Brief an den Vater
Also wirklich, Benedikt, du bist vielleicht ein Original! Das hätte ich von dir nie erwartet! sagte Gudrun schroff, genehmigte sich keinen Anstand und wischte sich die Nase kurzerhand am Ärmel ihrer Bluse ab.
Diese festliche Bluse hatte ihre Mutter ihr selbst genäht. Der Stoff, ein alter Seidenrest, war aus dem Familienschrank gezogen worden, nicht ohne dass die Mutter tief geseufzt hatte es fiel ihr schwer, sich von diesem schönen Stück Stoff zu trennen. Aber schließlich setzte sie sich doch an die alte Singer und nähte ihrer Tochter ein neues Kleidungsstück.
Ja, das Mädchen wurde älter. Neue Kleider mussten her. Wer sollte ihr denn noch nachschauen, wenn sie nur nachlässig angezogen wäre?
Vielleicht hätte Mama einfach nicht so viel Mühe investieren sollen… Was hat es gebracht? dachte Gudrun, während sie dem Rücken ihrer ersten großen Liebe hinterherblickte.
Er stampfte davon, ihr Benedikt, in seinem selbstbewussten Bundeswehr-Schritt, drehte sich nicht ein einziges Mal um.
Das tat weh, mehr als alles andere.
Gudrun schluchzte noch einmal auf, erinnerte sich aber gleich daran, dass sie sich gegen Mutters Verbot noch schnell die Wimpern getuscht hatte. Das bedeutete, dass sie nicht weinen durfte. Tränenruinen waren jetzt tabu.
Benedikt Bene, Ben.
Geliebter und Einziger! Sechs Monate ihres jungen Glücks, sie hatte es genau gezählt. Seit dem Tag, an dem sie sich begegnet waren, war jetzt genau ein halbes Jahr vergangen.
Sechs Monate, und doch war so viel geschehen…
Benedikt drehte sich tatsächlich ein einziges Mal um, aber Gudrun tat, als würde sie es nicht bemerken.
Wozu auch? Sie kam mit einer so großen Nachricht, und er wendete sich einfach ab? Soll er doch laufen! Seemann, Seemann, weit hinaus aufs Meer! Lieber die große Freiheit als die Verantwortung? Bitte, nicht mein Problem! Sie ist ja nicht mehr klein! Sie wird schon allein ein Kind bekommen und großziehen! Um Erlaubnis muss sie niemanden bitten! Zu viel Ehre wärs noch für ihn!
Gudrun war wütend, aber tief in ihr drin nagte eine scharfe, quälende Kränkung.
Wie das nur hatte passieren können. Er hatte doch gesagt, dass er sie liebt und ihr alles versprochen, was sie sich je nur wünschen könnte! Er hatte sogar von Heiraten gesprochen… Aber als sie ihm sagte, dass sie schwanger war? Da drückte er sich? Einfach so?
Naja… Gesagt hatte sie es ihm eigentlich auch nicht direkt. Sie hatte nur angedeutet, dass aus ihren rar gesäten Treffen am Wochenende doch mehr werden müsste. Darauf er nur: Mich ruft das Meer. An seinen Plänen für die Zukunft würde er jedenfalls nichts ändern. Wenn sie ihn liebe, solle sie doch mitkommen, raus an die See.
Als ob sie ihre Mutter einfach so verlassen würde. Und dann noch mit Babybauch ans andere Ende des Landes, wo sie niemanden kannte?
Nein, das kam ihr nicht infrage!
Gudrun stand auf, strich sich den Rock glatt und zupfte an ihrer Frisur. Es mochte nur ein kümmerlicher Zopf sein, doch ein wenig Dauerwelle bewirkte Wunder da hatte Mama mal wieder recht: Äußeres zählt eben. Kuck Benedikt zum Beispiel an kein Hingucker, eher blass und schmächtig. Und doch liefen die Mädchen ihm scharenweise nach, denn er war klug, charmant, konnte auch ernst sein. Obwohl er in der Schule nicht gut war und nur durch Glück die mittlere Reife geschafft hatte, konnte er doch gut mit Menschen umgehen
Und sie selber? Auch nicht gerade mit Bravour durchs Leben gegangen. Sie hatte ihre Ausbildung am örtlichen Berufskolleg gemacht und wollte von weiterem Lernen nichts wissen, auch wenn Mama darauf bestand. Hatten sich sogar so gestritten, dass sie fast vier Wochen kein Wort mehr miteinander gesprochen hatten ein Novum!
