Die vollkommene Leere

Die perfekte Leere

Weißt du eigentlich, wie das von außen aussieht? fragte Claudia leise, fast tonlos, und genau diese leise Stimme jagte mir einen Schauer über den Rücken. Ich dachte, ich besuche eine Freundin, dabei stehe ich hier wie im Schaufenster.

Ich, Martina Sommer, fand nicht sofort eine Antwort. Im Wohnzimmer, mitten in meiner neuen mintfarbenen Hausanzug, noch mit dem Geruch neu gekaufter Kleidung, stand ich wie bestellt und nicht abgeholt. Ich sah Claudia an, als hätte sie gerade eine fremde Sprache gesprochen.

Was meinst du?

Das hier. Sie machte eine kreisende Handbewegung durchs Zimmer. Diese Kissen, die man nicht anfassen darf. Der Couchtisch, auf dem keine Tasse stehen darf. Die Claudia stockte, suchte nach Worten, diese akkurat ausgerichteten Zimmerpflanzen. Tina, wohnst du hier oder präsentierst du dich?

Etwas zog sich in meiner Brust zusammen da, wo es früher einfach warm gewesen war. Ich wollte Witz, Leichtigkeit erwidern, wie ich es sonst immer tat, aber dieses Mal kamen keine Worte. Nur Stille. Wir beide fühlten sie gleichzeitig.

Draußen war Oktober. Kein goldener, sondern ein echter Hamburger Oktober, nasser Asphalt, himmelgrau wie ein altes Laken. Die Blätter an der Kastanie draußen hingen nur noch schlaff, als warteten sie darauf, dass der Wind alles entscheidet.

Claudia nahm ihre Teetasse, hielt sie mit beiden Händen, trank. Schweigen. Ich setzte mich in den Sessel gegenüber und stellte plötzlich fest, dass ich stockgerade saß, als wäre ich beim Chef zum Gespräch. In meiner eigenen Wohnung, in meinem eigenen Sessel.

Kennengelernt hatten wir uns vor zweiunddreißig Jahren im Werk, als wir beide als Lebensmitteltechnologinnen arbeiteten. Damals trug Claudia eine gestrickte Mütze mit Bommel und war immer zu spät; ich, damals einfach Tina genannt, brachte Suppe im Thermos und lud alle ein, egal wie nah oder fern. Vieles hat sich seither verändert. Aus Tina wurde Martina Sommer, das Werk wurde geschlossen, die Kinder sind ausgezogen, die Ehemänner wechselten nicht gleichzeitig, aber nacheinander. Und trotzdem wir trafen uns einmal im Monat, manchmal öfter. Ein Anker.

Es tut mir leid, ich wollte dich nicht verletzen, sagte Claudia.

Ich weiß.

Aber du bist so müde. Wirklich müde. Man sieht es.

Ich schaute auf meine Hände. Gepflegt, mit Maniküre in Altrosa, kein Nagel eingerissen. Alle zwei Wochen Maniküre wie Arzttermin oder Mietzahlung, fester Bestandteil meines Plans.

Ich bin nicht müde, antwortete ich. Alles gut.

Claudia sagte nichts. Schaute nur. Ich war die Erste, die den Blick abwandte.

Die Kastanie vor dem Fenster ließ ein paar Blätter los.

Ich war achtundfünfzig. Ich wohnte in einer Dreizimmerwohnung im Hamburger Stadtteil Winterhude, sechster Stock eines modernen Hauses mit Concierge und Videoüberwachung. Die Wohnung hatte ich vor sechs Jahren gekauft, nach der Scheidung von Uwe, finanziert mit dem Anteil aus dem Hausverkauf. Den Rest mit Kredit, den ich fast abbezahlt habe, und alles nach Plan, nach Konzept renoviert. Der Innenarchitekt, ein junger Mann mit Professorenstimme, sagte: Das Raumklima muss atmen und das Überflüssige muss weg. Also räumte ich weg. Erst das Unnötige, dann das Persönliche. Die Fotos landeten in einer Schublade. Bilderrahmen stören das Konzept, sagte er. Die Lieblingskamelwolldecke kam in den Schrank passt nicht zur Farbpalette.

Jetzt war alles wie im Katalog. Graue Wände, weiße Regale, lauter identische Töpfe, der sandfarbene Sofa ohne Falte. Neue Besucher sagten immer: Wow, wie schön, wie aus einer Zeitschrift! Ich nahm das als selbstverständlich, dachte: Ja, so soll es sein.

Manchmal, nachts, wenn ich um drei Uhr aufwachte und in der Dunkelheit lag, kam mir der Gedanke, ich hätte etwas Wichtiges vergessen, etwas weggeräumt, zusammen mit den Bildern. Und jetzt fand ich es nicht mehr.

Ich arbeitete als Senior-Betreuerin für Firmenkunden in einer Versicherung. Routine, keine großen Höhen, aber Respekt und ein ordentliches Gehalt. Die Kollegen selbst die älteren nannten mich Frau Sommer. Das gefiel mir. Das war richtig. Das bedeutete: ein gewisses Niveau.

