Petra – Eine Erzählung

Peterle Eine Geschichte

Das Fenster im Krankenzimmer stand offen. Am Morgen hatte es die Schwester aufgerissen. Draußen war die Luft frisch, der Vorhang wehte leise, das satte Grün der Bäume wirkte wie eine postkartentaugliche Einladung ins Leben, und von der stickigen Mittagshitze war noch lange keine Spur.

Peterle hatte sich den Blinddarm entfernen lassen. Die Ärzte meinten, die OP sei knifflig gewesen, gerade noch rechtzeitig aber Peterle war mutig wie ein Holzfäller auf einer deutschen Tanne.

Bist du nicht kitzlig, mein Held?, scherzte die Schwester früh, während sie Luftbläschen aus der Spritze jagte.

Peterle drehte sich mürrisch auf die Seite. Aufstehen durfte er eh noch nicht.

Wen will die hier beeindrucken…

Hergetragen hatte man ihn aus einer Hinterhofecke in Mainz. Da kam der Schmerz. Nicht, dass er obdachlos gewesen wäre, er wuchs halt im Kinderheim auf. Mit den anderen Jungs waren sie heimlich vom Markt gekommen hatten versucht, sich ein paar Euro dazuzuverdienen. Und dann erwischte sie die Sache.

Das Einzige, was ihn wurmte, war, dass er Lenzi und den kleinen Sebastian erwischt hatte jetzt war im Heim sicher Alarm. Schon am Tag nach der OP stand Frau Kirschbaum, die stellvertretende Heimleiterin, im Zimmer. Sie spielte die besorgte Mutter. Peterle war nach der Narkose noch im Nebel: Er wusste nur, dass sie gekommen war, sich über ihn beugte alles andere vergaß er.

Ach, warum musste es ihn bloß draußen erwischen? Im Heim, um die Ecke, hätte ers noch geschafft. Aber so ist das Leben…

Wenn einer schuld war, dann die Aprikosen. Die Händler hatten ihnen eine Kiste angeditschte Früchte geschenkt, aber die waren gar nicht so übel! Zuckersüß! Kein Wunder, dass sie reingehauen hatten Völlerei endet eben manchmal auf dem OP-Tisch.

Na, tapferer Bursche. Wie gehts uns denn? Ein älterer Arzt, seine Unterarme wie ein Waldboden nach einem Regenschauer, beäugte den Verband. Das Schlimmste ist durch. Jetzt musst du vor nichts Angst haben.

Hatte ich auch nicht, trotze Peterle, wie mans von Pfälzern kennt.

Jaja, mutig und groß. Aber jetzt gilt: Keinen Besuch, keine Süßigkeiten. Du kriegst am Abend roten Grießbrei. Bis dahin: Geduld! Alles andere ist verboten.

Peterle nickte aus reinem Anstand. Wer hätte ihm auch was mitbringen sollen? Im Heim war er jetzt eh auf der Abschussliste weil er weggelaufen war und die Erzieher reingelegt hatte. Zum Markt sind sie schließlich durch ein Loch im Zaun gekrochen! Und dann musste ER unbedingt die Show machen…

Was den Mut anging, hatte der Arzt leider recht. Peterle war nicht nur mutig das Leben hatte ihn dazu erzogen. Seine Mutter hatte ihn vermutlich aus Versehen bekommen und nicht abgetrieben, weil das Geld dafür fehlte (realistisch betrachtet). Zehn war er mittlerweile, und wie alle Heimkinder redete er darüber ganz sachlich. Mit Groll kannte er sich nicht aus. Im Gegenteil: Er war dankbar, dass sie ihn geboren hatte. Auch wenn das große Ich-will-dich-nicht-Kreuz auf seiner Geburtsurkunde stand trotzdem, danke!

Bis zu seinem dritten Geburtstag war er im Säuglingsheim, dann im Kinderheim in Wiesbaden, dann irgendwo bei Worms gelandet. Und solange er zurückdenken konnte, war sein Leben ein Hand-to-Mund-Überlebenskampf.

