Heute Morgen verkündete meine Frau, dass wir unser viertes Kind erwarten werden. Und sie fügte hinzu:

Am Morgen eröffnete mir meine Frau, dass wir unser viertes Kind erwarten. Und sie meinte dazu:
Eine Wohnung kaufen? Dafür haben wir kein Geld. Also muss es eine staatliche werden. Du bist ja zu zurückhaltend, um dich dafür einzusetzen deshalb werde ich einfach jedes Jahr ein Kind bekommen: Wenn wir keine Qualität in den Vater bringen, dann eben Quantität bei den Kindern!

Im Institut öffnete ich zögernd die Tür mit dem Schild Direktion. Es war voll im Büro. Direktor Dr. Baldinger und sein Stellvertreter Herr Krause hielten gerade eine Besprechung ab.

Es geht um unser Ansehen! Wir müssen in allen sportlichen Disziplinen die anderen Institute übertrumpfen… Ah! Da kommt ja schon unsere große Hoffnung! meinte Dr. Baldinger, als er mich sah.

Ich errötete verlegen.

Ich bin keine Hoffnung… Ich wollte wegen der Wohnung fragen…

Die Wohnung wird nächste Woche übergeben, verkündete Herr Krause feierlich. Sie stehen bei uns an erster Stelle. Einen kleinen Sprung, und schon ist Einzug!

Was für einen Sprung? fragte ich, voller Hoffnung lächelnd.

Mit dem Fallschirm. Morgen ist ein Wettbewerb.

Mein Grinsen verschwand.

Wohin springen?

Auf den Boden.

Äh… und warum?

Also, schauen Sie denn nie Fernsehen? wunderte sich der Direktor. Heutzutage ist das angesagt: Schauspieler laufen Schlittschuh, Sängerinnen schwingen sich am Trapez… Und jetzt gibts was Neues: Wissenschaftler stellen Rekorde auf… Professor Berger hat gestern geboxt, dabei zeigte er auf den schmächtigen Berger mit geschwollener Nase und drei Pflastern im Gesicht, der auf dem Sofa saß. Dr. Selke hat am Samstag gerungen und ruht sich jetzt auf der Intensivstation aus… Diesmal sind Sie dran. Wir haben die Sportarten verteilt auf Sie fiel der Fallschirm.

Das Wort fiel ließ mir die Knie weich werden.

Wann springen? brachte ich mühsam hervor.

Morgen. Am Tag der Vögel, verkündete Herr Krause.

Ich suchte nach Hilfe beim Direktor.

Warum wollen die Vögel denn, dass ich mich umbringe?

Der Direktor legte mir beruhigend die Hand auf die Schulter.

Als Vater von bald vier Kindern bekommen Sie natürlich Wohnraum, aber… Die Wohnungen gibt es mit und ohne Balkon… mit Blick auf den Park oder auf die Kläranlage… Bei der Vergabe berücksichtigen wir besonders das aktive Engagement im Institut…

Es entstand eine Pause. Ich lutschte eine Baldrian-Tablette und fragte:

Und wenn ich den Boden gar nicht erreiche? Oder vorbeischieße? Bekommt meine Familie dann wenigstens den Blick in den Park?

Herr Krause lächelte herzlich:

Das wissen Sie doch: Für Witwen und Waisen sofortige Vergabe! Und machen Sie sich keine Sorgen! klopfte er mir aufmunternd auf den Rücken. Sie springen nicht allein, Sie bekommen einen erfahrenen Partner! Er zeigte auf den blassen Doktoranden, der sich in der Ecke verkroch.

Das ist unser Promotionsstudent, erklärte Krause, der wird sowieso wegen Personalabbau entlassen.

Seit meiner Kindheit fürchte ich mich panisch vor Höhen. Mir wird schon schwindlig, wenn ich auf einen Hocker steige, um einen Nagel einzuschlagen. Allein beim Wort Flugzeug bekomme ich Seekrankheit. Also beschloss ich abends zu Hause zu trainieren: ein Dutzend Mal hüpfte ich von der Couch auf den Boden.

