Midlife-Krise
Lukas betrachtete seine Frau Annemarie, die geschäftig am Herd stand, mit einem Hauch von Unzufriedenheit.
Was mache ich denn noch alles? Das Laufband habe ich gekauft? Habe ich. Eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio und Schwimmbad bezahlt? Auch erledigt. Und wo ist jetzt eigentlich das Ergebnis? Wo ist die Göttin, die meine Annemarie vor zwanzig Jahren war?
Anne, was hast du heute vor? fragte Lukas.
Ich gehe morgens zu Kunden, danach zum Sport, hole dann Tim von der Schule ab, und dann koche ich das Abendessen. Warum?
Ach, nur so, erwiderte Lukas und dachte: Na immerhin geht sie noch regelmäßig zum Sport. Vielleicht ist doch noch nicht alles verloren, vielleicht nimmt sie in ein paar Monaten wirklich ab.
Nach dem Frühstück zog sich Lukas, wie jeden Tag, an, verließ die Wohnung und schlenderte zu seinem betagten VW Golf. All die bisherigen Handlungen waren Routine, doch heute heute betrachtete er sein Auto mit anderen Augen: Das muss eigentlich weg. Vielleicht verkaufen und mit der Bahn zur Arbeit fahren? Sein Blick fiel auf seine Schuhe und seine Hose alles war genauso alt wie der Wagen.
Seine Laune wurde endgültig mies.
Was sollte er schon tun? Also setzte er sich hinters Lenkrad und fuhr zur Arbeit.
Im Büro wurde seine Unzufriedenheit noch größer: Der Chef forderte, dass alle samstags kommen natürlich unbezahlt. Die Kollegen tuschelten bereits, dass bald Entlassungen anstünden besonders bei den älteren Mitarbeitern.
Ach was, bis zur Rente hab ich noch lang, winkte Lukas ab.
Aber, du bist ja schon 40, das ist heutzutage viel! meinte einer.
Und seine Stimmung verdunkelte sich noch mehr.
Tatsächlich, er war sogar schon älter als vierzig. Eigentlich war er ein zuverlässiger Angestellter, der seine Arbeit gewissenhaft erledigte. Doch seit über zehn Jahren schuften, nie gabs eine Gehaltserhöhung, nicht mal eine kleine Urkunde zum Dank. Aber na gut, Geld, eine Urkunde das alles war gar nicht das Wichtige. Wer nicht einmal ein einfaches Danke bekommt?
Lukas versuchte, sich an die Arbeit zu machen, aber in ihm wehrte sich alles dagegen. Das, womit er sich Tag für Tag beschäftigte, kam ihm plötzlich so nichtssagend und banal vor.
Habe ich mir als Kind das hier vorgestellt?, überlegte Lukas. Er wusste sofort: natürlich nicht. Eigentlich wollte er mit Holz arbeiten, Möbel bauen, mit den eigenen Händen etwas erschaffen, das anderen Freude bringt. Doch seine Mutter meinte damals, das sei Unsinn, und schickte ihn zum BWL-Studium.
Und nun sitzt er hier, in einer Firma, der er zehn Lebensjahre geopfert hat, und spürt: Er hat alles vergeudet. Die Arbeit langweilt ihn, seine Frau nervt ihn, der älteste Sohn Paul respektiert ihn kein bisschen. Und eigentlich hat Paul recht: Womit kann Lukas schon glänzen? Was hat er denn erreicht? Nichts Besonderes. Weder Fisch noch Fleisch. Und das Schlimmste: Von Glück keine Spur. War das etwa alles umsonst?
Tage vergingen, aber Lukas fühlte sich immer noch nicht besser.
Vielleicht sollte ich Jens anrufen und mit ihm ein Bier trinken gehen? Oder mal angeln fahren? Oder einfach grillen im Garten?
Lukas nahm schon das Telefon in die Hand, aber dann überkam ihn Trübsinn und er legte es wieder weg. Stattdessen starrte er wieder auf trockene Zahlen am PC.