Erinnerungen? Prügeleien ums Essen in der Kantine. Dabei war Merkel noch Schülerin, alles war friedliche Kohl-Ära, aber das Personal nahm großzügig für Daheim mit die besten Sachen im Kofferraum.

Ach, es ging nicht mal nur ums Essen es war immer Wettbewerb, um alles und jeden. Peterle war kräftig, holte alles mit Fäusten raus, brach sich ab und zu einen Knochen. Die wandernde Friseurin heulte fast, wenn sie seine kahle Birne sah Narbe auf Narbe.

Warum jammern? Peterle weinte nie. Wegen eines Bauchschnitts oder Spritzen sollte er jetzt Muffensausen kriegen? Lächerlich!

Er mochte Erwachsene ohnehin nicht besonders. Sie waren ihm zu kalt, zu berechnend. Er war kein kleiner Charmeur, keine süße Kleine zum Knuddeln, sondern großklappenmutig, direkt, manchmal schon grantig.

Gib acht, Vogel! Wenn du was vorhast, landets du im Isolierzimmer!, knurrte Frau Kirschbaum regelmäßig.

Er widersprach nicht, aber zu spuren hatte er auch nie vor. Er lebte längst nach eigenen Regeln.

Da gabs nur eine Erwachsene, an die er manchmal dachte. Wie andere Kinder mit ihren Müttern quatschen, unterhielt er sich im Kopf mit dieser Frau, die irgendwann mal aufgetaucht und wieder verschwunden war. Er war da sechs, sie kam als neue Erzieherin welcher Rang auch immer, war ihm egal. Er erinnerte ihre freundliche Stimme, eisblaue Augen, warme Hände und ein ganz bestimmtes Parfüm. Manchmal, wenn alles zu viel wurde, summte er sich leise das Lied vor, das sie für ihn gesungen hatte:

Katerchen, Kater, grauer Schwanz wie Schiefer,
Schlaf nun ein, schlaf nun ein.
Weiche weiße Pfoten, Ohren sind wie Tinte,
Schlaf nun ein, schlaf nun ein

Auch als Peter längst ein großer Junge wurde, fiel ihm diese simple Melodie in den schlimmsten Stunden ein. Er summte sie, stellte sich das Handwärmebild vor und es half.

Die Frau verschwand irgendwann, ließ nur ihre Stimme und ihre Melodie zurück. Er kannte ihren Namen nicht mehr in seiner Vorstellung nannte er sie Mama. Wahrscheinlich war sie nur eine Aushilfskraft. Aber man darf ja mal träumen.

Die Schwester schloss das Fenster bald wieder, bezog das Bett gegenüber. Endlich zog jemand ein, dachte Peterle alleine wars langweilig.

Kurze Zeit später rollten Ärzte und Schwestern ein Bett herein, viel Gewusel. Von seiner Seite aus konnte Peterle nicht viel sehen, aber dann doch: Auf dem Bett lag ein schmaler, spitznasiger Junge mit Infusion. Am Ende blieben nur Schwester und ein Mann im Arztkittel.

Keiner von ihnen redete viel. Es fiel höchstens ein Wort.

Er schläft gleich, sagte die Schwester.

Danke.

Falls was ist, sagen Sie Bescheid…

Natürlich.

Sie ging. Der Mann blieb reglos am Bett, stützte den Kopf, als würde er auch gleich wegdösen. Der Junge schlief ohnehin.

Es war heiß trotzdem behielt der Mann Sakko und Kittel an. Peterle fand, der müsste doch eingehen.

Er drehte sich, die Matratze quietschte. Der Mann schaute auf. Tiefe Ränder unter den Augen, aber ein freundliches Lächeln.

Hallo, flüsterte er als hätte er eben erst gemerkt, dass da noch jemand lag.

Hallo, murmelte Peterle zurück.

Der Mann riss sich zusammen, sah kurz zu seinem Sohn, nahm den Stuhl und setzte sich sanft an Peters Bett.