Aber jetzt wusste Gudrun, was für sie wirklich zählte. Was sollte ihr ein Diplom bringen, wenn sie beim Bauunternehmen im Ort auch ordentlich verdiente? Sie schickte sogar Geld nach Hause, und für sich selbst reichte es auch.
Nach einer Weile hatte sich die Mutter gefangen und wieder eingenordet. Schließlich ist eine Mutter doch immer für ihr Kind da, egal was kommt. Aber wie reagierte sie jetzt, wenn sie erfährt, dass sie Oma werden soll? Ob es Ärger gibt?
Natürlich gab es den! Wohin sollte das sonst führen!
Die Mutter schimpfte so laut, dass die Nachbarinnen im Hausflur standen. Aber erklären tat man ihnen nichts. Gudrun hatte nur Ärger bei der Arbeit, hieß es. Familienangelegenheiten blieben eben Familiensache.
Wie konnte das nur passieren, mein Kind? Hab ich dir nicht immer gesagt, lass dich erst auf einen Mann ein, wenn du verheiratet bist? Wen willst du noch beeindrucken?! Ach, Benedikt, dem hätte ich das nie zugetraut! Sieht sonst so nett aus, und jetzt so ein Schuft! Na warte, den schnapp ich mir noch! Und er ist abgehaun, als er vom Baby erfahren hat?
Gudrun überlegte, ob sie der Mutter alles erzählen sollte. Doch was hätte es gebracht sie hätte es ihr sowieso nicht geglaubt.
Ja, Mama. Genau so war es.
Ach, mein armes Kind Was machen wir denn jetzt?
Was wohl? Sind wir kleine Mädchen? Wir kriegen das schon hin, Mama! Wenn du mir in den ersten Monaten hilfst, dann ist das gar nicht so dramatisch.
Wie könnt ich dich einfach so im Stich lassen? Was redest du da? Welche Mutter lässt ihr Kind allein, wenn es Hilfe braucht?
Gudrun schloss kurz die Augen und atmete auf.
So, Benedikt, und sie schaffen es auch ohne dich, mein Lieber! Dann fahr raus aufs Meer, wenn dir das wichtiger ist als ein Kind!
Nach einiger Zeit vergaß Gudrun selbst, wie das Gespräch mit Benedikt im Detail verlaufen war. Sie wurde fester darin, dass sie ihm alles gesagt hatte, und er ihr daraufhin die kalte Schulter gezeigt hatte. So hatten sich Zorn und Kränkung tief in ihrer Seele eingenistet, fest miteinander verflochten wie schlangenartige Schwänze, und erinnerten sie immer wieder:
Schau her! Deine Tochter ist ganz wie ihr Vater! Ein kleiner Wirbelwind, ständig muss sie sich drehen und tanzen! Und ewige Nerven kostet sie dich auch! Und erzähl ihr bloß, warum ihr Vater nie da war, als sie klein war! Wie er ging, als hättest du ihn nie interessiert! So wird sie dir auch mal davonlaufen, wenn sie groß ist! Weil sie nicht weiß, was Liebe wirklich heißt. So ist das eben. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm…
Vielleicht war das der Grund, warum Almut, Gudruns Tochter, fest davon überzeugt aufwuchs: Die Einzige, die sie auf dieser Welt wirklich liebte, war Oma und das auch nur je nachdem. Mal wurde sie getröstet, aber wenn die Nachbarinnen kicherten, wurde sie plötzlich weggeschoben:
Geh hin! Geh zu deiner Mutter! Die soll sich kümmern… Ach, warum hat uns der Herr nur so gestraft? Was haben wir nur verbrochen?
Bis sie etwa drei war, dachte Almut, sie hieße arme Kleine oder Sühne. So wurde sie gerufen, und nur in seltenen stillen Momenten nannte ihre Mutter sie zärtlich Almut.