Lukas, mir wurde gesagt, dass Sie hier der beste Analyst im Büro sind, plötzlich stand Franziska, die Sekretärin des Chefs, an seinem Tisch. Sie schlug mit den Wimpern, lächelte und legte fast flehend beide Hände an ihr Herz. Lukas fühlte sich auf einmal wie ein Retter, der für sie alles machen könnte.
Frau Franziska, was kann ich für Sie tun? fragte Lukas.
Dann hörte er sich eine halbe Stunde an, was sie brauchte, erledigte das in 5 Minuten, und lauschte wieder ihren überschwänglichen Dankesworten.
Franziska, wollen wir vielleicht mal zusammen in ein Café gehen? Einen Kaffee trinken? schlug Lukas überraschend locker vor.
Ja, sehr gerne! trällerte Franziska mit einem vielsagenden Lächeln. Wenn Sie Feierabend haben, kommen Sie zu mir rüber.
Franziska stand auf, griff nach ihrer Handtasche, und warf Lukas beim Verlassen des Raumes noch einen Luftkuss zu.
Überrascht war gar kein Ausdruck Lukas war regelrecht verblüfft. Ausgerechnet er, mit dem alten Auto, der in demselben Anzug seit fünf Jahren rumläuft, der ständig am Meckern ist ausgerechnet so einer gefällt also einer jungen, hübschen Frau? Kaum zu glauben
Kaum war es 18 Uhr, eilte Lukas zu Franziska.
Franziska, da bin ich! sagte er fröhlich.
Perfekt! Ich bin auch fertig.
Sie gingen zusammen ins Café, bestellten Kaffee. Franziska gab sich weltgewandt. Aber Lukas? Er langweilte sich ganz offen. Nach einer halben Stunde merkte er, dass sie eigentlich nichts zu sagen hatten, verabschiedete sich höflich.
Weißt du, warum ich dich mag? fragte Franziska plötzlich.
Nein. Wieso denn?
Mit dir kann man reden, lächelte sie. Lukas musste sich zusammenreißen, nicht offen zu lachen. Mit ihm kann man reden? Dabei brachte Franziska kaum ein Gespräch zustande.
Franziska, danke für den netten Abend. Darf ich dich nach Hause bringen? fragte Lukas. Und begleitete sie nach Hause, verzichtete auf eine Einladung und einen Kuss. Langweilig! Das Ganze war einfach langweilig! Er wusste ja, worauf so ein Flirt hinauslaufen kann, aber das kitzelte ihn kein bisschen.
Auf dem Heimweg dachte er: Ach nein, das Leben läuft völlig falsch Und so kam er wieder mit schlechter Laune nach Hause.
Wo warst du so lange? fragte Annemarie. Ich dachte, du kommst heute früher und hilfst ein wenig im Haushalt.
Wie bitte? Warum genau muss ich helfen? Lukas zuckte die Schultern. Ich arbeite schließlich auch noch!
Da sah Lukas, wie die Mundwinkel seiner Frau nach unten glitten, sie schluchzte, drehte sich um und lief ins Schlafzimmer.
Anne?!
Seine Annemarie? Sie weinte? Das war noch nie passiert. Sie war sonst immer optimistisch, hat die Familie aufgebaut. Was war denn heute los?
Anne, was ist denn passiert?
Natürlich folgte Lukas ihr ins Schlafzimmer.
Alles ist passiert! Dir ist alles egal ich, die Kinder, unser Zuhause! Ich sage, was gemacht werden muss, du versprichsts, aber machst es nie. Heute hätte ich mit Tim zur Blutabnahme gehen müssen. Du hast versprochen, mitzukommen, weil ich ihn allein nicht überreden kann. Er hat Angst, Lukas! Aber du bist wieder nicht gekommen… Du hast mich hängengelassen.
Anne, das ist doch halb so schlimm, wiegelte Lukas ab.
