**Tagebucheintrag**
Sie klebte an mir wie eine Klette.
“Hör mal, warum hängst du mir dauernd an den Lippen? Ich arbeite, verstanden? Ich schufte schließlich für die Familie. Was sind das für dumme Fragen? Wo soll ich denn sonst sein, außer auf der Arbeit? Du, mein liebes Huhn, bringst keinen Cent nach Hause und hängst mir nur auf der Tasche!”
…Vor drei Jahren hatte Lena Müller den Tobias geheiratet. Er hatte lange um sie geworben, war sogar mal auf einen Baum geklettert und hatte vor all ihren Freunden verkündet, er würde für Lena alles tun.
Jetzt wurde ihr übel bei diesen Erinnerungen. Wer hätte gedacht, dass sich nach nur anderthalb Jahren Ehe alles so radikal ändern würde? Tobias hatte plötzlich aufgehört, in ihr eine Frau zu sehen. Eine Haushälterin, Köchin, Wäscherin, Ratgeberin und Trösterin ja. Aber eine Geliebte? Fehlanzeige. Er schenkte ihr keine kleinen Aufmerksamkeiten mehr, ignorierte sie. Nicht mal zum Geburtstag gratulierte er. Lena sprach ihn darauf an, fragte, was los sei, doch er schwieg beharrlich. “Alles gut”, war alles, was er sagte.
Nach der Geburt ihres Sohnes Max wurde es noch schlimmer. Während Lena noch im Krankenhaus lag, verfrachtete er ihre Sachen ins Kinderzimmer. Auf ihren stummen Blick zuckte er nur mit den Schultern:
“Was ist denn falsch daran? Als Mutter gehörst du zum Kind. Ich bin der Einzige, der hier Geld verdient ich brauche meinen Schlaf. Ganz einfach, Lena. Max ist noch klein, hat keinen Rhythmus, wird nachts schreien. Und ich soll dann mit brummendem Kopf aufstehen? Wir machen es erstmal so.”
Seit einem Monat kam Lena immer öfter der Verdacht, dass sie nicht mehr die Einzige in Tobias Leben war. Klar, er hatte schon früher Überstunden gemacht, kam oft erst nach Mitternacht heim. Doch jetzt kam noch Grobheit dazu. Wenn Lena sich Sorgen machte und unnötige Fragen stellte, fuhr er sie sofort an:
“Hör mal, warum hängst du mir dauernd an den Lippen? Ich arbeite, verstanden? Ich schufte schließlich für die Familie. Was sind das für dumme Fragen? Wo soll ich denn sonst sein, außer auf der Arbeit? Du, mein liebes Huhn, bringst keinen Cent nach Hause und hängst mir nur auf der Tasche!”
In solchen Momenten schämte Lena sich. Was fiel ihr eigentlich ein? Wenn Tobias bis zwei Uhr nachts im Büro blieb, dann doch nur für sie! Überstunden wurden gut bezahlt, also machte er welche. Bis vor Kurzem wäre sie nie auf die Idee gekommen, dass er eine andere haben könnte.
…Lena wachte von einem lauten Knall auf Tobias war schon zur Arbeit. Sie runzelte die Stirn. Wieder kein “Guten Morgen”. Seit Monaten frühstückten sie nicht mehr zusammen, geschweige denn wachten sie nebeneinander auf gleich nach der Geburt hatte ihr “liebender Gatte” sie ins Kinderzimmer verbannt. Was einst eine starke Ehe schien, zerbröckelte wie ein Kartenhaus.
Lena sank in die Kissen zurück, griff dann zum Handy und rief ihn an. Es klingelte lange, dann seine gereizte Stimme:
“Was willst du? Ich bin beschäftigt!”
Es traf sie wie ein Schlag.
“Hallo. Ich wollte dir nur einen schönen Tag wünschen. Du bist so früh gegangen und”
Tobias schnauzte sie an:
“Und deswegen rufst du an? Ich hetze zu einem Meeting, keine Zeit für solchen Unsinn. Lena, du klebst an mir wie eine Klette. Du machst mich wahnsinnig!”