Blinddarm draußen?

Jupp. Komplett rausgenommen.

Na dann. Darfst noch nicht aufstehen?

Nee.

Magst du was?

Mir ist nix erlaubt. Muss den Tag nüchtern bleiben. Und, sein Problem? Ein Kopfnicken zum Bett des Jungen.

Der Mann zuckte, zog die Brauen zusammen. Eine andere Krankheit… Sag, ists für dich okay, wenn ich ein bisschen hier bleib? Ich helf notfalls. Wenn du Besuch kriegst, geh ich raus

Klar. Was sollte Peterle auch dagegen haben?

Der Mann rückte den Stuhl zurecht und stellte sich mit leiser Stimme vor: Er heißt Simon, ist elf. Und du?

Peter. Zehn.

Danke, Peter. Für was, das wusste er zwar nicht, aber: bitte schön.

Den nächsten Tag glich das Zimmer einem Taubenschlag. Morgens wurde Simon eine Infusion gelegt, der Arzt kam gleich mehrmals. Der Vater blieb auf dem Klappbett, redete sanft auf seinen Sohn ein. Simon bewegte die Finger und drehte sein Gesicht, die Augen blieben zu. Es sah aus, als würde er schlafen.

Gegen Mittag brachte eine ältere Dame ein Ehepaar und eine junge Frau. Simons Mutter. Eine große Frau mit krauser Mähne und markanter Nase. Ihr Blick war rot umrandet, ausgeweint. Man führte sie an den Platz neben ihren Sohn, und sie streichelte ihn endlos.

Vielleicht setzen wir Peter in ein anderes Zimmer?, regte Simons Vater leise beim Arzt an seine Frau wollte er schonen.

Ja, noch heute, meinte der Arzt und kam zu Peter.

Wie ists? Tuts noch weh?

Ein bisschen, log Peter, denn heute Nacht hatte er kaum Schlaf gefunden. Die Wunde brannte, er hatte Angst, sich zu drehen, und der Katheter nervte. Essen hatte er eh nicht bekommen.

Wir helfen dir gleich raus ausm Bett heute darfst du. Umziehen und Nachbarzimmer, das macht die Schwester…

Er hätte längst aufstehen wollen, aber Schwester lies auf sich warten; ständig Leute rein und raus.

Heute dämmerte Peterle erst so richtig, dass Simon wohl sterben würde. Er wachte nicht auf, alle tuschelten, niemand lachte, alle waren gedrückter Stimmung.

Am Tag kümmerte sich Simons Cousine um ihn, eine blasse junge Frau. Peter schämte sich ihrer Gegenwart, als die Schwester kam, um den Katheter zu entfernen. Ich… er hatte Angst, sich vor der Cousine präsentieren zu müssen, aber die Schwester winkte ab.

Jetzt mach dich nicht wichtiger als du bist! Ich bin fix! Los, her mit dem Ding, fertig.

Sie hatte Recht das ging schnell. Peter genoss die frische Bewegungsfreiheit, aber nackt wusste er nicht mal, wo seine Sachen lagen. Die Cousine starrte abwechselnd zu Simon, aus dem Fenster oder nervös auf den Boden. Als die Schwester weg war, ärgerte ihn der Gedanke, gar nicht gefragt zu haben, wo seine Sachen geblieben waren.

Als die Cousine dann merkte, dass er sich aufzurichten versuchte, fragte sie knapp: Brauchst du Hilfe?

Ach nee, der Kreislauf wurde weich, er ließ sich wieder fallen. Doch bereits nach einer Minute saß er erneut an der Bettkante.

Wissen Sie zufällig, wo meine Sachen hingekommen sind?, fragte er die Cousine.

Ich erkundige mich. Bleib aber bitte bei Simon, okay?

