Im Wartezimmer der Kardiologie setzte sich ein fremder Mann direkt neben mich. Statt des üblichen Guten Tag beugte er sich leicht vor und fragte mit rauer Stimme: Warst du jemals auf dem Kletterlager in Garmisch? Ich erkenne die kleine Narbe über deiner rechten Augenbraue
Ein schweres Ziehen breitete sich in meinem Hals aus. Die feine Linie, die ich im Spiegel kaum sehe, schmerzte plötzlich wie ein frisch gerissenes Band. Der Geruch von Desinfektionsmittel, das leise Summen der Wasserpumpe, das Räuspern und Stöhnen der anderen Patienten alles verstummte. Nur seine Stimme und das Augustlicht eines längst vergangenen Sommers blieben.
Kletterlager, 1984? fuhr er vorsichtig fort, als würde er ein vergessenes Puzzle zusammensetzen. Ich nickte. Die Narbe stammt von einem Sturz über einen Stein am Wasserfall des Königssees; die Wunde war klein, doch das Blut sprudelte, und ein Junge mit rotem Luftgewehr klebte mir einen Verband auf und malte ein lächelndes Gesicht darauf.
Ich erzählte diesen Kindern immer wieder: ein freundlicher Akt eines Fremden. Nie erwähnte ich, dass ich den Rest des Aufenthalts den roten Luftgewehr mit den funkelnden Augen suchte.
Thomas, stellte er sich nun vor, als würde er einen Satz beenden, der vor vierzig Jahren begonnen hatte. In seinem Blick lag das gleiche Lächeln, dieselbe scheue Scheu, die einst hinter einem Scherz verborgen war. Die feinen Falten um seine Augen ließen die Erinnerung an das Geschehene nicht bitter, sondern warm erscheinen. Er rückte ein Stück näher, achtete auf meine Handtasche. Ich sah die Narbe, als du deine Brille hochgeschoben hast. Ich dachte: Wenn das nicht du bist, spielt das Schicksal wirklich gern Spiele.
Ich atmete tief ein und sagte: Der Verband mit dem Smiley. Er lachte, wie wir damals am Lagerfeuer sangen, die Lieder kannte das halbe Land. Durch das Fenster des Wartezimmers sah man den Park, die schaukelnden Kastanienbäume, den herbstlichen Wind.
Die Krankenschwester rief Namen, ihr Stift klapperte auf der Liste. Der Alltag floss in gewohnter Ordnung, doch ich hatte das Gefühl, die Welt drehe eine Kurve zurück zu jenem Moment, an dem wir einst die andere Richtung wählten.
Wir flüsterten, als wollten wir die Erinnerungen nicht zu laut wecken. Er erzählte, dass er nach dem Sommer mit seinen Eltern in eine andere Stadt zog, ohne Abschied. Er schrieb einen Brief, fand aber nie die Adresse.
Ich berichtete, dass ich lange am Schwarzen Brett des Jugendzentrums gewartet hatte, obwohl ich keinen Grund dazu hatte. Dann kamen Studium, Arbeit, Ehe, Kinder. Das rote Luftgewehr war verschwunden, nur die Narbe blieb.
Jemand hat die Ergebnisse im Empfang abgelegt! rief jemand von der Tür, und das Geräusch von schiebenden Stühlen, Papierbechern und hastigen Schritten brandete wieder. Ich bemerkte, dass Thomas ein Überweisungsschein für ein EKG in der Hand hielt.
Arrhythmie, murmelte er halb witzig. Vielleicht wegen Garmisch, vielleicht wegen des Herbstes, vielleicht weil wir nach vierzig Jahren plötzlich nebeneinander sitzen. Meine Lippen zuckten unwillig nach oben.
Er fragte, ob ich noch wandern gehe, ob ich meine Lieblingspfade habe, ob ich noch Tee mit Zitrone trinke, wie damals. Ich antwortete bedacht, zeigte nicht zu viel, doch sog seine Gegenwart ein wie die Wärme einer Hand an einem kalten Tag ein.
Wir erinnerten uns an Zelte, feuchte Schlafsäcke, den Geografie-Lehrer, der die Himmelsrichtungen verwechselte, und das Gruppenfoto, auf dem ich gerade zwinkerte. Ich erinnerte mich nicht, dass er damals neben mir stand; er jedoch schon.
Plötzlich fragte ich: Warum hast du dich damals nie zu mir gesetzt? In Garmisch. Er zuckte mit den Schultern. Ich fürchtete, du würdest meinen Namen vergessen. Für einen Achtzehnjährigen war das das Ende der Welt.
Ich wollte ihm sagen, dass ich nicht nur seinen Namen, sondern den Duft seiner Jacke und die Art, wie er bis drei zählte, bevor die Kerze im Glas verlöscht, noch kenne. Diese Worte behielt ich für mich, sie blieben im August.
Die Krankenschwester rief seinen Nachnamen. Er stand auf. Bevor er ging, drehte er sich um und fragte: Wenn es nicht zu dumm klingt wollen wir irgendwann zusammen Tee trinken? Mit Zitrone und Honig, wie nach dem Abstieg von der Hochalm?