Niveau. Das Wort schwebte in meinem Leben der letzten Jahre. Niveau wahren, Niveau zeigen, nie unter Niveau bleiben. Mein Mantel war von Klein & Bornwald, italienisch, wenigen bekannt, aber deshalb genau richtig, wie meine Bekannte Judith aus dem Englischkurs erklärte. Die Handtasche: schlicht, dunkel, Leder, Ahrens & Zach, teuer, aber diskret. Die Schuhe aus einem Laden am Jungfernstieg die Preise waren so, dass ich immer so tat, als würde ich sie lässig begutachten, während mir innerlich ganz mulmig war.

Warum das Ganze? Die Frage wurde nie laut gestellt, kam nur nachts um drei, verschwand am Morgen, wenn Licht, Kaffeemaschine und Tagesrhythmus angeknipst wurden.

Claudia trank ihren Tee aus und stellte die Tasse direkt auf den Tisch, ohne Untersetzer. Ein kleiner, kaum sichtbarer Sieg für mich, dass ich dazu nichts sagte.

Erzähl von Karla, bat ich. Wie läufts bei ihr?

Claudia strahlte auf. Karla, ihre Tochter, lebte in Flensburg, arbeitete als Erzieherin, zwei Kinder mit Oliver, Goldstück von Mensch, wie Claudia sagte. Die Wohnung klein, Plattenbau, aber mit Blick in einen ruhigen Hof voller Apfelbäume.

Sie hat mich letzte Woche angerufen, erzählte Claudia, mit leuchtenden Augen. Ihr Jüngster, Leo, wollte eine Burg aus Kissen bauen. Drei Stunden haben sie gebaut dann fiel alles um, und alle haben sich kaputtgelacht. Tina, sie ist einfach glücklich. Richtig, wirklich glücklich.

Sie verdient doch kaum was, warf ich ein, nicht böse, einfach als Fakt.

Ja. Und ist glücklich. Claudia diskutierte nicht. Sie sagte es so, wie es war.

Ich stand auf, brachte die Tassen in die Küche. Alles sauber, weiß, Arbeitsplatte aus Stein, der Kühlschrank integriert, ohne Griffe, nicht ein einziger Magnet, keine Notizzettel. Früher klebte da ein Brief meines Sohnes Max: Mama, ich hab dich lib. Beim Umbau hatte ich ihn entfernt. Sauber muss der Kühlschrank sein, sagte der Innenarchitekt.

Max lebte in München, IT-Branche, selten Anrufe, dafür lange und herzlich. Er hatte eine Freundin, Leni, die ich nur als Bild auf dem Handy kannte lachend, im Pulli, neben einem großen, roten Hund.

Ich schenkte mir Wasser ein, sah lange auf die nasse Straße, die Laternen, die schon um halb fünf leuchteten, wie es eben in Hamburg im Oktober ist. Unten lief eine Frau mit einem Kind, das ins große Wasserloch hüpfen wollte. Die Mutter lachte und ließ ihn springen. Spritzer, Lachen.

Ich merkte, dass ich lächelte. Allein, in der Küche, während ich ein fremdes Kind beobachtete.

Ist was? rief Claudia aus dem Zimmer.

Komme! rief ich zurück und versteckte mein Lächeln. Warum eigentlich? Ich wusste es nicht.

Claudia ging kurz nach sechs. Im Flur, schon mit Jacke und Schal, drehte sie sich noch einmal um.

Erinnerst du dich an unsere Radtour 1994? In die Lüneburger Heide?

Klar, sagte ich. Ich erinnerte mich wirklich. Zwei Rucksäcke, vier Tage, Dauerregen, das Lagerfeuer, das wir trotzdem angemacht haben, die Lieder, das Zelten, eng, unangenehm und doch so herrlich.

Damals warst du anders, sagte Claudia. Kein Vorwurf, nur Feststellung. Nicht besser, nicht schlechter. Einfach anders.

Die Tür fiel zu. Ich stand im Flur mit dem großen Spiegel, das Schlüsselbrett aus Eichenholz daneben. Ich sah auf mich: Mantel, mintfarbener Hausanzug, Maniküre, Frisur. Alles richtig. Alles stimmte.

Warum fühlte es sich an, als fehle etwas?

Ich ging zurück, holte Claudias Tasse vom Tisch. Ein feiner Fleck war auf der Oberfläche geblieben. Ich legte meinen Finger darauf, holte dann doch ein Tuch und säuberte den Tisch.

In der Nacht Schlaflosigkeit. Ich dachte an jene Tour, an das Singen am Feuer. Damals hatte ich einfach gesungen, egal wie schlecht die Stimme war. Gesungen, weil es gut war, zu singen.

Wann war das verschwunden?

Nicht die Tour selbst. Sondern jenes Leichte, das Leichte mit sich selbst. Kein ständiges Geradehalten. Kein dauernder Anspruch.

Ich schlief erst gegen Morgen ein und verschlief prompt zwanzig Minuten das passierte sonst nie.

Mittags gab es einen Betriebsausstand, die Kollegin Brigitte wurde sechzig, ging in Rente, und wir feierten mit Apfelschorle und Kuchen. Brigitte ein bisschen zerzaust, Lippenstift über den Rand hinaus freute sich ehrlich und offen. Ich fühlte einen Anflug von Neid. Oder eher Sehnsucht.