Nein, ist es nicht! Es geht hier um die Gefühle und Ängste deines Sohnes. Was ist nur los mit dir, Lukas?
Es tut mir leid. Ich war im Unrecht.
Und Lukas fühlte sich noch schlechter.
Und was die Arbeit angeht: Ich arbeite ja auch, fügte Anne hinzu. Und kümmere mich nebenbei um alles daheim. Und du schiebst immer alles auf mich ab. Lass uns mal ehrlich über unser Leben reden!
Ihr streitet euch? Paul, der Älteste, kam zur Tür herein.
Ist schon okay, sagte Lukas.
Paul sah die beiden misstrauisch an und schloss leise die Tür.
Anne… Ich bin erschöpft. Einfach ausgelaugt…
Von uns?
Nicht nur. Von allem. Ich weiß auch nicht mehr
Lukas, dann pack doch den Mut zusammen und ändere dein Leben. Ich halte dich nicht auf.
Annemarie wartete gar nicht erst auf weitere Erklärungen, sondern ging direkt zu den Kindern. Lukas hörte, wie sie lachend mit ihnen spielte, und seufzte bitter Anne konnte mit den Kindern immer umgehen, er nicht.
Lukas wachte um drei Uhr nachts auf, drehte sich hin und her, konnte nicht mehr schlafen. Also stand er auf, ging in die Küche und tigerte nervös um den Tisch.
Anne hat vollkommen recht. Wenn etwas im Leben nicht passt, muss man es ändern.
Was also tun? Sich trennen? Das war das Erste, woran Lukas dachte. Es wäre ja schließlich alles Annes Schuld. Aber je mehr er sich seine angeblich tolle Zeit als Single vorstellte, umso mehr wurde ihm klar: Ohne Anne und die Kinder nein, das wollte er nicht. Nicht sie war das Problem. Er selbst war das.
Was machte es schon, wenn Anne zugenommen hatte? Sie war immer noch seine Anne, in die er sich einst unsterblich verliebt hatte.
Und die Kinder? Sie waren sein Leben. Auch wenn Paul ihn ignorierte das passiert. Manchmal ist es gut, nicht alles zu hören, was Eltern sagen.
Aber was müsste er also ändern? Was?
In diesem Moment wurde Lukas klar: Er musste seinen Beruf wechseln.
Wie, du hast gekündigt? Annemarie sah ihn erstaunt an.
Genau! Ich habe heute meine Kündigung eingereicht, Lukas zuckte mit den Schultern.
Und was hat dein Chef gesagt? Einfach unterschrieben?
Willst dus glauben? Er hat mich gebeten zu bleiben, sogar eine Gehaltserhöhung angeboten. Das ist schon bitter. So oft habe ich ihn darauf angesprochen, da wurde er nur ausweichend. Aber kaum ist die Kündigung da da ist plötzlich alles möglich.
Lukas sah, wie Anne ihm lächelte.
Hast du keine Angst? Immerhin trägst du Verantwortung: Familie, Kinder.
Ich wünschte, ich könnte sagen, ich hätte keine Angst aber ich habe Angst. Doch diesmal ist es die richtige Angst.
He, wir stehen doch alle hinter dir, sagte Annemarie und sah ihn so an, dass Lukas wieder diese Wärme spürte, die ihn alles schaffen ließ.
Hatte er wirklich über eine Trennung nachgedacht? Wegen ein paar Kilos? Was für ein Unsinn! Es gab kein zu viel bei seiner Anne.
Was möchtest du denn jetzt machen? fragte sie ihn.
Natürlich Möbel entwerfen! Ich habe schon ein paar kleine Modelle skizziert, ideal für kompakte Wohnungen. Soll ich dir zeigen?
Anne nickte. Lukas griff nach seinen Entwürfen und dachte, dass das Leben zu kurz ist, um nicht das zu tun, was einen glücklich macht.
Manchmal braucht es Mut, alles zu ändern aber am Ende lohnt es sich, denn Glück findet nur, wer seinem Herzen folgt.