Am nächsten Morgen wurden ich und der wagemutige Doktorand in einen langen schwarzen Kleinbus geladen, der wie ein Leichenwagen aussah. Hinter uns fuhr Dr. Baldinger im Auto, dahinter, im Straßenbahnwagen, das Team: dreißig Assistenz- und Lehrkräfte.

Am Flugplatz empfing uns Herr Krause feierlich mit einer von ihm engagierten Blaskapelle, die einen Abschiedsmarsch spielte. Die Musiker klangen so traurig, dass sogar dem Piloten ein Tränchen kam. Drei Musiker steckten sie zu uns ins Flugzeug, damit sie ein fröhliches Liedchen anstimmen, wenn wir aus der Maschine plumpsen.

Der Sprunglehrer, ein ruhiger und bedächtiger Mann, blickte uns mit Traurigkeit und Mitleid an. Als er meinen Bauchmustern ansah, wies er an, dass ich einen Reservefallschirm bekam. Mit einem zweiten Rucksack bepackt, erinnerte ich mich wenn der Doktorand ein einhöckriges Kamel abgab, war ich jetzt das Dromedar.

Vor dem Sprung im Flugzeug zählte der Lehrer noch alle Möglichkeiten auf, bei denen der Fallschirm nicht aufgehen könnte, küsste uns dreimal und hob dann den Deckel der Luke. Mit schuldigem Blick schaute er auf mich und flüsterte: Zeit.

Schweigend reichte ich ihm einen Umschlag.

Für meine Frau. Und wenns ein Sohn wird, soll er meinen Namen tragen.

Der Lehrer versuchte mich zu beruhigen:

Anfangs ist es furchtbar, später spürt man dann nichts mehr…

Vorwärts, Kamikaze! rief der Pilot.

Die Musiker intonierten Wir ergeben uns nie! Ich schloss die Augen und sprang. Die Augen wieder offen, merkte ich: Ich war immer noch halb im Flugzeug, meine untere Hälfte schon draußen ich steckte fest! Der Lehrer und der Doktorand ruckten an meinem Kopf sie versuchten, mich rauszuschieben, vergeblich.

Den müssten wir einseifen, schlug der Doktorand vor.

Der ruhige Lehrer wurde langsam nervös:

Macht Platz! Sie blockieren den Wettkampf!

Wie denn? schrie ich zurück.

Atmen Sie aus!

Ich ließ ein langgezogenes Uuuuuuh erklingen, presste alles aus meinen Lungen heraus und fiel ins Leere. Das Ring ziehend, noch im Flugzeug, verfing sich der Fallschirm sofort am Fahrwerk. Ich hing nun unter dem Flugzeug.

Der Pilot begann wilde Manöver, um mich loszuwerden, aber ich hing bombenfest.

Sie sollen sofort das Flugzeug loslassen! brüllte der Sprunglehrer. Hören Sie auf mit dem Unsinn!

Ich ließ nicht los.

Der Lehrer lehnte sich weit aus der Luke, um mich loszueisen. Drinnen hielt der Doktorand ihn an den Beinen fest. Schon fast hatte der Lehrer meinen Gurt erreicht, da ruckelte das Flugzeug und der Lehrer fiel hinaus. Aber nicht allein: Der Doktorand, der ihn an den Beinen hielt, plumpste mit. Mit Glück packte der Lehrer noch meinen Jackenkragen. Der Doktorand klammerte sich nun an seinen Beinen fest.

Jetzt wurde unser Sturz fast schon heiter. Wir hingen untereinander wie eine Akrobatengruppe am Trapez.

Die Musiker spielten Fliegt, Tauben, fliegt.

Der Lehrer schrie, der Doktorand quetsche ihm Arterien ab, gleich bekomme er eine Thrombose!