Peter versuchte, sich im Bademantel auf Toilette zu retten. Die Beine wackelten, er war unsicher und schaffte es gerade so zur Kloschüssel und zum Spiegel. Tja Die Augenringe schwarz, die Lippen weiß eigentlich sah nur das tiefe Schwarz seiner Augen lebendig aus. Er hatte den Spitznamen Rabe mit Nachnamen Vogel, und wirklich, sein Blick schwarzer als jede Krähenfeder. Im Heim war das fast ein Orden.

Nach dem kalten Wasser im Gesicht fühlte er sich besser. Vermutlich hatte Lisa so hieß Simons Cousine für ihn interveniert. Es gab endlich Grießbrei.

Kannst jetzt selber zur Kantine gehen, wenn du hungrig bist!, witzelte die Putzfrau.

Der kann kaum stehen! Der bleibt sitzen, ich brings ihm schon, protestierte Lisa, Mehr gibts eh nicht für ihn.

So oder so, Peterle wurde ruhelos. Er stromerte im Zimmer herum, stellte sich neben Simon, studierte den blassen Jungen beinahe mädchenhaft schön. Ganz seiner Mutter, vor allem diese Locken! Nur schrecklich dünn.

Stirbt er?, fragte Peter kein Mensch kann so direkt und schonungslos sein wie Heimkinder.

Lisa zuckte. Wir wissens nicht. Ja, Simon ist sehr krank. Viele Operationen viel zu hart für so einen Jungen… Aber manchmal gibts Wunder?

Weiß nicht. Peter ließ sich auf sein Bett plumpsen.

Er dachte darüber nach, was für ein Leben Simon geführt hatte. Ein richtiges Familienkind! Mutter, Vater, Großeltern und Verwandte… alles da. Und trotzdem bekam er die K.O.-Karte.

Das nennt man wohl Pech…

Letztlich wurde Peterle doch umgelegt ins Seniorenzimmer, als er Fieber bekam. Da lag er allein unter Greisen, langweilte sich zu Tode und stromerte heimlich zurück zu Simon rüber. Niemand schmiss ihn raus.

Sein Entlassungstermin wurde verschoben, das Fieber pingte zwischen 38 und 40, wie Bahnpreise im Herbst.

Inzwischen wusste Simons Vater Herr Dietrich Engelhardt mit vollem Namen alles über Peterle. Er hatte ihn langsam ausgefragt, teils auch, indem er zusammenpuzzelte, was die Schwestern tuschelten. Er brachte Peter dann ein bisschen Kleidung. Klar: fremde Klamotten trug Peter eh lieber als gar keine. Doch als er Simons Kleidung in der Hand hielt, schaute er zu dem Jungen.

War das seins?, fragte er skeptisch.

Von ihm…

Und wenn er nicht stirbt?

Dietrich schaute verstört. In ihrer Familie sprach niemand das Wort Sterben laut aus. Alle warteten auf Simons Tod, aber niemand sagte es. Wie kann man über den einzigen Sohn so reden? Sogar die Mutter, Sonja, zerbrach daran.

Nur einmal warf Sonja Dietrich vor den Kopf: Wieso? Wieso? Wir haben alles getan und trotzdem stirbt er denkst du, das hilft mir weiter?!

Wenn die Seele stirbt, zieht der Körper oft nach. Sonja war nach Simons Todesdiagnose völlig zusammengebrochen, jetzt wurden auch ihr Beruhigungsspritzen verabreicht.

Peter fragte erneut: Und wenn er nicht stirbt?

Dietrich wollte eigentlich ehrlich antworten mehr sich selbst gegenüber.

Er wird es nicht schaffen, Peter. Es tut mir leid, sagte er, und die Worte schmeckten wie zu sauer gewordener Wein.

Tut das weh, zu sterben? Peter drückte Simons Hemd ganz fest an sich, starrte auf den Jungen.

Dietrich konnte das Mitgefühl ablesen. Der Junge hatte doch ein großes Herz. So viele Tage hatte er neben Simon verbracht, alles mitgehört, alles miterlebt und wenn einer Schiss hatte, dann so ein Heimkind.