Komm, mein Kind, ich flechte dir die Zöpfe! Wunderschön sind sie geworden… Nicht wie meine eigenen, deine sind so dicht, schwarz wie Rabenflügel! So hatte dein Vater auch schönes Haar dunkel und dicht. Und strahlend blaue Augen, wie das Meer, in das er hinausgezogen ist… Du hast viel von ihm… Leider. Schön bist du, aber Glück das wirst du nie haben.
Warum denn? fragte die kleine Almut traurig und schniefte.
Einfach so!
Die Stimme der Mutter stockte, und Almut verstand: Jetzt besser keine weiteren Fragen. Sie ging lieber zur Oma, drückte ihr Gesicht in die nach Bouletten und Borschtsch riechende Schürze und weinte sich ein wenig aus zuerst über sich selbst, dann über die Mutter, zum Schluss auch noch ein bisschen über Oma. Denn die trug schließlich die ganze Schande auf ihren Schultern, wie alle sagten.
Was für eine Schande das eigentlich war, verstand Almut erst viel später. Erst nach ihrem zehnten Geburtstag, als ihre Mutter auf einmal aufblühte, hübscher wurde, und plötzlich in die Stadt zog auf der Suche nach einem Neuanfang.
Almut blieb bei Oma.
Nun, sie vermisste ihre Mutter nicht sehr. Schon früher war die oft wochenlang weg, um irgendwo zu arbeiten. Irgendwer muss schließlich das Kind ohne Vater ernähren, sagte sie, wenn sie ging. Dann kam sie mit prallvollen Taschen zurück neue Sachen, Naschkram, und dann schimpfte sie mit Oma über die angebliche Dürre des Kindes:
Mama, warum ist sie so dünn? Die Leute denken noch, wir lassen sie verhungern!
Was kann ich machen, sie isst halt nichts! Ein Bissen Brot, und sie ist satt! Wäre die Mutter öfter daheim, würde das Kind auch ordentlich essen! Aber ich? Ich renn auf dem Hof, auf dem Feld und im Haus wie soll ich das alles gleichzeitig schaffen? Sei froh, dass du uns gesund antriffst. Und dann moserst du noch… Besser, du kommst selbst nach Hause und kümmerst dich um deine Tochter…
Ach Mama, hör doch auf! Was willst du? Sie ist schon groß… Nicht schimpfen, schau lieber, was ich dir mitgebracht hab!
Wer braucht schon Geschenke, wenn das Kind fehlt? Ach, ich vermisse dich so! Mein Herz tut schon weh vor Sehnsucht…
Die Mutter wurde jedes Mal wieder traurig, und Almut verzog sich lieber still in die Ecke sie wusste, nun gibts Streit.
Was?! Dir ist langweilig?! Und ich etwa nicht? Noch jung und hübsch bin ich, und wofür? Leb wie ein Einsiedler! Und du hast auch noch was zu meckern! Da fragt man sich: Wozu das alles?! Wenn ich gewusst hätte, was kommt, hätte ich Benedikt damals nie gehen lassen…
Jetzt reichts aber. Gebrannte Kinder fürchten das Feuer! Über Vergangenes zu jammern, bringt nichts…
Mama!
Was?! Du hast ein Kind, dann zieh es groß! Oder schreib dem Vater einen Brief vielleicht holt er das Mädchen zu sich!?
Das soll ich? Ausgerechnet Benedikt meine Almut geben? Niemals! Er hat nie etwas wissen wollen! Und jetzt soll er eine fertige Tochter adoptieren? Nicht mit mir! Ich rackere mich seit Jahren ab der soll kommen und einfach alles mitnehmen?
Dann hör auf zu klagen! Das Kind hört das alles! Du glaubst gar nicht, wie weh das tut…
Sollen Kinder ruhig auch mal was aushalten! Das Leben ist kein Zuckerschlecken! Diskussion beendet! Und wags dir ja nicht, Benedikt einen Brief zu schreiben! Ich weiß, wie du bist!
Der Oma blieb also nichts übrig, als diesen Wunsch zu respektieren vorerst.