Um dem Lehrer etwas Erleichterung zu verschaffen, bot ich dem Doktorand meine Beine zum Festhalten an immerhin hatten die gerade nichts zu tun. Aber die Beine des Lehrers waren dünner, da konnte der Doktorand besser greifen und wollte daher nicht tauschen.

Das Flugzeug konnte mit diesem herabhängenden Gespann aus drei Personen natürlich nicht landen. Es flog immer tiefer über den Flugplatz und drehte scharfe Runden, damit wir abspringen konnten. Am Ende wurde abgekoppelt zuerst der Doktorand. Das Flugzeug düste so niedrig, dass der Doktorand schon mit den Füßen über den Boden schliff, dennoch klammerte er sich hartnäckig weiter fest und hob uns am Ende der Landebahn wieder zurück in die Lüfte.

Der Lehrer verfluchte seine Beine und wünschte ihnen samt Doktorand den Tod.

Die Musiker spielten Der Himmel ist unser Zuhause.

Der Sprit war fast alle. Aus der Luke angelte ein Besatzungsmitglied mit einer Stange und einer Schlinge, fing den Doktoranden an den Beinen und zog uns nacheinander ins Flugzeug: Erst die Studentenbeine hineingezogen, dann den Lehrer, dann mich. Ich blieb wieder mit der Hüfte in der Luke stecken Kopf im Flugzeug, Beine draußen. Aber Angst war keine mehr: Die Maschine war im Landeanflug. Daher rannte ich einfach ein halbes Kilometer an der Landebahn entlang, bis alles stehenblieb.

Alle überlebten, alle waren glücklich.

Als es am Ende den fröhlichsten aller Trauermärsche gab, konnte der Lehrer gar nicht mehr gehen: Der Doktorand klammerte sich immer noch wie ein Schraubstock an seine Beine. Man musste ihn mit einer Zange ablösen.

Der Lehrer stand dann endlich auf eigenen Beinen. Da sah man: Seine Hose war während des Fluges auf Knielänge geschrumpft aber eigentlich waren seine Beine unter der Last länger geworden, fast wie ein Strauß.

Morgen ist die nächste Runde, verkündete Herr Krause.

Bei dieser Nachricht wurde der Lehrer so bleich wie mein Fallschirm und hüpfte mit den langen Beinen zum Telefon. Wo er anrief oder was er sagte, weiß niemand. Jedenfalls wurde mir der Sieg anerkannt nicht nur in diesem, sondern auch für alle kommenden Wettkämpfe des nächsten Jahrzehnts. Dazu wurde mein Rekord im Sprint vermerkt: Immerhin bin ich mit Flugzeuggeschwindigkeit gerannt. Allerdings lief nur meine untere Hälfte, der Rest flog daher zählte der Rekord nur zur Hälfte.

Doch der Rekord bleibt!