Nein. Es geht schneller als Einschlafen. Und wir sorgen dafür, dass er keine Schmerzen hat. Dafür sind wir hier.

Aber er bewegt sich noch.

Ja, wir reden auch noch mit ihm. Vielleicht hört er uns. Sicher wissen wir es nicht.

Die Familie wich kaum von Simons Seite. Nur einmal ging Dietrich abends hinaus und ließ Peter mit Simon allein. Als er zurückkam, blieb er in der Tür stehen.

Peter hielt Simons Hand und flüsterte:

… und ich hab keine Ahnung, wo meine Mutter ist. Vielleicht lebt sie gar nicht mehr. Hat mich halt abgegeben na und? Ich wär nicht böse. Würde ihr sogar verzeihen, wenn sie mich besuchen käme. Echt, das mein ich ernst. Also… du bleibst jetzt gefälligst hier! Sieh mal, wie deine Mutter heult! Und dein Vater… So einen hätte ich auch gern. Pass auf, Hemd und Hose bring ich zurück, versprochen! Bin eh kein Schmutzfink. Hab sowieso zu viel Zeug. Halt dich ran, Freund!

Dietrich räusperte sich, oder besser: musste wirklich schlucken da saß der Kloß fest. Peter sprang erschrocken auf.

Er hat meine Hand gedrückt! Wirklich! Er hat mich gehört. Glauben Sies mir?!

Ich glaub dir, Peter. Ich glaub dir wirklich.

Jeden Tag wurde der Tod Simons erwarteter doch das Wort war tabu. Simon, elf, das Sorgenkind, Hoffnung, einziges Licht… Die Diagnose: Muskelschwund seit etwa acht, dann alle Organe: Herz, Lunge, Darm ein Marathon durchs deutsche Gesundheitssystem. Berlin. München. Heidelberg. Die medizinische Elite hatte ihn bis jetzt durchgebracht. Simon war tapfer, klagte nicht, nahm es hin.

Die Hauptlast trug Mutter Sonja, die Nacht für Nacht an Simons Bett saß, überall anrief, Ärzte bestürmte, Kirchen betete. Dietrich blieb an ihrer Seite war der Fels. Ihre Kraft reichte nun nicht mehr die Ärzte setzten Sonja auf Beruhigungsmittel.

Rede mit ihm, Peter. Rede. Ich glaube, er mag das und freut sich.

Auch für Dietrich selbst waren diese Monologe Peters wie eine Lebensversicherung. Oft lauschte er draußen im Flur:

… als mir Saraceno den Arm gebrochen hat, hats kurz geflattert vor den Augen, aber ich hab nicht geheult! Die wollten Tränen sehen, dass ich aufschreie, hab ich nicht gemacht. Ich hab nur gesagt: Komm schon, brich ganz durch! Dann ist der Typ heulend los gerannt. So ist das im Heim. Weißt, das heilt, und du kommst auch durch. Mach schon, Kumpel, werde wieder gesund!

Simon starb in einer Nacht, und keiner sagte es Peter. Der wartete nicht auf den Morgen, ging zum Frühstück und schielte später in Simons Zimmer.

Da lief ein fremder Teenager rum, richtete seine Sachen ein.

Wo issn…? Peter nickte zur frisch bezogenen Matratze.

Keine Ahnung, vorher war keiner da.

Peter stürmte zur Schwester, dann in die Stationszimmer, suchte seinen Arzt, fand nicht mal den, fragte einen anderen:

Wo ist Simon? Ums Zimmer gebracht?

Simon? Ach… Du weißt ja, er war schwer krank…

Ist er tot? Peter mittendrin.

Der junge Arzt nickte.

Kommt leider vor.

Peter wich rückwärts aus dem Zimmer wie ein angeschossener Rehbock. Jetzt war er wirklich sauer auf alles und jeden im Krankenhaus.

Blöde Ärzte, unfähiges Personal!