Was machst du dann? fragte ich, als wir alleine standen.

Oh, lachte Brigitte, Gärtnern, die Enkel, und endlich lesen, ohne Zeitdruck. Hab Bücher seit Monaten liegen! Und ich will lernen, Marmelade zu kochen. Schön, oder? Sechzig und ich will noch Marmelade kochen!

Warum nicht, erwiderte ich. Überhaupt nicht lächerlich.

Ich dachte noch den ganzen Tag über Marmelade nach. Nicht, weil es Marmelade war es ging um etwas anderes: Dass Brigitte das einfach aussprach, ohne Scham, ohne natürlich ist das nichts Besonderes. Sie wollte es das genügte.

Nach Feierabend ging ich zu Fuß nach Hause, statt drei Stationen mit dem Taxi zu fahren. Oktoberlast auf den Schultern, Herbstblattmatsch unter den Schuhen, Lampenspiegel in den Pfützen. Ich schlenderte, als wäre ich lange nicht mehr dort entlanggelaufen.

Vor der Bäckerei am Eck eine Schlange fünf Leute. Seltsamer, ehrlicher Brotduft, der Kribbeln auslöste. Ich blieb stehen, ging hinein.

Ich kaufte ein rundes Roggenbrot und ein Krautbrötchen. Das aß ich gleich vor der Theke, auf einer Papierserviette. Es war warm, mit Butter, und die Füllung etwas zu pfeffrig. Das beste Brötchen seit Langem ich konnte nicht erklären, warum.

Zuhause stellte ich das Brot auf den Tisch. Weißer Küchenblock, Steinplatte, und da, mitten drauf, das Brot. Es sah fehl am Platz aus aber lebendig.

Ich räumte es nicht weg.

Drei Tage später rief Judith an. Sie meldete sich gewöhnlich nur mit wichtigen Infos diesmal ging es um einen Gala-Abend, veranstaltet von dem bekannten Unternehmer Stefan Preuss zur Eröffnung seines neuen Projekts. Ort: das Restaurant Atrium in Eppendorf, Dresscode schick, rund achtzig Gäste.

Kommst du mit? Judits Ton ließ nur eine Antwort zu.

Wann denn?

Freitag. Da sind sehr interessante Leute. Martina Höffer kommt auch, die jetzt im Aufsichtsrat von NordInvest ist! Und Boris Schenk, macht jetzt Immobilien in Luxemburg super Kontakt.

Ich brauche keine Kontakte in Luxemburg, sagte ich.

Ach, Tina, es geht nicht um Kontakte konkret es geht um das Milieu! Die Leute um dich herum, das prägt doch! Du weißt doch: Zeig, dass du dazugehörst!

Ich kannte das Vokabular man muss sichtbar bleiben, man muss mittendrin sein.

Ich überlegs mir, sagte ich.

Nicht lange überlegen. Gib mir Bescheid!

Gut. Ich komme.

Ich legte auf und saß lange mit dem Handy in der Hand. Dann öffnete ich den Schrank mit der Abendgarderobe: drei Kleider. Dunkelblau, sachlich, fürs letzte Firmenfest gekauft. Schwarz und schlicht, mein Joker. Und ein bordeauxrotes, mit offenem Rücken, irgendwann aus Laune gekauft nie getragen.

Ich hielt das Bordeaux an. Sah in den Spiegel. Legte es zurück. Holte das schwarze hervor.

Am Freitag im Atrium: schwarzes Kleid, Ahrens & Zach-Tasche, Frisur von Roman, meinem Friseur. Es machte Klick das bekannte Gefühl, alles passt, alles stimmt, ich funktioniere im Setting: Edles Restaurant, Empfang, Konferenzräume mit Stadtblick.

Judith war schon da, silbriges Kleid, baumelnde Ohrringe. Du siehst großartig aus, sagte sie. Auch das war Teil des Klicks, des richtigen Raums.

Stefan Preuss hielt seine Rede: Entwicklung, Team, Zukunft schaffen, nicht nur Geschäft, sondern Vision. An den passenden Stellen Applaus.

Ich trank Weißwein, pickte an hübschem Fingerfood, heilte mit Martina Höffer small talk, die ihren Vorstandsposten mit der selben müden Ernsthaftigkeit erwähnte wie andere eine medizinische Diagnose.

Wie hältst du die Balance? fragte ich.

Balance? fragte sie überrascht, Es gibt keinen. Es gibt nur Termine.

Später kam Boris Schenk, Thema Immobilien. Ich nickte, sagte verstehe, wirklich spannend, dachte aber ständig: Warum bin ich eigentlich hier? Ich will doch gar keine Wohnung in Luxemburg

Der Abend endete mit Projekt-Torte, gruppenweise Fotos. Ich stellte mich korrekt, lächelte einstudiert. Fotograf: Sehr gut!

Gegen halb zwölf fuhr ich heim. Das Taxi roch nach Tannenschimmer. Draußen floss die Nacht durch Hamburg. Ich zog meine Pumps aus und spürte sofort Erleichterung fast hätte ich gelacht. Barfuß, wertvolle Tasche im Schoß, blickte ich auf die Lichter der Stadt. Wasser, gelbe Fenster, Alster. Wunderschön aber draußen, hinter der Scheibe. Ich fühlte mich wie diese Scheibe: transparent, getrennt.