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Heute Morgen verkündete meine Frau, dass wir unser viertes Kind erwarten werden. Und sie fügte hinzu:
Ihre Schwiegertochter, Katharina, konnte Kallina einfach nicht akzeptieren. Und nein, nicht wegen des typischen Streits zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter – sie mochte sie schlichtweg nicht. Aber warum sollte man dieses tollpatschige Mädchen mögen? Wenn sie spricht, klingt es wie das Nebelhorn im Hamburger Hafen, ein Auge schielt, das Gesicht ist übersät mit Sommersprossen – ach herrje, was ist das bloß für eine Frau? Ihr Haar erinnert an einen Pferdeschweif – borstig, sie ist groß und schlaksig, die Arme wie Besenstiele, die Beine wie Ruder, die Augen wässrig und glotzig … Kallina konnte sie nicht leiden, sie wurde ihr nie sympathisch. Ihr Sohn, Johannes, hatte sie von weit her mitgebracht – offensichtlich stammen in diesen Gegenden alle solchen Schlages. Bei ihnen zuhause sind die Frauen anders – klein, schwarzäugig, mit weichem, flachsigem Haar, reinen Gesichtern, kräftig gebaut – sie hatte Kallina schon bei den Nachbarn ins Auge gefasst: Ulrike Schwarz, eine wahre Frohnatur, immer zu Späßen aufgelegt und fleißig dazu – diese sollte ihre Schwiegertochter werden! Mit Ulrikes Vater, Johann, war schon alles abgemacht, auch er hatte nichts dagegen, familiär mit den Reibachs verbandelt zu werden. Sie warteten nur auf Johannes, bis er seinen Wehrdienst abgeleistet hatte und zurückkehrte, um Hochzeit zu feiern. Dass Ulrike noch so jung und unschuldig war, störte Kallina nicht – besser so, geradewegs unter dem Schutz der Eltern in die Ehe. Das war eine ordentliche Bäuerin, oh, wie sie den Heuboden auskehrte – Kallina schwärmte heimlich von ihrer künftigen Schwiegertochter. Und sie brachte sogar Kuchen, hatte ihn selbst gebacken, auch Butter hat sie selbst gemacht, wollte Kallina wohl beeindrucken – fleißig, brav, und Kallina schätzte das sehr. In ihren Träumen kümmerte sich Kallina schon um Enkelkinder – fünf eigene Kinder hatte sie großgezogen, vier Töchter und als Fünften den jüngsten, Johannes. Ihr Mann hatte kaum Zeit, das Leben zu genießen, die Zeiten waren hart – Kallina blieb allein mit den Kindern … Aber sie schaffte es, das Gut durchzubringen, den Mädchen ihre Aussteuer zu organisieren – mit Fuhren, nicht mit Karren hinaus auf den Hof, aber doch ordentlich. Nur Johannes zu verheiraten blieb noch – und Ulrike war wie geschaffen dafür … Das Aussteuer hatte Gertrud, die Mutter, schon von Geburt an gesammelt, bei denen waren meist Söhne, und Ulrike die Jüngste. Das ganze Haus, der Viehbestand – alles ging an Johannes, die Mädchen hatten das Ihre schon erhalten – Kallina benötigte nichts mehr, ein kleines Eckzimmer würde ihr reichen, die Jungen würden sie an den Tisch holen – das wäre die Freude schlechthin … Kallina träumte schon davon, mit der Schwiegermutter bei Tee zu plaudern, über die jungen Leute zu spotten, zwei große Höfe zu vereinen – ja vielleicht, die Alten, würden später zusammen unter einem Dach leben, warum nicht? Die provisorische Hütte dort, kann man ja dämmen … Ganz andere, wundersame Träume hatte sie, wie als Kind – als liefe sie frei über die Felder, Arme ausgebreitet, die Beine tun nicht weh, ihr entgegen kommt ein schwarzäugiger Junge, das Haar flattert im Wind, ruft: „Oma, Oma, komm her, ich bin hier.