Wie hätte er seine Wut zeigen sollen? Im Flur putzte die Reinigungskraft gerade den Boden, Peter kickte das Wassereimerchen gegen die Wand, es schwappte quer durch den Gang. Die Schwester schrie, die Ärzte kamen, alle zeterten. Peter knallte die Tür zum Zimmer so zu, als endlade er eine Familienpackung Frust, setzte sich hin, Hände über die Ohren.

Riesenklinik! Haufenweise Ärzte und für Simon war doch keine Rettung drin. Keiner hat irgendwas gebracht!

Warum Simon sein Freund war, obwohl er nie bei Bewusstsein war, wusste Peterle auch nicht so genau. Aber sie wurden es. Peter erzählte ihm alles Mutter, die Frau mit der Wiegenliedstimme, die Schlägereien, die Narben…

Einmal, in einer Nacht, träumte Peter, Simon setzte sich aufrecht, lächelte traurig und leise und bat, dass er ihn einfach sitzen lasse. Mit seiner fast mädchenhaften Stimme erzählte er von Meerurlauben, von Oma und vom Opa der selbstverständlich General war , von Schulfreunden und einem Zimmer mit allem Drum und Dran. Von einer Mutter, die morgens zum Aufstehen da war…

So bastelte sich Peterle sein Bild vom Familienleben zusammen. Klar, manches war übertrieben, aber vielleicht, weil er noch nie Familie hatte, schienen ihm Wohnungsdetails von Fernsehserien logisch: Im Wohnzimmer schlafen alle nebeneinander in Einzelbetten, jeder hat sein eigenes Schränkchen im Flur, donnerstags ist Fisch-Tag, und die Mutter rührt den Frühstückstee mit einem Suppenschöpfer um.

***

Merkwürdig, aber Dietrich fühlte sich nach Simons Tod erleichtert. Nicht, weil er seinen Sohn nicht liebte oder ein schlechter Vater war im Gegenteil. Aber Simon hatte schon lange nicht mehr gelebt, nur noch dagelegen. Ohne die Geräte hätte er nur gelitten. Jetzt wars vorbei.

Nun hieß es, weiterzumachen, und irgendwie Sonja zum Weiterleben zu bewegen.

Immer öfter musste Dietrich an Peter denken. Klar, Adoption stand erstmal nicht auf dem Zettel, Sonja wäre noch nicht bereit. Simon war durch nichts zu ersetzen. Sein Porträt stand nun in der Mitte des Wohnzimmers Sonja saß oft davor, zündete Kerzen an, ging in die Kirche, täglich zum Friedhof. Vor acht Jahren hatte Sonja eine Eileiterschwangerschaft mit Not-OP Kinder? No Chance.

Und Peterle? Nie Eltern, nie Familie…

Natürlich war Peter ganz anderes als Simon, roher, eigensinnig, rabenschwarzäugig. Aber Dietrich hatte gemerkt, wie ehrlich Peter sprach eine helle, unverdorbene Seele.

Weißt du, Sonja, Peter ist jetzt entlassen. Die haben ihn lange behalten, jetzt ist er raus.

Warum überhaupt? Warum tust du dir das an? Sonja blickte verwirrt.

What for? Bestimmt nur, weil die Unterlagen für Simon da lagerten…, Dietrich zuckte mit den Schultern, schmunzelte, Peter hat wohl einen Aufstand gemacht, als er Simons Tod erfuhr. Hat alle zusammengestaucht.

Kindskopf, seufzte Sonja.

Jep. Ganz genau.

Mach dir um mich keine Sorgen. Ich komm zurecht.

Okay.

Aber red mir jetzt bloß nicht vom Jungen. Noch nicht!

Dietrich ließ den Ton.

Aber an den Wochenenden fuhr er zum Heim. Irgendwie musste er das klären. Peter hatte beim Krankenhausaufstand erwähnt, wie es da läuft nicht gerade heimelig. Die Leitung blockte ihn bei Besuchsanfragen ab, misstrauisch, ausweichend. Die Direktorin war von Anfang an grantelnd, so bemühte sich Dietrich nicht weiter.