Am nächsten Tag sichtete ich die Bilder vom gestrigen Abend Judith hatte sie schon geschickt. Ich sah eine perfekte, schlanke Frau, im schwarzen Kleid, perfektes Lächeln, keine falsche Bewegung.

Irgendwie machte mich das traurig.

Beim Staubwischen zog ich die Kissen gerade, kontrollierte die Blumentöpfe, saugte den flauschigen Teppich wie beim Hegen eines fremden Raums. Meine Gedanken wanderten zu alten Fotos: Die Radtour ich, lachend, verstrubbelt, im schrulligen Pulli; lebendig. Auf den Gala-Bildern: eine Frau, die es richtig macht.

Montagmorgen holte ich einen alten Fotobriefumschlag hervor. Viele Aufnahmen. Max als Kind mit Schlitten, ich mit Mama beim Schrebergarten, sie in Schürze mit Kirschen, Hochzeit mit Uwe, damals jung und schüchtern glücklich. Die Radtour Claudia mit Bommelmütze, ich mit Gitarre, die ich nie richtig spielen konnte.

Genau dieses Bild stellte ich nun ins Regal, zwischen die gleichförmigen Blumentöpfe, asymmetrisch, gegen das Konzept.

Ich stand da, schaute.

Nichts passierte. Der Himmel stürzte nicht ein, die Töpfe nahmen es nicht übel.

Mitte Oktober geschah, was ich nicht erwartet hatte: Max rief an.

Mama, Leni und ich kommen nächste Woche vorbei. Für drei Tage. Wenn es dir passt.

Natürlich, sagte ich. Ein warmes, unruhiges Gefühl weitete sich in mir. Ich freue mich.

Wir wollen nicht ins Hotel, ergänzte Max sofort, als wäre das nicht selbstverständlich. Wir möchten bei dir wohnen. Aber sei gewarnt: Leni ist sehr lebendig. Sie lässt Tassen überall stehen und lacht ziemlich laut.

Ich lachte. Ganz unvermittelt.

Tassen überall geht voll in Ordnung.

Die Tage vor ihrem Besuch bereitete ich mich anders vor, als sonst bei Gästen. Ich kontrollierte nicht die Perfektion. Überlegte stattdessen, was ich kochen könnte. Die Kamelwolldecke kam aus dem Schrank ins Gästezimmer. Ich fand ein altes Brettspiel im Abstellraum warum eigentlich? Einfach so.

Ankunft am Donnerstagabend: Max mit Rucksack und großer Tüte, aus der etwas in Packpapier lugte. Leni wie auf dem Foto: klein, sportlich, Kurzhaarschnitt, norwegischer Pulli, unglaublich direkter Blick.

Darf ich umarmen? fragte Leni direkt. Max hat so viel erzählt, ich wollte das schon lange.

Ja, sagte ich.

Leni drückte mich fest, sie roch schlicht nach frischer Seife, ein wenig Zitrus.

Max überreichte den Beutel.

Für dich, Mama. Leni und ich haben zusammen ausgesucht.

Eine Pflanze groß, mit glänzenden Blättern, im Terrakottatopf. Kein Stress mit der Parade von Töpfen: ein Einzelstück, lebendig.

Das ist eine Monstera, erklärte Leni. Braucht nicht viel. Einmal die Woche gießen.

Wo stellen wir sie hin? fragte ich.

Da in die Ecke am Fenster, zeigte Max. Kriegt Licht. Wird ihr gefallen.

Die Monstera zog ein, veränderte die Wand, störte die Symmetrie, nahm etwas vom Blick und brachte genau das, was gefehlt hatte.

Drei Tage lebten wir, wie nur Menschen zusammen leben können, die sich mögen. Großer Tisch (plötzlich am Fenster), Leni kochte Sachen mit Kreuzkümmel und Zitrone der Duft erfüllte überall die Wohnung. Wir spielten das Brettspiel, Max lachte wie früher als Kind. Leni stellte Tassen ab, wo gerade Platz war.

Eines Abends, Max schon fast eingeschlafen, kam Leni noch mal zu mir in die Küche, holte sich Wasser.

Kannst du nicht schlafen? fragte sie.

Ich denke nach, gab ich zu.

Woran?

Eigentlich wollte ich etwas Floskelhaftes sagen. Von Arbeit, Plänen. Stattdessen:

Dass ich mich irgendwo verloren habe und es lange nicht gemerkt habe.

Leni reagierte nicht überrascht. Goss Wasser ein, stellte mir ein Glas hin.

Max sagt, du hast früher gesungen. Gitarre gespielt.

Schlecht gespielt.

Und? Lächeln. Muss man gut sein, um Spaß zu haben?

Ich musste nachdenken.

Wahrscheinlich nicht.

Gibts noch deine Gitarre?

Vermutlich nicht. Irgendwo geblieben, als ich umgezogen bin. Oder bei Mama im Keller.

Kauf dir eine neue.

So schlicht, so unaufdringlich der Gedanke war einfach da.

