, ich Die Augen rollten wieder. Du du bist schuld, mit deiner blöden Suppe! Wien nasser Lappen bist du mir am Arsch geklebt.

Ich?

Ja, du! Und jetzt sitze ich hier fest, weiß nicht wie lange, bis bis

Bis was?

Bis ich dich glücklich mache, verstanden?

Glücklich? Ernsthaft? Wer hat sich denn ausgedacht, dass ich mit ner fremden Tante glücklich werden könnte? Ich bin glücklicher, als Sie denken.

Wie das?

Ganz einfach. Ich lebe, ich atme, ich hab jetzt das Rezept für die beste Kohlsuppe der Welt. Ich hab jemanden, der mich nicht verhungern lässt, nicht im Dreck versinken. Ich bin nicht allein, ich hab Sie Mama

Ach, halts Maul , kreischte der Geist und verschwand im Schrank. Von dort drangen noch lange Schluchzer und Geheul heraus.

Klaus beschloss, aufzuräumen.

Wie du den Spiegel putzt meine Güte! Nimm doch das Tuch da!

***

Lieselotte hatte schlecht geschlafen. Sie hatte von ihrer Mutter geträumt, jung und schön, die ihr die Arme entgegenstreckte und sie rief

Sie wollte ihren Coach, Winfried Wundervoll, anrufen, doch das Video lud nicht. Also versuchte sie es per Videotelefonat.

Dieser göttliche Mensch, der ihr die Augen geöffnet hatte, war rund um die Uhr für sie da.

Doch Winfried ging nicht ran.

Hallo? Eine kratzige Stimme drang wie aus dem Nichts hervor, ein rotes Gesicht erschien auf dem Bildschirm. Wer zum Teufel ruft mich um sieben Uhr morgens an? Habt ihr den Verstand verloren?

Oh! Lieselotte legte auf. Nein, nicht im wörtlichen Sinne, sie klappte den Laptop zu. Nein, das war nicht Winfried, das war irgendein gruseliges Monster

Sie saß eine Weile da, dann beschloss sie, in die Wohnung zu fahren, in der dieser Mensch lebte, der sie zur Sklavin gemacht hatte. Doch jetzt war sie frei glücklich fast Irgendwas fehlte.

Sie wusste nicht, warum, aber sie musste dringend zu Klaus.

***

Klaus und Adelheid Margarethe spielten Schach und stritten sich, lachten laut.

Völlig übergeschnappt , dachte Lieselotte, als sie sah, wie ihr Ex-Mann mit jemandem redete, lachte und Schach spielte.

Oh, Lieselotte, hallo Mama, du bist am Zug. Schach!

Lieselotte hätte schwören können, die Schachfiguren bewegten sich von selbst.

Was hatte der Unruhestifter jetzt schon wieder angestellt?

Du siehst gut aus, Lieselotte Mama sagt, du bist abgemagert. Isst du nicht genug? Ich kann dir Kohlsuppe anbieten, Mamas Spezialrezept.

Hicks Klaus Gehts dir gut?

Mir? Was sollte mir denn fehlen? Mama, deine Mutter will mir noch beibringen, Frikadellen zu braten.

Klaus was für eine Mama? Sie Sie ist doch schon seit einem Jahr tot.

Jupp. Sie lebt seitdem bei mir.

Klaus Klauschen, was ist mit dir? Fühlst du dich nicht wohl?

Mir gehts bestens, Lieselotte. Wie noch nie. Komm, ich geb dir Suppe.

Lieselotte begriff, dass man mit Verrückten besser nicht diskutierte

In dem Topf war tatsächlich Suppe, und der Duft oh, dieser Duft genau wie bei Mutters Suppe.

Klaus hast du die Suppe selbst gekocht?

Ja, Mama hat ihr Geheimnis verraten. Hört doch auf zu heulen, Adelheid Margarethe! Du du glaubst nicht, dass deine Mama hier ist? Lieselotte, stell ihr eine Frage, die nur ihr beide wissen könnt.

Klaus, ich

Warte Du denkst doch, ich bin verrückt Frag sie einfach.

Mama welches schreckliche Geheimnis habe ich dir in der dritten Klasse anvertraut?

Dass du was? Ich habe dir in der dritten Klasse schon gefallen?

Lieselotte setzte sich.

Welche Farbe hatte mein Kinderwagen? Wie alt war ich, als der erste Zahn kam? Wer ist Tante Käthe?

Auf alle Fragen bekam sie Antworten

Das kann nicht sein Klaus Meine Mama sie lebt wirklich bei dir?

Ja Sie ist nur nicht mehr ganz in ihrer alten Form. Sie ist ein Geist, Lieselotte. Mama zeig dich ihr.

Und für einen kurzen Augenblick sah Lieselotte ihre Mutter, dann noch einmal, in kurzen Blitzen.

Sie verliert Energie, Lieselotte. Aber sie liebt dich und will, dass du glücklich bist dass wir glücklich sind? Was bedeutet das, Adelheid Margarethe? Warten Sie, wo gehen Sie hin? Mama

Klaus wachte mit einem Aufschrei auf, Lieselotte fuhr neben ihm hoch.

Lieselotte?

Klaus? Sie zog die Decke an sich. Ich versteh nicht, wie das passiert ist Warte Das war

Ein Traum , flüsterte Klaus.

Hast du auch geträumt, dass Mama ein Geist war?

Jupp. Und dass du zu so nem Coach abgehauen bist

Klaus!

Lieselotte!

An der Tür wurde geklopft.

Na, wie lange wollt ihr noch pennen? Immer nur schlafen!

Mama?

Adelheid Margarethe, Sie leben also noch?

Darauf könnt ihr lange warten! Lieselotte, hör auf, dir solchen Blödsinn anzugucken, diese Coaches Mir hat geträumt, ich hätte ein ganzes Jahr mit dir, Klaus, dem Trottel, als Geist gelebt.

Macht euch fertig, wir fahren zum Garten. Da gibts Arbeit genug, wir treiben dir den Unsinn aus, Lieselotte.

Und du, Klaus, lernst Kohlsuppe kochen. Für alle Fälle

***

Klaus warum hast du mich in dreißig Jahren mit Lieselotte kein einziges Mal Mama genannt?

Keine Ahnung Mama.

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Homy
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