“ Dann erwachte sie und lächelte – so ein Wunder, ein Enkelkind hatte ihr geträumt … Sie wartete sehnsüchtig auf Johannes, endlich sollte er nach Hause kommen. Und dann kam er … Nicht allein – mit der Braut, einer Städterin, ganz schmal, fast einen Kopf größer als er, das Haar wie Draht, glotzige Augen, Sommersprossen im Gesicht – Herrje … Oder vielleicht hat Johannes nur Spaß gemacht? Wie könnte man so ein langes Gestell lieben? Nein, kein Spaß, „Darf ich vorstellen, Mutter – meine Katharina.“ Kallina fiel fast vom Stuhl – wie konnte das sein? Hier wartete eine Braut auf ihn, und er bringt einfach eine andere mit … Sie rief den Nachbarsjungen, Felix, zog ihn am Ohr … „Au, Frau Kallina, warum hauen Sie mich?“ „Na, sag ehrlich, hast du Johannes Briefe geschrieben?“ „Hab geschrieben, wie Sie’s gesagt haben.“ „Über seine Braut zu Hause – hast du geschrieben?“ „Über Ulrike? Na klar! Aber …“ – der Junge wich zurück, „Ulrike ist doch noch ein Kind, zu jung für deinen Johannes, erst fünfzehn.“ „Red’ keinen Unsinn! Es ist Zeit, dass ein Mädchen heiratet!“ „Das war früher so, heute ist das verboten. Wir könnten das ganz schnell melden, dann bekommt ihr Ärger.“ „Ach was, wofür denn? Dafür, dass ich dich am Ohr gezogen hab? Du hast Nerven …“ „Fürs Ohrziehen … und dass ihr einen erwachsenen Mann mit einem Kind verheiraten wollt.“ „Ach geh … Ulrike ist genau richtig. Willst selbst vielleicht die Braut spielen, was? Kein Wunder, dass du falsch geschrieben hast.“ „Ich hab alles richtig gemacht, fragt euren Johannes!“ „Werd ich, ganz bestimmt!“ „Na, fragt ihn! Aber Ulrike kriegt ihr nicht, klar?“ – schluchzte Felix und rieb sich das Ohr. „Na warte, Bräutigam …“ rief Kallina ihm nach, „Die da, die Lange, ist schneller wieder weg, als du denkst …“ „Johannes, kann ich dich was fragen?“ „Ja, Mutter.“ „Hast du meine Briefe in der Armee bekommen?“ „Hab ich, Mutter. Alle bekommen.“ „Und über Ulrike … dass sie auf dich wartet … Das hab ich geschrieben …“ „Über Ulrike? Du hast geschrieben, sie lernt gut, will Medizin studieren in der Stadt, will Menschen helfen – und? Find ich gut, das Mädchen.“ „Was für einen Arzt? Und von Heirat hab ich geschrieben!“ „Mit wem, Mutter?“ „Mit Ulrike, Junge!“ „Mutter, Ulrike ist ein Kind. Wir dürfen eh nicht mehrere Frauen heiraten. Das hier ist meine Frau – Katharina.“ „Ach herrje! Wir hatten doch alles abgemacht! Willst du das Mädchen ruinieren? Schick sie weg, schick diese Rothaarige weg, keiner wird’s erfahren! Heirat unsere, eine gute …“ fiel Kallina auf die Knie, „Bitte, im Namen Gottes!“ „Mutter, bitte, genug jetzt! Ich kann das nicht mehr hören. Katja ist meine Frau – ich liebe sie! Wenn du nicht mit uns leben willst, gehen wir. Katja ist Ärztin, sie ist jetzt hier, wird die neue Dorfarztpraxis übernehmen … Mutter, wir gehen! Leb, wie du willst.“ „Ist sie’s? Katharina also, sie nimmt dir den Sohn weg! Da hast du’s, Junge …“ Kallina brach zusammen, der Mund verzerrt, der Körper zitternd. Diese Rothaarige tat etwas – und Kallina ging’s besser. Doch lieben konnte sie Katja deshalb nicht … Lange hatten Johannes und Katja keine Kinder, die Alte unkte, „Hätte er Ulrike geheiratet, wären längst Kinder da!“ Ulrike ging fort, zum Studium, mit dem Sonderling … „Sie kommt zurück, wirft die Rote raus – und Johannes heiratet sie!“ träumte Kallina. Sie bemerkte, wie weiß Katja geworden war, blasser als ein Kopfsalat im Berliner Winter, sogar die Sommersprossen verschwanden – krank sah sie aus. „Was ist mit deiner Frau?“ Johannes lächelt, versteckt strahlende Augen. „Mutter, du wirst bald Oma!