Nach ihrem Besuch war alles anders. Der Tisch am Fenster, die Monstera im Eck, ein Fleck auf der Küchenplatte vom heißen Topf ich ließ ihn einfach. Warum wegwischen?

Im November begegnete ich Frau Hansen.

Frau Hansen wohnte am selben Flur, dritte Etage. Wir grüßten uns seit Jahren im Fahrstuhl, kannten uns beim Namen mehr nicht. Klein, weißes Haar, immer Zopf, praktischer Mantel, große Tasche aus Leinen, darin Porree, Bücher.

Dieser Tag: Briefkästen, Frau Hansen nimmt Zeitung und einen Brief, sagt, halb zu sich:

Gut, dass es noch gedruckte Zeitungen gibt. Ich mag Papier.

Ich auch, entgegnete ich, ohne es je bewusst gedacht zu haben.

Kommen Sie auf einen Tee rüber? ganz alltäglich. Ich hab Apfelkuchen gebacken, allein schaff ich das nicht.

Ich wollte erst absagen. Hatte doch einen Abend für mich: Serie, Salat nach Rezept aus der Achtsamkeitszeitschrift. Aber irgendetwas hielt mich zurück.

Gern, sagte ich.

Frau Hansens Wohnung: normal. Möbel alt, aber solide. Sofa mit Plaid, Bücherwände bis zur Decke, alles kunterbunt sortiert. Kakteen auf der Fensterbank. Wände voller Fotos Familie, Kinder, Reisen an Meer und Berge.

Der Kuchen war warm, die Äpfel sämig-sauer, Tee gabs in schlichten Tassen, ohne Etikette.

Schon lange hier? fragte ich.

Dreiundzwanzig Jahre. Nach dem Tod meines Mannes sie verbesserte sich, also, ich wollte näher bei meiner Tochter wohnen. Die lebte damals im Viertel.

Und jetzt?

Sie lebt in Kanada. Schon lange. Erst wars schwierig, jetzt hab ich mich dran gewöhnt. Wir skypen oft sie zeigt die Enkel. Sprechen etwas Deutsch, aber mit Akzent, lächelte sie, nicht traurig, sondern nachsichtig. Das Leben geht halt seinen Weg, nicht wie wir planen.

Sind Sie einsam?

Manchmal. Aber ich habe gelernt, Einsamkeit von Stille zu unterscheiden. Einsamkeit ist kritisch. Stille ist gut.

Ich dachte darüber noch lange nach. Unterschiede zwischen Stille und Einsamkeit. Ich habe sie wohl oft verwechselt sie mit Aktivitäten, Bekanntschaften, Konzepten zugeschüttet, und nannte das Leben.

Von da an tranken wir mittwochs zusammen Tee, mal bei ihr, mal bei mir. Frau Hansen las viel, erzählte von Büchern. Ich brachte eines Tages Roggenbrot aus der Bäckerei; gutes Brot, sagte sie, und das freute mich.

Im Dezember kam, was ich ahnte und eben doch nicht: Neuer Chef, jung, aus Frankfurt, Umstrukturierung. Einige gingen. Mir bot man eine andere Aufgabe an. Nicht besser, nicht schlechter. Einfach anders, weniger Verantwortung.

Ich nahm an, sagte Danke, verließ das Büro und spürte gar nicht mehr das vorherige Bedürfnis, sofort jemandem zu berichten, es einzuordnen. Judith hätte gemeint: Schwäche zeigen darf man nicht. Früher hätte ich ihr wohl zugestimmt.

Jetzt war da etwas Neues, langsam, wie das Abbrechen des letzten Eises im März: Bewegung.

Ich rief Claudia an.

Hör zu, sagte ich, erinnerst du die Radtour? Ich will im Sommer nochmal in die Lüneburger Heide. Wie wärs?

Claudia schwieg kurz.

Echt jetzt?

Ja, echt.

Tina, wir sind bald sechzig!

Na und?

Claudia lachte.

Ja, und! Ich bin dabei. Mein alter Rucksack schafft es wohl nicht mehr, aber ein günstiger tuts auch.

Ein günstiger? Sie klang fast ungläubig. Bist du sicher, du bist Tina Sommer?

Ich lachte auch.

Kurz vor Silvester rief ich im Musikladen an, fragte nach Akustikgitarren für Erwachsene, Anfänger. Mir wurde alles erklärt. Ich kaufte nicht sofort, schlief eine Woche drüber dann suchte ich eine aus. Nicht billig, nicht protzig. Einfach schön, einfach passend.

Im Taxi stellte ich die Gitarre neben die Monstera ins Eck, sie reichte fast bis an die Decke. Der Taxifahrer schaute mich fragend an.

Musikerin?

Ich lerne, sagte ich.

Gut so, Musik tut gut, antwortete er ernst.

Die Gitarre stand nun neben der Pflanze in der Ecke, voller Leben. Max rief ich an, erzählte von meinem Kauf.

Mama, ich freu mich. Wirklich.

Ich kann fast nichts.

Egal. Du hast Zeit.