Es war aber eher ein Ansporn als Abschreckung. Er erinnerte sich an seine Schulfreundin Tanja Seifert, die im Jugendamt arbeitete.

Er besorgte sich ihre Adresse und erschien einen Tag später bei ihr. Sie verstand alles sofort, hörte mitfühlend zu und versprach, sich zu kümmern aber das Wichtigste seien Sonjas Einwilligung und Peters eigenes Okay.

Dietrich ließ trotzdem nicht locker fuhr ins Jugendamt, holte den Dokumentenstapel. Die Beamten zeigten sich erstaunlich offenherzig, wollten sogar ein Treffen einrichten.

Seiner Frau sagte er nichts. Aber seinem Schwiegervater und Simons Cousine Lisa erzählte er alles. Lisa fand Peterle super. Sie würden versuchen, Sonja zu überzeugen.

Aber wenn Sonja das Thema Peter ansprach, weinte sie.

Er wird Simon nie ersetzen! Warum versteht ihr das nicht?

Es geht nicht um Ersatz, Sonja! Peter ist ein Waisenjunge. Wir… jetzt auch. Er ist anders, schwierig, Heimkind eben. Aber kein Ersatz. Du hättest hören sollen, wie er mit Simon geredet hat. Wie viel ihm Simon bedeutete! Er wollte so sehr, dass er wieder aufwacht! Der Junge gibt Mut, auch einem Erwachsenen. Schwer zu erklären. Lern ihn doch einfach mal kennen…

Nicht jetzt… Lass mich.

Ein erster Schritt war gemacht.

Dann, zum ersten Mal, besuchten sie Peter im Büro der Heimdirektorin. Er saß steif wie ein Gartenzwerg, Hände weiß gekrampft, keinen Blickkontakt, schüttelte nicht mal Dietrich die Hand.

Tanja war dabei, hielt sich im Hintergrund. Dietrich verstand: Es war für den Jungen eine Ausnahmesituation. Im Krankenhaus war er so anders gewesen.

Er wollte ihn am liebsten umarmen und beruhigen, doch wusste nicht wie. Sonja beobachtete ihn kritisch, Tanja schwieg. Dietrich begann, belangloses Zeug zu erzählen irgendwie die Stille zu füllen.

Peter war so nervös, dass sie ihn früher gehen ließen.

Der tapfere Peter jetzt auf einmal scheu wie ein Karnickel.

Hab den Eindruck, er will gar nicht zu uns…, klagte Dietrich im Auto.

Das täuscht, sagte Tanja, Er träumt sogar davon. Aber er hat unfassbare Angst, eure Erwartungen nicht zu erfüllen. Ihr seid echte Eltern, so hat er sie nie erlebt. Jetzt ist er besessen von euch. Mehr als je von irgendwem. Aber er glaubt nicht, dass er euch verdient.

Wir sind so gruselig?, fragte Sonja.

Nein. So echt. Das macht ihm Angst.

Schließlich vereinbarten sie einen Probenachmittag. Peter hatte zwar noch nicht Ja gesagt, aber Sonja war immerhin bereit.

Nachdem Dietrich ihn von Heim abholte, setzten sie sich in die edle Küche. Peters Hände klitschnass, er starrte die Tasse an. Er fürchtete, etwas falsch zu machen aß nichts, klapperte auch nicht mit dem Geschirr und hob schon gar nicht den Blick zu diesem perfekt polierten Zuhause. Es war viel zu wenig Platz um ihn herum, viel zu viel Familie.

Vor Sonja hatte er beinahe allergischen Respekt.

Als Dietrich die Löffel fallen ließ, zuckte Peter zusammen: Fantastisch…, murmelte er, das Schimpfwort war besser hier nicht auszupacken.

Dietrich grinste. Fantastisch, total! Jetzt aber rein mit den Klößen, du Hungerhaken!

Peter schob ein winziges Stück Kartoffel in den Mund, kaute unsicher, kaute und kaute…

Mensch, Junge! Lass locker!