Er wies mit der Hand auf den Tisch voller Flyer, als gäbe es dort zwischen Cholesterinratgebern und Bewegungshinweisen Platz für eine Telefonnummer. Plötzlich bemerkte ich den schlichten, dünnen Ehering an seinem Finger. Ich sah auf meinen eigenen das kalte Metall glänzte im Licht der Deckenlampen. Er runzelte die Stirn. Habe ich zu viel gefragt? fügte er hastig hinzu. Ich weiß nicht, was erlaubt ist und was nicht.
Erlaubt ist zu erinnern, flüsterte ich, fast zu leise. Dann schauen wir, was passiert.
Er verschwand hinter den weißen Türen des Untersuchungsraums, und ich blieb allein mit dem Ticken der Uhr und dem Rascheln meiner Schuhe. Ich nahm einen Flyer, schrieb meine Nummer auf die Rückseite und versteckte ihn, bevor mich der Arzt rief.
Der Arzt hatte ein freundliches Lächeln und kühle Hände. Er hörte zu, notierte, nickte. Das Herz schlägt regelmäßig für Ihr Alter sehr gut, sagte er, nachdem er das Stethoskop abgenommen hatte. Ich dachte, das Herz sei ein widerspenstiges Tier: gesund, aber zugleich unvorbereitet.
Ich verließ den Raum zuerst. Das Wartezimmer war fast leer, die EKG-Lichter blinkten wie winzige Sterne. Ich setzte mich wieder auf den gleichen Stuhl, meine Tasche lag wie ein Anker neben mir, als könnte dieser kleine Schritt die Zeit zurückspulen und die Zukunft näher bringen.
Ich starrte die Tür zum Untersuchungszimmer an und spürte eine seltsame Mischung aus Ruhe und Anspannung. Kann ein einziges Gespräch im Wartezimmer die Geschichte neu schreiben, die ich für abgeschlossen hielt?
Das Telefon vibrierte. Eine unbekannte Nummer. Ich legte es schnell zurück, nahm den Flyer mit meiner Nummer, faltete ihn wie einen Papierkranich, der nie fliegen wird. Im Hintergrund flimmerte der Fernseher über dem Empfang Wetterbilder, ein kalter Front, Regen in den Bergen. Ein Lächeln huschte über mein Gesicht, als das Wort Berge wie eine heimliche Botschaft klang.
Thomas kam nach ein paar Minuten zurück, ein Aktenordner in der Hand, ein Lächeln, das mehr als nur Höflichkeit war. Ich trat zwei Schritte vor, stand still. In meiner Hand lag das kleine, gefaltete Stück Papier. Unsere Blicke trafen sich, wie damals über dem Verband.
In einer Sekunde schossen mir alle Bilder entgegen: Kinder, die ich lehrte, nichts zu begehren, was man nicht haben kann; mein Mann, der seit Jahren auf der linken Seite des Bettes schläft; eine Welt, die es nicht mag, wenn jemand plötzlich jung wirken will, obwohl das Alter stur wie ein Kalender ist. Und dieser unausgesprochene Gedanke: Manchmal wird ein Zufall zum Schlüssel für Türen, die wir nie öffnen wollten.
Ich streckte die Hand aus. Er tat es ebenfalls. Das Papier glitt zwischen unseren Fingern und fiel auf den Stuhl daneben, schwebte zwischen uns wie ein Pendel. Ein Lichtreflex tanzte auf unseren Ringen. Keiner von uns beugte sich.
Ich muss jetzt gehen, sagte er. Ich auch, erwiderte ich. Wir neigten die Köpfe, wie alte Bekannte, die wissen, dass es Worte gibt, die leichter als Stille und schwerer als Versprechen sind.
Ich drehte mich zuerst, er folgte. Nach drei Schritten blickte ich zurück, doch er sah bereits zur Rezeption. Das Papier lag noch immer auf dem Stuhl, ein weißer Fleck auf dem dunkelblauen Stoff, genau wie einst der Verband auf meiner Stirn.
Zuhause, vor dem Spiegel, strich ich über die Narbe. Es ist nur ein dünner Strich, doch er kann einen Menschen in einen August vor vier Jahrzehnten zurückversetzen. Am Abend kochte ich Tee mit Zitrone und Honig. Der Dampf stieg dicht auf, als wolle er an etwas erinnern, das gern zurückkehrt. Das Handy lag verkehrt herum auf dem Tisch, ich prüfte nicht, ob jemand angerufen hatte.
Ich weiß nicht, was heute wirklich geschehen ist: ein zufälliges Treffen oder eine Generalprobe für etwas, das erst beginnen könnte, wenn wir ein Jahrzehnt jünger oder ein bisschen mutiger wären.
In meiner Tasche, in der seitlichen Tasche, fand ich am Abend das gefaltete Flugblatt mit dem Herzdiagramm und einem dünnen Stiftspurenstrich. Es fehlte nur noch eine Geste. Vielleicht geht es in all unseren Lebensläufen gerade um diese eine Geste zu viel oder zu wenig und wie sie das ganze Bild verändert.