Silvester verbrachte ich mit Frau Hansen. Keine großen Pläne: sie bereitete Salat und Hähnchen, ich Champagner und Mandarinen, dazu ein wenig Schokolade, einfach weil ich Lust darauf hatte. Wir schauten halbherzig TV, sprachen über Bücher, Familie, das Glück gibt es das als Dauerzustand oder sind es nur einzelne Momente?

Ich glaube, es gibt Glück, meinte Frau Hansen, Mandarine schälend. Aber es ist nicht das, was uns versprochen wird. Kein Ziel, kein Höhepunkt. Es ist das hier. Sie zeigte auf Tisch, Mandarine, das Fenster.

Ich sah auf den Tisch. Zwei Tassen, Mandarinenhaut, warmer Lichtschein. Nichts Besonderes. Und doch

Ich glaube, das wusste ich einmal, sagte ich. Dann habe ich es vergessen.

So gehts den meisten, entgegnete Frau Hansen. Hauptsache, es kommt zurück.

Ob es wirklich zurück war? Ich wusste es nicht. Es war kein Gefühl von Sicherheit, eher Bewegung. Veränderung, langsam, unregelmäßig, wie bei Lebendigem. Ich ertappte mich noch oft bei alten Mustern: Preise vergleichen, Statusdenken. Aber ich bemerkte es jetzt. Das war schon anders.

Im Januar begann ich Gitarrenunterricht bei Herrn König, einem pensionierten Musiklehrer. Herr König war geduldig, sparsam mit Lob, aber wenn, dann zählte es. Beim ersten Mal scheiterte ich an einfachen Akkorden. Beim dritten Mal ein erster, ganzer Akkord.

Sehen Sie, sagte Herr König, alles kommt mit der Zeit.

Im Februar rief ich Judith an. Wieder ein Event, diesmal eine Investmentpräsentation.

Judith, ich komme nicht.

Wieso denn?

Ich will nicht. Ohne Ausrede.

Schweigen.

Alles in Ordnung bei dir?

Ja. Es ist in Ordnung.

Du bist anders geworden, Tina. Nicht negativ. Einfach anders.

Vielleicht, antwortete ich.

Eine Erklärung wollte und musste ich nicht geben. Es gehörte jetzt zu mir.

Im März kam Claudia wieder vorbei. Ich empfing sie im Flur, sie blickte ins Wohnzimmer.

Der Tisch stand noch immer am Fenster. Die Monstera war gewachsen, bräuchte bald einen größeren Topf. Auf dem Regal standen jetzt nicht nur Töpfe, sondern auch Fotos: ich mit Gitarre, Mama am Schrebergarten. Die Kamelwolldecke lag auf dem Sofa, die Gitarre an die Wand gelehnt.

Auf dem Couchtisch eine Tasse. Ohne Untersetzer.

Oh, wow, staunte Claudia.

Komm rein, sagte ich.

Wir setzten uns, tranken Tee. Nicht aus dem feinen Set, sondern aus den großen, gesprenkelten blauen Bechern, die ich neulich gekauft hatte, einfach weil sie mir gefielen.

Erzähl, forderte Claudia mich auf.

Und ich erzählte. Von Max und Leni, von der Monstera, von Frau Hansen, der Gitarre, vom Krautbrötchen an der Bäckerei. Davon, dass ich den Weg zur Arbeit jetzt laufend gehe, nicht mit dem Taxi schöner so. Davon, dass ich Judith nein sagte und es trotzdem überlebt habe.

Claudia hörte zu. Dann meinte sie:

Das ist gut, Tina. Richtig gut.

Findest du?

Ja. Ich glaube, du warst lange wie sie suchte nach Worten, wie in einer Glasglocke. Schön, aber innen drin.

Goldener Käfig, erwiderte ich. Manchmal denke ich daran. Goldener Käfig.

Aber du bist rausgekommen.

Halb. Ganz sicher bin ich nicht. Manchmal will ich immer noch vergleichen, messen, dabei sein. Alte Reflexe.

Das ist nicht schlimm. Wichtig ist, dass du sie erkennst.

Wir schwiegen. Draußen: März. Noch kalt, aber das Licht war anders. Hamburger Märzlicht selten, kostbar. Es schleicht langsam, dann ist es da.

Sag mal, meinte ich dann, hast du es je bereut? Wolltest du manchmal auch anders leben so wie ich? Mit dem ganzen Drumherum?

Claudia dachte nach ehrlich.

Ich wollte es wahrscheinlich manchmal. Wenn ich etwas von anderen sah. Aber weißt du, ich habe gemerkt: Mir gehts gut, wie ich lebe. Einfach gut, ohne lange zu überlegen.

Mir gings nicht gut, gestand ich zum ersten Mal offen. Es war immer nur schön. Aber nicht gut.

Ich weiß, sagte Claudia. Ich habe es gesehen.

Aber nichts gesagt.

Doch. Ich sprach von der Schaufensterwohnung.

Ich lachte.

Stimmt, das hast du.

Draußen stieg das Licht. Die blauen Tassen standen auf dem Tisch. Die Monstera reckte sich zum Fenster. Die Gitarre lehnte an die Wand.