Er legte auf. Lena wischte sich eine Träne weg und schlüpfte unter der Decke hervor. Bald würde Max wach werden sie musste sich schnell frisch machen. Und überlegen, wie es weitergehen sollte.
Im Badezimmer sah sie ihr Spiegelbild: rote Augen, zerzauste Haare, keine Spur von Farbe in den Wangen.
“Natürlich… Was für eine Frau bist du noch, Lena? Eine abgekämpfte Mutter, eine richtige Klette”, schoss es ihr durch den Kopf, und die Tränen kamen wieder.
Nachdem sie sich notdürftig gewaschen hatte, schlich sie ins Schlafzimmer, um frisches Bettzeug zu holen. Ihr Blick wanderte zum Regal etwas fehlte. Sie überlegte, was es sein könnte, dann fiel es ihr ein.
Die Schachtel mit den Kondomen, die sie extra für ihren dritten Hochzeitstag gekauft hatte, war weg. Lena hatte geplant, am 13. Oktober einen romantischen Abend zu zweit zu verbringen. Vielleicht würde Tobias sie dann wenigstens an diesem Tag als Frau sehen. Die Schachtel hatte sie großzügig bemessen für alle Fälle.
“Hat er sie verräumt?”, murmelte sie. “Wozu? Die lagen doch gut.”
Zwei Stunden später, nachdem Max gefüttert und hingelegt war, rief sie Tobias nochmal an. Sein verächtliches “Du klebst wie eine Klette” ließ ihr keine Ruhe. Sie wusste, dass er jetzt Mittagspause hatte.
“Tobi, ich bins nochmal. Tut mir leid, aber…”
“Was jetzt?”, unterbrach er barsch.
“Wir müssen reden. Ernsthaft.”
“Dann los, aber schnell.”
“Nicht am Telefon. Heute Abend, nach der Arbeit?”
“Abends will ich auf dem Sofa liegen und fernsehen, nicht mir deine Vorwürfe anhören. Und deswegen störst du mich jetzt? Kannst du das nicht später fragen?”
“Aber Tobi, es ist wichtig… Du beachtest mich überhaupt nicht mehr. Dir ist egal, wie ich aussehe, was ich fühle…”
“Na toll, da haben wirs!”, stöhnte er. “Also gut, der Reihe nach. Du siehst aus… nun ja, wie alle Frauen nach der Geburt. Bisschen rund, Augenringe. Kein Weltuntergang, Lena, das gibt sich wieder. Und deine Gefühle… Du bist Mutter! Freu dich, dass du ein Kind hast andere können nicht mal schwanger werden. Ich bin eh unwichtig. Kümmere dich um Max.”
“Das ist nicht fair! Ich bin auch ein Mensch! Ich will mich geliebt fühlen, gebraucht…”
“Okay, Lena, dann mal so: Fang mit deinem Aussehen an. Vielleicht… neue Frisur? Und dieses sackartige Kleid steht dir überhaupt nicht. Du weißt, ich mag es, wenn du dich hübsch machst. Und… du vernachlässigst dich. Du riechst unangenehm. Früher hattest du immer Maniküre, Make-up… Jetzt? Läufst rum wie eine graue Maus.”
“Graue Maus? Ich habe keine Zeit, Tobi! Ich bin den ganzen Tag mit Max beschäftigt! Hast du überhaupt mal eine Stunde auf ihn aufgepasst?”
“Und werde ich auch nicht! Mein Job ist das Geldverdienen. Deiner ist Haushalt und Kind. Und vergiss dich nicht! Schau dich an, Lena! Du kochst nicht mal mehr ordentlich… Übrigens, was gibts heute? Hoffentlich nicht wieder versalzen wie neulich? Ich hab dir gesagt, lies die Rezepte genau! Puh, jetzt hast du mir die Laune verdorben. Ruf nicht nochmal an, wir reden zu Hause.”