“ Kallina ging zornig davon … Alles verloren – keine Ulrike-Enkel mehr … Und von der Anderen – nicht mal anfassen will sie das Kind. Katja hatte eine schwere Schwangerschaft, es war deutlich zu sehen … Sie nannten ihn Jonas. Kallina hielt Wort – sie kam nicht, ließ sie machen. Vier Monate war der Kleine schon Teil der Familie. Johannes arbeitete bis tief in die Nacht, Katja schaffte alles alleine – Kind, Haushalt, Vieh … Die Alte kümmerte sich nicht. Nachts wurde sie wach – das Baby schrie. Hörte die da nichts? „Johannes, warum schreit das Kind bei euch?“ Stille. Sie stand auf, seufzte. Der Kleine schrie in der Wiege, seine Mutter lag bewusstlos auf dem Boden … Blut … „Weißt du, weck doch – was machst du, Dummchen? Was soll ich nur tun?“ Katja stöhnte, immerhin lebte sie. Kallina versorgte sie … „Wen hol ich jetzt? Was mach ich … dich kann ich nicht lassen, das Kind auch nicht …“ Panik. Da kam Johannes – glücklich, lächelnd. „Wo warst du?“ „Mutter, warum wach? Bei der Arbeit …“ „Arbeit? Deine Frau liegt am Boden! Jetzt lauf zu Nachbar Karl, hol den Wagen, wir müssen ins Krankenhaus, sonst stirbt sie. Später reden wir!“ Im Krankenhaus – Katja ist schwach, hört die Tür, denkt: Schwiegermutter? Ja, Kallina, mit einem kleinen Beutel. Sie setzt sich leise ans Bett. „Ich hab Jonas versorgt. Hab die Nachbarin gebeten, auf ihn aufzupassen, hat sieben eigene großgezogen, unsern wird sie nicht verschmähen …“ Katja das Wort „unser“ zu hören, durchwärmte ihr Herz. „Du liegst hier nur in Hemd und Decke, ich hab dir Sachen gebracht, jetzt hol ich noch Wasser, dann wasch ich dich – die Schwestern haben dich sicher gar nicht gewaschen, liegst ja ganz blutig da.“ Sie sprang los, rege Betriebsamkeit, die anderen Frauen im Saal blicken neidisch – „Kathas Mutter kümmert sich wirklich!“ „Bleib hier, du brauchst Zeit. Wenn nötig, komme ich jeden Tag!“ Flüsterte Kallina beim Zudecken: „Was hast du dir nur gedacht? Wer soll sich denn um Jonas und mich kümmern? Männer, heut hier, morgen fort – aber Kind bleibt immer … und die Schwiegermutter ist dir ja auch nicht fremd.“ Dann: „Gut, Katja, ich muss los, bis morgen.“ „Danke … Mama“, flüsterte Katja, Kallina hält inne, lächelt schüchtern und eilt hinaus. „Was hast du für eine tolle Mutter, Katja …“ „Ja, sie ist so …“, Katja stockt, „aber sie ist eigentlich meine Schwiegermutter.“ „Deine Schwiegermutter?“ – ungläubig. „Ja – aber sie ist wie eine Mutter zu mir.“ Am nächsten Tag kam Johannes. Setzte sich ans Bett. „Vergib mir … Es tut mir leid, ich war ein Idiot …“ „Schon gut … Hauptsache, du weißt jetzt, was dir wichtig ist.“ „Du und Jonas … und Mama …“ Ach, was ist sie für eine ungeschickte Schwiegertochter für Kallina – aber lieben kann man sie für ihren frohen Geist, ihre Stimme, wenn sie singt, für die geschickten Hände, die alles schaffen. Und vor allem: für die Enkel – Jonas, Max, Andreas, Sebastian und Marie … Gott sei Dank ist nichts passiert, Katja hat noch mehr Kinder geboren, ihr Leben lang den Fehler bereut, den sie in ihrer Verzweiflung beging … Kallina konnte nie sagen, warum sie Katja liebte. Aber sie tat es. So sehr, dass sogar die eigenen Töchter eifersüchtig waren und meinten: „Mama, die Fremde ist dir lieber als wir.“ Aber wie könnte sie fremd sein? Dreißig Jahre Seite an Seite … Kallina wurde sehr alt. Sie hat alle Enkelkinder aufgezogen, sogar die Urenkel verwöhnt und ist dann mit einem ruhigen Lächeln und reinem Herzen gegangen …