Es blieb ein inneres Gespräch, davon erzählte ich Claudia nicht. Über Schein und Sein, wann ich dem Schein aufsaß. Vielleicht, als ich Max’ Kinderbrief vom Kühlschrank räumte. Vielleicht schon früher, als ich begann, Mäntel zu wählen, damit Außenstehende etwas an meinem Auftritt ablesen. Oder als ich aufhörte zu singen, weil ich mich schämte.

Es gibt keinen genauen Tag, an dem der Sommer zum Herbst wird. Man merkt es erst später, wenn man die Blätter sieht.

Jetzt ändern sich die Blätter wieder. Aber diesmal ins Leben zurück.

Ende März rief ich Max an.

Max, ich will deinen alten Brief wieder an den Kühlschrank hängen.

Welchen Brief?

Den, den du als Kind geschrieben hast: Mama, ich hab dich lib.

Kurze Pause.

Mama, hattest du den noch?

Ja. Im Umschlag. Beim Umbau habe ich ihn abgelegt.

Und du hast ihn aufbewahrt?

Natürlich.

Max schwieg. Dann:

Häng ihn wieder hin. Unbedingt.

Ich hing ihn auf. Mit Magneten, die ich zufällig fand. Das Papier alt, die Buchstaben krakelig, lib blieb lib. Ich sah lange darauf.

Dann rief ich Judith an.

Judith, ist im April wieder was? Gehst du irgendwo hin?

Ja! rief sie. Vernissage im Museum für Moderne Kunst. Danach Dinner im Estetika. Kommst du mit?

Ich zögerte einen Moment.

Ich komme. Aber diesmal trage ich Bordeaux.

Bordeaux? Ihr Ton veränderte sich. Na, mutig!

Ja. Mutig.

Ich legte das Telefon weg, blickte nach draußen. Der März war fast vorbei, der Schnee fast ganz weg. Im Hof spielte ein Junge Fußball an der Wand, einfach so, aus Freude.

Ich dachte: Hingehen oder nicht? Egal. Es ging nicht wirklich um die Ausstellung, sondern dass ich diesmal als ein neuer Mensch hingehe, nicht in allem neu, aber etwas war anders. Oder zurückgekehrt.

Freiheit von fremder Meinung. Früher ein abstrakter Zeitschriftentitel; jetzt greifbar. Bordeaux tragen, weil es mir gefällt. Das Brötchen essen, weil ich Hunger habe. Nein sagen, ohne Entschuldigung.

Es sind die kleinen Dinge. Dinge, aus denen das Leben gemacht ist nicht sein Bild.

Die Monstera fing die ersten Lichtstrahlen des April ein, wurde grüner. Die Gitarre wartete drei Akkorde kann ich schon.

Der Brief am Kühlschrank sagte “lib”.

Und von allem, was ich mir im Leben organisierte, schien das so ziemlich das Wahrste zu sein.

Wie das Richtige aussieht? Ich weiß es noch nicht. Aber es zu fühlen das ist vielleicht die ehrlichste aller Lebenslagen.

Das Handy lag auf dem Tisch. Ohne Hülle, ohne festen Platz. Es lag einfach dort.

Im April rief Claudia von sich aus an.

Ich habe recherchiert, Lüneburger Heide kann man wunderbar wandern, auch für uns in unserem Alter. Mit Übernachten.

Im Zelt?

Im Zelt.

Ich blickte auf die Gitarre, die Monstera, den Brief am Kühlschrank.

Ich denke drüber nach, sagte ich.

Das tust du schon zu lange! lachte Claudia.

Gib mir bis heute Abend.

Gut. Bis später.

Ich legte auf und saß in der Stille. Kein einsames Schweigen, sondern gute Stille wie Frau Hansen sagt. Draußen werkelte der April, sicher und ruhig. Erste Kastanienknospen zeigten sich.

Claudia zurückrufen oder nicht? Bordeaux oder Schwarz zur Ausstellung? Noch mehr loslassen oder lassen?

Ich stand auf, ans Fenster, die Hand auf die breite Fensterbank.

Die Kastanie draußen war noch kahl aber längst wieder voller Leben.