Lena ließ ihn in Ruhe. Vor seiner Rückkehr duschte sie, schminkte sich leicht, kämmte die Haare. Sie empfing ihn lächelnd im Flur, fragte, wie sein Tag war. Doch statt sich zu freuen, fuhr er sie wieder an:
“Lena, was soll der Zirkus? Warum hast du dich aufgetakelt wie ein Affe? Das Kleid steht dir überhaupt nicht, deine Beine sind krumm! Zieh sofort was anderes an!”
Lena hielt es nicht mehr aus. Sie ohrfeigte ihn, stürmte weinend ins Badezimmer. Sie rieb ihr Gesicht wütend ab, warf das Kleid in den Müll. Tobias blieb kalt, ihre Tränen ließen ihn kalt. Er aß nicht, legte sich stattdessen vor den Fernseher.
Nachdem sie Max ins Bett gebracht hatte, erinnerte sie sich an die verschwundenen Kondome. Sie brauchte einen Vorwand, ihn zur Rede zu stellen. Sie wollte wissen, wann und warum er sie nicht mehr liebte. Tobias ignorierte sie. Sie setzte sich auf die Bettkante und fragte direkt:
“Tobi, wo ist die Schachtel aus dem Schrank?”
Er brummte nur, ohne sie anzusehen:
“Welche Schachtel? Wovon redest du?”
Lena atmete tief durch. Ruhig bleiben. Sie hatten sich heute schon gestritten, weiterer Ärger half niemandem.
“Tobi, die Schachtel aus der Apotheke. Du weißt schon, womit. Die mit den Kondomen. Ich habe heute nachgesehen weg. Dachte, du hast sie verräumt. Ich wollte uns einen schönen Abend machen. Meine Mutter sollte auf Max aufpassen…”
Die Reaktion war heftig. Er sprang auf und brüllte:
“Worauf willst du hinaus? Dass ich sie zu einer anderen Frau gebracht habe? Bist du verrückt? Wie kannst du es wagen, so was zu sagen!”
Ein Streit entbrannte. Lena wusste selbst nicht, wie es passierte. Nach minutenlangem Geschrei platzte Tobias heraus:
“Ja, ich hab sie genommen! Ja! Und überhaupt, ich verlasse dich. Wollte es dir schon lange sagen, aber ich hatte Mitleid. Selber schuld! Lena, bist du wirklich so blind? Merkst du gar nichts? Ich habe schon lange eine andere!”
“Wie lange?”, fragte sie ruhig. Plötzlich fühlte sie sich erleichtert.
“Lange”, fauchte er. “Schon vor Max Geburt. Als du schwanger warst, warst du unerträglich. Immer dieses Gejammere, ich sollte dich umarmen, deinen Bauch streicheln… Du hast keine Ahnung, wie du mich nervst. Ich bleibe nur wegen Max, klar?”
“Tobi, was hat sie, was ich nicht habe? Sags mir, ich will es wissen…”
Er grinste höhnisch:
“Sie hat einen entscheidenden Vorteil, Lena. Sie kann keine Kinder bekommen!”
Lena drehte sich um und ging. Keine Tränen, kein Schmerz. Tobias hatte sie gerade befreit. Sie setzte sich neben Max Bettchen, strich ihm über die rosige Wange. Sie würde das schaffen. Und Tobias? Sollte gehen, wohin er wollte.
…Tobias benahm sich nobel er zog aus der Wohnung aus, warf Lena und Max nicht raus. Beide Familien standen auf ihrer Seite, halfen der jungen Mutter. Die Scheidung verlief still, Tobias zahlte freiwillig Unterhalt. Allerdings sieht er Max kaum vielleicht ist das besser so. Lena hat keine Lust, ihn zu sehen. Sie erinnert sich an jedes Wort, besonders an “Klette” und “Affe”. So ist das Leben.
**Was ich daraus gelernt habe:** Liebe kann verblassen, aber Selbstrespekt darf man nie verlieren. Manchmal ist ein Ende mit Schrecken besser als ein Schrecken ohne Ende.