Almut steckte mitten in den Abschlussprüfungen, als aus der Stadt Nachricht kam. Die Mutter hatte einen Jungen zur Welt gebracht, und eine Woche später war sie tot ohne Abschiedsworte, ohne Erklärung.
Das hätte auch alles ein Geheimnis bleiben können, wenn Almut nicht so stur gewesen wäre.
Als die Nachricht ankam, packte Oma ihre Sachen und fuhr weg. Almut musste allein auf den Hof aufpassen.
Jetzt müssen wir erstmal sehen, wie es weitergeht, mein Kind… flüsterte Oma, als sie gehüllt in ein schwarzes Tuch Abschied nahm Wovon sollen wir leben?
Oma, ich geh arbeiten!
Das können wir später noch überlegen. Erstmal müssen wir sehen, was mit dem Kleinen wird. Der Vater will nichts davon wissen. Ob ich das noch schaffe, weiß ich nicht…
Oma war weg, und Almut wühlte das ganze Haus um jetzt war es an der Zeit, nach dem Vater zu suchen. Ohne Hilfe würden sie es nicht schaffen…
Sie wusste, was zu tun war. Schon als kleines Kind zeichnete sie dem Vater heimliche Bilder, schrieb ihm ihre Wünsche und Erlebnisse, versteckte ihre Briefe vor Mutter und Oma. Die selbstgebastelten Alben hatte Oma irgendwann gefunden, aber nie ein Wort darüber verloren, sondern immer wieder versucht, der Tochter den Kummer auszureden. Vergebens der Groll auf den abwesenden Vater war fest verwurzelt.
Später wurden aus den Bildern krakelige Buchstaben, und Almut schrieb nun ihre Briefe in Heften voll mit ihren täglichen Sorgen, Freuden und Hoffnungen und mit der Wut auf die ganze Welt.
Nun musste sie das wichtigste aller Briefe schreiben den ersten, den sie tatsächlich abschicken würde…
Die Adresse hatte sie doch noch gefunden, in einem alten, vergilbten Umschlag, den ihre Mutter unter einem verstaubten Bilderrahmen verborgen hatte. Wäre Almut nicht gestolpert, hätte sie ihn niemals entdeckt. Als der Rahmen fiel, zersprang die Glasscheibe, und während sie vorsichtig die Scherben vom Mutterfoto strich, entdeckte sie den Umschlag.
Was ist das denn? Almut zog vorsichtig daran, sah, was sie da gefunden hatte, und fing erst recht an zu weinen. Mama, warum hast du mir das nur angetan? Was hab ich dir bloß getan?
Lange saß sie auf dem Boden, redete mit der toten Mutter, klagte und bat um Verzeihung, ohne recht zu wissen wofür…
Erleichterung brachte das keine.
Verzeih, Mama, aber ich höre nicht auf dich. Du wolltest nicht, dass ich mit Papa Kontakt habe… Aber ich brauche ihn jetzt. Oma sagt, sie ist nicht ewig… Es ärgert mich, dass sie das sagt, aber sie hat ja recht. Wir schaffen das nicht allein. Wenn er wirklich so ein Schuft ist, wie du erzähltest, dann weiß ich wenigstens Bescheid. Ist er es nicht? Nun, dann will ich ihn sehen und hören, was er mir zu sagen hat!
Sie dachte keinen Moment darüber nach, dass vielleicht jemand anders jetzt unter der Adresse wohnte.
Sie dachte gar nicht sie machte einfach.
Den Abend und halbe Nacht schrieb sie an ihrem Brief, auf einer Seite aus einem alten Schulheft brachte sie schließlich drei knappe Sätze heraus, die für sie alles beinhalteten: Ihre Wut, seine Bitte um Hilfe und eine leise Hoffnung, dass der Vater ihr antworten würde.
Am nächsten Morgen warf Almut den Brief auf dem Schulweg ein. Zurück zu Hause, erwartete sie die Oma, die einen winzigen, schreienden Säugling im Arm hielt.
Da bist du, Almut… Das ist Max… Dein Bruder… Oma schluchzte und wandte sich ab, während Almut neugierig das Bündel betrachtete.
Oma, warum ist er so klein?