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Homy
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Die vollkommene Leere
„Hallo… Vasili?“ – „Hier ist nicht Vasili. Hier ist Elena.“ – „Elena? Wer sind Sie?“ – „Wer sind Sie denn? Ich bin Vasili‘s Freundin. Was wollten Sie?“ – „Mein Mann ist nicht da, er hat heute länger Arbeit…“ Mir wurde ganz schwindelig, ich bemerkte rote Tropfen auf dem Boden und hatte starke Schmerzen im Bauch – ich wusste, das Baby kommt gleich. Mein Mann Vasili fährt seit fünf Jahren immer wieder als Arbeiter ins Ausland. Mal war er Lkw-Fahrer in Deutschland, mal hat er in Polen renoviert. Er ging weg des Geldes wegen – wir haben zwei Söhne und wollten das Beste für sie. Uns war klar, in der Ukraine würden wir es nicht schaffen. Wissen Sie, dort drüben hatte Vasili Glück. Einmal im Monat schickte er uns Pakete mit Lebensmitteln. Konserven, Grieß, Öl, Süßigkeiten. Und er überwies mir Geld auf mein Konto, damit ich es bei der Bank anlegte. So sparten wir genug, um für den älteren Sohn eine Wohnung zu kaufen. Eigentlich schien alles gut zu laufen. Doch vor einigen Monaten merkte ich, dass mit meinem Körper etwas nicht stimmte. Zunächst dachte ich an die Wechseljahre, aber das war es nicht. Ich nahm stark zu, war dauermüde, aß viel, mein Gemüt schwankte. Laut Internet war ich schwanger. Wie sollte ich mit 45 schwanger sein? Ich glaubte es nicht, machte aber einen Test. Zwei rote Linien. Deutlich. Meinen Söhnen und Schwiegertöchtern sagte ich nichts von der Schwangerschaft. Wozu? Damit mich die eigenen Kinder auslachen und sagen, ihre Mutter habe im Alter den Verstand verloren? Ich beschloss, sie zu verbergen. Es wurde Winter, ich trug nur noch dicke, große Sachen. Niemand sah den Bauch unter dem Parka. Aber ich wollte dieses Kind gar nicht bekommen. Manche sagen, ich hätte Gott nicht im Herzen. Aber ich bin 45, längst keine junge Frau. Ich habe Söhne und Enkel, denen ich Zeit widmen will, nicht Windeln wechseln. Und für ein drittes Kind fehlt uns das Geld. Vasili müsste wieder zurück ins Ausland und ich kann ohne ihn nicht. Es war sowieso schon spät für eine Abtreibung, zu riskant, sagten die Ärzte – es könnte mir schaden. Also redete ich mir ein, alles würde gut werden. Vielleicht freut sich Vasili sogar, noch ein Kind zu bekommen? Ich beschloss, ihn per Skype anzurufen und die Neuigkeit mitzuteilen, aber nur mit Mikrofon, nicht mit Kamera. „Hallo, Vasili…“ „Hier ist nicht Vasili. Hier ist Elena.“ „Elena? Wer sind Sie?“ „Wer sind Sie denn? Ich bin die Freundin von Vasili. Was wollen Sie? Mein Mann ist nicht da, er arbeitet heute länger.“ Ich legte sofort auf und fing bitterlich an zu weinen. So ist das Leben – der Mann kann überall und mit jeder fremdgehen. Ich wollte direkt die Scheidung beantragen, Vasili’s Sachen rauswerfen, ihn nie wieder sehen oder hören. Aber ich hatte noch Hoffnung, dass mein Mann zurück zur Familie kommt, wenn er vom Baby erfährt. Ich wusste, im Februar kommt er heim, denn unsere Söhne haben Geburtstag und er hat Urlaub bekommen. Ich träumte sogar davon, dass wir zu dritt im Park spazieren gehen: Vasili hält unsere Tochter an einer Hand, ich an der anderen. Am 14. Februar, zum Valentinstag, kam er wieder. Ich bereitete ein romantisches Abendessen, stellte Kerzen auf, spielte Musik, wollte eine friedliche Stimmung schaffen. „Vasili, ich habe eine Überraschung für dich. Ich bin schwanger. Es soll ein Mädchen werden.“ „Du Miststück!“, schrie mein Mann. Er wurde puterrot vor Wut, warf die Teller zu Boden, schlug mit der Faust auf den Tisch: „Während ich da draußen wie ein Ochse arbeite, springst du mit anderen Männern ins Bett? Und jetzt willst du mir dieses Balg anhängen?“ „Vasili, ich kann alles erklären…“ „Verschwinde! Ich will dich nicht sehen!“ – Er stieß mich so, dass mein Bauch gegen die scharfe Tischkante prallte und ich fiel. Vasili ging, packte seinen Koffer und knallte die Tür. Mir war schwindelig, ich sah rote Tropfen auf dem Boden, die Schmerzen im Bauch waren unerträglich. Mit letzter Kraft rief ich den Notarzt. Ich spürte, das Baby kommt gleich. Als die Ärzte kamen, hielt ich schon unser Mädchen in den Armen. Sie lag ganz ruhig, schrie nicht, schlief fest. „Na, kommen Sie mit ins Krankenhaus, Mama?“ „Nein. Nehmen Sie das Kind mit, ich will es nicht.“ „Wie bitte?“ „So ist es. Nehmen Sie es einfach, sage ich! Dieses Kind hat meine Familie zerstört. Vielleicht liebt sie jemand anders, aber nicht ich. Nehmen Sie sie, ich will sie nie wieder sehen.“ Ohne jedes schlechte Gewissen gab ich das Kind den Ärzten. Sie untersuchten mich – keine Verletzungen, die Geburt verlief ruhig. Als der Notdienst weg war, räumte ich auf, ging duschen und schlafen. Keiner meiner Kinder weiß, dass ich das Mädchen weggegeben habe. Jeden Tag gehe ich in die Kirche und bete, dass meine Tochter gesund aufwächst und ihre Familie findet. Ich weiß, dass ich es nicht schaffe – ich will nicht nochmal all die Lasten der Mutterrolle erleben. Ich will nur, dass Vasili zurückkommt. Aber er ist wieder fort, arbeitet in Deutschland und spricht nur mit den Söhnen. Man kann sagen, ich sei verrückt. Aber ich wähle meinen Mann – nicht das Kind. Gott ist mein Richter.