Dann kam Sonja: Peterle, magst du Simons Zimmer sehen?

Da blitzte Leben in seinem Blick auf, er nickte heftig.

Im Zimmer sah er direkt das große Simon-Porträt: Ein anderer Junge als im Krankenhaus lachend, lebendig, voller Freude auf dem Foto. Es war, als spräche Simon zu ihm: Nur Mut, Kumpel!

Ach! Hey Simon! Hallo!, Peter ging sofort zum Bild, befühlte den Rahmen, sagte zu Sonja: Hier war er dicker.

Ja, er war nicht immer so krank und mager. Erst… na ja, kurz vor… Sie brachte das Wort Tod nicht heraus.

…vor seinem Tod, ja. Zeigen Sie mir, wie er hier gelebt hat?

Sonja verstand nicht ganz, aber brachte ein dickes Fotoalbum.

Möchtest dus allein anschauen? Ich kanns nicht… zu viele Erinnerungen.

Peter setzte sich, blätterte. Sonja stand am Fenster, konnte aber dann doch nicht anders und kam dazu.

War er das, als kleiner Wicht? Er zeigte aufs Bild.

Sonja nickte und setzte sich schließlich dazu. Gemeinsam schauten sie Foto für Foto. Peter fand alles lustig, spannend, wunderbar stellte Fragen wie ein Reporter bei einer Wahl.

Dann, plötzlich, suchte er ein Bild vom Strand raus: Ach! Das Meer! Er hat mir erzählt, ihr wart da!

Sonja schluckte. Er hat erzählt… Peter, er konnte da nicht mehr sprechen.

Peter blickte kurz verlegen, dann trotzig: Zu MIR hat er geredet!

Sonja hakte nicht nach. Sie schaute ruhig mit ihm die Erinnerungen durch. Es war irgendwie tröstlich mit diesem seltsamen Jungen. Der Gedanke, mit ihm Simons Tod zu akzeptieren, war weniger schmerzhaft als ganz ohne.

Nach einem langen Seufzer fragte sie. Peter, wenn wir dich adoptieren wollen würden würdest du zustimmen?

Er verkrampfte sich, blätterte noch ein wenig.

Weiß nicht Simon war wirklich nett. Und ich? Naja. Ich hab das nie gelernt…

Da nahm Sonja ihn blitzartig in die Arme, fest, vielleicht etwas zu fest.

Na und? Du wirst nicht Simons Ersatz. Wir nehmen dich einfach als Freund dazu…

Das war Peter fast unheimlich Berührungen überforderte ihn, als hätte er eine Berührungsallergie. Dennoch fühlte er den Duft, die Wärme einer Frau, einer Mutter vielleicht. Er versuchte, das zu überspielen, blätterte monothematisch weiter durchs Album, Sonja wiegte ihn ein bisschen.

Peterle hatte noch nie geweint. Wirklich nie.

Doch jetzt kroch der Kloß hoch und schon kullerten die Tränen. Er schniefte.

Du weinst? Peterle? Nicht weinen, bitte! Sonst fange ich auch an! Sei stark, du bist unser Mann! Und starke Männer dürfen auch schwach sein, Sonja wischte die Tränen aus seinem Gesicht.

Diese Worte hatte er doch schon mal gehört…

Das Fenster im Wohnzimmer war wieder offen. Die Luft war frisch, der Vorhang blähte sich, das Grün draußen glänzte. Und vom Bild her schaute sein Freund Simon verloresanft und zufrieden als würde er ihm zuzwinkern.

Ganz klein wurde Peter plötzlich und fragte: Kennen Sie ein Lied? So was wie: Katerchen, Kater, grauer Schwanz wie Schiefer, schlaf nun ein, schlaf nun ein?

Schon mal gehört. Ein Wiegenlied, glaube ich. Soll ichs lernen?

Peter schniefte und nickte. Mehr wollte er gar nicht…

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Homy
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