Normal, du warst noch kleiner. Später wird er schon wachsen.
Wirklich?
Na klar. Jetzt schau nur, wie groß du geworden bist! Und er wird auch noch zulegen.
Oma, und sein Vater?
Sagt, er hilft mit, aber will das Kind nicht aufnehmen. Er hat Wichtigeres zu tun.
Immerhin… Almut ahmte perfekt die Ironie der Oma nach, und die musste trotz aller Sorge lächeln.
Ach, Almut! Ob wir das hinkriegen?
Wollen wir mal! Klar, Oma! Wie alle mit Kindern. Schau, bei Kathrin Müller sind es neun, und sie kommt klar! Sie hat mir schon Babyzeug versprochen, alles was noch von den Zwillingen da ist. Sogar einiges nahezu ungetragen. Babys wachsen halt so schnell. Oder, Oma?
Dass Babys schnell wachsen? Ja, Almut. Viel schneller als man schauen kann. Eben noch hab ich deine Mutter so gehalten, und nun ist sie schon nicht mehr…
Ach, Oma, weine nicht! Sonst heule ich auch! Und Max ist auch schon dabei! Was fehlt dem Wicht? Ist er nass?
Wohl eher hungrig. Ach Gott, ja, es ist Zeit zum Füttern!
Oma wurde hektisch und gab Almut den Säugling in den Arm.
Halte ihn mal. Keine Angst, du schaffst das! Du hast es in den Händen, mein Kind! Und ich hoffe, das hat er auch!
Almut stockte.
Sie hielt zum ersten Mal das lebende Zeugnis ihrer neuen Verantwortung im Arm. Wie hatte sie sich oft gewünscht, dass jemand da wäre, der sie unbedingt brauchte und den sie ebenso brauchte? Oma und Mutter waren nie ganz ihre Menschen gewesen, immer eher ein eigenes Universum…
Später heiratest du und bist weg! Dann brauchen wir dich wohl! Pah! sagte die Mutter, wenn Almut fragte, wie das später wohl sein würde.
Aber Almut hatte sich doch immer gewünscht, dass sie alle zusammenblieben. Eine große Familie, wie bei Kathrin Müller, bei der es laut und fröhlich, aber immer herzlich zuging. Alle Generationen unter einem Dach, alle Kinder und Kindeskinder vereint.
Kathrin lebte mit Eltern und Schwiegereltern zusammen, nannte sie alle eins liebevoll Mama und Papa. Sie führte den Haushalt resolut, wusste: Was sie aus der großen Familie macht, liegt an ihr als Mutter, Ehefrau und Hausfrau. Wenn das Schicksal ihr so viele Kinder schenkte, wollte sie alles dafür tun, dass sie glücklich aufwachsen. Ihr Mann unterstützte sie voll, kleine Zankereien bremste er locker und scherzhaft ab:
Kommt schon! Reißt euch zusammen! So geht das nicht mit der Familie!
Almut hörte das, und nahm sichs zu Herzen. Die Familie ist das Wichtigste!
Schade nur, dass sie im Grunde nur Oma und jetzt Max hatte.
Doch nun war er wirklich da.
Und auch wenn dieser Staubsauger von einem Säugling gerade zwei Wochen alt war, spürte Almut schon das war für immer. Sie brauchte ihn, und er sie. Wie alt er auch werden würde, für sie blieb er immer dieses warme Bündel, das gerade ihre Arme forderte und ihr Herz wärmte.
Mit dem kleinen Bruder wurde Almut schnell routiniert. Einmal nur kam Kathrin zum Reinschauen vorbei in Windeseile hatte sie den quakenden Max entkleidet, grinste über seine dünnen Ärmchen:
Na, mein Kämpfer, bist ja ganz schön laut! Los, stimme die Lungen ein! So, Almut, hör zu: Alles halb so wild! Das schaffen alle, du auch! Ich zeig dir gleich mal, wie du ihn badest und wickelst. Oma?
Schon morgens weg, Papiere erledigen für Max. Sie zeigte mir einiges, aber ich wollt dich noch fragen, wies am besten geht…
Wieso? Was an Omas Technik stört dich?
Keine Sorge, Kathrin, ich wills nur noch mal wissen. Oma meint halt, sie ist schon ein bisschen raus, du weißt schon…
Eh klar! lachte Kathrin, deren jüngste Zwillinge gerade erst laufen konnten. Für mich ist das wie gestern.
Deshalb dachte ich, du kannst mir alles besser zeigen. Mir ist etwas mulmig er ist so winzig…
Wird schon, keine Panik! meinte Kathrin lässig, wickelte Max geübt. Früher sind die Mädchen früh verheiratet worden, da hättest du längst zwei gehabt! Also, du schaffst das!
Almut sah ihr genau zu, während sie mit den Gedanken woanders war: Mutter werden? Dazu war sie noch nicht bereit. Windeln und Fläschchen sind leicht… Aber wie lernt man, sein Kind zu lieben? Das brachte ihr irgendwann Max bei. Nicht mehr rannte sie nach der Schule nach Hause, sie flog! Da wartete jemand auf sie! Max schenkte ihr sogar das erste umfängliche, zahnlose Lächeln. Und seinen ersten Namen hatte er fordernd: Almut! gerufen, noch bevor er Oma sagen konnte.
Almut! brummte der kleine Junge, watschelte durch den Hof Almut entgegen.
Ich bin ja schon da! Komm her!
Wenn Max lachte, lachte auch Almut und drückte seinen schmutzigen Bäckchen einen Kuss auf.
Wo warst du? Wieso so dreckig wieder? Komm, wir machen dich sauber!
Für Almut duldet Max auch Seife. Oma lachte: Ganz schön flink der Kerl, halte ihn ja gut fest, Almut! Sonst haut er noch ab!
Die Zeit verflog, und Almut vergaß fast, dass sie einmal einen Brief an den Vater geschrieben hatte. Keine Antwort, keine Nachricht. Sie beschloss: Das Schweigen ist auch eine Antwort. Er braucht sie nicht.
Ein bisschen schmerzte das, aber der Alltag war wichtig. Alles drehte sich jetzt um Max.
Oma sprach immer davon, dass Almut nach dem Abi an die Uni gehen sollte. Aber Almut wollte es nicht hören.
Oma, du weißt, das geht nicht! Dann müsste ich in die Stadt ziehen! Und was wird aus euch? Ausgeschlossen!
Oma blieb hartnäckig, Almut blieb bei ihrem Nein. Arbeit auf dem Dorf gabs immer, außerdem suchten Kathrin und ihr Mann dringend Verkäufer für den neuen Laden. Sie hätten sie genommen, wenn sie bleiben würde.
Doch Oma ließ nicht locker.
Almut! Verstehst du nicht? Deine Mutter hat sich ihr Leben so verdorben, und du willst auch so enden! Ich tue das doch für dich!
Oma, ich verstehe schon. Aber manche Dinge sind wichtiger als das Studium!
Genau da, mitten im Streit, tauchte er auf der, von dem Almut längst jede Hoffnung auf Begegnung aufgegeben hatte.
Sie kehrte mit Max abends von Kathrin zurück, Max spielte ausgelassen mit anderen Kindern, war aber müde genug, sich ohne Protest an ihrer Hand zur Haustür führen zu lassen.
Am Gartenzaun hielt er sie am Rock fest: Almut! Nimm mich hoch!
Almut hob ihn hoch, lächelte, und schob das Gartentor auf. Sie ging den Weg zur Veranda entlang, blieb aber abrupt stehen. Da hantierte ein fremder Mann an der Lampe, die ewig schon kaputt war.
Na endlich, das war aber höchste Eisenbahn! meinte der Fremde zufrieden, als endlich Licht brannte, und hüpfte vom Hocker.
Erst jetzt sah er Almut und Max.
Mein Mädchen…
Benedikt machte einen Schritt, dann noch einen. Bevor Almut sich abwenden konnte, hatte er sie und Max fest umarmt.
Mein Schatz…
Almut bemerkte die Tränen in seinen Augen.
Vergib mir, meine Kleine! Ich wusste nichts von dir! Ist das deiner? Benedikt blickte auf Max, der seinen Blick neugierig erwiderte. Gibts einen Platz bei Opa auf dem Schoß? Komm mal her, mein Junge!
Erst jetzt wurde Almut klar, wer vor ihr stand.
Das ist nicht meiner! Ich meine… Der Sohn… ist nicht mein Sohn. Das ist mein Bruder, Max…
So siehts also aus! Benedikt drückte Max an sich, der ganz ruhig blieb und sich sogar ankuschelte.
Piekst!
Kein Problem, mein Junge, rasier ich mich! Das ist schnell gemacht! Tochter, komm ins Haus. Eure Mücken hier sind ja gemein!
Gleich neben dem Fluss, Papa…
Weiß ich noch…
Oma begrüßte ihn mit einem Blick, den Almut sofort verstand: Die Erwachsenen hatten sich schon längst ausgesprochen, alles war gut. Damit konnte auch sie verzeihen.
Worauf kam es jetzt noch an, was vor ihrer Geburt war? Jetzt waren sie wieder eine Familie, das war alles was zählte.
Sie sah, wie Max sich um Papas Beine drehte, und wusste jetzt blieb er. Endlich ein Mann im Haus. Das war gut.
Erst später erfuhr sie, warum ihr Brief nicht beantwortet worden war. Die Adresse stimmte, aber Benedikt wohnte längst woanders. Eine junge Frau, die dort jetzt lebte, hatte Mühe nicht gescheut, Kontakt zu Benedikt herzustellen. Monate wartete der zerknitterte Umschlag, bis er nach Hause kam.
Als ich den Brief bekam, meine Tochter, bin ich sofort los. Ich dachte, ich wäre ganz allein auf der Welt. Habe deiner Mutter oft geschrieben… um Verzeihung gebeten. Wollte eine Familie…
Und sie?
Sie hat einmal geantwortet. Sagte, sie sei längst verheiratet, ich solle sie nicht mehr stören. Da habe ichs gelassen… Ach, hätte ich gewusst, was los ist! Ich wäre euch schwimmend nach! Mein Gott, was für ein Glück das hab ich gar nicht verdient! Kommst du mit? Ich habe eine Wohnung in Hamburg. Groß, hell, Meerblick, und die schönsten Sonnenuntergänge!
Papa, ich kann nicht…
Warum nicht?
Ohne Max und ohne Oma geh ich nirgendwohin! Das ist doch nicht richtig!
Wer sagt denn, dass sie nicht mitkommen! Platz ist genug. Du musst studieren, Tochter! Oma passt auf Max auf, und du gehst an die Uni.
Und wovon sollen wir leben? Papa, Max Vater hilft nicht mal mit Alimente. Wir sehen ihn seit über einem Jahr nicht mehr. Er war einmal da, zehn Minuten, ist gleich wieder weg seitdem kein Kontakt mehr.
Willst du mich beleidigen? Benedikt verzog die Stirn, sah dabei aus wie ein kleiner, empörter Max. Das brachte Almut zum Lächeln. Was lachst du? Ich bin doch ein Kerl! Glaubst du nicht, dass ich für euch sorgen kann? Packt eure Sachen, Oma ist schon einverstanden. Wir haben auf dein Okay gewartet. Hab ich es jetzt?
Ja, Papa. Ja…
Und Almut wird den Vater umarmen und sich segnen für jene Nacht, als sie sich traute, ihm zu schreiben. Später fährt sie mit ihm in die ferne Stadt am Meer die Elbe, die für sie alles andere als still sein wird.
Almuts Leben wird weder ruhig noch einfach, es gibt Stürme und Flaute genug für mehrere Ozeane. Aber sie weiß: Sie hat jetzt einen Hafen, in dem immer jemand auf sie wartet, egal was kommt.
Und im Hafen duftet es nach Omas besten Krautkuchen die Almut nie richtig hinkriegt, trotz aller Bemühungen.
Und da steht immer ihr kleiner, strubbeliger Bruder, der sie mittlerweile schon mit brummiger, junger Männerstimme begrüßt:
Hey, Almut! Papa hat gesagt, du kommst! Ich hab dich vermisst!
Ich dich auch, Max… Ich dich auch.





